Hl. Peter Julian EYMARD
S.S.S.
FASTENZEIT und
KARWOCHE
Die Buße: Notwendigkeit und Beweggründe
Die Buße: ihre
Verpflichtung und ihre
Eigenschaften
II.
Die Eigenschaften der Buße
GRÜNDONNERSTAG:
DIE EINSETZUNG DER EUCHARISTIE
I.
Vorbereitung
II.
Die Einsetzung.
KARFREITAG:
Hingabe seines Lebens im Leiden
Die Buße: Notwendigkeit
und Beweggründe1
Nun stehen wir in der Fastenzeit. Die Buße ist ein wahres Charakteristikum
der christlichen Religion. Wo Jesus Christus ist, befindet sich die Kirche; und
wo die Kirche ist, befindet sich der Geist der Buße.
Das ganze Leben Jesu Christi bestand in einer einzigen Buße: es war eine
beständige Kreuzigung. Auch die katholische Kirche hat die Bußpraxis immer
gelehrt und gefordert.
Die getrennten Kirchen haben nichts dergleichen; sie fördern den
Sensualismus, das weltliche Leben und
den Stolz. Die Protestanten sagen: Christus hat uns gänzlich und
vollends losgekauft, folglich haben wir es nicht nötig, Buße zu tun.
Die Grundlage der katholischen Religion ist die Buße, weil ihr Fundament
der Kalvarienberg ist, und weil ohne Kalvarienberg die christliche Religion
nicht existiert.
* * *
Es gibt in der Kirche vielfältige Arten von Berufungen, die alle zu unseren
Herrn führen, freilich auf verschiedenen Wegen; aber alle sind begleitet vom
Geist der Buße. Wo es keine Buße gibt, wäre nichts Religiöses in der Seele,
sondern nur Oberflächlichkeit; und dies aus dem ganz einfachen Grund, weil es
ohne diese Tugend kein Verlangen nach Vollkommenheit geben kann. Je besser
dieser Geist in einer religiösen Gemeinschaft geübt wird, umso vollkommener ist
diese Gemeinschaft.
Auch sind die beschaulichen Orden an sich in ihrem Zweck vollkommener als
die aktiven Orden2. Das Opfer seines ganzen
Selbst kostet viel mehr als die Ausgabe seiner Kräfte im Dienst des Nächsten, wie
großzügig sie auch sein mag. Dieses Wirken nach außen entspricht einem
Bedürfnis des menschlichen Herzens. Findet man nicht auf einem Karthäuserberuf
hundert Missionsberufe?
Der untrügerische Beweis der Heiligkeit bei den Heiligen liegt nicht in
ihrer Milde, nicht in ihrem bescheidenen und gesammelten Äußern. Die Pharisäer
trugen diese Eigenschaften nach außenhin; aber wie leicht entdeckte man von
Zeit zu Zeit das, was sie innerlich besaßen!
Es gibt nämlich keine Scheinheiligkeit des Standes, denn man stirbt sich
nicht wirklich ab, um gut zu erscheinen, sondern nur, um vor Gott gut zu sein.
Da ist ein Mann mit großem Eifer, mit einer grenzenlosen Nächstenliebe, der
immer betet. Wenn er zu einem Festmahl eingeladen wird, gibt er nicht das
Beispiel der Mäßigkeit. Sofort wird ein gewöhnlicher Mensch in der Welt sagen:
das ist kein Heiliger; er hat recht, sein Urteil stimmt.
Da ist ein Mann so sanft wie ein Lamm zu jedermann... man sieht ihn nur im
Vorübergehen. Aber wenn man ihm privat widerspricht, bricht er in heftigem Zorn
aus. Auch ein solcher Mensch ist kein Heiliger.
Man hat nur zu einem solchen Menschen ein wirkliches Vertrauen und öffnet
ihm das Herz, wenn dieser Mensch abgetötet ist.
Sind es nicht die Sünden der Sinnlichkeit, die ihr am meisten bedauert?
Dies ist ein augenscheinlicher Beweis, dass die Abtötung, welche unsere Sinne
durch ihre Beherrschung mittels unseres Willens zur Ruhe bringt, eine der
wichtigsten Tugenden ist.
Ich bin mir klar, dass die Buße etwas kostet. Aber wäre sie ohne dies eine
Tugend?
Wollt ihr den Wert der Buße abschätzen? Überlegt, dass unser Herr, unser
Vorbild, sie in einer ununterbrochenen Weise und in allen Bereichen geübt hat.
Niemals hat er dem natürlichen Wohlbefinden und den Bequemlichkeiten seines
Leibes Befriedigung gewährt; immer hat er in der Armut gelebt.
Es ist so schwer, rein zu bleiben, wenn man alles wunschgemäß zur Verfügung
hat! Darum hat unser Herr ständig ein hartes und nüchternes Leben geführt. Er
hat nicht nur an seinem Leib gelitten, sondern auch in seiner Seele, was sehr
viel härter ist.
Es gibt sehr wenige, welche die Kraft haben, die inneren Leiden
durchzustehen; denn wenn die Seele einwilligt, innerlich zu leiden, stimmt sie
zu, auf alles zu verzichten, selbst auf das Erlaubte; sie ist bereit, alles aus
Gottes Hand anzunehmen und Genugtuung weder durch ihre Freunde noch durch Gott
selbst zu erfahren. Das ist Heiligkeit.
Wer könnte errechnen, was Jesus Christus gelitten hat? Niemand. Man müßte,
um ein solches Wissen zu haben, das Wissen Jesu Christi besitzen.
Freilich drang Maria tief in die Seele ihres Sohnes ein. Aber wie viele
geheime, u. zwar die heftigsten Schmerzen blieben ihr verborgen! Übrigens
verursachte der Schmerz Mariens anstatt Jesus zu stärken, wie das bei
gewöhnlichen Unglücksfällen zutrifft, für Jesus neue Qualen.
Und zudem hat Jesus Christus nicht nur auf dem Kreuz gelitten. Dort hat er
nur drei Stunden gehangen. Sein ganzes Leben lang war ihm dieser Gedanken des
Kalvarienberges gegenwärtig und warf seine Schatten über die selbst
berechtigten Freuden, die er verkostet hat. So sprach er oft davon, sein Geist
war alle Tage ans Kreuz geheftet, noch bevor sein Leib daran angenagelt wurde.
Es mußte wohl so sein, damit er in Wahrheit sagen konnte: "Wenn jemand mir nachfolgen will, verleugne
er sich selbst, er nehme sein Kreuz auf
sich und folge mir nach" 3.
* * *
Welches sind aber die Gründe dieser Verhaltensweise unseres Herrn? - Das
Leiden ist an sich nicht erstrebenswert, und Gott befiehlt uns nicht, es auf
diese Weise zu lieben. Liebt es denn eine Mutter, ihr Kind zu strafen? Man kann
nur lieben, was liebenswert ist, weil nur dies in irgendeiner Weise an den
Vollkommenheiten Gottes teilnimmt. Nun ist das Leiden nur ein Fehlen des Guten,
ein Verlust. Es könnte nicht über unsere Liebe gebieten.
Trotzdem muß das Leiden begründet sein, da unser Herr uns aufträgt, das
Leiden zu tragen. Diese Gründe sind folgende:
1.- Wir sind Sünder und müssen daher in dieser oder in der anderen Welt
bestraft werden. Es liegt eine zu bezahlende Schuld vor; und man heiligt sich
nur, wenn man diese Schuld begleicht.
Nun gut! Habt ihr schon eure Schuld bezahlt? Ihr, die ihr euch beklagt,
zuviel Buße zu tun? Wenn ihr auch nur eine einzige Todsünde begangen habt, so
ist es sicher, dass ihr dafür die Hölle verdient habt. Könnte eure Buße die
Strafen aufwiegen, die ihr erdulden müßtet? Habt ihr mehrere Todsünden
begangen? Oh, dann tötet euch ab, tötet euch ab, ihr werdet damit nie erreichen,
die göttliche Gerechtigkeit in entsprechender Weise zufriedenzustellen.
Ihr habt nur lässliche Sünden begangen? Aber auch diese Sünden müssen
bezahlt werden. Büßt also euer Fegfeuer in dieser Welt ab, damit ihr es nicht
in der anderen zu tun braucht!
Seht ihr, wie groß die Barmherzigkeit Gottes ist! Wollt ihr nicht die Buße
auf euch nehmen, welche seine Gerechtigkeit fordert? Er schickt euch Prüfungen,
Krankheiten, innere und äußere Leiden, welche auf dieser Welt die schuldig
gewordenen Fähigkeiten bestraft.
Wenn ihr leidet, so beklagt euch also nicht darüber. Bittet nicht, geduldet
und preisgünstig behandelt zu werden wie Leute in der Miete! Es handelt sich um
wirkliche Schulden, die ihr bezahlen müßt. Es ist eure strikte Pflicht, die ihr
erfüllt.
2.- Der zweite Grund, warum wir durch Gott leiden müssen, besteht darin,
dass wir Verbannte und Reisende, ferne von unserer Heimat sind. - Wenn wir am
Wegrande sehr wohlduftende, aber mit giftigen Früchten beladene Pflanzen
finden, die einen sehr verlockenden Eindruck erwecken, aber einen bitteren
Geschmack enthalten, müssen wir uns davor hüten, stehen zu bleiben und sie zu
betrachten. Dieses Vorgehen ließ Eva das irdische Paradies verlieren4.
Der hl. Gregorius sagt: "Wir
befinden uns auf einem Weg, wo sich die bösen Geister wie Räuber im Hingerhalt
verbergen..." 5. "Im Kampf für den Glauben haben wir einen
Kampf gegen die bösen Geister auszufechten. Aber bei diesem Zweikampf wird
derjenige als erster zu Boden geworfen, der für den Gegner irgendeinen Angriffspunkt
aufweist. Wenn wir den Dämon, der ein reiner Geist ist, besiegen wollen, sollen
wir uns aus Buße aller irdischen Dinge entledigen, die wie ein Kleid unsere
Seele einhüllen" 6.
3.- Die christliche Buße ist schließlich der Beweis, dass wir Gott gehören
und für ihn leben wollen. An dieser Abtötung erkennt Gott seine Gläubigen. Alle
Handlungen, die nicht von diesem Geist beseelt werden, entbehren des inneren
Antriebs, der die Seele zur Tugend führt und sie zur Heiligkeit voranschreiten
läßt.
Weil die Kirche befürchtete, dass mehrere ihrer Kinder nicht daran denken,
Buße zu tun, hat sie ihnen jedes Jahr 40 Tage in besonderer Form
vorgeschrieben. Niemand ist davon ausgenommen. Man dispensiert von dieser oder
jener Übung, aber nicht von der Buße selbst. Und je mehr die leiblichen
Entbehrungen eingeschränkt werden, umso mehr müssen sie durch geistliche
Abtötungen ersetzt werden.
Ein Rat zum Schluß. - Lebt nie in der Buße selbst! Macht daraus kein Ziel,
keinen Selbstzweck. Ihr würdet sonst in bedauernswerte Übertreibungen fallen.
Das ist traurig, und ihr würdet nicht standhalten.
Ihr werdet mir aber erwidern: ich tue Buße, um Gott in mir zu
verherrlichen, und um unserem Herrn meine Liebe zu zeigen. - Oh! dann ist es sehr gut! Eure Seele wird sich
mit Leichtigkeit emporschwingen; sie wird zufrieden sein, selbst unter den
größten Schmerzen; sie hat ja Gott zum Zentrum ihrer Handlungen und ihrer
Liebe.
Macht also so, dann werdet ihr mehr in der Liebe als in der Buße leben und
ihr werdet nicht mehr auf Abwege geraten.
Die Buße: ihre Verpflichtung und ihre Eigenschaften
Zu Beginn und im Lauf der heiligen 40 Tage muß man sich an die feierliche
Mahnung unseres Herrn erinnern und darüber nachdenken: "Ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und
Buße tut, werdet ihr alle umkommen" 1.
Warum dieser Nachdruck? Weil die Buße die notwendige Vorbereitung für seine
Gnaden und für seinen Einzug in die Seele durch die Vergebung der Sünden ist;
sie ist auch das Mittel zur Besänftigung der göttlichen Gerechtigkeit durch die
auferlegten oder freigewählten Sühneleistungen.
Dieser Aufruf und diese Empfehlung Jesu Christi richtet sich an alle,
Gerechte und Sünder.
An die Sünder: er ladet sie zum
Bußetun ein, nicht nur, weil die Sühne in diesem Leben verdienstvoll und
weniger schrecklich ist als im anderen Leben, sondern zuerst, weil er ihnen vergeben
will; und weil die mit Buße verbundene Reue dafür die notwendige Bedingung
darstellt. Im übrigen ist die Sühne, die er fordert, keine unmögliche Buße. Was
er will, ist die Buße des Herzens durch Abweisung der bösen Zuneigungen; es ist
der Bußgeist, dessen Stolz gedemütigt werden soll; es ist die Buße des Leibes
durch Verzicht auf Eitelkeit, Sinnlichkeit, auf den Überfluß durch Fasten oder
wenigstens durch gewisse leibliche Entbehrungen; mit einem Wort: durch die
christliche Mäßigung.
An die Gerechten: er fordert die Buße zur Wiedergutmachung ihrer Fehler,
die Gott mehr mißfallen wegen der zahlreichen Gnaden, die sie empfangen haben,
um sie größerer Gnaden zu würdigen; schließlich um Mittler zu sein zwischen
seiner göttlichen Gerechtigkeit und den Sündern.
Sehen wir uns nun mit einem Überblick, der allen dient, die Gründe für die
Buße an, sowie die Eigenschaften, welche diese aufweisen muß.
* * *
1. Begründungen
der Buße:
a) Derjenige, der gesagt hat: Wer nicht wiedergeboren wird aus dem Wasser
und dem Hl. Geist, kann nicht in das Reich Gottes gelangen, ist es auch, der
erklärt hat: Wer nicht Buße tut, der wird zugrunde gehen. Dies bedeutet, dass
ein Erwachsener, der nicht die Taufe empfangen hat - wenigstens dem Verlangen
nach - nicht in den Himmel gelangen kann, ohne vorher eine der Schwere seiner
Fehler ent-sprechende Sühne geleistet zu haben. Das ist die Lehre des Glaubens.
Wer so gesprochen hat, ist Jesus Christus, der allmächtige Gott, dessen
Voraussagen sich wortwörtlich erfüllen werden. Es handelt sich also um nichts
weniger, als dass wir selber uns unser ewiges Urteil sprechen. Ein Urteil des
Lebens und Heiles, wenn wir die Waffen der Bekehrung anziehen; ein Urteil des
Todes und der Verzweiflung, wenn wir Gott die Reue eines bekehrten Herzens
verweigern.
Was für ein dringlicher Grund also, uns der Pflicht zur
Buße zu unterwerfen!
b) Um uns noch mehr davon zu überzeugen, öffnen wir das Buch der Hl.
Schrift; hören wir die Kommentare, die uns darüber die Väter und Lehrer der
Kirche gegeben haben.
Jesus Christus hat gesagt: Tut Buße! Und um uns die Verpflichtung dazu
erahnen zu lassen, schreibt der hl. Gregor von Nyssa, dass sich Jesus Christus
bald der herrlichsten Versprechungen bedient - "Tut Buße, denn das Reich Gottes ist nahe" - bald der
schrecklichsten Drohungen - "Wenn
ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle zugrundegehen" 2. "Nun also, ihr Sünder", sagt Tertullian seinen Christen im 3.
Jahrhundert, "ihr zweifelt, ob ihr Buße tun müsst, und wisst keine Antwort
darauf? Aber der Herr hat sie doch selbst befohlen. Könntet ihr zögern, nachdem
euer Gott es angeordnet hat?" 3
Einst hat der Herr den Juden die Buße vorgeschrieben durch die
Prophezeihungen; er hieß sie selbst den Ungläubigen und Götzendienern predigen4 . Nunmehr verkündet er sie selber,
damit sich alle und überall ihr unterwerfen; er verpflichtet die Kleinen wie
die Großen, die Armen wie die Reichen, die Jungen wie die Greise, die Fürsten
auf ihrem Trohn wie die Ordensleute in ihren Klöstern und die Priester in den
Funktionen ihres Priesteramtes. Dieser Auftrag betrifft alle.
"Ja", schreibt der hl.
Augustinus, "sofort, wenn wir
gesündigt haben, müssen wir unbedingt für unsere Sünden bestraft werden; der
Gerechtigkeit Gottes muß Genugtuung geleistet werden entweder durch seine
eigene Strenge oder die Sühne eines bußfertigen Herzens. A u t a b
h o m i n e p oe n i t e n t e a u t
a D e o p u n i e n t e." Mit einem Wort: man muß entweder freiwillig
auf dieser Welt weinen und leiden oder in der Ewigkeit gegen seinen eigenen
Willen weinen und leiden.
Desgleichen sagt der hl. Hieronymus: wie sich die Schiffbrüchigen mit Hilfe
eines Gegenstandes, der ihnen schwimmen hilft, in Sicherheit bringen, so können
sich jene, die das Unglück gehabt haben, schwer zu sündigen, nur durch die
Rettungs-planke der Buße, die wie eine zweite Taufe ist, in Sicherzeit bringen5 .
Noch eindeutiger setzt der hl. Augustinus fort: dieses Gebot ist eines von
jenen, das die Natur nahe legt - v o
x e s t e t i a m i s t a n a t u r a e6.
Es genügt nicht, sich zu entschließen, Gott nicht mehr zu beleidigen; denn
dies betrifft die Zukunft; aber was ist mit der Schuld in der Vergangenheit?
Was würdet ihr von einem Verbrecher sagen, der sich schwerer Vergehen gegen die
Gesellschaft bewusst ist und der unter Eid versprechen würde, es nicht mehr zu
wiederholen, um Gnade zu erhalten? Der Richter wird ihm zubilligen, dass seine
Absichten des Wohlwollens würdig sind, sie können es aber nicht verhindern,
dass die Strafe für das begangene Übel verhängt wird.
Nein, den unbußfertigen Sündern bleibt nur die eine Bestimmung, die für sie
festgelegt ist, nämlich die ewige Hölle. Im Himmel gibt es zwei Arten von
Seligen: die einen hatten das seltene Privileg, bis zum letzten Atemzug ihre
Taufenschuld zu bewahren durch die ständige Flucht vor der Sünde; die anderen
hatten sie zwar verloren, aber sie haben sie durch eine heilsame Buße wieder
zurückerobert.
c) Wir finden schließlich am Beispiel Jesu Christi und seines heiligen
Vorläufers eine entscheidende Begründung.
Hat nicht Johannes der Täufer, obwohl er im Schoß seiner Mutter geheiligt
wurde, eine sehr lange und sehr strenge Buße geübt? "Die Nahrung, die er zu sich nimmt, der Ort, an dem er wohnt, das
Gewand, mit dem er sich bekleidet", sagt der hl Johannes Chrysostomus,
"predigen diese nicht seine Liebe
zur Buße?"7 Dieser große Heilige war nicht schuldig, das
ist wahr; aber er war andererseits auch nicht makellos; und er war sich dessen
bewusst und wollte sich daher gegen die Sünde wappnen.
Wer von uns wagte es, sich mit der Unschuld dieses neuen Elia
gleichzusetzen?
Es gibt vor allem das Beispiel Jesu Christi, des Sohnes Gottes. Was war das
Leben dieses göttlichen Heilandes? "Tota
vita Christi crux fuit et martyrium - das ganze Leben Jesu Christi bestand in
Kreuz und Martyrium" 8. Er hat
seine Buße im Schoße seiner Mutter durch die Reise nach Betlehem und die damit
verbundenen Prüfungen angefangen; der Tag, als er das Licht der Welt erblickte,
ließ ihn auch im Stall und in der Krippe leiden. Seine Armut, seine
Zimmermannsarbeit und seine apostolischen Mühen waren für ihn Gründe zur
Entbehrung, zu Mühen ohne Ende. Er beendet seine Buße erst am Kreuz, wo er
sühnt und stirbt wie ein öffentlicher Büßer der Kirche.
Wenn nun der Meister und Chef die Buße gewählt hat, wäre es dann nicht von seiten
des Schülers und Dieners eine unerhörte Voreingenommenheit, sie zurückzuweisen?
Wir werden uns sehr davor hüten; wir werden großzügig die Anstrengungen der
Buße aus Liebe zu Jesus Christus und für das Heil unserer Seele umarmen.
2. Die Eigenschaften der Buße.
Wie soll aber diese Liebe beschaffen sein, damit sie ihren Zweck erreicht?
Sie soll prompt, großherzig und strenge sein.
Es genügt nämlich zur Erlösung nicht, einfach recht und schlecht Buße zu
üben. Das Evangelium sagt, man müsse würdige Früchte der Buße bringen9; dies erfordert die drei folgenden
Bedingungen.
1. Sie muß prompt geschehen. - Morgen, morgen... Wie viel Seelen gingen
durch dieses Wort für die Ewigkeit verloren! Wissen wir überhaupt, ob es für
uns ein Morgen geben wird? 10.
Hätte David auf die Stimme des Propheten beim erstenmal, als dieser ihm seine
Verirrungen vorhielt, nicht gehört, hätte sich Petrus nach seiner dreimaligen
Verleugnung dem Blick Jesu, der ihn zur Buße einlud, verschlossen... - wenn
Magdalena im Augenblick, wo sie von der Gegenwart des Erlösers vernommen hat,
es verschoben hätte, zu ihm zu eilen und sich ihm zu Füßen zu werfen, um ihn um
Vergebung zu bitten, was wäre das ewige Los dieser großen Büßer geworden? Weil
sie aber ohne Verzug der Stimme des Herrn gefolgt sind, sind sie - die einen
wie die anderen - große Heilige geworden.
Wann ist nun auch für uns diese glückliche Zeit, die von der Buße geprägt
ist, im Plan der göttlichen Vorherbestimmung? Es ist ohne jeden Zweifel die
Fastenzeit; es sind dies geheiligte Tage, an denen Gott durch die Aufrufe der
Kirche uns ermuntert, unsere Antwort auf seine Barmherzigkeit nicht auf später
zu verschieben.
2. Sie soll großzügig sein. - Zu diesem Zweck müssen wir aus unserer Seele
das entfernen, was Ursache und Gegenstand unserer Sünden gewesen ist und immer
noch ist; wir müssen uns reinigen von diesem alten Sauerteig, der unser Herz
zerstört. Ohne dies würden wir den Hl. Geist belügen und würden in unserem
Leben einen schrecklichen Zwiespalt erzeugen, denn wir bedauerten zwar unsere
Fehler, wollten aber nicht deren Wurzel zerstören; und obgleich wir die Sünden
vor Gott eingestehen, würden wir dennoch hartnäckig bleiben, die Gefahren für
neue Beleidigungen gegen ihn zu entfernen.
Sehen wir also gut die Opfer, die Anstrengungen und vielleicht die Gewaltsamkeiten,
die unserer Großzügigkeit auferlegt werden müssen. Es wird darum gehen, den
Zorn oder den Stolz zu besiegen, auf eine zu freie Freundschaft oder
irgendeinen unerlaubten Gewinn zu verzichten. Judas hat seinen Meister um 30
Silberlinge verkauft; es gibt Leute, die ihre Seele um einen Zoll Erde
verkaufen! Und wie viele andere schwere Fehler, für welche aber die Buße, um
ehrlich zu sein, großzügig und unwiderruflich sein muss. Das einzige Mittel,
die Sünde zu besiegen, besteht in der Flucht vor deren Gefahren; und es ist
eine Torheit, darin erfolgreich sein zu wollen, wenn man bei der Gelegenheit
zum Bösen verweilt.
3. Sie soll streng sein. - Der hl. Zyprian hat folgende Regel aufgestellt:
"Poenitentia minor crimine non sit -
Die Buße soll nicht geringer sein als der Fehler" 11. Dies bekräftigt der hl. Hieronymus
mit folgenden Worten: "Necessaria
est poenitentia quae aut aequet crimina aut etiam superet... secundum
conscientiae molem, exhibenda est poenitentiae molem, exhibenda est
poenitentiae magnitudo - die Buße muss gleichgroß wie die Sünde sein oder sie
übertreffen, denn nach dem Gewicht der Gewissensbelastung muss sich das Ausmaß
der Buße bemessen" 12.
Ist das nicht gerecht und einleuchtend? Wenn wir nicht nur halbe Sünder
waren, könnten wir dann nur halbe Büßer sein?
Ach! Wollte uns Gott nach der strengen Gerechtigkeit behandeln, so könnte
kein menschlicher Fehler durch denjenigen gesühnt werden, der ihn begangen hat.
Auch hat er von seinem eigenen Sohn eine entsprechende Genugtuung für die
Sünden der Welt gefordert. Aber das dispensiert niemanden von einer seinem
persönlichen Fehler entsprechenden Buße. Ebenso haben die hl. Väter der Buße
die Bezeichnung einer mühsamen Taufe13,
einer schmerzlichen Geburt und eines Opfers der Gerechtigkeit gegeben14.
Gewiss konnte sich die Kirche der ersten Jahrhunderte nicht außerhalb der
wahren Moral verirren; sie, die öffentliche, sehr strenge und sehr lange Bußen
für gewisse gewichtigere und ärgerniserregende Sünden verhängt hat. Wenn sie
die Zeitumstände aus Klugheit und Güte die Strenge der äußerlichen Disziplin zu
mildern geführt hat, so will das nicht heißen, dass sich damit das Wesen der Buße geändert hat. In diesem
Punkt hat die Kirche keine Befugnis. Es ist eine sichere und unveränderliche
Wahrheit, dass die fruchtbare Buße dem Fehler entsprechen muß, wenngleich die
Kirche unter besonderen Umständen dieses Verhältnis mildern kann, indem sie aus
den überreichen Sühneleistungen Jesu Christi und der Heiligen schöpft.
* * *
Wenn wir natürlicherweise eine gewisse Abscheu vor Bußübungen empfinden, so
sollen wir wohl begreifen, dass ihre bitteren Früchte in Wirklichkeit voll Saft
sind 15. Mag die Sühneleistung für unsere
Fehler, die vielleicht durch den Beichtvater auferlegt wurde, auch noch so
streng sein, so sollen wir dennoch überzeugt sein, dass sie unvergleichlich
leichter ist als jene, die uns der oberste Richter auferlegen würde.
Übrigens ist jede Buße auf der Welt kurz wie unser Leben16. Verstehen wir es, keine Zeit zu
verlieren, und kaufen wir die schlecht verbrachte Zeit wieder zurück!
Denn es ist das Wunder der göttlichen Barmherzigkeit, die Bezahlung unserer
Schulden, die wir gegen seine Gerechtigkeit verursacht haben, verdienstvoll und
für eine ewige Belohnung würdig zu machen.
O heilsame Buße, die Gott mit einem heiligen Tod und einer ewigen
Glückseligkeit krönen wird!
GRÜNDONNERSTAG:
DIE EINSETZUNG DER
EUCHARISTIE1
Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine
Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die
Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur
Vollendung.
Jo 13,1.
Wie gut ist doch Jesus, der Erlöser! Wie unermesslich ist seine Liebe!
Nicht zufrieden damit, dass er sich durch die Menschwerdung zu unserem Bruder
gemacht hat und durch sein Leiden zu
unserem Erlöser, will er seine Liebe so steigern, dass er sich uns schenkt und
unser Sakrament des Lebens wird.
Oh, mit welcher Freude hat er dieses große und höchste Geschenk seiner
Liebe vorbereitet, mit welchem Glück hat er die Eucharistie eingesetzt und sie
uns als sein Testament vermacht!
Betrachten wir diese göttliche Weisheit bei der Vorbereitung dieses
anbetungswürdigen Sakramentes. Beten wir seine Macht an, die in diesem
erhabenen Geschenk seiner Liebe bis zum äußersten ging.
+++
I. Vorbereitung.
1. Jesus beschließt die Eucharistie. Trotz aller Hindernisse, die er
voraussieht, will er sie einsetzen; er wird das Opfer seiner eigenen Herrlichkeit
bringen und über die Undankbarkeit der Menschen triumphieren. Er will mehr
lieben, als er geliebt werden wird. Er wird jedem Menschen auf dem Weg der
Liebe vorausgehen und nachfolgen, er wird ihn überleben bis zum Ende der
Zeiten; er wird ihn mit dem Geist der Liebe umgeben. So wird dabei wenigstens
sein Herz beglückt. Der Mensch wird auch erfahren, wie tief er geliebt wurde,
und vielleicht wird er dies eines Tages anerkennen.
2. Jesus offenbart die Eucharistie. Er tut dies in einer verschleierten
Weise, die uns aber durch die überlieferte Lehre der Kirche einsichtig wird. Er
wird in Betlehem geboren; dieses Wort bedeutet "Haus des Brotes"; dort liegt er auf Stroh, deren Halme damals
den wahren Weizen der Auserwählten zu tragen schienen. Bei der Hochzeit zu Kana
spielt er auf die eucharistische Wesensverwandlung an. Bei der Brotvermehrung
in der Wüste deutet er die Vermehrung vom Brot der Liebe an.
3. Jesus verheißt die Eucharistie in den Reden von Kapharnaum. Es handelt
sich um ein öffentliches Versprechen vor der Volksmenge und den jüdischen
Autoritäten, die in der Synagoge versammelt waren. - Es ist ein ausdrückliches
Versprechen; aufgefordert, diese näher zu erklären, beruft er sich auf seine
göttliche Sendung und seinen göttlichen Ursprung; - es ist ferner ein
feierliches Versprechen, das er
mehrmals mit der Autorität eines Eides tut.
+++
Sobald die Stunde naht, seinen großen Plan durchzuführen, bereitet Jesus
alles selber vor; die Liebe wirft ihre Last auf niemand, sie tut alles selber;
darin besteht ihre Ehre.
Jesus hat die Stadt ausgewählt; es ist Jerusalem, der Ort der
altehrwürdigen Opfer im Tempel und des neuen Opfers auf dem Kalvarienberg; er
hat den hoch-gelegenen Teil der Stadt, den Berg Zion - ein Bild für den Himmel
- dafür bestimmt, und das Haus, welches der Abendmahlssaal werden sollte.
Er hat die Diener ausgesucht, welche den Saal des großen Festmahles
herrichten sollten: Petrus, der als erster die Wahrheit der Eucharistie bezeugt
hat; den Liebesjünger, welcher sich einsetzt und hergibt; sodann den
vielgeliebten Johannes, den Liebesjünger der empfängt; den Verkünder der Liebe,
der an der glühenden Brust des Meisters ruhen wird, den einzigen, der über die
Erhabenheit der Eucharistie schreiben wird.
Er fixierte die Stunde: es ist die letzte seines Lebens, über die er frei
verfügen kann.
Er setzt den Grundstoff fest, der konsekriert werden soll: ungesäuertes
Brot und natürlichen Wein, zwei von jeglicher Beimischung freie Elemente. O
Weizenkorn, o Rebenfrucht, welches Glück würdet ihr verkosten, hättet ihr die
Gabe des Verstandes! Als man euch zermahlen und gepresst hat, habt ihr
gelitten; aber wie groß wäre jetzt eure Freude, zu erfahren, dass eure Substanz
bestimmt ist, in den Leib und das Blut Jesu Christi verwandelt zu werden.
Schließlich geht Jesus von Bethanien in den Abendmahlssaal; er ist voll
Freude, sein Schritt ist beschleunigt, er möchte baldigst ankommen. Die Liebe
fliegt dem Opfer voraus.
+++
II. Die Einsetzung.
Die Stunde der Liebe hat geschlagen! Mit der letzten Feier des mosaischen
Pascha hat Jesus diesen symbolischen Ritus gesetzlich vollzogen. Das Ostern
Jesu Christi nimmt seinen Anfang. Das wahre L a m m wird das Symbol ersetzen.
Das wahre Brot des Lebens, das Himmelsbrot, das lebendige Brot wird das Manna
der Wüste ersetzen.
Alles steht bereit. Die Apostel sind rein. Der Meister hat ihnen eben als
Unterpfand ihrer vollständigen Reinigung die Füße gewaschen.
Jesus legt sich bescheiden mit seinen Aposteln rund um den Tisch. Das neue
Osterlamm darf nicht stehend, sondern soll in einer Ruhestellung, in der Ruhe
Gottes gegessen werden.
Instinktiv entsteht ein großes Schweigen. Die Apostel verfolgen aufmerksam
das Geschehen. Nichts entgeht ihnen. Der Abendmahlssaal bedeutet für sie der
Sinai der Liebe.
Jesus konzentriert sich auf sich selbst; er nimmt Brot in seine heiligen
und ehrwürdigen Hände, wie ein Künstler den Ton knetet, woraus sein Meisterwerk
hervorgehen wird. Er erhebt die Augen zum Himmel, um Gott die nun zu
vollziehende Tat anzubieten und sie ihm zu unterwerfen; er sagte seinem Vater
Dank für diese Stunde und für diese Wohltat; dann streckt er seine Hand aus und
segnet das Brot.
Die Apostel sind von Ehrfurcht durchdrungen. Keiner wagt das Wort zu ergreifen
und nach dem Warum dieser geheimnisvollen Gesten zu fragen. Sie hören Jesus zu,
der ihnen das Brot reichte mit den Worten: nehmt und esst, das ist mein Leib;
ebenso zeigte er ihnen, nachdem er ähnliche feierliche Gesten wiederholt hatte,
den Wein mit den Worten: nehmt und trinkt alle davon, das ist mein Blut.
Atemberaubende Worte, die mächtiger sind als das Fiat der Schöpfung und als
die Worte Mariens bei der Menschwerdung, mächtiger als das "surge" (steh' auf!), welches Jesus
Lazarus zurief, um ihn vom Tod ins Leben zurückzuholen.
Das Geheimnis der Liebe ist vollzogen! Jesus Christus hat sein Versprechen
eingelöst, er hat seine Liebe bis zum Äußersten verwirklicht. Es bleibt ihm
nichts mehr zu verschenken als sein sterbliches Leben am Kreuz, und dann nach
seiner Auferstehung die zeitlose Hostie der Menschen zu werden:
die Hostie der
Sühne,
die Hostie der
Kommunion,
die Hostie der
Anbetung;
denn er hat zu seinen Aposteln gesagt und ihnen angeordnet: Tut dies zu
meinem Andenken!
Der Himmel ist entzückt beim Anblick dieses Geheimnisses. Die Engel beten
es an und sind von Bewunderung
ergriffen. Und mit welchem Schauer der Wut werden die Dämonen
erschüttert!
Ja, Herr Jesus, alles ist vollbracht. Du hast dem Menschen nichts anderes mehr
zu geben als den Himmel. Jetzt kannst du sterben. Die Liebe hat dich auf Erden
verewigt. Du kannst in deinen herrlichen Himmel zurückkehren. Die Eucharistie
wird unser Himmel der Liebe sein.
O Abendmahlssaal, wo bist du? O geheiligter Tisch, der die hl. Eucharistie
trug! O göttlicher Feuerherd, den Jesus auf dem Berg Zion angezündet hat,
brenne, dehne deine Flamme aus! Komm, mich zu verzehren, oder bewirke, dass ich
ein Opfer des Lobes und der Dankbarkeit zur größeren Ehre der göttlichen
Eucharistie werde!
O heiliger Vater, du wirst stets die Erde lieben; sie besitzt Jesus
Christus. Du wirst weder Blitze noch Sintfluten anwenden, um sie zu züchtigen:
die Eucharistie ist unser Regenbogen des Friedens. Du wirst die Menschen
lieben, welche Jesus, dein Sohn, so geliebt hat.
+++
Das also ist die Eucharistie, das lebendige Gedächtnis Jesu Christi, das
erhabene Geschenk seiner Liebe, ER selbst.
Finden wir, dass er genug getan hat, um ein Recht auf unsere Dankbarkeit,
auf unsere Liebe und auf den Einsatz unseres ganzen Lebens zu haben?
Haben wir irgendeinen neuen Wunsch? Wenn seine Liebe im Hlst. Sakrament
nicht unser Herz gewinnt, ist Jesus Christus besiegt. Unsere Undankbarkeit wäre
größer als seine Liebe.
Aber nein, nützen wir vielmehr dieses unaussprechliche Geschenk! Bedenken
wir, dass Jesus, als er die Eucharistie einsetzte, alle zukünftigen Menschen,
die zur Kommunion gehen werden, gegenwärtig vor sich sah.
Er hat die Zahl der Hostien festgelegt, welche die Priester für einen jeden
einzelnen von uns konsekrieren sollten als Vorrat unserer Reise in den Himmel.
Sollten wir nicht hingehen und uns damit nähren?
O ja, mein Heiland, deine Liebe drängt mich, treibt mich, bindet mich. Ich
ergebe mich dem Glauben an deine göttlichen Worte. Ich will mich einsetzen für
deine Verherrlichung im Sakrament. Ich will kraft der Liebe dich meine
Undankbarkeit vergessen lassen. Ich will mir durch meine Hingabe vergeben
lassen, dass ich dich so spät geliebt habe. Deine Gnade wird den Rest besorgen.2
GRÜNDONNERSTAG:
DAS
TESTAMENT JESU CHRISTI1
Das ist der neue Bund
in meinem Blut.
Lk 22, 20.
Heute ist der schönste Tag im Leben unseres Herrn, weil er das schönste
aller Geheimnisse verwirklichen wird. Es ist der größte Tag seiner Liebe und
seiner Milde. Es ist mehr als das Geheimnis von morgen. Der Karfreitag hat nur
einen Tag gedauert, und die Schmerzen Jesu nahmen ein Ende. Der Gründonnerstag
bleibt immer erhalten, denn heute macht er sich zum Sakrament seiner selbst bis
zum Ende der Welt.
Betrachten wir die Eucharistie als sein Testament, um die Liebe unseres
Herrn gut zu verstehen.
+++
Jesus Christus ist Vater, er nannte seine Apostel "meine Kinder" 2,
"meine Kindlein" 3. Er weiß, dass er sterben wird und will
sein Testament machen.
Ein feierlicher Augenblick in einer Familie! Ein Vater übergibt das, was er
hat; er kann sich nicht selber schenken, er gehört sich ja nicht. Er äußert
seinen letzten Willen und macht seinen Kindern ein Vermächtnis.
Unser Herr wird sich selber schenken; er hat nichts anderes, nichts
Irdisches. Während seines Lebens besaß er nicht einmal einen Ort, wo er sich
ausruhen konnte. Auch die Juden wollten von ihm nichts wissen, er gab ja nichts
her. Wenn unser Herr Erbteile zu vergeben hätte, wie dies in der Welt
geschieht, so würden alle Christen werden. Aber es gibt im Gegenteil Christen,
die ihn verkaufen, um wenigstens den Gewinn ihrer Leidenschaften
herauszuschlagen.
Jesus hat auf dieser Welt auch keine Ehre zu verschenken; in seinem Leiden
wird man ihn zur Genüge demütigen. Die himmlische Ehre wird sich erst später
ereignen. Jene also, die sich von ihm materielle Güter erwarten, werden leer
ausgehen. Sein Kreuz, drei Nägel, seine Dornenkrone: dies ist sein irdisches
Erbe.
Und trotzdem will Jesus ein Testament machen. Womit? Mit sich selbst. Er
ist der Herr über seine heilige Menschheit; er schenkt sie uns wirklich,
beachtet dies gut: es handelt sich nicht um ein Darlehen, sondern um ein
Geschenk. - Zu diesem Zweck gibt er seine Beweglichkeit auf und wird wie ein
Gegenstand, der sich nicht mehr von sich selbst bewegen kann; er wird zum
unbeweglichen Gut der Menschen.
Wenn der Herr sich uns in Gestalt seiner Person schenken würde, handelte er
eher gegen seine Absicht, denn wir könnten ihn nicht als ganzen auf einmal
besitzen. Er wird sich also wie ein Gegenstand und in einer ihm fremden Gestalt
geben, den wir sehen und empfangen können, ohne eingeschüchtert noch gedemütigt
zu werden; und unsere Liebe wird ihn erkennen können. Er macht sich zum Brot.
Das ist die Eucharistie! Die Substanz des Brotes und jene des Weines werden
gewandelt in seinen Leib und sein Blut, die mit seiner Seele und mit seiner
Gottheit vereint sind. Von diesem Schatz sieht man nur die äußere
Erscheinungsform, die Hülle, welche ihn enthält. Man sieht ihn nicht, man hat
ihn.
Das ist unser Erbe! Nur jene ziehen einen Gewinn daraus, welche die
erforderlichen Bedingungen mitbringen. Die Nichtgetauften und jene, die sich
nicht im Stande der Gnade befinden, haben nicht das Recht, von ihm Gebrauch zu
machen. Wenn sie ihn trotzdem nehmen, so geschieht dies zu ihrem Unheil. Unser
Herr will sich allen schenken, aber nicht alle wollen ihn. Die Menschen können
dieses Vermächtnis annullieren.
+++
Bewundern wir die Erfindung der Liebe Jesu Christi, denn die Liebe ist
erfinderisch. Wer nicht überraschen kann, nicht schöpferisch ist, der liebt
nicht. Unser Herr hat sich mit dem Geschenk der Wahrheit, der Gnade und allen
Geheimnissen geoffenbart.
Aber was für eine Erfindung ist doch die Eucharistie! Wer hätte sie
vorausahnen können? Ach, sie stammt wirklich von ihm allein. Kein anderer als
er hatte sie erfunden. Nicht einmal die Engel.
Braucht eure Seele Brot? Ich werde dieses Brot sein. Und er starb
zufrieden, indem er uns Brot, und zwar gutes Brot hinterließ. Welch großer Trost
für sein Herz! So handelt ein Familienvater, der sein ganzes Leben lang
arbeitet, um beim Sterben seinen Kindern Brot zu hinterlassen. So geht der
Bauer vor, der vom ersten Pflügen an nichts als die Ähre anstrebt, welche seine
Familie ernähren wird. Isaak, ein Vorbild des Erlösers, hatte Jakob eine Fülle
von Brot und Wein hinter-lassen4.
Bewundern wir dieses Testament der Liebe Jesu, der uns nichts Größeres
geben konnte.
Es ist uns erlaubt, zum himmlischen Vater zu sagen: Machen wir einen
Tausch. Gib mir die Gnaden, die ich brauche, und ich bezahle dich mit Jesus
Christus, der mir gehört. Deine Gnaden und deine Ehre kommen nicht dem Wert
deines Sohnes gleich; er ist mein Gut, mein Bürge; ich kann mich seiner
bedienen für diesen göttlichen Handel. Ich habe gesündigt, aber ich besitze ein
Opfer von unendlichem Wert, das sich jeden Tag für mich opfert. Jesus Christus
hat Gewiss genug Sühne geleistet. Verzeih mir für ihn und durch ihn.
Und so kann man bei allen Gnaden vorgehen, selbst um den Himmel zu erlangen.
Man sagt üblicherweise, der Himmel sei eine einzige Barmherzigkeit. Ja, wenn es
um unsere persönlichen Verdienste geht. Aber mit unserem Herrn und durch ihn
bezahlen wir den Himmel. Hat er nicht gesagt: "Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich
werde ihn auferwecken am letzten Tag" 5,
auf dass er in den Besitz der himmlischen Herrlichkeit gelange?
Wenn wir unseren Schatz verstünden, könnten wir versucht sein, stolz zu
werden. Darum schenkt sich uns der Herr ganz demütig und gedemütigt, um uns vor
dieser Gefahr zu warnen.
Als die Sarazenen den hl. Ludwig in ihrer Gewalt hatten, besaßen sie ganz
Frankreich als Lösepreis. Wenn wir Jesus Christus besitzen, haben wir ein Pfand
für den Himmel.
Halten wir also diesen Gedanken fest. Lassen wir Jesus Christus Früchte
tragen! Die meisten Menschen begraben ihn, lassen ihn in seinem Schweißtuch und
nützen ihn nicht, den Himmel zu gewinnen und Gottes Reich zu erobern. Und sie
sind zahlreich! Nützen wir Jesus Christus für unsere Gebete und unsere
Sühne-Leistungen; zahlen wir mit Jesus Christus, er ist ein überreicher Preis.
+++
Aber wie kommt seit mehr als 1800 Jahren dieses Erbe auf mich? Wir sind
durch die Taufe alle zu unmündigen Kindern
geworden: „s i c u t m o d o
g e n i t i i n- f a n t e s -
gleichsam als neugeborene Kinder" 6.
Wir brauchen einen Vormund, der unser Erbe verwaltet.
Die Aufgabe des Vormundes ist das Verwahren des Erbes und es dem Erben zu
übergeben, sobald dieser volljährig geworden ist.
Nun sind es die Apostel und ihre Nachfolger, die unser christliches Erbe
verwaltet haben; an deren Spitze steht ein unfehlbares und unvergängliches
Oberhaupt. Sie haben es - gleichsam versiegelt unter den eucharistischen
Gestalten - den Priestern weitergegeben; diese haben aber die Vollmacht, das
Siegel zu brechen und das Erbe jedem einzelnen Gläubigen zu schenken.
Die Apostel haben sich die Welt aufgeteilt und das von Jesus Christus
vermachte Erbe überallhin verteilt. Ja, unser Erbe kommt vom Abendmahlssaal
her, und alle Hostien wurden im Gedanken unseres Herrn im voraus konsekriert.
Für ihn gibt es weder Vergangenheit noch Zukunft. Er kannte uns gewiß alle.
Grundsätzlich und ursächlich hat er uns allen unser Erbe geschenkt.
Ja, wir waren beim Abendmahl dabei. Jesus Christus hat uns nicht nur eine
Hostie bestimmt, sondern hundert, unzählige Hostien! Wie viel Grund, dankbar zu
sein! Denken wir daran? Oh, lassen wir keine Hostie unfruchtbar! Unser Herr
wollte uns im Übermaß lieben, unterlassen wir es nicht, die Hostien zu
empfangen, die er uns schenken wollte. Er kommt nur, um Früchte zu tragen. Und
wir sollten ihn unfruchtbar lassen? Nein, niemals! Lassen wir ihn aus sich
selbst Früchte tragen: N e g o t i a m
i n i d u m v e n i o7 - macht
Geschäfte damit, bis ich zurückkomme, bis zum Ende der Welt.
Wie gut ist doch der Heiland!
+++
Gegen acht Uhr abends hat unser Herr sein göttliches Sakrament eingesetzt.
Er hat drei Stunden im Abendmahlssaal verbracht. Das war das Leiden seiner
Liebe. Sehen wir ihn nochmals inmitten seiner Apostel; hören und empfangen wir
diese Werte höchsten Ranges! Bewundern wir ihn bei seiner Tat! Er hat sich
geschenkt und kann sich nicht wieder zurücknehmen. Er gehört sich nicht mehr
selbst, sondern uns. Es bleibt ihm nur noch, von den Qualen seines Leidens
aufgerieben zu werden, so wie der Weizen gemahlen wird, um gegessen zu werden.
Wieviel hat ihn also das Brot gekostet, das er uns gibt! Man sagt: das Brot
ist teuer. Aber was bedeutet dies im Vergleich zum himmlischen Brot? Dieses
Brot hat wahrhaft viel gekostet!
Essen wir es! Er reicht es uns; wir brauchen nur zugreifen. Ach, welches
Glück! Welche Liebe!
Warten wir nicht, den Herrn zu verstehen, bis es zu spät ist, uns seiner zu
bedienen. Die Eucharistie sei unser Weg und unser Leben!
KARFREITAG:
DIE
LIEBE JESU CHRISTI1
Ich gebe mein
Leben hin
für meine Schafe.
Jo 10,15
Ohne den Tod unseres Herrn könnten wir an seiner Liebe zweifeln, denn sogar
die Eucharistie war an diesen Tod gebunden, gleichsam als Bedingung ihrer
Wahrhaftigkeit.
Jede Liebe muss sich durch das Leiden, durch die Hinopferung und den Tod
bestätigen.
Gott ist gut; aber wer hätte es gewagt zu glauben, dass er uns liebte; denn
der Gedanken der Liebe schließt den Gedanken oder die persönliche Hingabe, die
bis zur Hingabe des Lebens gehen kann, mit ein. Wer hätte es nun gewagt zu
glauben, dass uns Gott in diesem Ausmaß lieben könnte? Das Geschenk beweist die
Güte, aber die Hingabe seines Selbst beweist die Liebe.
Wieweit hat uns der Herr geliebt?
Zwei Gedanken sollen uns helfen, dies zu begreifen.
So groß war die Liebe unseres Herrn zu uns, dass es ihn gedrängt und in
gewisser Weise genötigt hat:
1. seine
Herrlichkeit für uns zu opfern;
2. sein Leben im
Leiden für uns hinzugeben.
+++
I. Das Opfer seiner Herrlichkeit.
Als das Wort Fleisch geworden war, bezweckte es ein dreifaches: uns seine
Liebe durch die Verschleierung zu zeigen, damit wir uns vor ihm nicht zu fürchten
brauchen[1], uns über
die wahre Herrlichkeit zu belehren; alle unsere Sünden des Stolzes zu sühnen.
Das können wir aus der Passion herauslesen.
1. In Gethsemani scheint Jesus keine Charakterstärke mehr zu haben; er wird
wegen des scheinbaren Ausfalles dieser Kraft gedemütigt. Er kann nicht mehr; er
ruft seine drei Apostel zu Hilfe. Er ist bis zum Tode betrübt. "Vater, lass diesen Kelch an mir vorübergehen."
Sein Geist ist von der Ohnmacht getroffen, sein Herz versagt; er vermag nichts
anderes mehr, als immer die gleichen Worte zu wiederholen. Seine Energie lässt
ihn so im Stich, dass er Blut schwitzt und zur Erde fällt. Wer ihn in diesem
Zustand gesehen hätte, würde überrascht gewesen sein. Das soll der Allmächtige
sein? die kraftvollen Temperamente sind ungehalten: Nun denn, wirklich? Dies
soll der starke Gott sein? Wie gedemütigt wurde doch unser Herr! Ein Engel
kommt ihm zum Troste. Dann rafft er sich wieder auf; drei-mall nimmt er sich
zusammen, ebenso oft überkommt ihn der Schmerz. Er schenkt sich seinem Vater:
"Dein Wille geschehe, nicht der
meine."
Tut genauso wie er! Er wollte uns ermutigen, in gleichen Situationen wie
die seine unser Vorbild und unser Begleiter zu sein; er wollte uns in unseren
Demütigungen während unserer Gebete und Kommunionen trösten.
2. Aber über diese privaten Demütigungen hinaus wollte unser Herr
öffentlich gedemütigt werden. Er hatte gesagt: fiat, und er blieb dabei bis zum
Ende, ohne zurückzuweichen.
In Jerusalem wurde Jesus von seiten der jüdischen Religionsoberhäupter, den
sichtbaren gesetzlichen Obrigkeiten, gedemütigt. Die Verachtung durch die
Heiden ist eine viel geringere Beleidigung; das ist mehr Sache des Gefühls als
des Verstandes. Hier scheint alles durch die Autorität der Priester, die ihn
verurteilen, gegen Jesus zu sein.
Bei Hannas liefert man ihn den Beschimpfungen und Verspottungen der
Schergen aus; er trägt immer noch die Stricke, mit denen er im Ölgarten
gebunden wurde. Wie leidet er, wo er doch als Messias begrüßt wurde, jetzt zu
einem Verbrecher zu werden. Seine vom Vater gewollten Bande sind in der Tat
sein Schmuck; er wird sie als Erbe zurücklassen; die Märtyrer und
Glaubensbekenner werden sich mit ihnen schmücken.
Bei Kaiaphas ist der ganze Hohe Rat versammelt. Die Weisen, die Gesetzeslehrer
erwarten ihn mit einem Haß, der ihre Feuerblicke verriet. Die falschen,
bezahlten Zeugen sind auch zugegen. Aber Jesus antwortet nichts - er nimmt die
Verleumdungen an, um sich noch tiefer zu demütigen - bis zum Augenblick, wo der
Hohepriester ihn beschwört, im Namen des lebendigen Gottes zu reden. Jetzt wird
Jesus durch diesen religiösen Beweggrund gedrängt und gibt zur Antwort, dass er
Christus, der Sohn des gebenedeiten Gottes ist, und fügt hinzu: "Ich erkläre euch: ihr werdet eines Tages den
Menschensohn zur Rechten der göttlichen Macht sitzen und auf den Wolken des
Himmels kommen sehen" 3.
Bei dieser so eindeutigen Erklärung und barmherzigen Drohung fallen die
Mitglieder des Hohen Rates nicht zu Boden wie die Soldaten in Gethsemani. Der Hohepriester
schreit: er hat Gott gelästert, was dünkt euch? Und alle antworten: er verdient
den Tod.
Jesus schweigt wieder; er begnügt sich mit der Feststellung der Wahrheit.
Es gibt Situationen, in denen man reden muss; ein anderesmal wieder ist es besser
zu schweigen.
Wie konnten die Priester in diese Übersteigerung hineingeraten, Jesus zu
verurteilen? Sie kannten doch seine Unschuld. Erinnert euch, dass die
Religionsdiener schlimmer als der Dämon sind, wenn sie den Weg des Bösen
beschritten haben. Sie haben eine doppelte Gewalt: jene des gewöhnlichen
Menschen und jene des religiösen Menschen, der seine Vollmacht missbraucht hat.
Auch der Priester, der Ordensmann und der fromme Laie, die sich dem Bösen
zuwenden, bedienen sich wie Luzifer ihres besonderen Wissens und ihrer
ausgedehnteren Kenntnisse, um die Guten zu verfolgen. Ach, erzittert, wenn die
Revolution ausbricht, oder wenn ihr einem Seraph begegnet, der zum Henker
geworden ist!
Für den Rest der Nacht ist Jesus noch den Misshandlungen durch die Schergen
ausgesetzt, die ihn in einen Kerker werfen. Er wirkt kein Wunder, sich zu
befreien. Er trinkt den Kelch der Demütigungen bis zur Neige. So hat er nun bei
seinen Landsleuten und allen Frommen jener Zeit das Ansehen eingebüßt. Ein Jude
hätte nicht mehr als Jude gegolten, wenn er nicht Jesus verspottet hätte.
Bei Pilatus wird er nicht in seiner Eigenschaft als Sohn Gottes
angegriffen, sondern wegen seines Königstitels. Alle klagen ihn an. Niemand
verteidigt ihn. Vor sechs Tagen jubelte man ihm zu. Jetzt, wo er ein Gefangener
ist und durch den Hohen Rat als Missetäter verurteilt worden ist, wagt es
niemand, sich für ihn einzusetzen. - Solange ihr glücklich seid, werdet ihr
zahlreiche Freunde haben; sobald sich aber der Horizont mit Wolken bedeckt, werden
ihr allein dastehen4. So ist
die Welt. Die Not schüchtern die Freunde ein, schwächt sie und lässt sie sogar
zu Spöttern werden. Welche Komödie!
Auch hier verteidigt Jesus nur die Wahrheit; aber niemals seine Person. Dem
Pilatus, der ein Recht hat, ihn zu befragen, antwortet er: Ich bin ein König;
ich bin dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege5. Aber er verteidigt sich nicht, sobald
man aus ihm einen lächerlichen König macht, der als Diadem eine Dornenkrone,
als Mantel einen Soldatenumwurf und als Zepter ein Schilfrohr trägt. Und
Pilatus zeigt ihn so der Volksmenge: "Seht
euren König; was wollt ihr, dass ich mit ihm tun solle?" Konnte er
noch mehr verachtet werden? Auch das Volk antwortet: "Weg mit ihm, lass
den Barabbas frei!" 6 Dann
wäscht sich Pilatus die Hände. Der Elende! Er lässt sich hinreißen zum
Beschluss des Verbrechens, weil die Volksmenge danach schreit. Und wo bleibt
das Recht, die Gerechtigkeit? Er hatte Angst anstatt Recht und Gerechtigkeit zu
verteidigen. Aber ein staatliches Oberhaupt darf nicht zum Idol erhoben werden.
Es muss sich für die Rechte seiner Untertanen einsetzen und gegebenenfalls für
sie sein Leben lassen.
Vor Herodes wird Jesus in seiner Geistesverfassung gedemütigt. Das ist das
härteste Leiden. Er, der Meister, der Gelehrte, wird zu einem Narren
gestempelt. Herodes, dieser Monarch und Philosoph, der von seinem Wissen
eingenommen ist, vermag nicht zu schweigen und stellt Jesus eine Menge Fragen.
Aber Jesus gibt keine Antwort. Herodes wundert und empört sich. Solche Leute
bilden sich ein, Götter zu sein und über die anderen volle Gewalt zu besitzen.
Das Schweigen war die einzige Antwort, welche die unbesonnenen Fragen dieses
stolzen Menschen verdienten. - Auch Herodias spielte eine Rolle. Welche Blicke
ironischer Verachtung warf sie doch Jesus zu, vor allem, als ihm Herodes ein
weißes Kleid wie einem Verrückten anziehen ließ. In dieser Aufmachung wird
Jesus zu Pilatus zurückgeschickt. Welche Demütigung für jenen, der die
unendliche Weisheit ist!
So ergeht es auch den wahren Christen. In den Augen jener, die keinen
Glauben haben, gelten sie als Verrückte. Was soll man tun? Durch unser Leben
nach dem Evangelium und unser Schweigen nach dem Beispiel Jesu sollen wir das
Kleid des Törichten anlegen und der Torheit des Kreuzes die Treue halten.
3. Jesus, sowohl von den religiösen als auch von den politischen
Obrigkeiten zum Gotteslästerer und Aufrührer erklärt, wird zum Kreuzestod
verurteilt.
Es gibt ehrenvolle Todesstrafen. Das Schafott bildete für viele seiner
Opfer einen Thron; und die Märtyrer gingen als Todgeweihte der Ehre entgegen.
Der Beweggrund wird zur Ehre der Folterung.
Unser Herr wird als Entehrter sterben; bis zum Tod wird er gedemütigt. Die
Kreuzigung wurde von den Römern bei den Sklaven als Todesstrafe angewandt. Aber
jede Gesellschaftsschicht oder soziale Klasse hat ein Recht auf ihre eigene Art
von Todesstrafe; ein Soldat will nicht wie ein Dieb zugrundegehen. Der hl.
Paulus widersetzte sich der Geißelungsstrafe, die man über ihn verhängen will,
indem er sich auf sein römisches Bürgerrecht berief. Unser Herr wird diesen
Vorteil nicht genießen. Er wird bestraft wie der letzte der Sklaven, er wird
zwischen zwei Räubern gekreuzigt werden, als ob er ihr Anführer wäre; er selbst
hat sein Todes-Werkzeug getragen; auf dem Kalvarienberg hat man ihn seiner
Kleider beraubt, und dies vor den Augen der Volksmenge. Die Hohenpriester
schämten sich nicht, ihre Verhöhnung soweit zu treiben! Nein, niemals hat man
ein Volk gesehen, das einen sterbenden und bereuenden Verbrecher entehrt hätte.
Und der Himmel schweigt!
Schließlich wird Jesus wie ein gewöhnlicher Leichnam ins Grab gelegt, um
scheinbar die ehrlose Strafe der Verwesung zu erleiden, welche über den
sündigen Adam verhängt worden war.
Auf diese Art wollte die Liebe unseres Herrn unsere Fehler der Hoffart
wieder gutmachen. Jetzt wissen wir, was der Stolz bedeutet. Er sieht aus, als wäre er gar nichts. Seht, was er mit
unserem Herrn gemacht hat. Nehmt euch wohl in acht davor! Er schleicht sich
überall und in alles ein. Deshalb hat sich unser Herr durch das Opfer seiner
ganzen Herrlichkeit in seiner Eigenschaft als Mensch, als Mann in der
Öffentlichkeit, als Messias und König verdemütigt.
II. Hingabe seines Lebens im Leiden.
Die Liebe wollte überdies, dass unser Herr für uns leide, bis er dem Tod
erlag. Weil diese Liebe unendlich war, waren es auch seine Leiden, denn sie
sind der Liebe ebenbürtig. Bedenken wir, dass der Leib unseres Herrn, welcher
durch den Hl. Geist geformt worden war, eine Kraft und gleichzeitig ein
Feingefühl und eine Empfindlichkeit besaß, die es ihm ermöglichten, soviel wie
möglich zu leiden7.
Erinnern wir uns andererseits, dass jede schwere Sünde alle Qualen der Hölle
verdient. Nun wollte unser Herr für alle schweren Sünden leiden, nicht, indem
er seine Würde ins Treffen führte, welche der geringsten seiner Handlungen eine
hinreichende Sühnekraft für alle Sünden der Welt verlieh, sondern indem er
unerbittlich für jede einzelne Sünde bezahlte.
Folgen wir ihm in den Einzelheiten seines Leidens.
Im Ölgarten erleidet er eine Traurigkeit bis zum Tod; wenn sie einen
bestimmten Stärkegrad erreicht, kann sie zum plötzlichen Tod führen. - Und
unser Herr hat alle Traurigkeiten erduldet, um sie zu heiligen. Wie zahlreich
und tief sind sie gewesen, dass er sich trotz seiner Kraft und trotz seiner
Liebe beklagt hat! - Und er fand keinen Tröster, um uns zu zeigen, dass wir
keinen anderen Tröster als ihn brauchen.
Im Gerichtssaal dringt die Dornenkrone in sein Haupt ein; sein Gesicht ist
bedeckt mit Speichel und triefendem Blut; seine Augen sehen ringsum nur Feinde.
Welche Tortur! Es würde noch erträglich gewesen sein, wenn er gleichgültigen
Blicken begegnet wäre. Aber nein, nur Augen mit dem Feuer des Hasses geladen.
Das ist unerträglich! - Zusätzlich schlagen Ohrfeigen sein Angesicht blau. Sein
so schönes Antlitz hat kein menschliches Aussehen mehr. Man wagt es nicht mehr,
ihn anzusehen: er nimmt den Hass und die Abscheulichkeit aller unserer Sünden
auf sich.
Sobald man ihn auf dem Kalvarienberg kreuzigt, zerreißen die Nägel seine
Nerven und treiben seine Muskeln auseinander. - Stellt euch den Schmerz eines
gequetschten Nervs oder eines zerrissenen Muskels vor. - Sein ganzer Körper ist
durch die eingeschlagenen Eisenzacken der Peitschen verwundet und er windet
sich in fürchterlichen Qualen. Durch das unstillbare Vergießen seines Blutes wird
er vom Durst gemartert. S i t i o - mich dürstet! Man bietet ihm Essig an;
nicht einmal ein wenig Wasser, wie man es einem verdurstenden Tier gibt. Nein,
niemand hat Mitleid mit ihm. Nicht einmal sein Vater: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
Wenn man innerlich getröstet wird, kann man durch Flammen gehen. Betrachtet
den hl. Laurentius. Das innere Feuer der Liebe zu Christus läßt ihn der Glut
trotzen 8 . Bei unserem Herrn
ereignet sich alles in Trostlosigkeit und gänzlicher Verlassenheit.
Die Gegenwart seiner Mutter verursacht ihm Schmerzen anstatt Trost. Er
weiß, dass er der Grund ihres Martyriums ist, weil er sie in die Erlösung
miteinbeziehen wollte; er liest in ihrer Seele, dass sie mit ihm sterben
möchte; aber er gibt sie dem Apostel Johannes zur Mutter und über Johannes
seinen Freunden, die zu Füßen des Kreuzes beisammen waren, und ebenfalls allen
jenen, die an ihn glauben werden.
Schließlich rinnen zur Stunde, die von seinem Vater festgesetzt wurde, die
letzten Tropfen Blut aus seinen Adern; er haucht sein Leben aus und kauft uns
los.
+++
In seinem Kommentar zum Text des hl. Paulus: "Er hat mich geliebt und sich für mich hingegeben" bekräftigt
der hl. Chrysostomus, dass Jesus Christus auch für einen einzigen Schuldigen auf
der Welt gestorben wäre, und dass er für jeden einzelnen von uns das gelitten
hat, was er für alle gelitten hat9. Das
scheint eine Übertreibung zu sein. Aber nein, Jesus Christus hat uns bis zur
Verrücktheit geliebt. Schon der Gedanken daran bringt jemand vor Verwunderung
von Sinnen. Man begreift die Überschwänglichkeit der Heiligen: sie haben recht.
Was ist eine Wissenschaft über
Jesus Christus, die uns
nicht mitreißt? "E
m p t i e s t i s p r e t i o
m a g n o, ihr seid um einen hohen Lösepreis freigekauft worden"
10. Ihr seid ebensoviel wert wie Gott,
wie Jesus Christus. So teuer ist ein Christ! Und ihr möchtet beim Anblick Jesu
Christi gleichgültig sein und ihn links liegen lassen?
Sobald euch die Leidenschaften überfallen, sollt ihr euch sagen: werdet ihr
mir gleichviel geben wie Jesus Christus? Seht, wie sich der Teufel Mühe gibt,
um euch zu verdammen. Wären wir nichts wert, ließe er uns sicher in Ruhe. Aber
der Dämon will Jesus Christus in uns töten, um seine Niederlage auf dem Kalvarienberg
zu rächen. Er meint, dass seine Qual und jene der ganzen Hölle nicht zuviel
ist, um Erfolg zu haben. Wundert euch nicht über sein Drängen: ihr seid ein
zweiter Jesus Christus11.
Oh! Lieben wir also unseren Herrn! Unser größter Schmerz soll es sein, dass
wir ihn nicht genug geliebt haben. Wir müssen die Sünden beweinen, aber das ist
noch nicht alles. Wir müssen unserem Herrn folgen und für ihn Großes leisten.
Auch wenn man erst spät in sich geht und sich bekehrt, bedauert man weniger die
eigenen Sünden als vielmehr die verlorene Zeit, ohne ihn geliebt zu haben12.
Lebt also für unseren Herrn! Wandelt in seiner Nachfolge! Beeilt euch,
selbst wenn ihr für ihn leiden solltet, um zur Stunde der Verherrlichung Gottes
zu gelangen.
KARFREITAG:
DIE
WORTE JESU AM
KREUZ1
Bewaffnet mit Glauben und Liebe lasst uns auf den Kalvarienberg steigen. Ohne
uns bei den Begebenheiten während der Kreuzigung aufzuhalten, schließen wir uns
Maria, dem Apostel Johannes und Magdalena an, um Jesus zu betrachten, oder
besser, um seine göttlichen Worte aufzunehmen und darüber nachzudenken. Hier
wird er sich als der Vermittler der Menschheit, als höchster Richter der
Lebenden und Toten und als der Gründer der Kirche offenbaren, der für die
Zukunft seines Werkes Vorsorge trifft.
+++
Das ist also Jesus mit vier2 Nägeln
ans Kreuz geheftet. Es ist jener Jesus, der im Himmel zur Rechten des Vaters
sitzt; er, den die Engel erzitternd beim Anblick seiner Majestät anbeten; er,
der herumzog und Gutes tat - welcher Lohn für seine Güte! - Es ist Jesus, der
Wunder wirkte, den die Vorüberziehenden und die Hohenpriester beschimpften mit
den Worten: Du hast die anderen gerettet; so rette dich doch selbst! Wenn du
der Sohn Gottes bist, so steig doch herab vom Kreuz, dann werden wir deine
Jünger werden3.
Aber der anbetungswürdige Erlöser, der zwischen Himmel und Erde hing, ist nur
darauf bedacht, seine große Vermittlerrolle zwischen Gott und den Menschen zu
erfüllen. Er hat die Arme ausgespannt, um alle Sünder aufzunehmen; er erhebt
die Augen zum Himmel, er fleht um Gnade und Barmherzigkeit und spricht: "Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht,
was sie tun."
Dies ist eine in der Geschichte der Menschheit bis dahin absolut unerhörte
Tatsache. Jesus betet für seine Henker, mehr noch, für seine Feinde, während
diese nicht aufhören, gegen ihn schreckliche Gotteslästerungen auszustoßen.
Aber es war auch die Fürsprache, die nur der höchste Hohepriester an Gott zu
richten vermochte, wie der hl. Paulus es beschrieben hat: "Ein solcher Hohepriester war für uns in der
Tat notwendig, einer, der heilig ist, unschuldig, makellos, abgesondert von den
Sündern und erhöht über die Himmel... aber mitfühlen konnte mit unserer
Schwäche und für die Unwissenden und Irrenden Verständnis aufbrachte... Als er auf Erden lebte, hat er mit lauten
Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus den
Tod retten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden; zur
Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen
Heiles geworden" 4.
Jesus, der am Kreuze betete, ist der oberste Priester, der öffentlich seine
Rolle als ewiger Hohepriester antrat; der stets lebendig bis zum Ende der Welt
zu unseren Gunsten eintritt.
+++
Neben Jesus wurden zwei Missetäter gekreuzigt; Jesaia hatte vorausgesagt,
dass er zu den Verbrechern gezählt werden würde 5.
Der eine von ihnen ist erstaunt und betroffen über den Kontrast, den Jesus
darstellt. Dieser Hingerichtete, den man nicht einfach ans Kreuz gebunden
hatte, ist Gegenstand eines Hasses, der an heftigen Verwünschungen alle
übertrifft; trotzdem zeigt er eine unverständliche Geduld und Güte; soeben hat
er sogar für seine Henker um Vergebung gebeten. Nein, dieser Mensch ist kein
Übeltäter; - er, der Räuber, zählt sich zu den Leuten dieser Sorte - aber
dieser Mensch ist gerecht; er ist davon
überzeugt und will dies in
Anwesenheit aller, die sich auf dem Kalvarienberg befanden, aussprechen. Er
weist seinen Kameraden, der sich den Beschimpfungen und Gotteslästerungen der
Juden angeschlossen hatte, zurecht und sagt zu ihm: Wie kannst du es wagen,
diesen Gerechten, der zwischen uns hängt, zu beschimpfen? Wenn wir leiden, so
haben wir es verdient, aber dieser? Welches Übel hat er denn begangen? Dann
denkt er daran, dass Jesus, während er betete, die Augen zum Himmel erhob und
sich an jemand wandte, den er seinen Vater nannte. Wer könnte wohl dieser Jesus
sein? Sicher mehr als ein menschliches Wesen... wer weiß? Und er sagt zu Jesus
mit Worten, die seine Ehrfurcht und sein Vertrauen bekunden: "Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich
kommst" 6.
Das Herz Jesu wurde tief gerührt durch diesen heroischen Glaubensakt und
das demütige Gebet des guten Schächers. Bis jetzt hat er nur das Schweigen
gebrochen zugunsten seiner Feinde. Selbst seine Mutter und Johannes, sein
vielgeliebter Jünger, hatten bis dahin von seiten des Erlösers noch kein
Zeichen der Liebe erhalten, obwohl sie ihm mit soviel Ausdauer gefolgt waren.
Aber kaum hatte der reumütige Schächer sein Wort an Jesus gerichtet, wendet
sich Jesus ihm zu; seine fast erloschenen Augen beleben sich wieder und ruhen voll
Milde auf diesem Verbrecher, der sein Anwalt und Apostel geworden war, und
sagte zu ihm: "Wahrlich, ich sage
dir: heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein" 7.
Heute. Also keine lange Sühne für sein schuldiggewordenes
Leben.
Im Paradiese; mit mir. Also das vollendete Glück; sogar dort, wo sich Jesus
befindet, in seinem Reich.
Wer ist aber dieser Gekreuzigte, der unter Eidesleistung ein solches Urteil
ausspricht? Ist er also doch der Herr des Himmels, da er ja dessen Besitz
zusichert?
Ja, dieser Gekreuzigte ist jener, den der Vater als Richter eingesetzt hat
über die Lebenden und die Toten. Bereits am Kreuz spricht er wie von seinem
Gerichtssaal aus Urteile über Leben und Tod aus. Seht den bösen Schächer, der
mit Gotteslästerungen fortfährt, seine Hoffnungslosigkeit auszustoßen. Auch er
hätte Jesus um Gnade bitten können. Aber nichts, der Unglückliche bleibt
hartnäckig in seiner schuldbaren Haltung. Ach, denjenigen, den er nicht als sterbenden Erlöser, als einen
Vater, der ihm seine Vergebung angeboten hat, anerkennen wollte, wird er bald -
gleich nach seinem Verscheiden - als höchsten Richter wiederfinden; dieser wird
gegen ihn das Urteil der ewigen Verwerfung aussprechen.
+++
Der Todeskampf geht dem Ende zu, und der Meister weiß, dass sein Tod die
von ihm gegründete Kirche der sichtbaren Gegenwart ihres Oberhauptes beraubt.
Aber er denkt daran, mit einem vorzüglichen und kostbaren Ersatz vorzusorgen:
er wird Maria zur Mutter aller Glieder seines mystischen Leibes machen.
Jesus hatte sich aller Dinge entäußert, selbst des Eigentums seines
geheiligten Leibes, da er durch die Einsetzung der Eucharistie und des
Priestertums den Aposteln und allen Priestern die Vollmacht erteilt hatte, über
ihn bis zum Ende der Welt für das Wohl der Seelen zu verfügen. Aber als wahrer
und guter Sohn hatte er sich bis zum letzten Atemzug seine Mutter vorbehalten.
Oh, er weiß, wie viel Maria im Laufe der Passion gelitten hat. Sie wollte ihm
überall folgen und ihr Kreuz tragen; aber haben nicht jene, die sie kannten,
auch sie mit Verachtung behandelt, anstatt ihr das Mitgefühl auszudrücken?
Seht, das ist die Mutter dieses Gotteslästerers und dieses Volksverführers! Zu
Füßen des Kreuzes erreicht das Martyrium Mariens seinen Höhepunkt. Das Leiden
und die Liebe würden genügen, sie sterben zu lassen. Aber sie sieht ein, dass
dies nicht der Wille ihres Sohnes ist.
Jesus hatte zu ihr bis jetzt noch kein Wort gesagt; er hat für seine Henker
gebetet, er hat den guten Schächer getröstet; seiner Mutter, die vom Schmerz
gebrochen war, hat er die Prüfung eines langen Schweigens vorbehalten.
Der Grund dafür war, dass er zuerst Vermittler und dann erst Sohn war; er
musste auch seinen Sieg durch das Kreuz bestätigen, als er dem bekehrten
Missetäter den Himmel versprach, bevor er die Früchte der Erlösung sicherstellen konnte. Dies ist nun
geschehen.
Nun kann sich die Kirche festsetzen. Sie ist zu Füßen des Kreuzes
zusammengefasst. Der Apostel Johannes, welcher im Abendmahlssaal zum Priester
und Bischof geweiht worden war, stellt die Hierarchie dar. Es befindet sich
dort auch die Gruppe der Frauen und auch Magdalena, die bekehrte Sünderin. In
der Zuschauermenge erkennt Jesus jene, die noch unbußfertig sind, aber bald die
Eroberungen der Gnade sein werden. Wird er nicht sehen, wie sich die Volksmenge
vom Kalvarienberg entfernt indem sie sich an die Brust schlägt? Und wird ihm
nicht der Hauptmann öffentliche Abbitte leisten?
Dann senkte er sein Haupt; seine Augen suchen seine Mutter; ihre Blicke
treffen sich mit Zartheit. Welcher Abschied! Maria ahnt, dass ihr Jesus noch etwas sagen will. Sie hört ... Was wird
er ihr in diesem letzten Gespräch wohl sagen? Frau, sagt er mit einem hinweisenden
Blick auf den Apostel Johannes, siehe da deinen Sohn! Dann richtet er sich an
seinen vielgeliebten Jünger und fügt hinzu: siehe da, deine Mutter! 8.
Die katholische Tradition sah in der Person des Johannes die gesamte
Menschheit oder wenigstens die Christen, welche durch die Taufe aus Jesus
Christus geboren werden. Das heißt, er wollte uns sagen: tröstet euch wegen
meines Todes; hier ist meine Mutter, ich überlasse sie euch, damit sie eure
Mutter auf Erden sei; im Himmel werde ich sie zur Königin machen. Ich gebe sie
euch und mit ihr alle Vollmacht über mein Herz, denn sie wird über mich im
Himmel alle Macht besitzen. Liebt sie, wie ich sie geliebt habe; ehrt sie,
hängt ihr herzlich an als wahre Söhne!
Maria musste gewiss über den Austausch leiden, den ihr gewissermaßen ihr
Sohn auferlegt hat. Ja, was denn! Mutter aller Menschen, Mutter der Sünder
werden! Mutter der Henker, denen sie ins Auge sehen musste! Ein stechendes Wort
für ihr so mildes Herz, eine schmerzliche Aufgabe für ihr so reines Herz! Aber
mit ihrer Kraft und Glückseligkeit im Opfer richtet sie schweigend ihren Blick
auf Jesus, der darin die ganze Glut ihres großzügigen Fiat liest.
Das Evangelium berichtet, dass von jenem Augenblick an der Apostel Johannes
Maria zu sich nahm. Oh! Ahmen wir dieses Beispiel des ältesten Sohnes Marias
recht nach. Nehmen wir sie in unser Herz auf. Nichts wiegt für eine Mutter die
Liebe auf. Wer seine Mutter nicht mehr liebt, ist unfähig, noch etwas anderes
zu lieben; diese Liebe überlebt, wenn alles andere erloschen ist. Lieben wir
also Maria aus ganzem Herzen; diese Liebe wird uns retten.
+++
Nach der Erfüllung dieser Pflicht gegen die Kirche wird Jesus Christus die
Erlösung vollenden und das letzte Siegel draufsetzen.
Hört ihn zuerst, sich bei seinem Vater beklagen: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" 9 - Man hätte seine Geduld für ein Wunder
seiner Macht oder für einen Zustand von Unempfindlichkeit halten können; das
würde aber einer Beleidigung seiner Liebe gleichkommen. Dann belehrt eine
zerreißende Klage mit lauter Stimme die Welt über die Heftigkeit seines
Schmerzes, seiner Traurigkeit in der Verlassenheit von Gott, den er nicht
seinen Vater nennt.
Prophetische Worte des Königs David 10
, der Gott anrief, weil er auf ihn vertraute, und dessen Worte unser Herr auf
sich selbst anwandte.
Tröstende Worte! Dieselbe Prüfung kann auch uns treffen. Wie Jesus und mit
ihm lasst uns Gott unsere Bedrängnis und unser Vertrauen laut entgegenrufen!
Ein anderer Beweis fürchterlicher Schmerzen war die Klage über den Durst,
der ihn plagte. Aber auch hier wollte er die Prophetie, welche diesbezüglich
ausgesprochen worden war11,
erfüllen. Er sagt: "Mich dürstet".
Was er wünschte, war nicht seinen Durst zu löschen, er taucht einmal seine
Lippen in das essige Getränk, das ihm, wie es üblich war, ein Soldat anbot. Der
Durst, von dem er sprach, den Trank, den er anstrebte, war derjenige, den er
die Samariterin zu ersehnen bat; der hl. Augustinus sagt13, dass es der Glaube dieser Frau war,
wonach er dürstete. Ebenso ließ ihn sein Durst danach sehnen, in den Herzen
aller Menschen den Glauben und die
Liebe anzutreffen, die aus der lebendigen Quelle der Gnade sprudelt.
Aber siehe, der Himmel bedeckt sich mit dunklen Wolken wie mit einem
Leichentuch; die Sonne verliert ihren Glanz und scheint zu erlöschen. Tiefe
Dunkelheit drückt nicht nur über Jerusalem, sondern auf der ganzen Erde. Die
Natur fröstelt. Mitten auf dem Areopag in Athen spricht eines seiner Mitglieder
diesen Orakelspruch aus: entweder leidet der Gott der Natur oder die Welt geht
unter14.
Der zweite Todeskampf geht dem Ende zu; er dauert seit drei langen Stunden,
wie jener auf dem Ölberg. Der göttliche Gekreuzigte kann sich bestätigen, dass
er in seiner Sendung nichts unterlassen hat; so erklärt er, dass "alles vollbracht ist" 15;
und gleich anschließend fügt er hinzu: "Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist" 16. Und er stößt einen lauten Schrei aus
und stirbt.
+++
In diesem Augenblick zittert die Erde, die Gräber öffnen sich, der Vorhang
des Tempels zerreißt in zwei Teile von oben nach unten. Der Tod ist besiegt,
die jüdische Religion ist aufgehoben, die Gerechtigkeit Gottes ist versöhnt.
Die Welt ist losgekauft.
Auf dem Kalvarienberg: was für eine Wende! Alle Leute, die herbeigeeilt
waren, um diesen Tod wie ein Schauspiel zu erleben, überlegen, was sich
ereignet hat; sie schlagen sich an die Brust und kehren heim. Der Hauptmann und
seine Soldaten, die Jesus bewachten, werden von einem mächtigen Schrecken
erfasst; sie geben Gott die Ehre und sagen: "Dieser Mensch war sicher ein
Gerechter; er war wahrhaftig Gottes Sohn!" 17
Ja, Ehre sei dir, göttlicher Heiland! Sei mir gnädig trotz meiner Sünden!
Gedenke meiner in deinem Reich und bewirke, dass ich in ständiger Treue zur
Kirche durch den Schutz Mariens, meiner Mutter, das ewige Glück genießen werde.
1 Gepredigt von P. Eymard in Paris, am 7. März 1867.
2
Thomas von Aquin, Summ. theol.
II-II, q. 188, a.6.
3
Lk 9, 23.
4 Vgl. Gen. 3, 6.
5
Homel. XI in evang.
6 Homel. XXXII in evang.
1 Lk,13, 3. 5.
2 Opusc. ad Harmon.
3 De poenit. c. IV.
4 Vgl. Joh 3, 1-4.
5 In cap. Isaiae.
6 De duab. anim., contra Manich. c. XIV.
7 Komment. in Mat., Homel. X, 4.
8 Nachf.
Christi, Buch II, Kap. XII, Nr. 7.
9 Vgl. Lk 3, 8.
10 August. in Ps. 144, Nr. 11.
11 De lapsis.
12 Epist. 22.
13 Greg. Naz., Orat. 39, Nr. 17.
14 August., Enarr. ion Ps. XLVII, Nr. 5; Enarr. in Ps.IV, Nr. 7.
15 Chrysost., Serm. de Poenit.
1 Predigt
P. Eymard's, die einen Teil von "Eucharistischen
Exerzitien" darstellt; diese blie-ben unvollendet und weisen weder
Datum noch sonstwelche Hinweise auf.
2 Sh.
eine weitere Abhandlung über die Einsetzung der Hl. Eucharistie, im Band: Die wirkliche Gegenwart, I, S. 46 ff.
1 Gepredigt von P. Eymard in Paris am 9. April 1868; es handelt sich um seine letzte Pre-digt an einem Gründonnerstag.
2 Mk 10, 21.
3
Joh 13, 33.
4
Gen 27, 2
5 Joh 6, 55.
6
1 Ptr 2, 2.
7 Lk 19, 13.
1 Von P. Eymard gepredigt in Paris, am 10. April 1868; es handelt sich um seine letzte Predigt an einem Karfreitag.
[1] Vgl. August.,
In Joan. Tract. 34, Nr. 4
3
Mt 26, 64.
4 Ovid, Trist. I, 1, 39.
5 Joh 18, 37.
6
Lk 23, 18.
7 Thom. v. Aq., S umm. Theol., p. III, q. 46, art. 6, corp.
8
Leo d. Gr., Sermo 83, Kap. 4.
10 1 Kor 6, 20.
11 August., Enarr. II in psalm. 26, Nr.2.
12 August., Confess., 10. Buch, Kap. 27.
1 Von Eymard sehr wahrscheinlich im J. 1838 oder 1839 gepredigt, als er Pfarrer in Monteynard war.
2 Eymard folgt hier der genaueren Ansicht.
3 Vgl. Mt. 27, 39-42.
4
Hebr 7, 26; 4, 15; 5, 7. 9.
5 Jes 53, 12.
6 Lk 23, 42.
7 Lk 23, 43.
8 Vgl. Jo 19, 27.
9 Mt 27, 46.
10 Ps 21, 2.
11 Ps 68, 22.
13 In Joan., Tract. 15, 11.
14 Brev. rom. 9.Okt., lect. de S. Dion.
15 Joh 19, 28.
16 Lk 23, 46.
17 Vgl. Mt 27, 51; Lk 23, 47 ff.