Hl. Peter - Julian EYMARD

 Der Priester

  Ins Deutsche übersetzt von P. DDr. Walter Marzari SSS.

 

Erster Teil

Die Würde des Priesters

 

 

 

 

INHALT: 1. Teil / Der Priester

 

Die priesterliche Berufung

  Göttliche Größe und apostolische Tätigkeit
  Der Mann von Gott Vater
  Der Mann des fleischgewordenen Wortes
  Die Wahrheit
  Die Tugend
  Die Liebe
  Der Mann des Hl. Geistes
  Der Hl. Geist ist folglich auch ein Geist der Wahrheit
  Die menschliche Größe
  Heiligkeit, die seiner Würde entspricht
  Die Heiligkeit, die den empfangenen Gnaden entspricht
  Die Heiligkeit, die den Funktionen entsprechen
  Maria und der Priester
  Die Berufung
  Die Würde  ( Bei Maria, Beim Priester )
  Die Macht
  Die Sendung
  Seelenzustand
  Pflichten
  Der  Priester  und  die  eucharistische  Sühne
  Die Genugtuung: ihr Wesen und die Pflicht dazu
  Möglichkeiten zur Wiedergutmachung
  Der Priester als Seelenhirte
  Die Verherrlichung Gottes
  Das Heil der Seelen

 

 

 

I

 

Die priesterliche Berufung

 

 

 

                Nemo  sumit  sibi  honorem,  sed

                qui vocatur a Deo tanquam Aaron.

                Keiner nimmt  sich  eigenmächtig

                diese Würde, sondern er wird von

                Gott berufen, so wie Aaron

 

                                         Hbr 5,4

 

 

Das katholische Priestertum ist etwas Göttliches:

 

In seinem Ursprung: der menschgewordene Gott hat es eingesetzt.

 

In seinen Funktionen: die Macht Gottes ist am Werk.

 

In seinen Früchten: es heiligt und rettet die Welt.

 

 

Wer könnte es dann aber wagen, nach dieser erhabenen Würde zu streben? Wer hielte sich dafür würdig? Niemand; und besäße er auch die Reinheit eines Engels und die Liebe eines Seraphs.

 

Andererseits braucht es Priester, und zwar Priester, die unter den Menschen ausgewählt werden.

 

Die Kirche hat die Aufgabe erhalten, jene auszuwählen und heranzubilden, die zum Priestertum Jesu Christi gerufen sind.

 

 

* * *

 

 

Ohne Berufung von Gott das Priestertum zu ergreifen, ist eine frevelhafte Vermessenheit, heißt sein Heil aufs Spiel setzen und der Verdammung in die Arme laufen.

 

Die folgenden Worte stammen vom hl. Ephräm: "Wenn es jemand gewagt hat, unwürdig die Würde des Priestertums an sich zu reißen, der zieht äußere Finsternis und ein gnadenloses Gericht auf sich"  1.

 

 

a) Es bedeutet eine Vermessenheit, sich Gott aufdrängen zu wollen. In der Tat, man nötigt Gott nicht, um sein Vertreter, sein Diener und Verwalter seiner Gaben zu werden.

 

Hat nicht der Herr zu seinen Aposteln gesagt: "Non vos elegistis - nicht ihr habt mich erwählt" 2. Und sagt nicht der hl. Paulus von Jesus Christus selbst: "So hat auch Christus sich nicht selbst die hohepriesterliche Würde beigelegt" 3.

 

Haben sich etwa die Heiligen aufgedrängt, sie, die bis in die Wüste flüchteten, um sich dieser Verantwortung zu entziehen?

 

Was soll man demnach von einem Kandidaten denken, der einen Ruf zu erzwingen sucht, indem er den Einfluss von Befürwortern als Mittel dazu einsetzt?

 

Hier gibt es keine Begünstigung, sondern es ist allein zu prüfen, ob eine Berufung von Gott vorliegt.

 

Die Begabung bedeutet kein Recht; die Verwandtschaft noch weniger; die menschlichen Fähigkeiten bedeuten nur ein förderndes Element.

 

Es sei erinnert an die Strafe der Anhänger von Korach, die von der Erde verschlungen wurden, weil sie das Priesteramt von Mose und Aaron an sich reißen wollten 4.

 

Erwähnt sei auch, dass Saul deswegen verworfen wurde, weil er ohne Auftrag Jahwe ein Opfer dargebracht hatte 5.

 

 

b) Sich aufdrängen bedeutet auch eine Gefahr, ewig verloren zu gehen. Warum? Weil nach dem Zeugnis der Heiligen das Heil von der Treue zur Berufung abhängt  6.

 

Die Berufung ist nämlich der gewöhnliche Weg, den Gott wählt, um uns die Gnaden zu schenken, die er für uns vorbereitet hat, und mit deren Hilfe wir die Pflichten erfüllen, die er uns nach seinem Willen aufgetragen hat.

 

Hat aber jemand, der ohne seinen göttlichen Willen den Priesterberuf ergreift, ein Recht auf diese Gnaden? Nein. Wenn er aber diese Gnaden nicht hat, wie kann er dann seine Pflichten erfüllen und in den Prüfungen und Gefahren des Priesterlebens durchhalten? Wie kann ein solcher Mensch im Hause Gottes ein treuer Verwalter sein? Was ist er wirklich? Ein Dieb. Wer nicht durch die Tür - mit der echten Berufung durch Gott - in den Schafstall tritt, sondern anderswie einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber 7. Der hl. Kyrill v. Alexandrien kommentiert es als Diebstahl, wenn sich jemand ein Amt aneignet, das ihm nicht von oben bestimmt ist 8.

 

Was wird aus einem solchen Menschen? Ein untreuer und furchtsamer Knecht, ein Schänder, ein Verräter Jesu Christi, ein Seelenhenker.

 

Überdies: welchen Trost wird ein solcher Priester in seinen Leiden und Opfern erfahren? Wird er sich sagen: Gott will sie? Wie kann er sich bei seinen Arbeiten überzeugen und feststellen, dass sie Gott annimmt?

 

Ach es ist besser, der Geringste in einem gottgewollten Beruf in der Welt zu sein als ein Priester ohne Berufung. Besser ist es, sein Brot zu betteln, als in sakrilegischer Weise die Krone des Priestertums zu tragen.

 

Wenn man jedoch auf der anderen Seite die Gewähr hat, wirklich gerufen zu sein, dann soll und muss man in Demut, gestützt auf einem großmütigen Vertrauen und einer heiligen Freude, diesen Beruf ergreifen.

 

Der Priesterberuf ist der schönste aller Berufe; er bietet die Mittel zum Heil und trägt vor allem zur Verherrlichung Gottes am meisten bei.

 

 

* * *

 

 

An welchen Merkmalen erkennt man eine echte Berufung zum Priester?

 

 

Man kann drei Merkmale nennen: die Neigung, eine christliche Lebensweise und die richtige Absicht.

 

1. Die innere Neigung zieht uns zum Dienst an den Seelen. Sie besteht in einer innersten Sympathie zu allem, was den hl. Dienst betrifft. Diese kommt von Gott; er gibt die Freude daran, oft bereits in der Kindheit.

 

Wie gut ist doch Gott, uns auf solche Weise darauf vorzubereiten, dass er in uns Neigungen aufkommen lässt, die mit den Ratschlüssen seiner göttlichen Vorsehung harmonieren. Er hätte doch das Recht, uns kraft seiner Autorität seine Bestimmung aufzuzwingen! Aber nein, er behandelt uns mit Herablassung und Achtung 9, wie die Schrift sagt.

 

Er arbeitet auf unser Glück hin, bereitet uns seine Gnaden vor und ebnet uns den Weg zu unserer ewigen Freude; und so führt er uns mit Milde und Kraft zu jener Berufung, die er uns ausgedacht hat: "Die Welt umspannst du von einem Ende zum anderen, in Kraft und Milde orndnest du alles"  10.

 

 

Diese religiöse Neigung weist drei Eigenschaften auf:

 

 

a) Sie ist mild und friedlich wie alle Eingebungen Gottes. Diese Eigenschaft beseelt unsere Frömmigkeit, sie wird der Beweggrund ihrer Opfer und legt den Grund für die Tugenden, welche die Berufung verlangt; er beginnt, in uns das Bedürfnis wachzurufen, Gott die Ehre zu geben.

 

 

b) Sie ist stark. Sie widersteht der Unentschlossenheit und den Zweifeln, den Beunruhigungen und Ängsten. Sie hält den Verlockungen des Fleisches und der Welt stand. Sie entlarvt die Vorgaukelungen des Fürsten der Finsternis.

 

Er wird zur maßgeblichen, ich würde sogar sagen, zur alles besiegenden Kraft.

 

 

c) Sie ist beständig. Es handelt sich dabei nicht um ein Strohfeuer, eine sprunghafte Begeisterung, die am selben Tag entsteht, anwächst und auch schon erlöscht.

 

Verdruss oder Widerwille sind nicht deren Entstehungsursache. Sie beginnt vielmehr in der Gesinnung, entwickelt sich mit dem Verstand, stärkt und vervollkommnet sich anhand des Glaubens und nährt sich von der Frömmigkeit. Sie erstarkt fortwährend in Respekt, Liebe und Seeleneifer für alles, was mit dem Dienst etwas zu tun hat.

 

Die Leute haben dafür ein feines Gespür; wenn sie jemand mit einem solchen Charakter sehen, sagen sie: "Aus diesem jungen Mann wird einmal ein Priester."

 

 

2. Eine christliche Lebensweise: ohne die Unbescholtenheit im Leben bleibt die Neigung bedeutungslos.

 

Um die erhabene Würde des Priesters und die Heiligkeit der Dienste, die er ausüben wird, zu ehren, muss der zukünftige Priester bereits tugendhaft leben.

 

Wer am Altar dient, die heiligen Gefäße tragen und bei Bedarf das Allerheiligste berühren, ja sogar reichen darf, der muss ein reines Leben führen.

 

Wer täglicher Tischgenosse des Herrn in der Eucharistie ist, der muss das hochzeitliche Kleid tragen.

 

Auch der hl. Isidor von Sevilla empfiehlt dem Klerikeraspiranten folgendes: "Wer den Priesterberuf anstrebt, soll sich zuvor prüfen, ob sein Leben dieser Ehre entspricht" 11.

 

Wenn der hl. Paulus von allen Christen verlangt, "sich vor seinem Angesicht heilig, tadellos und unverklagbar" 12  zu zeigen, um wie viel mehr müssen sich dann die angehenden jungen Priester dieses Programm aneignen.

 

Man kann auf sie das Wort des Apostels anwenden: "Jeder soll sich selbst prüfen, erst dann..." 13. Diese Erprobung soll während der Bewährungszeit des Klerikers erfolgen.

 

Die Kirche, die eifersüchtig auf die Ehre ihres Bräutigams bedacht ist, verlangt von jenen, die sie in den Rang ihrer heiligen Streitmacht beruft, die bewahrte oder wenigstens durch strenge und aufrichtige Buße wiederhergestellte Unschuld. "Mehr als das Greisenalter wiegt ein Leben ohne Tadel" 14.

 

Ach, könnten doch alle Priesterkandidaten mit dem Psalmisten sagen: "Mich aber hast du in meiner Unschuld erhalten..." 15. - "Ich habe lieb die Stätte deines Hauses ... ich aber bin in meiner Unschuld eingetreten"  16.

 

Mit wie viel Sorgfalt schreibt doch der hl. Hieronymus dem jungen Rusticus: "Besudle deine Jugendzeit mit keiner Makel, damit du jungfräulich zum Altare Christi schreiten kannst"  17.

 

Aber leider! Wenn man das Unglück hatte, wenigstens eine gewisse Zeitlang, die Übungen des christlichen Lebens aufgegeben zu haben, so erfordern es die Klugheit ebenso wie der Anstand, nicht den Priesterberuf anzustreben.

 

Es gibt hier jedoch Ausnahmen, die sich durch eine besondere Veranlassung der Vorsehung rechtfertigen lassen.

 

Einem feinen Herrn, der zu den hl. Weihen geleitet wurde, der aber ein Schuldgeständnis über sein vergangenes Leben ablegte und sich überdies aufrichtig bessern wollte, antwortete der hl. Bernhard: "ich bin entsetzt, wahrlich, ich gestehe, ich bin entsetzt, wenn ich überlege, von woher und wofür du berufen bist, insbesondere weil keine Zeit der Buße darauf gefolgt ist, während welcher sich ein auf jeden Fall äußerst gefährlicher Übergang vollziehen kann. Fürwahr, die vernünftige Ordnung erfordert es, dass du zuerst dein eigenes Gewissen, dann erst das von anderen Leuten heilst"  18.

 

Was hätte er von einem jungen Mann gesagt, der sich erst aus einem ganz verweltlichten Leben herausarbeitet und vielleicht noch stöhnt unter der Last seiner eben erst begangenen Schwächen?

 

Würde es ein solcher Mensch für böse ansehen, wenn man seinem drängenden Wunsch, zu den hl. Weihen vorzurücken, zügelte?

 

Der Unglückliche! Er macht sich keine Gedanken darüber, es im traurigen Zustand seiner Seele zu wagen, sich als Mittler zwischen Gott und den Menschen auszugeben!

 

Wie streng sind diesbezüglich die Warnungen der Väter und Lehrer der Kirche! "Wehe den untreuen Priestern, die ohne selbst versöhnt zu sein, darangehen, andere Menschen versöhnen zu wollen! Wehe den Söhnen des Zornes, die sich selber zu Vermittlern der Gnade erklären! Wehe denen, die Gott nicht gefallen können, weil sie dem Fleische dienen und sich dennoch anmaßen, Gott besänftigen zu wollen!"  19.

 

Aus diesem Grund empfiehlt der hl. Paulus dem Timotheus, keinen Neubekehrten zum Bischof zu bestellen, "damit er nicht aufgeblasen werde und dem Gericht des Teufels verfalle"  20.

 

Man erwähne nicht als Gegenargument den Fall eines Matthäus, eines Saulus, eines Ambrosius oder Augustinus; denn es ist gewiss, dass diese außergewöhnlichen Persönlichkeiten, nachdem sie zu Aposteln erwählt oder zu Bischöfen geweiht worden waren, sich im Guten durchsetzten oder auf eine unwiderrufliche Weise in den höchsten Tugenden festigten.

 

Dies hat noch weit größere Bedeutung, wenn die Prüfung vorwiegend von außen kommt; und dies ist unvermeidbar.

 

Müssten die jungen Priester nicht das Seminar verlassen, um die Funktionen ihres priesterlichen Dienstes auszuüben, würde die Kirche weniger anspruchsvoll vorgehen, weil sie sich auf sie verlassen könnte. Im Seminar führt alles zur Tugend, selbst die Mauern erinnern an sie, die Frömmigkeitsübungen fördern sie, das gute Beispiel reißt mit; von den persönlich empfangenen Gnaden gar nicht zu reden.

 

Aber kaum sind die Theologen zu Priestern geweiht, werden sie mitten in die Welt hinein-geworfen; sie ist voll von Verführungen und Feindseligkeiten.

 

Wenn sie nicht in den Kämpfen für den Herrn gut eingeübt und mit den geistlichen Waffen ausgerüstet sind; wenn ihre Liebe nicht stark in Jesus Christus fest verankert und verwurzelt ist, müssten sie dann nicht befürchten, dass sie beim ersten Angriff besiegt und nach der ersten Niederlage zu Sklaven würden?

 

Sie müssen also ihre Schwachheit erproben und bereits in der Seminarszeit an ihrer Heiligung arbeiten, denn sie werden nur aufgrund ihrer Heiligkeit gute Priester und eifrige Seelenhirten werden.

 

Eine schreckliche Versuchung kann gelegentlich über die Priesterkandidaten hereinbrechen: nämlich ihrem Rektor ihren Seelenzustand zu verstellen und zu verbergen aus Furcht, dass ihre Weihe hinausgezögert würde und sie einer Bewährung unterzogen würden.

 

Was? Sie möchten also eine derartige Verantwortung auf sich nehmen? Und wenn sie sich täuschen?

 

Sie sehen sich als unwürdig und fürchten eine Verschiebung, vielleicht sogar eine Abweisung und wollen trotzdem vorwärtskommen. Welch eine Inkonsequenz und Gefahr für ihr ewiges Heil!

 

Nein, der Rektor will sie nicht strafen, er möchte sie nur gut einstellen. Sie sollen ihr Verhalten ändern und zu Männern der Tugend werden; dann wird ihnen der Rektor sagen: kommt, in Gottes Namen!

 

 

3) Die Reinheit der Absicht. Sie besteht darin, dass jemand die hl. Weihen nur deshalb anstrebt, um das Reich Gottes zu fördern, sein eigenes Heil zu sichern und die Seelen zu retten.

 

Dies war die Absicht Jesu Christi, als er das Priestertum eingesetzt hat.

 

Wenn er selbst die Funktionen ausübt, erstrebt er nichts anderes als die Verherrlichung seines Vaters und die Rückkehr der verlorenen Schäflein im Hause Israel.

 

Er setzt Apostel ein, damit sie die evangelische Saat überall aussäen - "ich habe euch eingesetzt, damit ihr hinausgeht" - dass sie sie mit ihrem Schweiß begießen, sie mit ihrer Arbeit befruchten, um dann deren Früchte einzusammeln - "und Frucht bringet und eure Frucht bleibe" 21.

 

Dies war der Beweggrund, welcher die Heiligen nach vielen Kämpfen bewog, ihre Zustimmung zu geben, um zu Priestern geweiht zu werden.

 

Mit anderen Absichten herantreten zu wollen, stellt eine verbrecherische Fehlhaltung dar und bedeutet einen Ausschluss für immer: "Wenn jemand aus Eigeninteresse sucht, dass ihm die Seelsorge anvertraut werde, der macht sich durch diese Erwartung selbst unwürdig!" 22

 

Das Priestertum anstreben vor allem wegen des Ansehens in der Gesellschaft, weil es ein ehrenvoller Lebensstand ist, heißt als Söldner diesen Beruf ergreifen.

 

Sich zum Priestertum verpflichten, um ehrsüchtigen Eltern einen Gefallen zu erweisen, heißt als Dieb diesen Beruf ergreifen.

 

Das Priestertum anstreben, um sich zu erheben, zu bereichern, ein angenehmes Leben zu führen, heißt als reißender Wolf diesen Beruf ergreifen.

 

Nur derjenige, der mit einer großen Reinheit in der Absicht Priester wird, entspricht der Erwartung des Heilandes.

 

Ja, was denn! Sollte Jesus Christus nur deswegen in die Welt gekommen und nach einem armen und opferreichen Leben auf den Kalvarienberg gestiegen sein, um ein laxes und selbstsüchtiges Priestertum ohne Ideal und ohne Tugend zu begründen?

 

 

* * *

 

Der hl. Paulus konnte sich nur bekümmert von seinem Schüler Timotheus trennen, weil sich, wie er schreibt, um ihm herum niemand aufrichtigen Herzens um das Wohl der Seelen kümmert: "denn sie suchen alle das Ihre, nicht das, was Jesu Christi ist! Wie er sich aber bewährt hat, das wisst ihr, dass er nämlich wie ein Kind dem Vater, mit mir Dienst getan hat für das Evangelium" 23.

 

Ist dies nicht das Ideal für jeden Seminaristen im Hinblick auf seine Obern, auf seinen Bischof? Er wird sich in einer Weise vorbereiten, wie es das Losungswort des hl. Paulus verlangt: "Von Verwaltern aber verlangt man, dass sie sich treu erweisen" 24.

 

 

 

INHALT

EYMARD

 

 

II

 

Göttliche  Größe  und

apostolische  Tätigkeit

 

 

   Homo Dei

   Ein Mann Gottes

   (1 Tim 6,11)

 

 

Ein Mann Gottes! Darin liegt das ganze Wesen des Priesters, das macht seine göttliche Größe und seine ganze apostolische Tätigkeit aus.

 

Er ist nicht ein Mann wie die Großen dieser Welt, sondern ein Mann für den Himmel. Durch ihn wirkt Gott auf der Welt, spricht zu den Menschen und tut ihnen seinen anbetungswürdigen Willen kund; durch ihn vermittelt er ihnen seine Gnaden und Wohltaten.

 

Er ist nicht mehr ein Mann nur für eine Familie, eine Nation, sondern der Diener aller, wie Gott für alle da ist; er ist nicht mehr der Anhänger irgendeiner Partei oder irgendeiner Meinung; der Priester kennt nur eine Partei und nur ein Programm: die Liebe zu allen.

 

Durch den Priester schenkt sich Gott dem Menschen und der Mensch Gott.

 

Er ist der Mann von Gott Vater, der ihn an seiner Macht und Barmherzigkeit teilhaben lässt; er ist der Mann des menschgewordenen Wortes, dessen Verwalter und Helfer im Erlösungswerk; er ist der Mann des Hl. Geistes, mit dem er zum Heiligmacher der Seelen wird.

 

INHALT

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1. Der Mann von Gott Vater.

 

Zur Erschaffung der Welt nützte Gott allein seine eigene Kraft; um das Wunder der Wesensverwandlung zu vollziehen, bedient er sich des Willens und Wortes des Priesters. Auch der hl. Paulus nennt die Priester: "Mitarbeiter Gottes"  1.

 

Zur Schaffung einer neuen Welt, um den gefallenen Menschen in den übernatürlichen, göttlichen Zustand zu erheben, wollte Gott Gehilfen, Mitwirkende, eben Priester; denn durch sie weht er über die Felder, die - geistig gesehen - von ausgetrockneten Gebeinen und toten Seelen übersät sind, und gibt ihnen das Leben zurück: das sind die Leistungen der großen Missionäre in den entchristlichsten Ländern und mitten unter den heidnischen Völkern; die alltägliche Arbeit des Priesters unter den Massen, die zivilisiert und noch mehr oder weniger gläubig sind.

 

Der Priester nimmt in gewisser Hinsicht teil an der Rolle und Autorität des himmlischen Vaters über seinen Sohn, denn er will, dass der Sohn Gottes auf das Wort des Priesters hin auf den Altar herabsteigt. Er verwirklicht durch seinen Dienst hier auf Erden das Wort des himmlischen Vaters: "Dieser ist mein vielgeliebter Sohn, ihn sollt ihr hören!"

 

 

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* * *

 

 

2. Der Mann des fleischgewordenen Wortes.

 

Jesus Christus will die Welt durch den Priester retten; um die Priester zu schaffen, ist er auf die Erde gekommen und auf den Kalvarienberg gestiegen. Er hat sie mit seinem Blut geheiligt und hat ihnen das Opferlamm ihres Priestertums geschenkt.

 

Auch Jesus Christus setzt sich mit dem Priester gleich, er personifiert sich mit ihm: "Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir, und ich bin in euch"  2. - "Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf" 3  - "Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab" 4. Christus lässt den Priester an der Sendung teilhaben, die er vom Vater erhalten hat: "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch"  5.

 

Auch der hl. Paulus zögert nicht zu schreiben: "Wir sind also Gesandte an Christi Statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt" 6.

 

In der Tat: durch seine apostolische Handlung erfüllt der Priester dieselbe Aufgabe wie das menschgewordene Wort: er rettet die Welt, indem er sie mit Jesus Christus vergöttlicht.

 

Damit sich nun die Welt auf diese übernatürliche Ebene erheben kann, braucht sie drei Dinge: die Wahrheit, die Tugend und die Liebe. Und der Priester ist beauftragt, sie ihr zu vermitteln.

 

 

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a) Die Wahrheit. - Jesus Christus hat den Priestern gesagt: "Ihr seid das Licht der Welt!" Aber, Herr, hat nicht der Apostel Johannes erklärt, dass du allein das wahre Licht bist, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt? Ist dies nicht ausschließlich deine Aufgabe, da du allein die Wahrheit bist, der wir folgen müssen, um nicht in der Finsternis zu wandeln?

 

Ja, antwortet Jesus, dies hatte bis in den Abendmahlssaal Gültigkeit. Aber dort habe ich durch das Priestertum auch euch zum Licht der Welt gemacht, weil von euch alle Strahlen der göttlichen Wahrheit ausgehen sollen, die ich weiterhin bleibe.

 

Welch wunderbare Früchte sind durch dieses priesterliche Apostolat der Welt bereits zugeflossen! Der Priester tat es in der Vergangenheit und fährt immer noch fort, Gott, Jesus Christus, den Menschen, sein Wesen und seine Bestimmung zu verkünden. Und womit? Mit der Predigt, denn Jesus hat gesagt: "Geht hinaus und lehrt!" 7.

 

 

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b) Die Tugend: Jesus hat weiters zu den Priestern gesagt: "Ihr seid das Salz der Erde!" Wer würde die Verdorbenheit der Welt bezweifeln? Der Priester soll sie reinigen und heiligen. Er ist auch der göttliche Kulturbringer über das Mittel der christlichen Tugenden. Das Laster widersteht ihm nicht, es verschwindet aus der Gesellschaft.

 

Überall, wo das Priestertum auf den Plan tritt, stellt man immer zwei Folgen fest: die Zivilisation der Gesellschaft und die Heiligung des Menschen. Entfernt das Priestertum, und die Laster leben wieder auf, die Barbarei kehrt wieder.

 

Wie erfüllt der Priester erfolgreich diese Aufgabe? Durch das Sakrament der Buße: "Wem ihr die Sünden nachlasset..." 8. Dies ist das Geheimnis seiner Aktion: es ist die fortdauernde Taufe der zweiten Wiedergeburt.

 

 

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c) Die Liebe - Bis zur Ankunft Christi hat der Egoismus meisterhaft regiert. Aber Jesus hat erklärt: "Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!" 9. Jesus will durch die Priester diese göttliche Flamme der Liebe entzünden, welche das Feuer überall in der Welt ausbreiten soll. Mit welchem Mittel wird der Priester diesen Auftrag erfüllen? Durch die Eucharistie: "Tut dies zu meinem Gedächtnis!" Auf diese Weise lässt er einen immerfort brennenden Herd der Liebe in die Herzen seiner Pfarrkinder einziehen, der die Erneuerung der Welt bewirkt.

 

Der hl. Paulus nannte die Priester "die Verwalter der Geheimnisse Gottes". Die ganze Frucht der Erlösung liegt in den Händen des Priesters, er ist deren göttlicher Schatzmeister; aus diesem Grund ist er der Botschafter Christi, der mit den Belangen Gottes und der Menschen betraut ist.

 

 

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* * *

 

 

3. Der Mann des Hl. Geistes.

 

Die Aufgabe dieses göttlichen Geistes ist die Heiligung der Seelen, und zwar mittels der Priester Jesu Christi.

 

Unser Herr hat ausdrücklich diese Beziehung dargestellt: "Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll" 10. - "Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen"  11. - "Macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt... denn der Geist eures Vaters wird durch euch reden" 12. - "Der Heilige Geist wird euch in der gleichen Stunde eingeben, was ihr sagen müsst" 13.

 

Ein kraftvolles Wort lautet: "Das Wort Gottes ist lebendig, kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert" 14. Es bricht die Zedern des Libanon und alle Hindernisse des menschlichen Stolzes und beugt die Seelen zu Füßen des Priesters.

 

Aber wehe denen, die die Wahrheit und den Glauben nicht aus dem Mund des katholischen Priesters hören wollen!

 

Sie nehmen Anteil am Verbrechen und der Strafe der Pharisäer, weil sie zu stolz sind, um an das Wort Jesu Christi zu glauben. Sie sind in der finsteren Unwissenheit und im Irrtum verblieben. Die Wahrheit konnte nicht bis zu ihrem Grab vordringen. Pechschwarze Finsternis bedeckt sie; sie aber bezeichnen die Finsternis als das Licht und ihre Zeit als das Jahrhundert des Lichtes!

 

Ja, es ist wie das Licht der römischen Philosophen: "Sie verfielen in ihrem Denken der Nichtigkeit" 15 ; sie können auch verglichen werden mit jenen Grablichtern, welche nur den Toten leuchten!

 

O unglückliches Asien, du Stätte des christlichen Lichtes, wie konntest du in dieses Grab aller Wahrheit hinabsteigen? Völker von Germanien und Helvetien, Kinder der Insel der Heiligen, nun aber Opfer des Irrtums, wie konntet ihr das göttliche Licht in eurer Mitte auslöschen? Es gab dort kein katholisches Priestertum mehr, die Priester waren vertrieben oder umgebracht worden. Es gab keine Fackel, keinen Glauben, keine Wahrheit mehr. "Sie sitzen in der Finsternis und im Schatten des Todes".

 

 

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a) Der Hl. Geist ist folglich auch ein Geist der Wahrheit. Diese Wahrheit ist der Glaube an Jesus Christus und seine Geheimnisse.

 

Die Aufgabe des Priesters ist es, den Seelen die wichtige Tugend des Glaubens zu schenken; durch die Taufe wird der Glaube eingegossen, und der neugeborene oder erwachsene Mensch wird ein Kind Gottes, ein künftiger Bürger des Himmels, ein Erbe des göttlichen Reiches.

 

Der Priester ist somit ein Mann des christlichen Standesamtes; durch das Merkmal der Taufe schreibt er den neuen Christen in die Kirche ein und gibt ihm darin das Bürgerrecht. Er ist es, der "dieses auserwählte Geschlecht" begründet, neben dem es nur die menschliche Rasse des ersten Adam gibt.

 

Aber seine Aufgabe besteht auch darin, den vorhandenen Glauben in der Seele der Getauften zu festigen und zu entwickeln. "Der Glaube gründet in der Botschaft, die Botschaft im Wort Christi. Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?"16 .

 

Die Feinde der Religion wissen das gut. Die ersten Schläge galten daher den Priestern. "Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe der Herde zerstreuen" 17. Der Glaube erlöscht und verschwindet, wo es keine Priester mehr gibt.

 

 

b) Noch mehr ist der göttliche Geist ein Geist der Heiligkeit. Er ist es, der durch den Priester in den Gläubigen den Geist Jesu formt; jenen Geist der Annahme an Kindes Statt, den sie durch ihre Teilhabe an der göttlichen Natur kraft der heiligmachenden Gnade erlangen.

 

Der Hl. Geist spornt den Priester an, die Christen zum Verständnis ihrer unvergleichlichen Würde zu führen. Aufgabe des Priesters ist es, die Sünder in sich gehen zu lassen; er erweckt die im Laster Verstrickten und gibt ihnen neues Leben für die christliche Gesellschaft und den Himmel.

 

Und wie viele Bekehrungen bestaunt die Welt! Sie sind die unwiderlegbare Frucht der priesterlichen Arbeit in Verbindung mit der Tätigkeit des Hl. Geistes. Niemals wird es menschlicher Kraft gelingen, einen Stolzen zur Demut, einen Unzüchtigen zur Keuschheit, einen Geizigen zur Großherzigkeit, einen Wollüstigen zur Buße zu bewegen. Dies ist das Werk des Geistes Gottes und seines Dieners.

 

Der Hl. Geist lehrt den Priester auch, die Seelen zu den erhabensten Tugenden bis zur vollkommenen Liebe zu führen.

 

Der Priester ist für die Seele wie Mose in Ägypten und in der Wüste, der Josua des Gelobten Landes. Er nährt sie mit dem göttlichen Manna der Eucharistie, diesem Brot der Starken. Er nimmt sozusagen die ihm anvertraute Seele bei der Hand und bringt sie in den Besitz des wahren verheißenen Landes. Er zeigt ihr, wie sie ihre Feinde bekämpfen und über alle Hindernisse triumphieren kann. Er beendet seine Arbeit erst dann, wenn er die Seele in den Himmel geleitet hat.

 

O göttliche Größe, o erhabene Mission des katholischen Priesters! Priester, im Anbetracht dieser Größe, nimm dich in acht vor dem Stolz. Sieh auf Jesus Christus, der unter den sakramentalen Gestalten verborgen ist. Vor deiner übermenschlichen Macht vergiss nicht deine Schwäche.

 

Am Altar bist du Jesus Christus; zu Füßen des Altares bist du ein Sünder. Während der Wandlung bist du ein Gott auf Erden; bei der Kommunion bist du ein Mensch.

 

 

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III

 

Die menschliche Größe

 

 

Es gibt eine Größe des Priesters, die man als menschlich betrachten kann. Sie entspringt der persönlichen Heiligkeit.

 

Die göttliche Größe des Priestertums bringt an sich kein Verdienst und keine Auszeichnung in der Tugend. Sie gereicht den anderen zum Nutzen; auch kann sie ein unwürdiger Priester besitzen, der mit dem priesterlichen Merkmal gekennzeichnet ist.

 

Sich etwas einbilden wegen seiner Größe hieße für den Priester, einen Botschafter oder Minister nachahmen, der seine Ehre und Macht von jener seines Königs trennen wollte, dem er sie zur Gänze verdankt; dies hieße jenen Engeln gleichkommen, die wegen ihres Stolzes gestürzt wurden.

 

Die wirkliche Größe des Menschen, der Priester ist, liegt vor Gott in seiner persönlichen Heiligkeit. Nur diese schätzt und belohnt Gott, nur diese wünscht er von seinem Priester; und Gott will, dass diese Heiligkeit wenigstens dem Grad seiner Würde, seiner Gnaden und seiner heiligen Tätigkeiten entspricht.

 

 

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1. Heiligkeit, die seiner Würde entspricht.

 

Diese Würde ist unter allen anderen die größte. Sie hat unter allen den Vorrang und kommt sogar vor jener der Engel; sie ist gleichwertig mit der Würde der seligsten Jungfrau hinsichtlich des Zweckes, der darin besteht: Jesus Christus auf Erden zu vergegenwärtigen und so die Menschwerdung zu verlängern.

 

Der Priester muss also heiliger und vollkommener sein als die Gläubigen, wie immer ihr Lebensstand oder ihr Rang auch sein mag. "Zwischen einem Priester und jedwedem Rechtschaffenen muss eine so große Reichweite sein", sagt der hl. Isidor von Pelusa, "wie der Himmel von der Erde entfernt ist" 1; er muss die Reinheit Mariens nachahmen; von ihr sagt die Kirche, dass es das Wort nicht gescheut hat, in ihrem Schoß Mensch zu werden, denn sie ist trotz allem ein Geschöpf, auch wenn sie unbefleckt war. "Weil er den Leib des Herrn im Tempel des jungfräulichen Schoßes wachsen ließ, so verlangt er nun auch von seinen Dienern die Reinheit der enthaltsamen Keuschheit"  2.

 

Die Heiligkeit Jesu Christi selbst, des Hohenpriesters, muss sein Ideal sein, weil er ein "alter Christus - ein zweiter Christus" ist.

 

Eine große Würde ohne die entsprechenden Eigenschaften erweckt in der Welt nur Verachtung.

 

Die priesterliche Würde ohne die Heiligkeit wäre ein Monstrum. "Wer das Verdienst der Heiligkeit verloren hat, soll wissen, dass er auch den Namen des Priesters verloren hat" 3.

 

 

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* * *

 

 

2. Die Heiligkeit, die den empfangenen Gnaden entspricht.

 

 

Der Priester braucht viel mehr Gnaden als der Gläubige; Gnaden, die seiner Würde entsprechen: "Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast"  4.

 

Wer könnte die Gnaden des Priesters zählen? Der größte Teil der Gnaden Jesu Christi fließen dem Priester zu. "Ich heilige mich für sie" 5.

 

Er empfängt den ersten Anteil der geistlichen Güter der Kirche, deren Diener er ist.

 

Die Übereinstimmung mit seinen Gnaden wird von ihm verlangt, um die Pflichten der Weihe, die von Gott gegeben wurden, zu erfüllen, und zwar bereits von den Priestern des Alten Bundes wurde dringend gefordert: "Seid heilig, weil ich heilig bin" 6.

 

Jeder Christ muss nach Vollkommenheit streben. Der Priester muss auf jene Heiligkeit hinarbeiten, die seine Würde erfordert.

 

Es ist ein großer Irrtum, den manche Priester begehen, indem sie die Vollkommenheit dem Ordensstand überlassen. Sie teilen die Meinung jener, die sich sagen: die Gebote genügen mir, um gerettet zu werden.

 

Fünf Talente müssen wenigstens fünf weitere erbringen. "Wem viel gegeben wurde, von dem wird auch viel zurückgefordert werden" 7.

 

 

* * *

 

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3. Die Heiligkeit, die den Funktionen entsprechen.

Der Priester, der zum Altar schreitet, um Jesus Christus als Opfer darzubringen, und als Vermittler zwischen dem beleidigten Gott und den schuldigen Menschen handelt, muss heilig sein. "Wer darf hinaufziehen zum Berg des Herrn, wer darf stehen an seiner heiligen Stätte? Wer reine Hände hat und ein lauteres Herz"  8.

 

Der Priester, der heiligt, muss selber heilig sein, damit er nicht dem Taufwasser gleicht, wie Gregor der Große sagt, "das die Sünden der Getauften abwäscht... selbst aber dann in den Abguss rinnt"  9.

 

Er muss heilig sein, damit er sich nicht den Aussatz der Sünde zuzieht, den er bei den anderen heilt, und nur durch seine Tugend den Teufel aus den Seelen vertreibt.

 

Ohne Zweifel kommt die Wirksamkeit der Sakramente von ihrer Einsetzung her und hängt nicht von der persönlichen Heiligkeit des Priesters ab. Diese Heiligkeit ist jedoch für ihn selbst und die Seelen notwendig, u. zw. um die ihm notwendigen Gnaden sicherer und reichlicher zu erlangen und um seinem Amt mehr Wirksamkeit zu verleihen: "Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt. Ich diene der Kirche durch das Amt, das Gott mir übertragen hat"  10.

 

Immer noch gilt die moralische Mahnung des hl. Paulus an seine Schüler Titus und Timotheus: "Sei den Gläubigen ein Vorbild in deinen Worten, in deinem Lebenswandel, in der Liebe, im Glauben, in der Lauterkeit. Dafür sollst du sorgen, darin sollst du leben, damit allen deine Fortschritte offenbar werden. Wenn du das tust, rettest du dich und alle, die auf dich hören" 11.

 

Der hl. Chrysostomus hat erklärt: "Es gibt viele Priester, aber wenige sind Priester: viele dem Namen nach, wenige in ihren Werken" 12. Auch Gregor der Große meint: "Siehe, die Welt ist voller Priester, und trotzdem findet sich bei der Ernte Gottes sehr selten ein Arbeiter, weil wir zwar das priesterliche Amt auf uns nehmen, aber die mit diesem Amt verbundene Arbeit nicht erfüllen..."  13.

 

Ein heiligmäßiger Priester übt auf die Seelen die gleiche Kraft aus wie die Apostel. Genügt es nicht, an das Beispiel des Pfarrers von Ars zu erinnern? 14

 

Schließlich soll man das Priestertum nur dann auf sich nehmen, wenn man ein Heiliger werden will, und zwar ein größerer Heiliger, als man in der Welt werden könnte.

 

 

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IV

 

Maria und der Priester

 

 

Die Menschwerdung ist die Wiederherstellung der gefallenen Menschheit. Sie wurde vollzogen durch das fleischgewordene Wort, jedoch unter Mithilfe der Frau und des Mannes.

 

Die Frau wurde durch Maria, die Gottesmutter und Königin der Engel und der Menschen, wieder zu Ehren gebracht.

 

Der Mann erlangt seine verlorene Ehre durch das Priestertum, das ihm vorbehalten ist.

 

Sowohl Maria als auch der Priester schenken der Welt Jesus Christus. Um zu Jesus Christus zu gelangen, muss man den Weg über Maria und den Priester gehen.

 

Maria und der Priester stellen die zwei großen Wunderwerke Gottes unter den einfachen Sterblichen dar. Betrachten wir die Beziehungen, die sie verbinden unter den Gesichtspunkten ihrer Berufung, ihrer Würde, Macht, Sendung, Seelenverfassung und Pflichten.

 

 

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1. Die Berufung. - Diese Berufung umfasst eine Vorherbestimmung und einen ausdrücklichen Ruf.

 

 

a) Vorherbestimmung. Maria wurde von Ewigkeit her von Gott für die Gnaden, die Heiligkeit und Ehre ausgewählt, die er ihr zugedacht hatte. Sie wurde durch eine angepasste Erziehung darauf vorbereitet: durch ihr untertäniges Leben im Tempel vom Tag ihrer Darstellung und seit ihrem Gelöbnis ewiger Keuschheit an.

 

Auch der Priester ist von aller Ewigkeit her auserwählt, die Funktionen des Priestertums auszuführen - er erhält in der Welt und im Seminar eine bevorzugte Erziehung; durch das Gelöbnis der Keuschheit bindet er sich vom Empfang der ersten hl. Weihe an und beobachtet den kirchlichen Zölibat.

 

Erst im Himmel wird er alle Einzelheiten dieser göttlichen Vorherbestimmung erfassen; aber bereits jetzt kann er deren Grundzüge und gewisse Merkmale aufdecken.

 

 

b) Der entscheidende Ruf. Die Jungfrau Maria hat ihn durch die Botschaft des Erzengels Gabriel erhalten; er beseitigte die Verwirrung ihrer Demut und nahm im Namen Gottes ihre großherzige Zustimmung entgegen.

 

Der zukünftige Priester wird in seiner Berufung durch den Ruf der Kirche vergewissert. Wie eine Mutter bestärkt sie ihn: "Fürchte dich nicht!", durch die Spendung der niederen Weihen ermutigt sie ihn: "Du hast Gnade gefunden"; sie kleidet ihn mit dem Banner Jesu Christi, rüstet ihn mit seinen Verdiensten aus und nimmt mit Freuden seine endgültige Verpflichtung durch die Eingliederung in den Klerusstand entgegen.

 

 

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2. Die Würde. - Ihre Würde hat einen gemeinsamen Ausgangspunkt: die göttliche Allmacht.

 

 

a) Bei Maria. Hier stellt sich die Frage: Wie kann eine Jungfrau Mutter sein ohne aufzuhören, Jungfrau zu bleiben? Wie kann sie Mutter Gottes werden? Es ist das göttliche Geheimnis, das große vorausgesagte und versprochene Wunder: die jungfräuliche Mutterschaft Mariens, welche den wahren Sohn Gottes, der Mensch wurde, gebären sollte. So spricht der Glaube, gestützt auf die Hl. Schrift und die mündliche Überlieferung.

 

Durch das Ereignis der göttlichen Mutterschaft wird Maria zur erhabensten Würde emporgehoben, die man sich für ein einfaches Geschöpf vorstellen kann. Hat nicht der Erzengel gesagt: "Einen Sohn wirst du gebären... Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein Ende haben"? 1

 

Maria wird über alle irdischen Würdenträger und Himmelsgeister emporgehoben. Sie trat in eine außergewöhnliche Seinsordnung, nämlich in die hypostatische Union ein; und dies begründet den ihr eigenen Kult der Hyperdulie.

 

Dies ist das große Wunderwerk, das der hl. Johannes bestaunt: "Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt"  2.

 

Als Mutter Jesu Christi erwirbt sie über ihn eine Autorität in der Familie: "Er war ihnen untertan"; aber dieses Verhältnis ließ seine Unabhängigkeit als Sohn Gottes mit seiner göttlichen Sendung unberührt: "Ich muss in dem sein, was meinem Vater gehört..."  3. - "Was willst du von mir, Frau?" 4.

 

Maria war also auch die Dienerin - "Siehe, ich bin die Magd des Herrn" - die Jüngerin - "Sie bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen" 5 - der Apostel ihres göttlichen Sohnes - "Was er euch sagt, das tut"  6.

 

 

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b) Beim Priester. - Das Problem ist folgendes: Wie kann ein Mensch den Sohn Gottes unter den sinnenhaften Gestalten von ein wenig Brot gegenwärtigsetzen?

 

Die Antwort darauf liegt in der Verheißung Jesu Christi, die Hl. Eucharistie einzusetzen; und auch in der Vollmacht der Apostel, das Wunder der Transsubstantiation, das er eben bewirkt hatte, zu erneuern: "Tut dies zu meinem Gedächtnis!" So lautet auch bei diesem Problem die Sprache des Glaubens, der von der Kirche definiert wurde.

 

Damit wird der Priester mit der höchsten Autorität in der übernatürlichen Ordnung ausgestattet: "Es gibt nichts Hervorragenderes in dieser Welt, der Priester kann nichts Erhabeneres aufweisen" 7. - "Es gibt gewiss nach der göttlichen Macht keine größere als die des Priesters, mit der nichts weder im Himmel noch auf Erden verglichen werden kann, nämlich den Leib und das Blut des Herrn zu konsekrieren" 8.

 

Der Priester übt seine Macht "in persona Christi" aus; und Jesus Christus ist ihm im gewissen Sinn unterworfen, denn es ist der Priester, der die Zeit und den Ort der Konsekration bestimmt und ebenso die Menge der zu konsekrierenden Hostien; er begrenzt oder vermehrt durch das Maß seiner Tätigkeit und seinen apostolischen Eifer die Wirksamkeit der Erlösung.

 

Der Priester nimmt Anteil an der Souveränität Jesu Christi; er ist der geistige König der Seelen, ihr Orakel, ihr Heiligmacher; die Gnade und die Verdienste Jesu Christi liegen in seiner Hand, er teilt sie aus, er ist der göttliche Verwalter: "O unsagbare Macht! O furchtbares Geheimnis des Priesters!“ 9

 

 

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3. Die Macht. - Bei der Menschwerdung erweckt Maria den Eindruck, eher passiv als aktiv zu sein: "Der Hl. Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten... Deshalb wird auch das Kind ... Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe..." 10.

 

Aber nach ihrer Aufnahme in den Himmel ist sie die mächtige Jungfrau, die Vermittlerin aller Gnaden durch Jesus Christus; sie ist die fürbittende Allmacht.

 

Bei der Konsekration ist der Priester aktiv und befiehlt. Es ist der Wille Jesu Christi, das Gesetz seines Priestertums, dass dies so geschieht. Er sagte: "Tut dies... das ist mein Leib". Auch die Nachfolge Christi sagt: "Der Priester gebraucht das Wort Gottes nach der Ordnung und Einsetzung Gottes" 11. Man kann also sagen, dass sich die Konsekration vollzieht, "indem Gott der Stimme des Menschen gehorcht" 12. Aber die Nachfolge Christi sagt weiter: "Gott ist es eigentlich, der hier als der vornehme Urheber handelt und unsichtbar wirkt" 13.

 

Das Amt des Priesters hat Jesus Christus genau bestimmt und dessen Vollmachten mit folgenden Worten zusammengefasst: "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch" 14; und er setzt ihn zum Richter über die Gewissen ein: "Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern, tauft sie... und lehrt sie alles zu befolgen, was ich euch geboten habe" 15.

 

 

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4. Die Sendung. Es bestehen zwischen dem Auftrag Mariens und jener des Priesters Verschiedenheiten, die einer Überlegung wert sind.

 

Maria war und konnte auch nur ein einziges Mal Mutter Jesu sein.

 

Der Priester hingegen erneuert jeden Tag das Wunder der Transsubstantiation; seine Vollmacht ist unerschöpflich und dauert fort bis zu seinem Tod. Wenn er gewöhnlich nur täglich einmal zelebriert, so liegt dies nicht an einem Mangel gültiger Vollmacht, sondern weil es die Kirche so geregelt hat.

 

Maria gebiert das fleischgewordene Wort in einem Zustand der Schwachheit, Armut und Leidensfähigkeit.

 

Der Priester wandelt die Substanz des Brotes in die auferstandene, unsterbliche und verherrlichte Menschheit Jesu Christi 15.

 

Maria gebiert Jesus, damit er eines Tages zum Opferlamm für die Sünden der Menschen werde. Bethlehem ist die Ankündigung und der Beginn des Kalvarienberges. Auch ist Jesus in einem Stall geboren worden; Maria wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, auf Stroh, mitten unter die Tiere. War das nicht das Bild des traurigen und unglückseligen Zustandes, in dem sich damals die gefallene und im Laster versunkene Menschheit befand und den vernunftlosen Wesen ähnelte, deren Leben sie nur allzu sehr nachahmte?

 

Der Priester lässt Jesus Christus in eine ehrenvolle Kirche, auf einen prachtvollen Altar herniedersteigen; er legt ihn in eine Wiege aus Silber oder Gold, geschmückt mit Juwelen, mitten im Duft von Blumen und Weihrauch, vor einer Gläubigenschar, die ihm mit dem Kult der Anbetung huldigt und ihn mit Triumphgesängen ehrt. Jesus Christus kommt nämlich nicht mehr, um zu leiden; der Priester setzt ihn nur deswegen in der Eucharistie gegenwärtig, um die Früchte seiner Passion zur Heiligung der Seelen einzusetzen und ihn als Erlöser regieren zu lassen.

 

Schließlich hat sich die Sendung Mariens auch in der Gestalt geändert. In Nazaret wachte Maria über das physische Leben Jesu und sorgte für seine Erziehung; auf dem Kalvarienberg hat sie am Erlösungsopfer mitgewirkt; im Himmel nimmt sie ihre Rolle als Vermittlerin aller Gnaden bis zum Ende der Zeiten wahr.

 

Der Priester übt eine unveränderliche Aufgabe aus, die jedoch nicht über das Ende seines eigenen Lebens hinausreicht. Er wird das priesterliche Merkmal zwar ewig beibehalten, aber hier auf Erden wird nur das katholische Priestertum für immer bestehen.

 

 

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5. Seelenzustand. - Hier zeigen sich die Kontraste besonders stark und lassen die Weisheit und Barmherzigkeit Gottes hervortreten.

 

Maria ist bei ihrer Empfängnis unbefleckt; sie blieb stets frei von jedem Fehler oder persönlicher Unvollkommenheit; sie blieb in ihrem Leben stets heilig und vollkommen in allen ihren Werken. Sie war der Himmel der Menschwerdung.

 

Der Priester wird als Kind des sündigen Adam geboren, mit der Erbsünde behaftet; er ist der Gefahr ausgesetzt, eine ganze Reihe persönlicher Fehler zu begehen; er kann leider bis zu den schlimmsten Fehltritten absinken.

 

Warum dieser Unterschied? Maria musste unbefleckt sein, um die Muttergottes zu werden; sie musste heilig und vollkommen sein, um am Geheimnis der Erlösung mitzuarbeiten. Wie Jesus selbst musste auch sie, aber durch Angemessenheit und Gnade, ganz frei von Sünden und in strahlender Vollkommenheit leben.

 

Gott hätte durch die Macht seiner Gnade den Priester von eigenen Sünden fernhalten und ihn mit allen Tugenden schmücken können. Liefert uns nicht das Leben der Heiligen einige Beispiele für ein derartiges Privileg? Wäre dann aber der Priester, das Priestertum als Ganzes, eine religiöse Einrichtung, die dem konkreten Zustand der Menschheit angepasst ist? Die göttliche Weisheit hatte ihre Pläne. Kann man nämlich nicht sagen, dass Gott wollte, der Priester solle groß sein und durch seine Anstrengungen in der Tugend dieser Größe gerecht werden? So wird er vor dem Stolz bewahrt bleiben und in der Demut vertieft werden.

 

So ist der Priester "fähig, für die Unwissenden und Irrenden Verständnis aufzubringen, da auch er der Schwachheit unterworfen ist" 17 .

 

Der Glaube kann sich ebenfalls auf die göttliche Wirksamkeit der Sakramente ruhigen Herzens verlassen, ohne auf die persönliche Heiligkeit des Amtsträgers Rücksicht zu nehmen.

 

Hinge übrigens eine solche Wirksamkeit von dieser Heiligkeit ab, würden dann nicht die besten Priester am ehesten zurückscheuen, ihr Amt auszuüben und zu zelebrieren?

 

Nein. Jesus Christus wird umso mächtiger, heiliger und liebender erscheinen, je schwächer und weniger vollkommen der Priester als sein Instrument dastehen wird.

 

Ist die Sonne nicht schöner, sobald sie aus den Wolken heraustritt oder nach einem Sturm? So wie die Einsetzung des Priestertums erfolgt ist, stellt es einen Triumph der Macht und Liebe Jesu Christi dar.

 

 

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6. Pflichten. - Diese weisen lediglich Ähnlichkeiten auf. Maria hatte wie jede Mutter die Pflicht, Jesus aufzuziehen. Gewiss bleibt die Art und Weise, wie sie diese Aufgabe erfüllte, ein unaussprechbares Geheimnis. Wenn aber der Sohn Gottes in der vollen Wahrheit der Sohn Mariens war, dann muss diese in ihrer Beziehung zu ihm und in den Augen der Leute die Haltung einer wahren Mutter eingenommen haben.

 

Maria begleitet Jesus auch in allen Phasen und Situationen seines Lebens. Sie war arm mit ihm in Bethlehem, verborgen in Nazaret, verfolgt während seines evangelischen Lebens, hingeopfert in der Stunde seines Leidens; sie wird sich später vereinigen mit seinem eucharistischen Leben, dem Ziel und der Krönung aller Geheimnisse Jesu.

 

Auch der Priester muss Jesus in den Seelen nähren, damit er in ihnen lebe und wachse. Aber wie könnte ihm das gut gelingen, wenn er nicht selber von Jesus lebt, wenn er sich nicht seinen Geist und sein Herz in der Vertraulichkeit mit Jesus Christus, dem Hohenpriester, nährt?

 

Eine seiner Hauptsorgen muss es sein, Priesterberufe zu entdecken und zu formen, sowie die Neugeweihten des Priesteramtes zu leiten.

 

Er möge darin mit der Jungfrau Maria zusammenarbeiten; er vertraue der Liebe Mariens besonders für den jungen Priester.

 

Sie hat ihn in der Jugendzeit vor dem Bösen bewahrt, um in ihm die Tugend zu erhalten, welche den Priester kennzeichnet: indem sie seine Frömmigkeit nährte, seine Liebe anregte, ihn gleichsam an der Hand bis in die Nähe des Altars, bis zu Füßen des Hohenpriesters führte und ihn wie einstmals ihren Sohn im Tempel ihm vorstellte; indem sie ihn in den tausend Opfern des Studiums, der Kämpfe und Ängste zum Priesterberuf ermutigte.

 

O wie herrlich: ein Priester, der durch Maria geformt wurde! Dies ist ein guter und heiliger Priester, Jesus wird ihn freudig aufnehmen und in ihm seine Mutter bleiben.

 

 

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V

 

Der  Priester  und  die  eucharistische  Sühne

 

 

Bereits unter dem Alten Gesetz waren die Priester in besonderer Weise damit beauftragt, vor Gott die Sünden des Volkes zu beweinen; die Barmherzigkeit und Vergebung Jahwes herabzuflehen war eine ihrer offiziellen Funktionen 1.

 

Muss sich nicht der Priester des Neuen Bundes als Konsekrator der Eucharistie besonders dafür verwenden, aufgrund dieses Titels Jesus Christus einen Kult der Wiedergutmachung für die Fehler anzubieten, die gegen das anbetungswürdige Altarssakrament begangen werden?

 

Die größte aller Sünden in dieser Hinsicht ist sicher die Leugnung der Eucharistie durch die willentliche Verweigerung zu glauben, was die katholische Kirche auf diesem Gebiet definiert hat, ob es sich nun um die reale Gegenwart, um das Messopfer oder die hl. Kommunion handelt. Es gibt leider eine Menge Leute, die vorsätzlich jeden Glauben an die Eucharistie zurückweisen, ob sie nun der Häresie oder dem frevelhaften Atheismus ergeben sind.

 

Was aber im allgemeinen die größte Aufmerksamkeit auf sich lenkt, sind die eucharistischen Profanationen. Untersuchen wir ihr Wesen und die Pflicht und Form, wie der Priester dafür Genugtuung leisten kann.

 

 

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1. Die Genugtuung: ihr Wesen und die Pflicht dazu.

 

 

Wenn auch von seiner Natur her das Sakrileg nicht die schwerste Sünde ist, die es im Hinblick auf die Eucharistie gibt, so weist es doch ein besonderes Gewicht auf, weil es um die reale Gegenwart Jesu Christi geht; und es hat einen ausgesprochen verachtungswürdigen Charakter wegen der konkreten Seinsbedingungen seiner anbetungswürdigen Person.

 

a) Als die ungläubigen Soldaten des Kaiphas und Pilatus mit Jesus ihren Spott trieben, da kümmerten sie sich nicht darum, wer er sei, aus Verhöhnung jedoch, und vielleicht auch aus Angst verhüllten sie ihm das Gesicht.

 

Der Schänder der Eucharistie, der ein Christ oder ein Gläubiger sein kann, nützt es, dass sich Jesus Christus selber verhüllt hat, um ihn zu ergreifen oder in sakrilegischer Weise zu empfangen.

 

Unser Herr ist hier als unser Erlöser und unser Wohltäter.

 

Wäre er auch nur auf unseren Altären wie auf einem Thron der Majestät und Herrlichkeit, so hätte er das Recht auf unseren vollen Respekt und unsere Anbetung. Aber welche Gefühle der Dankbarkeit müssen uns doch beseelen, wenn wir alldas in Erwägung ziehen, was seine Liebe auf dem Altar zu unseren Gunsten tut?

 

Auf Erden war Jesus Christus wie eine Sonne, die ihre Bahn lief und allen Gutes tat: "Er zog umher und tat Gutes"  2.

 

Auf dem Altar ist diese göttliche Sonne stehengeblieben, sie bleibt dort, um uns, und zwar jeden einzelnen, mit seinen Gaben zu überhäufen und uns vor allen Übeln zu bewahren.

 

Haben wir der göttlichen Gerechtigkeit Genüge zu leisten? Jesus ist auf dem Altar unser Opferlamm, dessen göttliches Blut Barmherzigkeit erwirkt. Haben wir es notwendig, in uns das übernatürliche Leben der Gnade zu pflegen? Jesus gibt sich uns als Nahrung und Trank; er hat einen Zustand angenommen, um mit uns eins zu werden und damit die innerste Vereinigung anzuzeigen, die er mit unserer Seele vollzieht. Haben Begierlichkeit und Sünde in uns eine heillose Verwüstung angerichtet? Jesus Christus erneuert für alle Christen das, was er in Judäa nur für einige Privilegierte vollzog: "Ich will kommen und ihn gesund machen" 3; er ist das Heilmittel für unsere Mängel, das souveräne Gegengift für die Sünde. Müssen wir kämpfen? Dieses Sakrament ist unsere Kraft. Dieses Brot des Verstandes und der Wahrheit war es, welches die Lehrer der Kirche erleuchtete und stützte im Kampf gegen die Irrlehrer; mit diesem Schwert der Macht haben die Märtyrer triumphiert; dieser Wein der Reinheit hat die Herzen der Jungfrauen entflammt. Schließlich sind wir Pilger auf dem Weg in die Ewigkeit, und Jesus wird unsere geistige Wegzehrung. Mit einem Wort: Jesus ist in diesem Geheimnis inmitten seiner Kirche, um für alle ihre Bedürfnisse dazusein, ihr alle Gnaden mitzuteilen und ihr bis zum Ende der Zeiten auf vielfältige Weise seine Liebe zu bezeugen.

 

Nun wird Jesus mitten in seinen Wohltaten, auf dem nicht mehr überbietbaren Höhepunkt seiner Güte geschmäht! Man bedient sich seiner Gnaden gegen ihn selbst.

 

Wie kann man es nur wagen, den Sohn einer makellosen Jungfrau in ein unzüchtiges Herz einkehren zu lassen! In einem hasserfüllten Herzen denjenigen aufzunehmen, der seinen Henkern vergeben hat? Ihn in einem stolzen Herzen einzulassen, der sich vernichtet hat bis zum Tod am Kreuz!

 

 

b) Kann man nicht einen Schritt weitergehen und sagen, dass die Beleidigungen, die ihm in der Eucharistie angetan werden, noch mehr kränken, weil er sich in einem verherrlichten Zustand befindet?

 

Die schmachvolle Behandlung, die Jesus Christus in seinem Land angetan wurde, war gewiss verbrecherisch; aber sie stand nicht im Gegensatz zu seiner leidensfähigen und sterblichen Daseinsweise.

 

Wer die Eucharistie schändet, beleidigt den auferstandenen Jesus, der nach dem Gesetz seiner verherrlichten Seinsweise nur mehr wie im Himmel Lob und Ehre erhalten sollte.

 

Ohne Zweifel leidet Jesus Christus durch diese Profanationen nicht, nicht einmal moralisch; sie erreichen nämlich nur die hl. Gestalten, weil er auferstanden ist; andererseits aber wurde die Eucharistie eingesetzt, um das lebendige und ewige Gedächtnis der Leiden seiner Passion fortzusetzen: "Ihr werdet den Tod des Herrn verkünden, bis er wiederkommt"  4.

 

Aber wenn auch die Person Jesu durch die Profanierungen nicht angetastet wird, so beleidigen sie diese trotzdem, weil sie ihrem Willen widersprechen, ihre Rechte verletzen und ihre äußerliche Ehre herabmindern. Es ist übrigens nicht erforderlich, dass Jesus Christus selbst jetzt noch leiden muss, damit das wahre Gedächtnis des Erlösertodes zustandekommt; es genügt, dass das gewählte äußere Zeichen deutlich auf die Leiden und den Tod der Vergangenheit hinweist.

 

 

c) Wenn aus dem Gesagten hervorgeht, dass alle Christen unter diesen eucharistischen Entweihungen leiden sollen, um wie viel mehr dann der Priester, der privilegierte Freund Jesu Christi?

 

Es wird vom Hohenpriester Heli berichtet, dass er, durch einen Botschafter von der Entwendung der Bundeslade durch die Philister in Kenntnis gesetzt, dadurch so erschüttert wurde, dass er von seinem Stuhle fiel und sofort nach seinem Sturz verstarb 5.

 

Wie schmerzvoll muss doch der Priester die Nachwirkung der eucharistischen Sakrilegien empfinden!

 

Er soll beherzigen, dass indirekt gerade seine Vollmacht Jesus Christus der Gefahr aussetzt, diese Beleidigungen zu erdulden. Würde er nämlich keine Hostien konsekrieren, diese bei der hl. Kommunion nicht austeilen oder in den Tabernakel zurückstellen, wären solche Sakrilegien unmöglich.

 

Freilich gehorcht der Priester lediglich Jesus Christus, wenn er Brot und Wein verwandelt. Auch Pseudo-Dionysius stellte fest, der Priester solle nie das hl. Opfer darbringen, ohne sich immer wieder an die erhaltene Weisung zu erinnern: "Der Priester soll sich vom Opfer, welches seine Würde übertrifft, reinigen, während er die Worte sagt: Tut dies zu meinem Gedächtnis"  6.

 

Aber das Herz des Priesters wird ergriffen von Traurigkeit und Dankbarkeit im Angesicht der Liebe Jesu Christi.

 

Der hl. Augustinus rief aus: "Herr, du hast vorausgesehen, was sich ereignen wird, und hast alle Hindernisse überwunden, die dich von der Einsetzung der Eucharistie hätten abhalten können: In Güte hast du dein Vorauswissen besiegt".

 

Wie muss sich der Priester befleißigen, alle Beleidigungen des Unglaubens, der Gleichgültigkeit, der Ehrfurchtslosigkeit und des Sakrilegs durch seinen Feuereifer und seine Bereitschaft zur Sühneleistung wieder gutzumachen!

 

Der hl. Bernhard wünschte sich, Jesus Christus wie ein Schild gegen die Geschosse, die Schläge der Bösen zu dienen: "es wäre mir recht, wenn sich Christus würdigte, mich als Schild zu verwenden, damit die giftigen Pfeile der Gotteslästerer ihn nicht erreichten"  7.

 

Was für eine ehrenvolle Rolle ist es für die Priester, ihr Oberhaupt Jesus Christus zu umgeben, um ihm mit ihren Herzen einen Schutzwall aufzustellen und ihn vor den Beleidigungen zu schützen.

 

 

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2. Möglichkeiten zur Wiedergutmachung.

 

 

Man kann zweckmäßigerweise die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft ins Auge fassen.

 

a) Die Beleidigungen aus der Vergangenheit können durch Gebet und Opfer gesühnt werden. Gott will Barmherzigkeit üben, er will vergeben, aber er wartet auf die eingesetzten Vermittler durch Jesus Christus, damit sie sich zwischen seine Gerechtigkeit und die Schuldigen stellen.

 

Daher soll der Priester nach dem Beispiel Jesu Christi nicht sosehr die begangenen Sünden beklagen, sondern eher ihre Strafe auf sich nehmen, sie sozusagen sich zu eigen machen, um sie durch seine Gebete und Sühneleistungen zu tilgen. "Der Priester soll die Sünden des Volkes, von Mitleid ergriffen, als seine eigenen Vergehen beweinen" 8.

 

Wenn der Autor des Buches Kohelet Noe loben will - und nach ihm die hl. Kirche, einen ihrer Päpste, - nennen sie ihn den Friedensvermittler Gottes mit den Menschen: "Und zur Zeit des Zornes wurde er zur Versöhnung"  9.

 

Auch war es das flehentliche Gebet des Mose, das den Zorn Jahwes, der zur Zerstörung des hebräischen Volkes entschlossen war, ablenkte: "Da versuchte Mose, den Herrn, seinen Gott, zu besänftigen... Da ließ sich der Herr das Böse reuen, das er seinem Volk angedroht hatte" 10.

 

Durch das Gebet - das in Gegenwart der Eucharistie verrichtet wird - "zwischen Vorhalle und Altar" - wird der Priester, mit Jesus Christus vereint - zum Vermittler insbesondere für jene, die auf welche Weise auch immer sich gegen die Eucharistie schuldig gemacht haben.

 

 

b) Die gegenwärtigen Vergehen werden durch die persönliche Heiligung gesühnt. Dazu zelebriert der Priester jeden Tag, außer es ist ihm nicht möglich.

 

Die hl. Messe ist der vollkommenste Kult, die unendliche und souveräne Huldigung, die Gott durch den menschgewordenen Gott dargebracht wird. Wie groß und mächtig ist der Priester am Altar! Somit wendet der Teufel alle seine Anstrengung darauf an, um den Priester davon abzubringen und ihn am Zelebrieren zu hindern.

 

Wer es aus eigener Schuld unterlässt, das hl. Opfer darzubringen, begünstigt die Pläne der Hölle. Der hl. Bonaventura fügt hinzu, "dass er die Dreifaltigkeit der Ehre, die Engel der Freude, die Kirche der Gnaden und sich selbst des höchsten Gutes, nämlich der Vereinigung mit Jesus Christus beraubt" 11.

 

Es wäre aber unzureichend, dass das hl. Opfer gefeiert werde, wenn es nicht durch heilige Amtsträger dargebracht wird. Was für ein Verdienst hat doch ein Mensch, der Tag für Tag Jesus Christus auf den Altar herniedersteigen lässt, ihn berührt, ihn in seinen Händen hält und sich mit ihm ernährt? Muss er nicht an Reinheit und Heiligkeit die Engel übertreffen, so wie er sie durch die Würde seiner Amtshandlung übertrifft?

 

"Auch größer als die Engel ist der Priester, es haftet ihm eine gewisse Göttlichkeit an, und er macht andere zu Göttern" 12.

 

Die Engel haben das Kommen Jesu Christi auf Erden angekündigt; der Priester lässt ihn jeden Tag auf den Altar herniedersteigen. Die Engel in Bethlehem brachten die Kunde vom menschgewordenen Gott; der Priester unterweist die Gläubigen, dann reicht er ihnen das Brot vom Himmel zur Nahrung. Die Engel umgeben mit Ehren den gegenwärtigen Herrn und sind die Beschützer der Gläubigen; der Priester konsekriert die Eucharistie und lässt die Sünden nach.

 

Auf eine solche Größe und Macht kann man nur mit einer leuchtenden Heiligkeit antworten.

 

Das Priestertum ist im eigentlichen Sinn das große Weihesakrament Jesu Christi. Die Priester sind die Religiösen Jesu Christi, wie er selbst der "Religiöse seines himmlischen Vaters"   war  13. Welche Vollkommenheit müssen sie daher aufweisen?

 

Sie muss so beschaffen sein, dass ein Priester jederzeit in allem, was er tut, ein zweiter Jesus Christus sei. Die Gläubigen können zu Recht einen Stand wählen und sich mit Dingen beschäftigen, die nicht in den Rahmen des Lebens Jesu Christi einzuordnen sind; sie schließen Ehen, sie treiben Handel und gehen weltlichen Angelegenheiten nach. Es genügt, dass ihnen Jesus Christus die Gnade erworben hat, dass sie diese Dinge in christlicher Weise vollziehen. Der Priester soll Jesus Christus in unmittelbarer Nähe nachfolgen und sich dessen enthalten, wovon er sich enthalten hat.

 

Leider ist es keine Seltenheit, dass Amtsträger Jesu Christi zu Weltleuten und Geschäftemachern, zu Ränkeschmieden und Strebern werden, ja noch mehr: sie können zu untreuen und sogar gotteslästerlichen Dienern herabsinken.

 

Tertullian machte den Heiden darüber Vorwürfe, dass sie sich mit der Untersuchung der Eingeweide der Opfertiere unterhalten, anstatt sich über die innere Einstellung ihrer gewinnsüchtigen und verdorbenen Priester Sorgen machten: "Ich wundere mich, wie von den lasterhaftesten Priestern bei euch die Opfertiere befunden werden, warum eher die Eingeweide der Opfer als die der Opfernden selber untersucht werden" 14.

 

Die Genugtuung des treuen Priesters wird darin bestehen, die Gefühle seiner Seele zu heiligen und dazu mit Feinfühligkeit die Regungen seines Herzens und die Triebe seiner Sinne zu reinigen. "Haltet euch rein, denn ihr tragt die Geräte des Herrn" 15. Dies wurde den Leviten des Alten Bundes empfohlen. Der Priester Jesu Christi wird sich von allem trennen, was sein Leben besudeln und die Sympathie zu seinem göttlichen Meister einschränken könnte.

 

 

c) Die zukünftigen Fehler werden durch den Seeleneifer zur Verehrung der Hl. Eucharistie gesühnt. Der Priester wird durch sein persönliches Verhalten und durch seine geforderte Achtung auf Sauberkeit, wenigstens aber auf Angemessenheit im Gotteshaus und bei allem, was den göttlichen Kult betrifft, sein gutes Beispiel des Respektes geben.

 

Er vermeide alles Knausern in den Belangen des hl. Opfers und für die Instandhaltung des Ewigen Lichtes im Heiligtum.

 

Er setze sich ein, das Bewusstsein der Kinder bezüglich des Umganges mit der Hl. Eucharistie richtig zu bilden, damit so ungültige Beichten vermieden werden. Er unterrichtet die Gläubigen über die Kennzeichen der Ehrfurcht, welche von der hl. Kirche für die Hl. Eucharistie vorgeschrieben sind, je nachdem, ob sie ausgesetzt oder im Tabernakel verschlossen ist.

 

Er bewirke bei allen Gläubigen eine tiefe Frömmigkeit zur anbetungswürdigen Eucharistie durch die Mitfeier der hl. Messe, den häufigen Kommunionempfang und die Anbetung.

 

Er lade sie ein zu Sühnewerken für die Eucharistie, wobei er sein Priesterherz sprechen lasse.

 

 

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VI

 

Der Priester als Seelenhirte

 

Die folgenden Seiten stellen die Ansprache des Heiligen dar, als er im Juli 1837 im Alter von 26 Jahren als Weltpriester die Pfarre Monteynard in der Diözese Grenoble übernahm. Er war am 2. Juli zum Pfarrer ernannt worden; wahrscheinlich hielt er die Antrittspredigt am darauffolgenden Sonntag, dem 9. Juli.

 

_________

 

 

 

Als die Apostel die Länder in der Welt festlegten, in denen jeder von ihnen den Glauben des Evangeliums zu verkünden hatte, beriefen sie sich zur Begründung ihrer Sendung allein auf die Tatsache, von Jesus Christus gesandt worden zu sein; sie genossen keine andere Ehre als die Tatsache, an den erhabenen Funktionen seines ewigen Priestertums teil zu haben.

 

Der Heiland der Welt hatte sie beauftragt: "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch" 1. Ich rüste euch mit meiner ganzen Vollmacht aus und übertrage euch meine Macht. Von jetzt an werdet ihr mit mir ganz eins sein; euer Amt wird meines sein, und eure priesterlichen Handlungen werden für immer mit dem Siegel meiner Gottheit ausgestattet sein.

 

Jesus hatte gesprochen; und die Apostel ziehen ohne andere Waffe als das Schwert des Wortes Gottes, ohne andere Verteidigung als das Holz des Kalvarienberges, ohne andere Stütze als die Armut des gekreuzigten Jesus Christus, freimütig hinaus, um die Froh-Botschaft des Heiles 2 zu verkünden und die Taufe zur Vergebung der Sünden 3.

 

Beim Ertönen ihrer Stimme gibt sich die Hölle geschlagen, Satan verliert seine Eroberungen und wird wieder zum Sklaven.

 

Die heidnische Welt bewaffnet sich mit allen verfügbaren Kräften, um Gottes Werk zu verrichten und jene auszurotten, die es aufbauen. Sie erhebt sich umsonst. Das Heidentum stürzt in seinen Grundfesten zusammen. Die Henker halten machtlos inne. Die Herrscher bekehren sich zum Christentum und rechnen es sich zur Ehre an, zur Jüngerzahl der armseligen Fischer zu gehören, die ebenso große Apostel sind. Dies ist der Grund, warum ihnen nichts widerstehen kann: ihre Sendung ist göttlich.

 

Wie die Propheten den Völkern und Königen zugerufen haben: "Ich komme als Gesandter Gottes, ich rede in seinem Namen zu euch", so kündigte sich auch der hl. Paulus als Mitarbeiter und Stellvertreter des Sohnes Gottes an und verlangte von den Gläubigen nichts weniger als ein zweiter Jesus Christus aufgenommen zu werden.

 

Die Sprache, welcher sich die Apostel bedienten, sprechen wir heute zu euch, denn nicht aus eigener Vollmacht kommen wir, um unter euch Seelsorgearbeit zu leisten. Abgesehen davon, dass ein solches Vorgehen vermessen und unsinnig wäre, so würde unsere Sendung noch zusätzlich den Charakter der Ablehnung und des Todes an sich tragen. Aber Gott würde es niemals billigen, dass uns eine so auflehnende Absicht hierher geführt hätte. Es ist der Familienvater, der uns wie damals den Aposteln gesagt hat: "Arbeitet auch ihr in meinem Weinberg!" Ja noch mehr, er hat uns die Verantwortung über eure Seelenleitung übertragen trotz unserer Jugend, Schwachheit und Befürchtungen. Wie zum Apostel Petrus hat er zu uns gesagt: "Weidet meine Schafe", ich vertraue sie eurer Sorge an und übertrage euch ihre Führung.

 

Was hatte bei einem solchen Befehl zu geschehen? Sich zu unterwerfen und zu gehorchen. Unter einer so schweren Last fürchten wir erdrückt zu werden. Aber euer alt-bekannter Glaube, euer Eifer für unsere hl. Religion, der sich besonders in der Schmückung und Verschönerung eurer Kirche bestätigt, die Seelsorgearbeit unserer ehrwürdigen Vorgänger, die sich mit soviel Begeisterung abgemüht haben, diese teure Herde Jesu Christi zu erhalten und sie vor der Verderbnis der Welt zu verschonen: all das, liebe Brüder, schien unsere so großen Ängste zu erleichtern und zu besänftigen.

 

Hinzufügen wollen wir noch vor allem den Titel des Gesandten Jesu Christi, das gegebene Versprechen, uns zu stützen und zu helfen, bei uns zu sein alle Tage unseres Lebens.

 

Im Hinblick so vieler trostreicher Beweggründe und beim Gedanken an soviel machtvolle Hilfe, haben wir wie Jesus Christus zu seinem Vater gerufen: Hier bin ich, um deinen Willen zu erfüllen.

 

Ja, hier bin ich, meine Brüder, um für euch dazusein, und zwar ganz.

 

Wie ein Amtsdiener Jesu Christi und bestimmt, ihn zu vertreten, bringen wir euch also sein Wort und werden euch seinen Willen kundgeben.

 

Alle himmlischen Schätze wurden für euch in unsere Hände gelegt. Als Kanal und Werkzeug der Gnaden bringen wir euch im Namen Jesu Christi und mit der Autorität, die wir von ihm empfangen haben, das hl. Wasser, welches das durch Adam schuldiggewordene Kind wiederherstellt; die Heilmittel für euere geistlichen Wunden, hilfsbereite Mahnungen mit der Vergebung eurer Fehler; die stärkende Salbung für die Kranken in Todesgefahr, die Spendung des Leibes und Blutes des hl. Opferlammes auf dem Altar und endlich die geistlichen und reichlichen Segnungen, welche das sakramentale Band der Ehepartner festigen.

 

Was werde ich noch hinzufügen? Alle Gnadenströme der Liebe der Kirche, dieser zarten Mutter, all die Tröstungen durch die Einheit der Gläubigen untereinander; alles das kommt von unserer Seelsorgearbeit und all das gehört euch.

 

Wenn doch auch wir selbst Gott gehören könnten! Ihr wisst ja, meine Brüder, dass unser Amt erhaben und göttlich ist, dass aber ebenso die Verpflichtungen und die damit verbundenen Aufgaben gewaltig sind. Ich kann nicht besser meinen Dienst beginnen, als dass ich euch die priesterlichen Pflichten erkläre, damit ihr mich hierin beurteilen und maßregeln könnt.

 

Sollte ich darin vergesslich werden, wird euer Glaube mein Begutachter und eure Frömmigkeit mein Führer sein.

 

 

* * *

 

 

Bei der Einsetzung des Priestertums hatte Jesus Christus zwei Ziele vor Augen: seinen Vater verherrlichen und das Heil der Welt sicherstellen. Müsste man für solch edle, erhabene Ziele nicht wie er Gott sein? Es ging darum der höchsten Majestät das zu leisten, was ihre Gerechtigkeit und unsere Anerkennung verlangen, nämlich Anbetung und Huldigung, und zwar nicht nur teilweise und mit der Gunst der Nachsicht, sondern als gleichwertige Gegenleistung. Nun war Jesus Christus allein befähigt, Gott als Gott zu behandeln. Auch wurde Gott durch Jesu Tod am Kreuz volle Genugtuung geleistet, die Menschen waren erlöst, die Hölle wurde gesperrt, der Himmel eröffnet.

 

 

INHALT

EYMARD

 

1. Die Verherrlichung Gottes.

 

Wenn aber Christus allein dazu fähig war, was geschieht dann nach seinem Tod? Wird sein Werk der Ehre und des Heiles unvollendet bleiben? O nein! Durch ein Wunder der Liebe und der Macht ist zwar Jesus Christus gestorben, aber er lebt noch auf Erden. Er ist im Himmel und predigt noch immer hier unten den Menschen guten Willens das Evangelium des Friedens. Er ist gestorben, er ist auferstanden und trotzdem opfert er sich jeden Tag auf dem Altar. Nur ein Kalvarienberg sah sein Blut fließen, aber noch jetzt setzen Tausende von Messen sein Ganzopfer fort.

 

So brauchen wir also die glückliche Epoche des Kaisers Augustus, die Jesus lebendig in Palästina bewundern konnte, und die Juden, unter denen er gelebt hat, nicht mehr zu beneiden. Wir besitzen Jesus Christus mitten unter uns, er feiert mit uns das eucharistische Pascha, er spricht auf den Kanzeln der Kirchen und vergibt im Gericht der Versöhnung unsere Fehler.

 

Und wie gelangen so viele Gunsterweise und Gnaden bis zu uns? O meine Brüder, ihr selbst seid der Beweis. Würde Jesus Christus nicht in unserer Mitte wohnen, bliebe euch die Einheit und die Liebe unbekannt, denn diese Tugenden sind das Werk des Friedens Gottes in euch. Die Dankbarkeit und das Verlangen würde euch nicht zum Himmel führen, zu jenem Himmel, den euch die Hoffnung anbietet und der Glaube zeigt; denn der Gegenstand eures Glaubens und die Gewissheit eurer Hoffnung ist der auferstandene Jesus Christus, der gesagt hat: "Wer mich isst, der hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag". Somit ist er selbst das gesicherte Pfand eurer eigenen Auferstehung und die beständige Quelle eures Lebens nach dem Evangelium.

 

"Aber was ist der Sinn dieser sonderbaren Sprache?" würde ein Heide fragen, ich sehe Jesus Christus nicht". - Der Christ antwortet: "Ich sehe ihn in den Aposteln und er lebt in seinen Priestern: sie haben dieselbe Macht wie er".

 

Um uns zu erlösen, wurde er Mensch, dann hat er sich der Sicht der Sterblichen entzogen. Als es aber darum ging, die Aussaat des Evangeliums Früchte tragen zu lassen und die Verdienste seines Leidens den Seelen zuzuwenden, dann unternahm er noch mehr. Er wurde in gewisser Hinsicht bei jeder Priesterweihe von neuem Mensch, er beließ den Neugeweihten alle seine menschlichen Armseligkeiten und Begierden, schenkte ihm aber alles, was er an Göttlichem und Übernatürlichem brauchte, d.h. seine Vollmacht und seine Sendung.

 

Diese Vollmacht und Sendung wird vom Priester als Delegierten mit allumfassender Befugnis wahrgenommen und nicht als einer, der nur ein einfacher Vertreter, ein Bild darstellt; sie werden ausgeübt von jenen, der Jesus Christus selbst ist - in seinem Wesen - im Hinblick auf seine Sendung; der als Person er selbst ist bei der Ausübung seiner Macht. "Wer euch hört, der hört mich" 4.

 

In dieser Weise handelt ein Priester beim Vollzug seines Amtes nicht als Privatperson, sondern als Jesus Christus, weil es Jesus Christus ist, der in ihm und durch ihn wirkt.

 

Als Vermittler zwischen Himmel und Erde setzt der Priester tagtäglich das erhabene Kreuzesopfer fort. Auf dem Altar befindet sich dasselbe Opferlamm und derselbe Opfer-Priester wie auf dem Kalvarienberg; denn im Verlauf des letzten Abendmahles, als Jesus Christus den Aposteln seinen Leib und sein Blut, welche mit seiner Gottheit vereinigt waren, reichte, da hat er hinzugefügt: "Tut dies zu meinem Gedächtnis!" d. h. was ich eben getan habe - diese Wandlung des Brotes und Weines - dafür gebe ich euch die Vollmacht, dasselbe zu vollziehen und dieses Wunder bis zum Ende der Welt zu wirken.

 

Daraus folgt, dass der Priester am Altar und Jesus Christus beim Abendmahl dasselbe sind, wie es das Konzil von Trient lehrt: "Auf die gleiche Weise opfert er sich heute durch den Dienst der Priester wie er sich damals am Kreuz geopfert hat"  5.

 

Der hl. Johannes Chrysostomus sagt: "Seht nicht nur den Priester, der das Opfer darbringt, sondern auch die unsichtbare Hand Jesu Christi, die sich über dem Altar des Opfers ausstreckt" 6. Hier leiht der geweihte Priester seinen Willen und seine Zunge Jesus Christus, der sich damit bedient, um zu konsekrieren und zu segnen.

 

Beachtet auch, dass der Priester in diesem bedeutendsten Augenblick, wo der Sohn Gottes auf den Altar herabsteigt, nicht sagt: "Dies ist der Leib Jesu Christi, dies ist sein Blut", sondern er spricht in der ersten Person und sagt: "Dies ist mein Leib, der für euch hingegeben wird, dies ist mein Blut, das für euch vergossen wird", wie sich der griechische Text des Evangeliums ausdrückt; wäre also Jesus Christus nicht auferstanden, würde noch immer sein Blut fließen und sein Leib am Kreuz sterben.

 

Wie erhaben ist also diese Amtshandlung des Priesters auf dem Altar! Diese allein kann als wirklich großartig bezeichnet werden, weil nur diese durch die Wirkung seiner Macht für Gott würdig ist.

 

"Denn Gott der Herr sprach, und sogleich geschah es, er gebot, und alles war da" 7. Sein Wille gebietet dem Nichts gleich wie dem, was ist. Aber o Wunder, was noch erstaunlicher ist: beim Messopfer spricht der Priester, und auf sein Wort hin wird aus dem einen Wesen unmittelbar ein anderes, die Substanzen des Brotes und Weines werden in jene des Leibes und Blutes Jesu Christi gewandelt.

 

Wer würde so etwas glauben, wenn es uns der Glaube nicht klar anzeigen würde? Wer könnte es hinnehmen, dass ein Mensch, ein Sünder, ein aus dem Nichts gezogenes Wesen ein solches Wunder vollbringen und als Meister seinem Gott befehlen kann und dem jeden Tag unverzüglich Gehorsam geleistet wird? 8 Man ist erstaunt, dass Josua der Sonne befohlen hat, still zu stehen; und die Hl. Schrift selbst bewundert diese Herablassung Gottes, der sich der Anweisung eines menschlichen Wesens beugt: "Der Herr hörte auf die Stimme eines Menschen" 9. Aber beim Anblick eines Priesters, der Jesus Christus befiehlt, auf den Altar herabzusteigen, um das Opferlamm des hl. Messopfers zu werden, kann man nur schweigend einen so wunderbaren Plan der göttlichen Barmherzigkeit, anbeten.

 

Ja, was denn! Wenn die Kirche über das Geheimnis der Menschwerdung spricht und dabei glaubt viel zu sagen, wenn sie dem Sohn Gottes dafür dankt, dass er sich nicht gescheut hat, im Schoß einer Jungfrau Fleisch anzunehmen, was muss man dann erst vom Priester denken, der selber nur ein Häuflein Elend und Sünde ist? Die heiligen Handlungen, die er ausübt, erfordern hervorragende Tugenden. Diese stellen den Vorbehalt und die Bedingung des Priestertums dar, zu welchem weder Vererbung noch die Geburt ein Anrecht bieten. Die Apostel waren Leute aus bescheidenen Verhältnissen, aber sie waren reich an Tugend.

 

Erbittet diese priesterlichen Tugenden von ihnen für uns, euren Hirten. Ihr habt davon ebenso einen Nutzen wie wir, da wir ja für euch Priester sind und für euch zum Altare schreiten.

 

Es ist freilich richtig, dass unsere Unwürdigkeit nichts vom Wert des hl. Opfers wegnimmt; dass wir durch die hl. Messe Gott die gleiche Ehre erweisen, wie sie ihm Jesus Christus auf dem Kreuz dargebracht hat.

 

Ja, der zelebrierende Priester erweist Gott eine unendlich größere Ehre, indem er Jesus Christus opfert, als alle Menschen durch das Opfer ihres eigenen Lebens. Was sage ich? Mit einer einzigen hl. Messe lässt der Priester der erhabenen Majestät mehr Ehre zukommen, als alle Heiligen im Himmel im Verein mit den Engeln und die seligste Jungfrau leisten oder jemals leisten werden. Der Grund liegt darin, dass alle zusammen Gott nur einen Kult mit beschränktem Wert erweisen, während der Priester Gott Jesus Christus darbringt; dieser aber besitzt eine unendliche Würde 10. Sein Opfer ist an Verdienst und Genugtuung dem Opfer am Kreuze ebenbürtig: "die Feier der hl. Messe ist soviel wert wie der Tod Christi am Kreuze" 11.

 

Aber warum braucht es dann jeden Tag und jede Stunde soviel Messen? Wir müssen die unendliche Güte Gottes richtig verstehen. Jetzt, wo durch die Erlösung alle Sünden der Welt gesühnt und vernichtet sind, bezwecken die überall und jederzeit gefeierten Messen, dass den reumütigen und gläubigen Menschen die Früchte zukommen. Sie dienen, uns zu bekehren, uns mit himmlischem Segen zu erfüllen, uns an Tugend und Heiligkeit wachsen zu lassen, Gottes Gunst zu erlangen und die Strafen für unsere Sünden von uns abzuhalten.

 

Ohne die hl. Messe hätte Gott die Schuldigen schon längst geschlagen und die Welt vernichtet 12. Aber im Anbetracht des geopferten Jesus erwirkt uns sein göttliches Blut auf den Altären weiterhin Gnade und Barmherzigkeit.

 

Dies hatte Jakob im Bild der geheimnisvollen Leiter zwischen Himmel und Erde gesehen - er sah auch, wie die Engel fortwährend auf- und niederstiegen.

 

Dies ist das Bild für den Dienst, den wir nun in eurer Mitte auszuüben beginnen, und auch für die notwendige Heiligkeit, um ihn würdig zu vollziehen.

 

Ja, wir werden eure Namen am hl. Altar erwähnen, wir werden eure Herzen zu Füßen des Thrones des geschlachteten Lammes hintragen, wir werden alle ein einziges Opfer darbringen, das Opfer des Vaters und seiner Kinder, des Hirten und seiner Schafe; wir sind bereits durch den Glauben vereint, aber am Altare vereinigen wir uns noch enger durch die göttliche Liebe, die uns an Jesus Christus bindet, dem Ursprung und Ziel jeder Vereinigung und jeder Liebe.

 

 

INHALT

EYMARD

 

2. Das Heil der Seelen. - Wir haben gesagt, dass der Zweck des Priestertums die Verherrlichung Gottes und dann das Heil der Welt ist.

 

Als Gott das All erschuf, hat er es allein und nur durch einen Willensakt erschaffen. Aber als er den durch die Erbsünde verlorenen Menschen loskaufen wollte, da hat er sich - als wäre er auf Hilfe angewiesen - Mitarbeiter, eben die Priester, ausgewählt; er hat sie abgesondert, unterrichtet und für diesen so großen und so schwierigen Dienst geweiht 13.

 

Er hätte Engel auswählen können, die die Menschen durch die Vollkommenheit ihres Wesens übertreffen. Indem Gott ihnen jedoch Menschen, sündige Menschen vorgezogen hat, beschämte er Satan durch die Opfer seiner Hinterlist und streckte ihn durch die Trophäen seines Sieges zu Boden. Dadurch zeigte er seine Macht, da er sich so schwacher und armseliger Geschöpfe bediente, um sie zu seinen Stellvertretern einzusetzen, seinen Bevollmächtigten, zu einem anderen Christus bei ihren Brüdern. Dadurch bewies er der Welt, dass er sich mit der irdischen Weisheit spielt und tun kann, was er will und durch wen er will.

 

Jesus Christus wollte also seine Priester an der ehrenvollen Sendung, die er von seinem Vater erhalten hatte, beteiligt wissen: die Erlösung und das Heil des Menschenge-schlechtes vollziehen. Und betrachtet seine Vorgangsweise:

 

Während der drei Jahre seines öffentlichen Wirkens bemüht er sich, seine Apostel zu schulen; er unterrichtet sie über die Bedeutung und das Geheimnis des Himmelreiches, während er darüber zu anderen Zuhörern in Gleichnissen spricht 14; später erklärten dann die Apostel den genaueren Sinn davon. Freilich hat Jesus die Sakramente des neuen Bundes eingesetzt, aber er hat sich mit deren Einsetzung beschränkt und überließ seinen Aposteln die Anweisung und Sorge, dieselben den Gläubigen nach dem Ritus, mit den von ihm von vornherein festgelegten Elementen zu spenden. Ja, beim Letzten Abendmahl hat er den Aposteln die hl. Kommunion gereicht, weil das neue Pascha diese Ergänzung der eucharistischen Konsekration verlangte.

 

Es genügte ihm, seine Religion auf dem unerschütterlichen Fundament seiner Gottheit zu gründen, sie klar in seinen Predigten zu veröffentlichen und durch seine Wunder unbestreitbar zu bezeugen. Dann gab er sein Blut und sein Leben als Lösegeld für die Welt, nachdem er einen priesterlichen Stamm, eine Gesellschaft bevorzugter Männer gegründet hatte, welche die Treuhänder seiner Lehre sein sollten, die unfehlbaren Ausleger seines Gesetzes, die Väter und Hirten der Seelen, die er durch seinen Tod zum Leben der Gnade erwecken sollte, die Ärzte und Aussöhnen der Sünder, die Richter über Himmel und Hölle 15.

 

Gleichfalls hat Jesus Christus seinen Priestern das Recht und die Pflicht hinterlassen, dass sie ihn als Opferlamm zur Verherrlichung seines himmlischen Vaters darbringen; damit hat er ihnen auch den Schatz seiner unendlichen Verdienste reserviert, um daraus je nach den Bedürfnissen der Menschen zu schöpfen, um sie im rechten Glauben zu bewahren, sie die Hindernisse zum Heil überwinden zu lassen und in der Tugend und Heiligkeit zu erhalten.

 

Wie man daher nicht ohne den Glauben an Jesus Christus und seine Kirche gerettet werden kann, so kann man auch nicht zu Jesus Christus kommen, noch seiner Kirche angehören, ohne dabei durch den Dienst der Priester geleitet und unterstützt zu werden.

 

Die christliche Vernunft macht es daher den Gläubigen zur Pflicht, dass sie mit den gleichen Gefühlen und demselben Vertrauen sich an die Priester wenden wie an Jesus Christus.

 

Überlegen wir uns jedoch im einzelnen den Gegenstand ihres priesterlichen Dienstes.

 

 

* * *

 

 

Vor allem ist der Priester der Verkünder des Glaubens: "Ihr seid das Licht der Welt!" Jesus Christus hat zu den Aposteln gesagt: "Geht hinaus und lehret alle Völker", geht und verkündet die göttliche Lehre, welche ihr aus meinem Mund vernommen habt! Macht bekannt meine Gebote und meinen absoluten Willen, dass ich sie gelebt und respektiert sehen möchte. Ich übertrage euch meine Autorität. Wer euch hört, der hört mich. Unterstreicht mein Gesetz durch das Versprechen von Gütern, sogar auf dieser Welt: Frieden, Freude, Glück, gewährt in diesem Leben als ein sicheres Unterpfand der ewigen Belohnung, welche den treuen Dienern vorbehalten ist. Wer glaubt, wird gerettet werden.

 

Aber vielleicht zieht sich der Priester durch die Armut und Einfachheit seines Dienstes Verachtung und Verwirrung zu von Seiten der Großen dieser Welt, die nur nach äußerem Prunk streben, wie auch den Neid der Kleinen, welche auf seine Würde, seine Privilegien eifersüchtig sind und sich in ihrer Mittelmäßigkeit schämen.

 

Jesus Christus hat dafür vorgebeugt, indem er ihn mit Respekt ausgerüstet hat. Der priesterliche Charakter des Geistlichen hat bewirkt...

 

Hier endet das Manuskript, aber man kann es ergänzen durch weiterführende Gedanken, die man nachlesen kann in der Konferenz: „Göttliche Größe und apostolische Tätigkeit des Priesters"; diese ist gleich aufgebaut wie der dargestellte Entwurf; auch der zweite Teil dieses Bandes kann als Vervollständigung des Gesagten betrachtet werden.

 



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Bemerkungen:

1 De sacerd. ante fin., S. 3. 

2  Joh 15, 16.   

3 Hebr 5, 5.      

4 Num 26, 10. 

5 1 Sam 15, 22-26.   

6  Z.B. Greg. d. Gr.; Alph. v. Lig.: 'Übung der Liebe Jesu Christi'.

     

7 Vgl. Joh 10, 1.

8 In Joan. lib. X, 1.  

9  Vgl Weish 12, 18.

  

10 O-Antiphon, vgl Weish 8, 1.   

11 De Summo Bono, c. 34, sent. 3.

12 Kol 1,  22.   

13 1 Kor 11, 28.   

14 Weish 4, 9.   

15 Ps 40(41), 13.   

16 Ps 25(26),  8 u. 11.   

17 Epist. 125.   

18 Epist. 8.

  

19 Bernh. De conv. ad Cler., c. 19,  68.     

20 1 Tim 3,  6.

  

21 Joh 15, 16.   

22 Thom. Aquin. II-IIae, q. c, art. 5 ad 3.

  

23 Phil 2,  20-22.     

24 1 Kor  4, 2.

1  1 Kor 3, 9.

 

2 Joh 14, 20.   

3 Lk 10, 16.  

4 Mt 10, 40.  

5 Joh 20, 21. 

6 2 Kor 5, 20.

 

7 Mt 28, 19.  

8 Joh 20, 23.  

9 Lk 12, 49.

 

10 Joh 14, 16. 17.   

11 Joh 16, 13.   

12 Mt 10, 19. 20.   

13 Lk 12, 12.

14 Lk 12, 12.

15  Röm 1, 21.

16 Röm 10, 17.14.

17 Mt 26, 31.

1 Epist. lib. ep. 2. 

2 Petr. Damasc. Op. 18, dissert. I, c.1.

 

3 Isid. hisp. Epist. ad Hellad. episc.  

4 Joh 17, 22.  

5 Joh 17, 19. 

6 Lev 11,44 und mehrmals ibidem.  

7 Lk 12, 48.  

8 Ps 23, 3.

 

9 Hom. 17 in Evang.  

10 Kol 1, 24. 25.   

11 1 Tim 4, 12. 15. 16.   

12 Hom 43 sup. Math. 9, 5.   

13 Hom. 17 sup. Evang. 

14 Das ist eine rührende Huldigung an seinen Freund und Wetteiferer in der Heiligkeit (Anm. des Herausg.)

1 Lk 1, 31-33.

2 Offb 12, 1.  

3 Lk 2, 49.  

4 Joh 2, 4.  

5 Lk 2, 51.  

6 Joh 2, 5.

 

7 Ambr. De dign. sac. cap. 3 (inter ejus opera).    

8 Bern. Serm. de conv. ad cler., c. 30.

9 Cypr. De sac. p. I, tit. 2.  

10 Lk 1, 35.   

11 Nachf. Chr. IV. B., Kap. 5, Nr. 1.   

12 Jos 10, 14.   

13 Nachf. Chr, ibidem.

14 Joh 20, 21.   

15 Mt 28, 18 ff.   

15 Vinz. Ferr., Sermo I in festo Corporis Christi; Bernh. v. Siena, Sermo 20.

  

17 Hebr 5, 2.

1 Vgl Joel 1, 13; 2, 17.

 

2 Apg 10,  38. 

3 Mt 8, 7.

     

4 1 Kor 11, 26.  

5 1 Sam 4, 18.  

6 De Eccles. hierar., c. 3.

 

7 De consid. lib. II, G.  

8 Isid. hisp. De summo Bono, lib. 3, c. 31, sent.7.  

9 Koh 44, 17.  

10 Exod 32, 11. 14.

11 De Missa, c. 5.   

12 Greg. Naz., orat. I, Nr.125.  

13 De Condren, de Bérulle.

  

14 Apolog.   

15 Is 52, 11.

1 Joh 20, 21.

2 Lk 1, 69.  

3 Vgl Mk 1, 4.

 

4 Lk 10, 16.  

5 Sess. 22, c. 2.  

6 Hom. 60, ad pop. Antioch.  

7 Ps 33, 9.

 

8 Molina, Instr. sac. trac. I, c. 13.  

9 Jos 10, 14.   

10 Alf. v. Lig., Selva, lect. I, n.2.

11 J. Herold, De Sanct., s. 48.

  

12 Léonhard de Port. Maurice, Le Trésor caché, Kap. 1, art. 2.     

13 In opere creationis non fuit qui adiuvaret spiritum Dei, in mysterio vero Redemptionis nostrae voluit habere coadiutores - Petr. Serm. 47.

  

14 Mk 4,11.   

15 An einer ähnlichen Stelle erklärte der Heilige seinen  Gedanken so: "Kann  der Priester  verurteilen? Nein, aber  dadurch, daß  er von  seiner  Vollmacht Gebrauch macht, die Fehler der unbußfertigen Sünder nicht zu vergeben, entzieht er ihnen das gewöhnliche Mittel, der Hölle zu entgehen; er vermag nichts anderes,als sie der unendlichen Barmherzigkeit Gottes zu überlassen" (Anm. des Herausg.)