SCHREIBEN SEINER HEILIGKEIT

PAPST JOHANNES PAULS II:

AN ALLE BISCHÖFE DER KIRCHE

 

„ÜBER DAS GEHEIMNIS

UND DIE VEREHRUNG

DER HEILIGSTEN EUCHARISTIE“

 

 

 

 

Inhalt:

Einleitung

I.  Das Geheimnis der Eucharistie im Leben der Kirche und des Priesters

1. Eucharistie und Priestertum
2. Die Verehrung des eucharistischen Geheimnisses 
3. Eucharistie und Kirche 
4. Eucharistie und Liebe 
5. Eucharistie und Mitmensch 
6. Eucharistie und Leben 

 

II.  Der sakrale Charakter der Eucharistie und das Opfer

7.  Der sakrale Charakter

8.  Das Opfer  

III.  Die beiden Tische des Herrn und das Gemeinwohl der Kirche

9.   Tisch des Wortes Gottes

10. Tisch des Brotes des Herrn

11. Das Gemeinwohl der Kirche

Schluss

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Verehrte, liebe Mitbrüder!

Auch in diesem Jahr richte ich an Euch alle ein Schreiben zum kommenden Gründonnerstag, das in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Brief des vergangenen Jahres steht, den ich Euch bei gleicher Gelegenheit zusammen mit dem Brief an die Priester gesandt habe. Ich möchte Euch nun vor allem herzlich danken, dass Ihr diese voraufgehenden Schreiben in jenem Geist der Einheit entgegengenommen habt, mit dem der Herr uns untereinander verbindet, und dass Ihr die Gedanken, die ich am Beginn meines Pontifikates zum Ausdruck bringen wollte, an Eure Priester weitergegeben habt.

Ihr habt während der Liturgiefeier am Gründonnerstag gemeinsam mit Euren Priestern die Versprechen und Verpflichtungen erneuert, die Ihr bei Eurer Weihe übernommen habt. Viele von Euch, verehrte, liebe Mitbrüder, haben mich hernach davon unterrichtet und Worte der Dankbarkeit hinzugefügt, die sie mir im eigenen Namen und auch oft von seiten ihrer Priesterschaft übermittelten. Ebenso haben viele Priester selbst ihre Freude bekundet, sei es wegen des eindrucksvollen und festlichen Charakters des Gründonnerstags als des jährlichen „Festes des Priesters“ oder wegen der wichtigen Fragen, die in dem an sie gerichteten Schreiben behandelt werden.

Diese Antworten bilden eine reiche Sammlung, die einmal mehr zeigt, wie lieb und teuer für die große Mehrheit der Priester in der katholischen Kirche jener Weg des priesterlichen Lebens ist, den die Kirche seit Jahrhunderten geht: wie sehr sie diesen Weg lieben und schätzen und wie gern sie ihn auch in Zukunft fortsetzen möchten.

Ich muss hier jedoch hinzufügen, dass im Schreiben an die Priester nur einige Fragen behandelt worden sind, worauf ich auch dort schon zu Beginn hingewiesen habe 1. Außerdem ist darin hauptsächlich der pastorale Charakter des priesterlichen Dienstes hervorgehoben worden; dies bedeutet natürlich nicht, dass jene Gruppen von Priestern nicht mitberücksichtigt worden wären, die keine direkte pastorale Tätigkeit ausüben. Ich verweise hierfür wiederum auf die Lehre des II. Vatikanischen Konzils wie auch auf die Erklärungen der Bischofssynode vom Jahre 1971.

Der pastorale Charakter des priesterlichen Dienstes gehört auch dann zum Leben eines jeden Priesters, wenn die täglichen Aufgaben, die er verrichtet, nicht ausdrücklich auf die Sakramentenpastoral bezogen sind. In diesem Sinne ist der Brief, der zum Gründonnerstag des letzten Jahres an die Priester geschrieben worden ist, an alle, ohne jede Ausnahme, gerichtet, auch wenn er, wie ich gerade angedeutet habe, nicht alle Fragen aus dem Leben und der Tätigkeit der Priester behandelt hat. Ich halte diese Klarstellung am Beginn des vorliegenden Schreibens für nützlich und angebracht.

 

 

 

I.
Das Geheimnis der Eucharistie 
im Leben der Kirche und des Priesters

Eucharistie und Priestertum

1. Dieses Schreiben, das ich heute an Euch, verehrte, liebe Brüder im Bischofsamt, richte - und das, wie gesagt, in gewisser Weise die Fortsetzung des vorhergehenden ist -, steht ebenfalls in enger Beziehung zum Geheimnis des Gründonnerstags und ist auch mit dem Priestertum verbunden. Ich möchte es nämlich dem Thema der Eucharistie widmen, genauer, einigen Aspekten des eucharistischen Geheimnisses und seiner Bedeutung für das Leben derjenigen, die in seinem Dienst stehen: darum seid Ihr Bischöfe der Kirche die unmittelbaren Adressaten dieses Briefes und zusammen mit Euch alle Priester wie auch, für ihren Bereich, die Diakone.

Tatsächlich haben das hierarchische Amtspriestertum, das Priestertum der Bischöfe und der Priester und an ihrer Seite das Amt der Diakone - Ämter, die gewöhnlich mit der Verkündigung der Frohen Botschaft beginnen - eine sehr enge Beziehung zur Eucharistie. Diese ist der wesentliche und zentrale Seinsgrund für das Sakrament des Priestertums, das ja im Augenblick der Einsetzung der Eucharistie und zusammen mit ihr gestiftet worden ist. Nicht ohne Grund wurden die Worte „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ unmittelbar nach den Worten der eucharistischen Wandlung gesprochen, und auch wir wiederholen sie jedes Mal, wenn wir das heilige Messopfer feiern.

Durch unsere Weihe - deren Feier vom ersten liturgischen Zeugnis an mit der heiligen Messe verknüpft ist - sind wir in einzigartiger und herausragender Weise mit der Eucharistie verbunden. Wir sind gewissermaßen „aus ihr“ und „für sie“. Wir sind auch - und dies in besonderer Weise - verantwortlich für sie, sei es jeder Priester in der eigenen Gemeinde, sei es jeder Bischof durch seinen Auftrag für alle Gläubigen, die ihm anvertraut sind aufgrund der „Sorge für alle Gemeinden“, von der der hl. Paulus spricht. Uns Bischöfen und Priestern ist also das große „Geheimnis des Glaubens“ anvertraut; und wenn dieses auch dem ganzen Volk Gottes, allen, die an Christus glauben, gegeben worden ist, ist uns doch die Eucharistie auch „für“ die anderen anvertraut, die deshalb von uns ein besonderes Zeugnis der Verehrung und Liebe für dieses Sakrament erwarten, damit auch sie ermutigt und angeregt werden, „geistige Opfer darzubringen“.

Auf diese Weise ist unsere eucharistische Verehrung, sei es in der Messfeier oder gegenüber dem allerheiligsten Altarsakrament, wie ein belebender Strom, der unser hierarchisches Amtspriestertum mit dem allgemeinen Priestertum der Gläubigen verbindet und dieses in seiner vertikalen Dimension und in seinem zentralen Wert darstellt. Der Priester erfüllt seinen wichtigsten Auftrag und tritt selbst am vollkommensten in Erscheinung, wenn er die Eucharistie feiert'. Und dies geschieht um so mehr, wenn er die Tiefe dieses Geheimnisses durchscheinen lässt, damit dieses allein durch die Vermittlung seines Dienstes im Herzen und Bewusstsein der Menschen aufleuchtet. Dies ist die höchste Ausübung des „königlichen Priestertums“, die Quelle und zugleich der Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens.

 

 

Die Verehrung des eucharistischen Geheimnisses

2. Die Verehrung richtet sich auf Gott, den Vater, durch Jesus Christus im Heiligen Geist. Vor allem auf den Vater, der nach den Worten des Johannesevangeliums „so sehr die Welt geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“.

Die Verehrung richtet sich im Heiligen Geist aber auch auf diesen fleischgewordenen Sohn Gottes in seinem Heilswerk, vor allem in jenem Augenblick höchster Hingabe und völliger Loslösung von sich selbst, auf den sich die Worte beziehen, die im Abendmahlssaal gesprochen worden sind: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird“ – „Das ist ... mein Blut, das für euch vergossen wird...“ Der liturgische Ruf „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir...“ verbindet uns gerade mit diesem Augenblick. Bei der Verkündigung seiner Auferstehung umfangen wir mit demselben Akt der Verehrung zugleich Christus als den Auferstandenen und den „zur Rechten des Vaters“ Verherrlichten wie auch die Erwartung seiner „Wiederkunft in Herrlichkeit“. Was uns jedoch dazu veranlasst, jenen Erlöser anzubeten, der „gehorsam war bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“, ist die freiwillige Entäußerung, die der Vater angenommen und mit der Herrlichkeit der Auferstehung belohnt hat, wenn wir sie zusammen mit der Auferstehung auf sakramentale Weise feiern.

Diese unsere Anbetung enthält noch eine weitere Besonderheit. Sie ist durchdrungen von der Größe dieses Todes eines Menschen, bei dem die Welt, das heißt jeder von uns, „bis zur Vollendung“ geliebt worden ist. So stellt sie auch eine Antwort dar, die jene Liebe entgelten will, die sich bis zum Tod am Kreuz verschenkt hat: dies ist unsere „Eucharistia“, unser Dank und Lobpreis dafür, dass er uns durch seinen Tod erlöst und durch seine Auferstehung an seinem unsterblichen Leben Anteil gegeben hat.

Eine solche Verehrung, die sich auf die Heiligste Dreifaltigkeit, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, bezieht, begleitet und durchdringt mehr als alles andere die Feier der eucharistischen Liturgie. Sie soll aber unsere Kirchen auch außerhalb der Messzeiten erfüllen. Denn weil das Geheimnis der Eucharistie seine Entstehung einer großen Liebe verdankt und uns Christus in sakramentaler Weise gegenwärtig setzt, verdient es unseren Dank und unsere Verehrung. Diese Verehrung muss sich bei jeder unserer Begegnungen mit dem heiligsten Sakrament zeigen, sei es wenn wir unsere Kirchen besuchen oder wenn die heilige Kommunion zu den Kranken gebracht und ihnen gereicht wird.

Die Anbetung Christi in diesem Sakrament seiner Liebe muss dann auch seinen Ausdruck in vielfältigen Formen eucharistischer Frömmigkeit finden: persönliches Gebet vor dem Allerheiligsten, Anbetungsstunden, kürzere oder längere Zeiten der Aussetzung, das jährliche Vierzigstündige Gebet, der sakramentale Segen, eucharistische Prozessionen, eucharistische Kongresse. Einen besonderen Hinweis verdient an dieser Stelle das Fronleichnamsfest als ein öffentlicher Akt der Verehrung, der dem in der Eucharistie gegenwärtigen Christus bezeugt wird, wie es mein Vorgänger Papst Urban IV. in Erinnerung an die Einsetzung dieses großen Geheimnisses gewollt hat 14. Dies alles entspricht also den allgemeinen Prinzipien und besonderen Normen, die schon seit langem in Geltung sind und während oder nach dem II. Vatikanischen Konzil erneut festgelegt worden sind.

Die Belebung und Vertiefung der eucharistischen Frömmigkeit sind der Beweis für jene wahre Erneuerung, die das Konzil sich zum Ziel gesetzt hat und deren inneren Kern sie darstellen. Dies aber, verehrte, liebe Mitbrüder, verdient eine gesonderte Betrachtung. Die Kirche und die Welt haben die eucharistische Verehrung sehr nötig. In diesem Sakrament der Liebe wartet Jesus selbst auf uns. Keine Zeit sei uns dafür zu schade, um ihm dort zu begegnen: in der Anbetung, in einer Kontemplation voller Glauben, bereit, die große Schuld und alles Unrecht der Welt zu sühnen. Unsere Anbetung sollte nie aufhören.

 

 

Eucharistie und Kirche

4. Durch das Konzil ist uns folgende Wahrheit mit neuer Kraft bewusst geworden: wie die Kirche die Eucharistie vollzieht, so erbaut die Eucharistie ihrerseits die Kirche 16. Diese Wahrheit ist eng verbunden mit dem Geheimnis des Gründonnerstags. Die Kirche wurde als die neue Gemeinschaft des Volkes Gottes in der Gemeinschaft jener zwölf Apostel gegründet, die beim Letzten Abendmahl den Leib und das Blut des Herrn unter den Gestalten von Brot und Wein empfingen. Christus hatte ihnen gesagt: „Nehmt und esst davon“, „nehmt und trinkt davon“. Indem sie dieser seiner Aufforderung nachkamen, sind sie zum erstenmal in eine sakramentale Gemeinschaft mit dem Sohne Gottes eingetreten, in eine Gemeinschaft, die das Angeld auf das ewige Leben ist. Von diesem Augenblick an bis zum Ende der Zeiten baut sich die Kirche durch diese Gemeinschaft mit dem Sohne Gottes auf, die das Angeld auf ein ewiges Ostern in sich birgt.

Als Lehrer und Hüter der Heilswahrheit der Eucharistie müssen wir, verehrte, liebe Brüder im Bischofsamt, immer und überall diese Bedeutung und diese Dimension der sakramentalen Begegnung und persönlichen Vertrautheit mit Christus bewahren. Gerade sie bilden doch den Kern der eucharistischen Frömmigkeit. Der Sinn der soeben dargelegten Wahrheit verdunkelt keineswegs, sondern verdeutlicht vielmehr den Charakter der Eucharistie als einer geistlichen Begegnung und Vereinigung unter den Menschen, die am heiligen Messopfer teilnehmen, das dann bei der heiligen Kommunion für sie zum Gastmahl wird. Diese Begegnung und Einheit, deren Urbild die Einheit der Apostel um Christus beim Letzten Abendmahl ist, formt und verwirklicht die Kirche.

Diese realisiert sich jedoch nicht nur durch das Einswerden der Menschen in der Erfahrung der Brüderlichkeit, wie das eucharistische Mahl sie ihnen ermöglicht. Vielmehr verwirklicht sich die Kirche, wenn wir in jener brüderlichen Gemeinschaft und Einheit das Kreuzesopfer Christi feiern und dabei „den Tod des Herrn verkünden, bis er kommt“, und wenn wir dann, tief durchdrungen vom Geheimnis unserer Erlösung, gemeinsam an den Tisch des Herrn herantreten, um uns in sakramentaler Weise von den Früchten des heiligen Sühnopfers zu nähren. In der heiligen Kommunion empfangen wir also Christus. Christus selber; und die Einheit mit ihm, die einem jeden als Geschenk und Gnade zuteil wird, bewirkt, dass wir durch ihn auch in die Einheit mit seinem Leib, der die Kirche ist, eingefügt werden.

Nur auf diese Weise, durch einen solchen Glauben und eine solche innere Einstellung, kann sich jene Auferbauung der Kirche vollziehen, die nach den be- kannten Worten des II. Vatikanischen Konzils in der Eucharistie ihre Quelle und zugleich ihren Gipfel findet. Diese Wahrheit, die durch das Konzil insgesamt mit neuem Nachdruck herausgestellt worden ist, muss ein häufiges Thema unserer Betrachtung und Unterweisung sein. Von ihr muss alle pastorale Aktivität ihre Kraft schöpfen; sie muss ständige Nahrung sein für uns selbst, für alle Priester, die mit uns zusammenwirken, und schließlich für alle Glieder der uns anvertrauten Gemeinden. In einem solchen praktischen Vollzug muss sich so fortwährend diese enge Beziehung zwischen der geistlichen und apostolischen Vitalität der Kirche und der Eucharistie zeigen, wie sie von ihrer tiefsten Wurzel her und in allen ihren Bezügen verstanden werden kann.

(Dies enthält als Bitte das Tagesgebet vom Gründonnerstag: „Gib, dass wir aus diesem Geheimnis die Fülle des Lebens und der Liebe empfangen“: Messbuch für die Bistümer des deutschen Sprachgebietes (Trier 1975) Band I, S. [23]; ebenso die Bitten um Einheit im selben Messbuch: „Schenke uns Anteil an Christi Leib und Blut und lass uns eins werden durch den Heiligen Geist. Gedenke deiner Kirche auf der ganzen Erde und vollende dein Volk in der Liebe“: Zweites Hochgebet, a.a.O., S. 176; vgl. Drittes Hochgebet, ebd., S. 186.)

 

 

Eucharistie und Liebe

4. Bevor ich das Thema der Feier des heiligen Messopfers mehr im einzelnen behandle, möchte ich noch einmal kurz feststellen, dass die eucharistische Verehrung die Seele des gesamten christlichen Lebens bildet. Wenn nämlich das Leben der Christen in der Erfüllung des größten Gebotes besteht, in der Liebe zu Gott und dem Nächsten, so findet diese Liebe ihre Quelle gerade im allerheiligsten Altarssakrament, das ja auch oft Sakrament der Liebe genannt wird.

Die Eucharistie zeigt diese Liebe an, sie erinnert uns daran, setzt sie gegenwärtig und verwirklicht sie zugleich. Immer wenn wir an der Eucharistie bewusst teilnehmen, öffnet sich unser Herz tatsächlich dieser unergründlichen Liebe, die in sich alles umfasst, was Gott für uns Menschen getan hat und noch fortwährend tut, nach den Worten Christi: „Mein Vater ist noch immer am Werk, und auch ich bin am Werk.“ In Verbindung mit diesem unermesslichen, freien Geschenk der göttlichen Liebe, die sich bis zum äußersten im erlösenden Lebensopfer des Sohnes Gottes offenbart hat, das in der Eucharistie ein bleibendes Zeichen gefunden hat, wird auch in uns als lebendige Antwort die Liebe geboren. Wir lernen nicht nur die Liebe kennen, sondern wir selbst beginnen zu lieben. Wir betreten sozusagen den Weg der Liebe und machen auf diesem Wege Fortschritte. Die Liebe, die in uns aus der Eucharistie entsteht, entfaltet sich, vertieft und verstärkt sich durch sie.

Die eucharistische Frömmigkeit ist also ein wahrer Ausdruck jener Liebe, die das echte und tiefste Merkmal der christlichen Berufung bildet. Diese Frömmigkeit entspringt der Liebe und dient der Liebe, zu der wir alle in Jesus Christus berufen sind. Eine lebendige Frucht dieser Frömmigkeit ist die Vervollkommnung des Bildes Gottes, das wir in uns tragen und das mit dem Bild übereinstimmt, das Christus uns offenbart hat. Indem wir so den Vater „im Geist und in der Wahrheit“ anbeten, wird unsere Einheit mit Christus immer vollkommener, sind wir mit ihm immer enger verbunden und - der Ausdruck sei mir erlaubt - werden wir immer solidarischer mit ihm.

Die Lehre über die Eucharistie, Zeichen der Einheit und Band der Liebe, wie sie in den Briefen des hl. Paulus enthalten ist 24, ist danach in den Schriften sehr vieler Heiliger vertieft worden, die für uns ein lebendiges Beispiel eucharistischer Frömmigkeit darstellen. Diese Wirklichkeit müssen wir immer vor Augen behalten und uns zugleich ständig darum mühen, dass auch unsere Generation diesen wunderbaren Beispielen der Vergangenheit ähnliche neue und ebenso lebendige, eindrucksvolle Beispiele hinzufügt, die unsere Epoche widerspiegeln.

 

 

Eucharistie und Mitmensch

5. Die Eucharistie, in ihrem wahren Sinn verstanden, wird von selbst zur Schule tätiger Nächstenliebe. Wir wissen, dass dies die echte und vollständige Ordnung der Liebe ist, die der Herr uns gelehrt hat: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“ Die Eucharistie führt uns auf tiefere Weise in diese Liebe ein; denn sie zeigt uns, welchen Wert jeder Mensch als unser Bruder und unsere Schwester in den Augen Gottes hat, da Christus sich unter den Gestalten von Brot und Wein einem jeden in gleicher Weise schenkt. Wenn unsere eucharistische Frömmigkeit echt ist, muss sie in uns das Bewusstsein von der Würde eines jeden Menschen wachsen lassen. Das Wissen um diese Würde wird das tiefste Motiv für unsere Beziehung zum Nächsten. Wir müssen dadurch auch in besonderer Weise empfänglich werden für jedes menschliche Leid und Elend, für jede Art von Unrecht und Betrug und versuchen, dem in wirksamer Weise abzuhelfen. Wir lernen es, die Wahrheit über das innere Leben des Menschen in Ehrfurcht zu entdecken; denn gerade das Innere des Menschen wird zur Wohnung Gottes, der uns in der Eucharistie gegenwärtig ist. Christus kommt in die Herzen und besucht das Gewissen unserer Brüder und Schwestern. Wie ändert sich das Bild aller und jedes einzelnen, wenn wir uns dieser Wirklichkeit bewusst werden, wenn wir hierüber nachdenken! Der Sinn des eucharistischen Geheimnisses drängt uns zur Liebe des Nächsten, zur Liebe eines jeden Menschen.

 

Eucharistie und Leben

6. Weil die Eucharistie also Quelle der Liebe ist, hat sie immer im Mittelpunkt des Lebens der Jünger Christi gestanden. Sie hat die Form von Brot und Wein, somit von Speise und Trank; sie ist dem Menschen deshalb so vertraut, so eng mit seinem Leben verbunden, wie es eben Speise und Trank sind. Die Verehrung Gottes, der die Liebe ist, entspringt bei der eucharistischen Frömmigkeit jener tiefen Verbundenheit, durch die er selbst ähnlich wie Speise und Trank unser geistliches Leben erfüllt und ihm wie diese das Leben erhält. Diese Verehrung Gottes in der Eucharistie entspricht ganz seinen Heilsplänen. Der Vater selbst will, dass „die wahren Beter“ ihn genau so anbeten, und Christus verdeutlicht uns diesen Willen durch seine Worte und zugleich durch dieses Sakrament, in dem er uns eine solche Anbetung des Vaters ermöglicht; die dessen Willen am vollkommensten entspricht.

Aus diesem Verständnis der eucharistischen Frömmigkeit ergibt sich dann ein ganz vom Sakrament geprägtes Leben des Christen. Wenn nämlich der Christ sein Leben auf den Sakramenten aufbaut und sich vom allgemeinen Priestertum durchdringen lässt, dann bedeutet das auf seiner Seite vor allem, danach zu verlangen, dass Gott in ihm handle, um ihn im Heiligen Geist „zur Vollgestalt Christi“ heranreifen zu lassen. Gott, seinerseits, begegnet ihm nicht nur durch die geschichtlichen Ereignisse und mit seiner inneren Gnade, sondern handelt in ihm mit größerer Gewissheit und Kraft durch die Sakramente. Diese geben seinem Leben eine sakramentale Prägung.

Nun ist es aber unter allen Sakramenten gerade die heilige Eucharistie, die sein Christwerden zur Vollendung führt und der Ausübung des allgemeinen Priestertums jene sakramentale und kirchliche Form gibt, die es - wie ich früher schon angedeutet habe - mit dem Amtspriestertum verknüpft. So ist die eucharistische Frömmigkeit die Mitte und das Ziel des sakramentalen Lebens. Wie ein tiefes Echo schwingen darin die Sakramente der christlichen Initiation ständig mit: die Taufe und die Firmung. Wo kommt jene Wahrheit besser zum Ausdruck, dass wir nicht nur Kinder Gottes heißen, sondern es auch kraft des Taufsakramentes wirklich sind, als gerade in der Tatsache, dass wir in der Eucharistie Anteil bekommen am Leib und Blut des eingeborenen Sohnes Gottes? Und was setzt uns mehr instand, „wahre Zeugen Christi“ vor der Welt zu sein, wie ja aus dem Sakrament der Firmung folgt, als die heilige Kommunion, in der Christus uns und wir ihm Zeugnis geben?

Es ist nicht möglich, an dieser Stelle die Verbindungen eingehender zu untersuchen, die zwischen der Eucharistie und den übrigen Sakramenten bestehen, vor allem dem Sakrament des Familienlebens und der Krankensalbung. Auf den engen Zusammenhang zwischen dem Bußsakrament und der Eucharistie habe ich schon in der Enzyklika Redemptor hominis hingewiesen. Nicht nur führt die Buße hin zur Eucharistie, sondern auch die Eucharistie führt hin zur Buße. Wenn wir uns nämlich bewusst werden, wer derjenige ist, den wir in der heiligen Kommunion empfangen, entsteht in uns fast spontan ein Gefühl der Unwürdigkeit, zusammen mit dem Schmerz über unsere Sünden und mit dem inneren Bedürfnis, rein zu werden.

Wir müssen jedoch immer darauf achten, dass diese tiefe Begegnung mit Christus in der Eucharistie uns nicht zur reinen Gewohnheit wird, dass wir ihn nicht unwürdig empfangen, das heißt im Zustand der Todsünde. Konkrete Taten der Bußgesinnung und das Bußsakrament selbst sind unbedingt notwendig, um in uns jenen Geist der Verehrung zu bewahren und immer mehr zu vertiefen, den der Mensch Gott selbst und seiner so wundervoll geoffenbarten Liebe schuldet.

Mit dem bisher Gesagten sollten einige allgemeine Überlegungen zur Verehrung des eucharistischen Geheimnisses vorgetragen werden, die sicher noch länger und umfassender entfaltet werden könnten. So könnte man insbesondere alles, was über die Auswirkungen der Eucharistie für die Liebe zum Menschen gesagt worden ist, mit jenen Aussagen verbinden, die soeben über die Verpflichtungen gemacht wurden, welche wir durch die heilige Kommunion den Menschen und der Kirche gegenüber auf uns nehmen; man könnte dann als Folge davon das Bild jener „neuen Erde“ zeichnen, die aus der Eucharistie durch jeden „neuen Menschen“  entsteht.

Tatsächlich erfährt alles Menschliche in diesem Sakrament von Brot und Wein, von Speise und Trank, eine einzigartige Umwandlung und Erhöhung. Die Verehrung der Eucharistie ist nicht so sehr die Verehrung einer unzugänglichen Transzendenz als vielmehr die Verehrung der göttlichen Herablassung; zugleich wird dadurch die Welt im Herzen des Menschen durch Gottes erlösende Barmherzigkeit umgeformt.

Wenn ich dies alles nur kurz in Erinnerung bringe, dann möchte ich dadurch bei aller Kürze einen breiteren Hintergrund für jene Fragen schaffen, die im folgenden behandelt werden sollen: sie sind alle sehr eng mit der Feier des heiligen Messopfers verbunden. In dieser Feier drückt sich die eucharistische Frömmigkeit auf unmittelbarste Weise aus. Sie kommt aus dem Herzen als kostbarste Huldigung, die von Glaube, Hoffnung und Liebe geprägt ist, welche uns bei der Taufe eingesenkt worden sind. Gerade darüber möchte ich Euch, verehrte, liebe Brüder im Bischofsamt, und mit Euch, den Priestern und Diakonen vor allem, in diesem Brief schreiben, dem die Kongregation für die Sakramente und den Gottesdienst noch konkretere Hinweise hinzufügen wird.

 

 

 

II. 
Der sakrale Charakter der Eucharistie 
und das Opfer

 

Der sakrale Charakter

7. Die Feier der Eucharistie hat eine lange Geschichte, die im Abendmahlssaal am Gründonnerstag beginnt und so weit reicht wie die Geschichte der Kirche. Im Verlauf dieser Geschichte erfahren die sekundären Elemente gewisse Veränderungen, unverändert blieb aber das Wesen des „Mysteriums“, das der Erlöser der Welt beim Letzten Abendmahl gestiftet hat. Auch das II. Vatikanische Konzil hat einige Änderungen veranlasst, als deren Folge sich die heutige Messliturgie in gewisser Weise von jener unterscheidet, die man vor dem Konzil kannte. Doch wollen wir hier nicht von diesen Unterschieden sprechen; es ist fürs erste angebracht, beim Wesentlichen und Unveränderlichen der Eucharistiefeier zu verweilen.

Mit diesem Wesenselement eng verbunden ist der Charakter des „sacrum“ der Eucharistie, d. h. der einer heiligen und sakralen Handlung. Sie ist heilig und sakral, weil in ihr Christus bleibend gegenwärtig und tätig ist, „der Heilige Gottes“, „gesalbt mit heiligem Geist“,  „den der Vater geheiligt hat“, um in Freiheit sein Leben hinzugeben und es wieder zu nehmen, „Hoherpriester des neuen Bundes“. Er ist es, der, vom Zelebranten dargestellt, ins Heiligtum eintritt und sein Evangelium verkündet. Er ist es, der zugleich „Opferpriester und Opfergabe, Konsekrator und Konsekrierter“ ist. Es handelt sich um eine heilige und sakrale Handlung, weil sie für die heiligen Gestalten konstitutiv ist, für das „Sancta sanctis“, d. h. für die „heiligen Dinge - Christus, den Heiligen -, die den Heiligen anvertraut sind“, wie alle Liturgien des Ostens in dem Augenblick singen, wenn das eucharistische Brot erhoben wird, um die Gläubigen zum Mahl des Herrn einzuladen.

Das „sacrum“ der Messe stellt daher nicht eine „Sakralisierung“ dar, etwas, das der Mensch dem Tun Christi im Abendmahlssaal hinzugefügt hätte, vielmehr ist das Abendmahl des Gründonnerstags selber ein heiliger Ritus, die ursprüngliche und grundlegende Liturgie, in der Christus, da er sich anschickte, sein Leben für uns hinzugeben, selber auf sakramentale Weise das Geheimnis seines Leidens und seiner Auferstehung, das Herzstück jeder Messe, feierte. Da sich unsere Messfeiern von dieser Liturgie herleiten, haben sie von sich aus eine vollständige liturgische Form, die sich zwar nach den verschiedenen Riten unterscheidet, aber in der Substanz doch identisch bleibt. Das „sacrum“ der Messe ist eine Sakralität, die Christus verfügt hat. Die Worte und Handlungen jedes Priesters, denen die bewusste und aktive Teilnahme der ganzen Eucharistie feiernden Gemeinde entspricht, bilden das Echo des Geschehens vom Gründonnerstag.

Der Priester bringt das heilige Opfer „in der Person Christi“ dar, was mehr bedeutet als nur „im Namen“ oder „in Stellvertretung“ Jesu Christi. „In der Person“, d.h. in der spezifischen, sakramentalen Identifizierung mit dem „ewigen Hohenpriester“, der Urheber und hauptsächliches Subjekt dieses seines eigenen Opfers ist, bei dem er in Wahrheit von niemandem ersetzt werden kann. Nur er, Christus allein, konnte und kann noch immer eine wahre und wirksame „Sühne für unsere Sünden,... auch für die der ganzen Welt“ sein: „Sein Opfer allein - und kein anderes - konnte und kann sühnende Kraft vor Gott in seiner Heiligsten Dreifaltigkeit, vor seiner unendlichen Heiligkeit, haben. Vom Bewusstwerden dieser Wahrheit fällt ein gewisses Licht auf den Charakter und die Bedeutung des zelebrierenden Priesters, der im Vollzug des heiligen Opfers und indem er „in der Person“ Christi handelt, auf sakramentale und zugleich unaussprechliche Weise in dieses innerste „sacrum“ eingeführt und eingefügt wird, mit dem er dann seinerseits geistigerweise alle verbindet, die an der Eucharistiefeier teilnehmen.

Dieses „sacrum“, wie es sich in verschiedenen liturgischen Formen ausprägt, kann ohne dieses und jenes sekundäre Element bestehen, aber in keiner Weise ohne seine wesentliche Sakralität und Sakramentalität, da diese von Christus gewollt sind und von der Kirche überliefert und gehütet werden. Dieses „sacrum“ darf auch nicht anderen Zielen untergeordnet werden. Wenn das Geheimnis der Eucharistie von seinem sakramentalen Opfercharakter getrennt wird, hört es als solches schlechthin auf zu existieren. Es erlaubt keine „profane“ Nachahmung, die sehr leicht (wenn nicht sogar in der Regel) zu einer Profanierung würde. Das muss man sich stets und vielleicht vor allem in unserer Zeit vor Augen halten, da wir eine Tendenz beobachten, den Unterschied zwischen „heilig“ und „profan“ zu beseitigen infolge der allgemeinen /wenigstens an bestimmten Orten) verbreiteten Neigung, alles zu entsakralisieren.

Angesichts dieser Tatsache hat die Kirche die besondere Pflicht, das „sacrum“ der Eucharistie sicher zustellen und zu bekräftigen. In unserer pluralistischen und oft auch bewusst säkularisierten Gesellschaft sichert der lebendige Glaube der christlichen Gemeinschaft -ein Glaube, der sich auch der eigenen Rechte gegenüber all jenen bewusst ist, die diesen Glauben nicht teilen - diesem „sacrum“ sein Bürgerrecht. Die Pflicht, den Glauben eines jeden zu achten, steht mit dem natürlichen und bürgerlichen Recht auf Gewissens- und Religionsfreiheit in einem inneren, wechselseitigen Zusammenhang.

Der sakrale Charakter der Eucharistie fand und findet immer seinen Ausdruck in der theologischen und liturgischen Sprechweise. Die Bedeutung der objektiven Sakralität des Geheimnisses der Eucharistie ist derart grundlegend für den Glauben des Volkes Gottes, dass dieser daraus Reichtum und Kraft gewonnen hat. Die Diener der Eucharistie müssen sich daher vor allem in unseren Tagen von der Fülle dieses lebendigen Glaubens erleuchten lassen und in seinem Licht alles, was nach dem Willen Christi und seiner Kirche zu ihrem priesterlichen Dienst gehört, verstehen und vollziehen.

 

 

Das Opfer

8. Die Eucharistie ist vor allem ein Opfer: Opfer unserer Erlösung und zugleich Opfer des Neuen Bundes, wie unser Glaube sagt und die Ostkirchen klar bekennen: „das heutige Opfer - so hat vor Jahrhunderten die griechische Kirche erklärt - ist jenem gleich, das einmal der Eingeborene, das menschgewordene Wort, dargebracht hat; es wird von ihm (heute wie damals) dargebracht, da es das eine identische ist.“ Daher werden gerade bei der Gegenwärtigsetzung dieses einen Opfers unseres Heiles Mensch und Welt durch das neue österliche Geschenk der Erlösung Gott zurückgegeben. Diese Rückgabe darf nicht fehlen, denn sie ist Fundament für den „neuen und ewigen Bund“ Gottes mit dem Menschen und des Menschen mit Gott. Ohne diese Rückgabe müsste man sowohl die Erhabenheit des Erlösungsopfers in Frage stellen, das doch vollkommen und endgültig war, als auch den Opfercharakter der heiligen Messe. Da die Eucharistie also ein wahres Opfer ist, bewirkt sie diese Rückgabe an Gott.

Daraus folgt, dass der Zelebrant als Diener dieses Opfers wahrhaft Priester ist und kraft der besonderen Vollmacht seiner Weihe einen Opferakt vollzieht, der die Menschen und Dinge mit Gott verbindet. Alle anderen, die an der Eucharistiefeier teilnehmen, opfern nicht in der gleichen Weise, bringen aber mit ihm kraft des allgemeinen Priestertums ihre eigenen geistlichen Opferdar, die vom Augenblick der Gabenüberreichung am Altar durch Brot und Wein dargestellt werden. Dieser liturgische Akt, den fast alle Liturgien feierlich gestalten, hat nämlich „seinen geistlichen Wert und seine geistliche Bedeutung“. Brot und Wein werden gewissermaßen zum Symbol für alles das, was die Gemeinde bei der Eucharistiefeier Gott zum Opfer bringt und im Geist darbietet.

Es ist wichtig, dass dieser erste Akt der eucharistischen Liturgie im engeren Sinn auch im Verhalten der Teilnehmer zum Ausdruck kommt. Dem entspricht die sogenannte Gabenprozession, wie sie die jüngste Liturgiereform vorsieht, wobei nach alter Überlieferung ein Psalm oder Lied gesungen wird. Dabei ist ein gewisser Zeitraum notwendig, damit sich alle dieses Vorgangs bewusst werden können, der zugleich durch die Worte des Zelebranten gedeutet wird.

Das Bewusstsein vom Akt der Gabendarbringung müsste während der ganzen Messe lebendig bleiben. Ja, es müsste im Augenblick der Wandlung und der Aufopferung während der Anamnese seinen Höhepunkt erreichen, wie es der Grundgehalt des Opfervollzugs erfordert. Dies wollen die Worte des eucharistischen Hochgebetes zeigen, welche der Priester mit lauter Stimme spricht. Es scheint nützlich, hier einige Sätze des dritten eucharistischen Hochgebetes anzuführen, die besonders den Opfercharakter der Eucharistiefeier hervorheben und die Aufopferung unserer Personen mit der von Christus verbinden: „Schau gütig auf die Gabe deiner Kirche. Denn sie stellt dir das Lamm vor Augen, das geopfert wurde und uns nach deinem Willen mit dir versöhnt hat. Stärke uns durch den Leib und das Blut deines Sohnes und erfülle uns mit seinem Heiligen Geist, damit wir ein Leib und ein Geist werden in Christus. Er mache uns auf immer zu einer Gabe, die dir wohlgefällt.“

Dieser Opfercharakter kommt schon bei jeder Messfeier in den Worten zum Ausdruck, mit denen der Priester die Gabendarbringung abschließt, indem er die Gläubigen auffordert zu beten, dass „mein und euer Opfer Gott, dem allmächtigen Vater, gefalle“. Diese Worte besitzen einen verbindlichen Wert, insofern sie die Eigenart der gesamten Eucharistiefeier sowie die Fülle ihres göttlichen und kirchlichen Gehaltes zum Ausdruck bringen.

Alle, die gläubig an der Eucharistie teilnehmen, sind sich bewusst, dass diese ein „Opfer“, d. h. eine „geweihte Opfergabe“, ist. Tatsächlich werden ja Brot und Wein zum Altar gebracht, begleitet vom Gebet und den geistlichen Opfern der Teilnehmer, und schließlich verwandelt, so dass sie wahrhaft, wirklich und substantiell zum Leib werden, den Christus selber hingegeben, und zum Blut, das er vergossen hat. So vergegenwärtigen die Gestalten von Brot und Wein kraft der Wandlung auf sakramentale und unblutige Weise das blutige Sühneopfer, das er am Kreuz dem Vater für das Heil der Welt dargebracht hat. Indem er sich in einem Akt höchster Hingabe und Aufopferung als Sühneopfer dahingeschenkt hat, hat nur er allein durch sein Lebensopfer die Menschheit mit dem Vater versöhnt: „Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen.“

Für dieses Opfer, das in sakramentaler Weise auf dem Altar erneuert wird, stellen also die Gaben von Brot und Wein zusammen mit der inneren Hingabe der Gläubigen einen unersetzlichen Beitrag dar; denn bei der Wandlung durch den Priester werden sie die konsekrierten Gestalten. Dies wird deutlich im Verhalten des Priesters beim eucharistischen Hochgebet, vor allem während der Wandlung und immer dann, wenn die Feier des heiligen Opfers und die Teilnahme daran vom Bewusstsein begleitet sind, dass hier der Meister da ist und dich ruft. Dieser Ruf, den der Herr durch sein Opfer an uns alle richtet, öffnet die Herzen, damit sie sich im Geheimnis unserer Erlösung reinigen lassen und sich mit ihm in der eucharistischen Kommunion vereinigen, die der Teilnahme an der heiligen Messe einen reifen und vollen Wert schenkt, der den Menschen in seiner ganzen Existenz fordert: „Die Kirche möchte erreichen, dass die Gläubigen nicht nur diese makellose Gabe darbringen, sondern auch lernen, sich selbst hinzuzuschenken, und so durch Christus, den Mittler, zu einer immer innigeren Einheit mit Gott und untereinander gelangen, auf dass Gott alles in allem sei.“

Es ist daher durchaus angebracht und notwendig, dass man sich weiterhin um eine neue, intensive Erziehung müht, um allen Reichtum zu entdecken, den die neue Liturgie enthält.

Die nach dem II. Vatikanischen Konzil erfolgte liturgische Erneuerung hat tatsächlich dem eucharistischen Opfer sozusagen eine größere Durchsichtigkeit geschenkt. Dazu helfen u. a. die Worte des eucharistischen Hochgebetes, die der Zelebrant mit lauter Stimme spricht, besonders die Wandlungsworte mit der Akklamation der Gemeinde unmittelbar nach der Wandlung.

Wenn uns das alles mit Freude erfüllen soll, so müssen wir doch auch bedenken, dass diese Änderungen auch eine neue geistige Aufgeschlossenheit und Reife erfordern, sowohl beim Zelebranten - zumal er heute zum Volk gewandt zelebriert - als auch bei den Gläubigen. Die eucharistische Verehrung reift und wächst, wenn die Worte des eucharistischen Hochgebetes und besonders die Wandlungsworte in großer Demut und Schlichtheit, in verständlicher Weise, entsprechend ihrer Heiligkeit, geziemend und würdig ausgesprochen werden; wenn dieser wesentliche Akt der Eucharistiefeier ohne Hast vollzogen wird; wenn er uns zu solcher Sammlung und Ehrfurcht führt, dass die Teilnehmer die Größe des Geheimnisses spüren, das sich hier vollzieht, und das auch in ihrem Verhalten zum Ausdruck bringen.

 

 

III. 
Die beiden Tische des Herrn 
und das Gemeinwohl der Kirche

 

Tisch des Wortes Gottes

9. Wir wissen gut, dass die Feier der Eucharistie seit den ältesten Zeiten nicht nur mit Gebet, sondern auch mit der Lesung der Heiligen Schrift sowie mit dem Gesang der ganzen Gemeinde verbunden war. Infolgedessen konnte man seit langem auf die heilige Messe den Vergleich der Kirchenväter von den beiden Tischen anwenden, auf denen die Kirche ihren Söhnen und Töchtern das Wort Gottes und die Eucharistie, das Brot des Herrn, darreicht. Wir müssen daher zum ersten Teil des heiligen Geheimnisses zurückkehren, der heute meist Wortgottesdienst genannt wird, und ihm einige Aufmerksamkeit schenken.

Die Lektüre von Abschnitten der Heiligen Schrift, die für jeden Tag ausgewählt wird, wurde vom Konzil nach neuen Kriterien und Erfordernissen geordnet. Im Anschluss an diese Normen des Konzils kam es zu einer neuen Zusammenstellung von Lesungen, bei denen in gewissem Maße das Prinzip des fortlaufenden Textes befolgt wird; ferner das Prinzip, die Gesamtheit der heiligen Bücher zugänglich zu machen. Die Einfügung der Psalmen mit ihren Responsorien in die Liturgie macht den Teilnehmern den schönsten Schatz an Gebeten und Gesängen aus dem Alten Testament vertraut. Dann bewirkt die Tatsache, dass die betreffenden Texte in der eigenen Sprache vorgelesen und gesungen werden, dass alle ihnen mit vollerem Verständnis folgen können.

Es gibt jedoch auch solche Gläubige, die noch auf der Grundlage der früheren Liturgie in lateinischer Sprache erzogen worden sind und darum jetzt das Fehlen dieser einheitlichen Sprache bedauern, die ja in aller Welt auch ein Ausdruck der Einheit der Kirche gewesen ist und durch ihren feierlichen Charakter ein tiefes Bewusstsein für das eucharistische Geheimnis geweckt hat. Man muss diesen Gefühlen und Wünschen nicht nur Verständnis, sondern auch Respekt entgegenbringen und ihnen im Rahmen des Möglichen entgegenkommen, wie es ja auch in den neueren Anweisungen vorgesehen ist. Die römische Kirche hat besondere Verpflichtungen gegenüber dem Latein, der großartigen Sprache des antiken Rom, und muss sie zum Ausdruck bringen, wo immer sich dafür eine Gelegenheit bietet. Die Möglichkeiten, welche die nachkonziliare Erneuerung geschaffen hat, werden vielerorts so genutzt, dass wir Zeugen und Teilnehmer einer echten Feier des Wortes Gottes werden. Es nimmt ferner die Zahl jener Menschen zu, die sich aktiv an dieser Feier beteiligen. Es bilden sich Gruppen von Lektoren und Sängern und noch häufiger „scholae cantorum“ von Männern und Frauen, die sich mit großem Eifer auf diesem Gebiet einsetzen. Das Wort Gottes, die Heilige Schrift, beginnt in zahlreichen christlichen Gemeinschaften neu lebendig zu werden. Die zur Liturgiefeier versammelten Gläubigen bereiten sich mit Gesang auf das Hören des Evangeliums vor, das mit der gebührenden Ehrfurcht und Liebe verkündet wird. Wenn wir das alles mit großer Hochachtung und Dankbarkeit feststellen, können wir doch nicht vergessen, dass eine vollständige Erneuerung immer noch weitere Anforderungen stellt. Sie bestehen in einer neuen Verantwortung gegenüber dem Wort Gottes, wie es durch die Liturgie in verschiedenen Sprachen übermittelt wird, was gewiss dem universalen Charakter und den Zielsetzungen des Evangeliums ent- spricht. Die gleiche Verantwortung gilt auch für die Ausführung der entsprechenden liturgischen Handlungen, für das Vorlesen oder den Gesang, die auch den künstlerischen Prinzipien entsprechen müssen. Um diese Handlungen vor allem Gekünstelten zu bewahren, muss in ihnen Können, Einfachheit und Würde zum Ausdruck kommen, so dass schon aus der Art des Vorlesens oder Singens der besondere Charakter der heiligen Texte aufleuchtet.

Diese Erfordernisse, die sich aus der neuen Verantwortung gegenüber dem Wort Gottes in der Liturgie ergeben, reichen jedoch noch tiefer und berühren die innere Haltung, mit der die Diener des Wortes innerhalb der Liturgiefeier ihre Aufgabe erfüllen. Die gleiche Verantwortung betrifft schließlich die Auswahl der Texte. Sie wurde bereits von der zuständigen kirchlichen Autorität vorgenommen, die auch Vorsorge für Fälle getroffen hat, wo man für eine besondere Situation noch geeignetere Lesungen wählen kann. Ferner muss man stets daran denken, dass als Texte für die liturgischen Lesungen der Messe nur das Wort Gottes in Frage kommt. Die Lesung der Bibel darf nicht durch die Lesung anderer Texte ersetzt werden, selbst wenn diese eindeutig religiöse und moralische Werte besitzen. Solche Texte können dagegen mit großem Nutzen in den Homilien verwendet werden. Die Homilie ist in der Tat für die Verwendung solcher Texte höchst geeignet, vorausgesetzt, dass diese inhaltlich den geforderten Bedingungen entsprechen; denn es gehört ja unter anderem zur Natur der Homilie, die Übereinstimmung zwischen der geoffenbarten Weisheit Gottes und dem wahren Gedankengut der Menschheit aufzuzeigen, das auf verschiedenen Wegen die Wahrheit sucht.

 

 

Tisch des Brotes des Herrn

10. Auch der zweite Tisch des Geheimnisses der Eucharistie, der Tisch des Brotes des Herrn, erfordert aus der Sicht der heutigen liturgischen Erneuerung eine eigene Überlegung. Hierbei handelt es sich um ein äußerst wichtiges Problem, da es um einen besonderen Akt lebendigen Glaubens, ja, wie es seit den eisten Jahrhunderten bezeugt ist, um einen Ausdruck der Verehrung Christus gegenüber geht, der sich selber in der eucharistischen Kommunion einem jeden von uns, unserem Herzen, unserem Bewusstsein und unserem Mund in Form einer Speise anvertraut. Daher ist hierbei besonders jene Wachsamkeit notwendig, von der das Evangelium spricht, sei es von seiten der für den eucharistischen Kult verantwortlichen Hirten oder auch des Volkes Gottes, dessen „Glaubenssinn“ gerade hier sehr aufmerksam und geschärft sein muss.

Ich möchte daher auch dieses Problem einem jeden von Euch, verehrte, liebe Brüder im Bischofsamt, besonders ans Herz legen. Ihr sollt es vor allem in Eure Sorge für alle Euch anvertrauten Kirchen aufnehmen. Darum bitte ich Euch im Namen jener Einheit, die wir als Erbe von den Aposteln empfangen haben: der kollegialen Einheit. Diese Einheit ist gewissermaßen am Tisch des Brotes des Herrn, am Gründonnerstag, geboren worden. Mit Hilfe Eurer Brüder im Priesteramt tut alles, was ihr könnt, um die sakrale Würde des eucharistischen Dienstes und jenen tiefen Sinn für die eucharistische Kommunion zu sichern, der ein besonderes Gut der Kirche als Volk Gottes ist und zugleich das besondere Erbe, das uns von den Aposteln, von verschiedenen liturgischen Traditionen und vielen Generationen von Gläubigen, die oft als heroische Zeugen Christi in der „Schule des Kreuzes“ und der Eucharistie erzogen worden sind, überliefert worden ist.

Man muss sich also daran erinnern, dass die Eucharistie als Tisch des Brotes des Herrn eine ständige Einladung ist, wie sich aus dem liturgischen Hinweis des Zelebranten ergibt, wenn er sagt: „Seht das Lamm Gottes... Selig, die zum Hochzeitsmahl des Lammes geladen sind“, ferner aus dem bekannten Gleichnis des Evangeliums von den zum Hochzeitsmahl Geladenen. Bedenken wir, dass in diesem Gleichnis viele sich entschuldigen und aus verschiedenen Gründen die Einladung ausschlagen.

Gewiss fehlt es auch in unseren katholischen Gemeinden nicht an solchen, die an der heiligen Kommunion teilnehmen könnten und doch nicht teilnehmen, obwohl sie sich in ihrem Gewissen keiner schweren Sünde bewusst sind. Diese Haltung, die bei einzelnen mit einer übertriebenen Strenge verbunden ist, hat sich in Wirklichkeit in unserem Jahrhundert geändert, auch wenn man sie da und dort noch antrifft. Tatsächlich begegnet man statt des Gefühls der Unwürdigkeit viel öfter einem gewissen Mangel an innerer Bereitschaft, wenn man so sagen kann, einem Mangel an „Hunger“ und „Durst“ nach der Eucharistie. Dahinter verbirgt sich auch ein Mangel an einem entsprechenden Gespür und Verständnis für die Natur des großen Sakramentes der Liebe.

Dennoch sind wir in den letzten Jahren auch Zeugen einer anderen Erscheinung. Mitunter, ja sogar ziemlich oft gehen alle Teilnehmer an der Eucharistiefeier zur heiligen Kommunion; dabei fehlt es aber zuweilen, wie erfahrene Seelsorger bestätigen, an dem erforderlichen Eifer, das Bußsakrament zu empfangen, um das eigene Gewissen zu reinigen. Dies kann natürlich bedeuten, dass jene, die sich dem Tisch des Herrn nahen, in ihrem Gewissen und nach dem objektiven Gesetz Gottes nichts finden, was den erhabenen und freudigen Vollzug ihrer sakramentalen Vereinigung mit Christus verhindern könnte. Es kann sich hier aber auch, zumindest manchmal, eine andere Überzeugung verbergen, nämlich dass man die Messe nur als ein Mahl betrachtet, an dem man durch den Empfang des Leibes Christi teilnimmt, um vor allem die brüderliche Gemeinschaft zum Ausdruck zu bringen. Diesen Motiven können sich leicht gewisse menschliche Überlegungen und ein reiner „Konformismus“ hinzugesellen.

Diese Erscheinung erfordert von unserer Seite eine wache Aufmerksamkeit und eine theologische und pastorale Analyse, bei der wir uns von größtem Verantwortungsbewusstsein leiten lassen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass im Leben unserer Gemeinden der Wert eines feinfühligen christlichen Gewissens abhanden kommt, das sich einzig vom Blick auf Christus leiten lässt, der beim eucharistischen Empfang im Herzen eines jeden von uns eine würdige Wohnung finden muss. Dieses Problem ist nicht nur eng mit der Praxis des Bußsakramentes verbunden, sondern auch mit der richtig verstandenen Verantwortung für die gesamte Lehre der Moral und die genaue Unterscheidung zwischen Gut und Böse, die dann für jeden Teilnehmer an der Eucharistiefeier zur Grundlage für eine richtige Selbstbeurteilung im Innern des eigenen Gewissens wird. Wohlbekannt sind die Worte des hl. Paulus: „Jeder soll sich selbst prüfen“; ein solches Urteil ist die unerlässliche Bedingung für eine persönliche Entscheidung darüber, ob man die eucharistische Kommunion empfangen oder ihr fernbleiben soll.

Die Eucharistiefeier stellt uns, was den Dienst am Tisch der Eucharistie betrifft, vor noch viele andere Forderungen, die sich zum Teil nur auf die Priester und Diakone, teils aber auf alle beziehen, die an der eucharistischen Liturgie teilnehmen. Die Priester und Diakone müssen sich dessen bewusst sein, dass der Dienst am Tisch des Brotes des Herrn ihnen besondere Verpflichtungen auferlegt, an erster Stelle gegenüber Christus selber, der in der Eucharistie gegenwärtig ist, dann auch gegenüber allen tatsächlichen und möglichen Teilnehmern an der Eucharistiefeier. Was das erste angeht, ist es vielleicht nützlich, sich der Worte des Pontifikale zu erinnern, die der Bischof am Weihetag an den Neupriester richtet, während er ihm auf der Patene und im Kelch Brot und Wein übergibt, die die Gläubigen dargereicht haben und der Diakon zubereitet hat: „Nimm hin die Gaben des Volkes für die Feier des Opfers. Bedenke, was du tust, ahme nach, was du vollziehst, und stelle dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes.“ Diese letzte vom Bischof gegebene Mahnung muss ihm eine der teuersten Normen für seinen eucharistischen Dienst bleiben.

Von ihr muss die Haltung des Priesters im Umgang mit Brot und Wein, die zu Leib und Blut des Erlösers geworden sind, geprägt werden. Darum müssen wir alle, die wir Diener der Eucharistie sind, unser Tun am Altar aufmerksam überprüfen, besonders die Art und Weise unseres Umgangs mit jener Speise und jenem Trank, die der Leib und das Blut unseres Herrn und Gottes in unseren Händen sind; wie wir die heilige Kommunion austeilen und wie wir die liturgischen Gefäße reinigen.

Alle diese Handlungen haben ihre Bedeutung. Natürlich soll man Skrupulosität vermeiden; Gott bewahre uns aber vor einem ehrfurchtslosen Verhalten, vor ungeziemender Hast und ärgerniserregender Ungeduld. Unsere größte Ehre besteht außer im Einsatz für unsere Sendung zur Verkündigung des Evangeliums in der Ausübung der geheimnisvollen Vollmacht über den Leib des Herrn, und alles in uns muss entschieden darauf hingeordnet sein. Wir müssen ferner stets bedenken, dass wir für diese unsere Amtsvollmacht sakramental geweiht, aus den Menschen erwählt und „für die Menschen eingesetzt“ sind. Vor allem wir Priester der römisch-lateinischen Kirche müssen uns dessen bewusst sein, weil in unseren Weiheritus im Verlauf der Jahrhunderte auch der Brauch einer Salbung der Hände des Priesters eingefügt worden ist.

In einigen Ländern ist die Handkommunion üblich geworden. Sie wurde von einzelnen Bischofskonferenzen erbeten und fand die Billigung des Apostolischen Stuhles. Es werden aber Stimmen laut über Fälle von bedauerlichem Mangel an Ehrfurcht vor den eucharistischen Gestalten, ein Mangel, der nicht nur die eines solchen Verhaltens schuldigen Personen belastet, sondern auch die Hirten der Kirche, die es vielleicht an Wachsamkeit über das Verhalten der Gläubigen gegenüber der Eucharistie haben fehlen lassen. Es kommt auch mitunter vor, dass die freie Wahl und der Wille jener nicht berücksichtigt werden, die auch dort, wo die Handkommunion amtlich gestattet ist, es vorziehen, ihrerseits die Mundkommunion zu wählen. Ich kann nicht umhin, im Zusammenhang dieses Briefes auf die soeben genannten schmerzlichen Probleme wenigstens kurz hinzuweisen. Damit meine ich in keiner Weise jene Personen, die in den Ländern, wo diese Praxis erlaubt ist, den Herrn Jesus bei der Handkommunion im Geist tiefer Ehrfurcht und Frömmigkeit empfangen.

Man darf jedoch den vorrangigen Auftrag der Priester nicht vergessen, die in ihrer Ordination dazu geweiht wurden, den Priester Christus darzustellen: damit sind ihre Hände wie ihr Wort und ihr Wille zum direkten Werkzeug Christi geworden. Deshalb haben sie als Diener der heiligen Eucharistie für die heiligen Gestalten eine vorrangige Verantwortung, vorrangig, weil total: sie bringen Brot und Wein dar, konsekrieren sie und verteilen dann die heiligen Gestalten an die teilnehmende Gemeinde. Die Diakone dürfen die Gaben der Gläubigen nur zum Altar tragen und sie nach deren Konsekrierung durch den Priester austeilen. Wie ausdrucksstark, wenn auch nicht ursprünglich, ist daher bei unserer lateinischen Priesterweihe der Ritus der Salbung der Hände, als ob gerade für diese Hände eine besondere Gnade und Kraft des Heiligen Geistes notwendig wäre!

Die heiligen Gestalten zu berühren und sie mit den eigenen Händen auszuteilen ist ein Vorrecht der Geweihten, das auf ihre aktive Teilnahme am eucharistischen Dienst hindeutet. Natürlich kann die Kirche eine solche Erlaubnis auch Personen geben, die weder Priester noch Diakone sind, z. B. den Akolythen für die Ausübung ihres Dienstes, vor allem wenn sie auf dem Weg zu einer späteren Weihe sind, aber auch anderen Laien, die für eine echte Notlage, aber stets nach einer angemessenen Vorbereitung eine solche Erlaubnis erhalten.

 

 

Das Gemeinwohl der Kirche

11. Wir können auch nicht einen Augenblick vergessen, dass die Eucharistie ein besonderes Gut der ganzen Kirche ist. Sie ist das größte Geschenk, das in der Gnaden- und Sakramentenordnung der göttliche Bräutigam seiner Braut gemacht hat und ohne Unterlass macht. Und gerade weil es um ein solches Geschenk geht, müssen wir uns alle im Geist tiefen Glaubens von echt christlichem Verantwortungsbewusstsein leiten lassen. Ein Geschenk verpflichtet uns immer tiefer, weil es uns nicht nur kraft eines strengen Rechtes anspricht, sondern dadurch, dass es uns persönlich anvertraut wurde. Es verlangt von uns somit vor jeder gesetzlichen Verpflichtung Vertrauen und Dankbarkeit. Die Eucharistie ist genau ein solches Geschenk und ein solches Gut. Wir müssen daher auch in den Einzelheiten dem treu bleiben, was sie in sich darstellt, und dem, was sie von uns will, nämlich Danksagung.

Die Eucharistie ist als Sakrament ihrer Einheit ein gemeinsames Gut der ganzen Kirche. Die Kirche hat daher die strenge Pflicht, all das genau festzulegen, was ihre Feier und die Teilnahme an ihr betrifft. Wir müssen deshalb nach den vom letzten Konzil aufgestellten Prinzipien vorgehen, das in der Konstitution über die heilige Liturgie die Rechte und Pflichten der einzelnen Bischöfe innerhalb ihrer Diözesen sowie die der Bischofskonferenzen festgelegt hat, wobei die einen wie die anderen in kollegialer Einheit mit dem Apostolischen Stuhl handeln.

Außerdem müssen wir den Weisungen folgen, welche die verschiedenen vatikanischen Behörden auf diesem Gebiet erlassen haben: auf dem Gebiet der Liturgie den in den liturgischen Büchern festgelegten Normen, soweit sie das eucharistische Geheimnis betreffen, und den Instruktionen zum selben Geheimnis; was die „communicatio in sacris“ angeht, den Normen des Ökumenischen Direktoriums sowie denen der „Instruktion über besondere Fälle, in denen andere Christen in der katholischen Kirche zur eucharistischen Kommunion zugelassen werden können“. Wenn auch in dieser Phase der Erneuerung die Möglichkeit einer gewissen „kreativen“ Autonomie zugestanden worden ist, so muss diese doch die Erfordernisse der substantiellen Einheit genau beachten. Auf dem Weg dieses Pluralismus, der sich schon aus der Einführung der verschiedenen Sprachen in die Liturgie ergibt, können wir nur so weit voranschreiten, dass die wesentlichen Merkmale der Eucharistiefeier erhalten bleiben und die von der kürzlichen Liturgiereform vorgeschriebenen Normen beachtet werden. Man muss sich unbedingt und überall darum bemühen, dass in dem vom II. Vatikanischen Konzil vorgesehenen Pluralismus des eucharistischen Kultes jene Einheit deutlich hervortritt, für die die Eucharistie Zeichen und Quelle ist.

Diese Aufgabe, über die naturgemäß der Apostolische Stuhl zu wachen hat, sollte nicht nur von den einzelnen Bischofskonferenzen wahrgenommen werden, sondern auch von jedem einzelnen Diener der Eucharistie ohne Ausnahme. Ein jeder muss sich ferner bewusst sein, dass er für das Gemeinwohl der ganzen Kirche Verantwortung trägt. Der Priester als Diener, als Zelebrant, als jener, der bei der eucharistischen Versammlung der Gläubigen vorsteht, muss ein besonderes Gespür für das Gemeinwohl der Kirche besitzen, das er durch seinen Dienst vertritt, dem er sich aber auch unterzuordnen hat, wie es eine rechte Glaubensdisziplin verlangt. Er darf sich nicht als „Eigentümer“ betrachten, der frei über den liturgischen Text und den heiligen Ritus wie über ein Privatgut verfügt, so dass er diesem einen zu persönlichen und beliebigen Stil geben dürfte. Das kann manchmal effektvoller erscheinen -und auch einer subjektiven Frömmigkeit mehr entsprechen, objektiv aber ist es immer ein Verrat an jener Einheit, die vor allem im Sakrament der Einheit ihren eigentlichen Ausdruck finden muss.

Jeder Priester, der das heilige Opfer darbringt, muss sich bewusst sein, dass er während dieses Opfers nicht allein mit seiner Gemeinde betet, sondern dass die ganze Kirche hier betet, wobei er auch durch den Gebrauch des approbierten liturgischen Textes ihre geistliche Einheit in diesem Sakrament zum Ausdruck bringt. Wollte jemand eine solche Einstellung „Uniformismus“ nennen, so würde das nur seine Unkenntnis der objektiven Erfordernisse der echten Einheiten beweisen und das Zeichen eines schädlichen Individualismus sein.

Diese Unterordnung des zelebrierenden Priesters unter das „Mysterium“, das ihm von der Kirche zum Wohl des ganzen Volkes Gottes anvertraut ist, muss auch in der Beachtung der liturgischen Vorschriften für die Feier des heiligen Opfers zum Ausdruck kommen. Diese Vorschriften betreffen z. B. die Kleidung und besonders die Paramente, welche der Zelebrant trägt. Natürlich gab und gibt es Umstände, unter denen die Vorschriften nicht verpflichten. Mit Ergriffenheit haben wir in Büchern von Priestern, die in Konzentrationslagern gefangen waren, Berichte über Eucharistiefeiern gelesen, bei denen die erwähnten Regeln nicht beobachtet wurden, wo Altar und Paramente fehlten. Wenn das aber unter den gegebenen Umständen ein Beweis für Heroismus war und hohe Achtung wecken musste, kann jedoch die Vernachlässigung der liturgischen Vorschriften unter normalen Umständen als mangelnde Ehrfurcht vor der Eucharistie ausgelegt werden, die vielleicht von Individualismus, von fehlendem kritischem Sinn gegenüber den herrschenden Meinungen oder auch von einem gewissen Mangel an Glaubensgeist herrühren.

Auf uns allen, die wir durch Gottes Gnade Diener der Eucharistie sind, lastet in besonderer Weise die Verantwortung für die Gedanken und Haltungen unserer Brüder und Schwestern, die unserer pastoralen Sorge anvertraut sind. Unsere Berufung ist es, vor allem durch das persönliche Beispiel jede gesunde Form von Verehrung für Christus zu wecken, der in diesem Sakrament der Liebe gegenwärtig ist und wirkt. Gott bewahre uns davor, anders zu handeln und die Frömmigkeit zu schwächen, indem wir uns verschiedene Ausdrucksformen des eucharistischen Kultes „abgewöhnen“, in denen eine vielleicht traditionelle, aber gesunde Frömmigkeit und vor allem jener „Glaubenssinn“ zum Ausdruck kommen, den das gesamte Volk Gottes besitzt, wie uns das II. Vatikanische Konzil in Erinnerung gerufen hat.

Zum Abschluss dieser meiner Überlegungen möchte ich in meinem eigenen Namen und im Namen von euch allen, verehrte, liebe Brüder im Bischofsamt, für alles das um Verzeihung bitten, was aus welchem Grunde auch immer, aus irgendwelcher menschlichen Schwäche, Ungeduld und Nachlässigkeit, auch infolge einer nur teilweisen, einseitigen oder irrigen Anwendung der Vorschriften des II. Vatikanischen Konzils - Ärgernis und Unbehagen bezüglich der Interpretation der Lehre und der Verehrung, die diesem großen Sakrament gebührt, verursacht haben könnte. Ich bitte den Herrn Jesus, dass es in Zukunft bei unserem Umgang mit diesem heiligen Geheimnis gelingen möge, alles zu vermeiden, was bei unseren Gläubigen das Gefühl der Ehrfurcht und Liebe in irgendeiner Weise schwächen oder verwirren könnte.

Christus selber möge uns helfen, die Wege der echten Erneuerung auf jene Fülle des Lebens und der eucharistischen Frömmigkeit hin fortzusetzen, durch welche die Kirche sich selbst zu jener Einheit auferbaut, die sie schon besitzt und doch noch mehr zu verwirklichen wünscht zur Ehre des lebendigen Gottes und für das Heil aller Menschen.

 

 

Schluß

12. Gestattet mir, verehrte, liebe Brüder, diese meine Überlegungen nun abzuschließen, die sich darauf beschränkt haben, einige Fragen zu vertiefen. Ich hatte dabei die gesamte Arbeit vor Augen, die das II. Vatikanische Konzil geleistet hat; zugleich war mir auch die Enzyklika „Mysterium fidei“ Pauls VI. gegenwärtig, die während dieses Konzils veröffentlicht wurde, ferner alle nach dem Konzil herausgegebenen Dokumente, welche die nachkonziliare liturgische Erneuerung durchführen sollen. Es besteht nämlich eine sehr enge und organische Verbindung zwischen der Erneuerung der Liturgie und der Erneuerung des gesamten Lebens der Kirche.

Die Kirche handelt nicht nur in der Liturgie, sondern prägt sich auch darin aus; sie lebt von der Liturgie und gewinnt aus der Liturgie ihre Lebenskraft. Daher bildet die liturgische Erneuerung, die im Geist des II. Vatikanischen Konzils auf rechte Weise durchgeführt wird, in gewissem Sinn das Maß und die Bedingung für die Verwirklichung der Lehre dieses II. Vatikanischen Konzils, die wir mit tiefem Glauben annehmen wollen, überzeugt, dass der Heilige Geist sich seiner bedient hat, um der Kirche die Wahrheiten mitzuteilen und die Hinweise zu geben, die sie zur Erfüllung ihrer Sendung für die Menschen von heute und morgen braucht.

Es wird weiter unser besonderes Anliegen sein, die Erneuerung der Kirche gemäß der Lehre des II. Vatikanischen Konzils zu fördern und im Geist einer stets lebendigen Tradition weiterzuführen. Gehört es doch zum Wesen einer recht verstandenen Tradition, dass man auch die „Zeichen der Zeit“ richtig deutet, nach denen es gilt, aus dem reichen Schatz der Offenbarung „Neues und Altes“ hervorzuholen. Indem das II. Vatikanische Konzil in diesem Geiste und gemäß diesem Rat des Evangeliums ans Werk ging, hat es eine providentielle Leistung vollbracht, um das Antlitz der Kirche in der heiligen Liturgie zu erneuern, wobei es sich recht oft an das „Alte“ hielt, an das, was aus dem Erbe der Väter stammt und Ausdruck des Glaubens und der Lehre der seit so vielen Jahrhunderten geeinten Kirche ist.

Um in Zukunft die Weisungen des Konzils auf dem Gebiet der Liturgie und vor allem auf dem des eucharistischen Kultes weiter verwirklichen zu können, ist eine enge Zusammenarbeit zwischen der zuständigen Behörde des Heiligen Stuhls und den einzelnen Bischofskonferenzen notwendig, eine zugleich behutsame und schöpferische Zusammenarbeit, bei der der Blick auf die Erhabenheit des heiligsten Geheimnisses gerichtet ist und auch auf die geistigen Strömungen und sozialen Wandlungen, die für unsere Epoche so bezeichnend sind. Sie machen ja nicht nur zuweilen Schwierigkeiten, sondern befähigen auch zu einer neuen Weise der Teilnahme an diesem großen Geheimnis des Glaubens.

Es drängt mich vor allem zu unterstreichen, dass die Probleme der Liturgie und besonders jene der eucharistischen Liturgie nicht Anlass zu Spaltungen unter den Katholiken und zur Bedrohung für die Einheit der Kirche werden dürfen. So fordert es das Grundverständnis dieses Sakramentes, das Christus uns als Quelle geistiger Einheit hinterlassen hat. Wie könnte gerade die Eucharistie, die in der Kirche „das Sakrament der Frömmigkeit, das Zeichen der Einheit und das Band der Liebe“ ist, in diesem Augenblick für uns zu einem Ort der Spaltung, zu einer Quelle gegensätzlicher Denk- und Verhaltensweisen werden, statt, wie es ihrem wahren Wesen entspricht, konstitutives Zentrum der Einheit der Kirche selber zu sein?

Wir sind alle in gleicher Weise unserem Erlöser gegenüber Schuldner. Wir müssen alle gemeinsam jenem Geist der Wahrheit und der Liebe Gehör schenken, den er der Kirche verheißen hat und der jetzt in ihr am Werk ist. Im Namen dieser Wahrheit und Liebe, im Namen des gekreuzigten Christus und seiner Mutter bitte und beschwöre ich Euch, dass wir jede Opposition und Spaltung hinter uns lassen und uns alle in dieser großen Heilssendung vereinen, die zugleich Preis und Frucht unserer Erlösung ist. Der Heilige Stuhl wird alles tun, was möglich ist, um auch weiterhin nach Mitteln und Wegen zu suchen, welche die hier gemeinte Einheit sichern können. Jeder möge durch die Art und Weise seines Handelns vermeiden, „den Heiligen Geist zu betrüben“.

Damit diese Einheit sowie die ständige geordnete Zusammenarbeit, die zu dieser hinführt, beharrlich fortgesetzt werden können, erflehe ich auf den Knien für uns alle durch die Fürbitte Mariens, seiner heiligen Braut und der Mutter der Kirche, das Licht des Heiligen Geistes. Indem ich alle von ganzem Herzen segne, wende ich mich noch einmal mit brüderlichem Gruß und voller Vertrauen an Euch, meine verehrten, lieben Brüder im Bischofsamt. In dieser kollegialen Einheit, an der wir Anteil haben, wollen wir alles tun, damit die heilige Eucharistie immer mehr Quelle des Lebens und Licht für die Gewissen aller unserer Brüder und Schwestern in allen Gemeinschaften innerhalb der universalen Einheit der Kirche Christi auf Erden wird.

Im Geiste brüderlicher Liebe erteile ich Euch und allen Mitbrüdern im Priesteramt von Herzen den Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 24. Februar, dem ersten Fastensonntag des Jahres 1980, im zweiten Jahr meines Pontifikates.

 

Joannes Paulus PP II.

 

  

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