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Hl. Peter - Julian EYMARD Der Priester
Zweiter
Teil Die
Heiligung
des
Priesters
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I
Selig, wer die Zeit zu schätzen
weiß! Die Zeit ist soviel wert wie Gott, der sie mit ihrem Besitz belohnt 1.
Die Zeit ist also soviel wert
wie der Himmel der nichts anderes ist, als Gott, den man ewig von Angesicht zu
Angesicht schaut.
Die
Zeit ist in gewisser Hinsicht ewig, unendlich: sie ist in ihren Wirkungen göttlich.
Selig, wer den Kaufpreis
seiner Seele kennt! Sie ist die Frucht der Zeit; sie kostet das Blut Jesu
Christi; sie hat das Paradies zum Ziel.
Der hl. Paulus sagt von einem
Menschen der Liebe: "Die Liebe ist
langmütig, die Liebe ist gütig; sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie
bläht sich nicht auf, sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt
sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach; sie freut sich nicht über
das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt
alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf"
2
(1 Kor 13, 4-8).
Die Demut ist das Fundament
der Liebe; sie ist ihr Leben, infolgedessen ihre Kraft und ihre Ehre. Den Beweis
liefert Jesus Christus, der sanft- und demütig von Herzen ist; auch Maria:
"... und erhöht die Niedrigen;"
die Heiligen, welche ebenso große Liebe besaßen, wie sie sich in ihren eigenen
Augen demütig und klein betrachteten; die Natur und die Wirkung der Gnade, die
wie ein milder Regen, ein himmlischer Tau herabfällt und die Täler
durchdringt; die Gipfel der Zedern des Libanon sind zu nahe am Himmel.
Selig, wer die Welt, ihre
Nichtigkeit und Arglist kennt! Ein solcher Mensch achtet ihre Güter gering und
meidet ihre Ärgernisse.
Was der hl. Paulus von den
Propheten des Alten Bundes sagt, gilt auch für uns. "Alle ... sind Fremde und Gäste auf Erden"
3.
Selig ist, wer ständig wacht
über seine Wege und sein Herz! Er kommt den Listen des Dämons zuvor: "Euer
Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er
verschlingen kann" 4.
- "Seid daher wachsam ... und betet" 5
- "Seid nüchtern!" 6
- "Mit Furcht und Zittern wirkt euer Heil!" 7
- "Beugt euch also in Demut unter die
mächtige Hand Gottes!" 8,
"er wird nicht zulassen, dass
ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet. Er wird euch in der Versuchung
einen Ausweg schaffen,
sodass
ihr sie bestehen könnt" 9.
Selig ist, wer sich anstrengt,
seine Zeit voll zu nützen! Für ihn steht geschrieben: "Früh vollendet, hat der Gerechte doch ein volles Leben gehabt"
10.
Um nun die Zeit voll zu nützen, muss man ganze Arbeit leisten - wie es der
Wille Gottes ist - und die für jede Tat von ihm erforderlichen Umstände
beachten: Zeit, Ablauf, Form.
Selig ist, wer seine Taten
vollzieht in der Gegenwart Gottes, dem Ursprung und Ziel; und in einer Weise,
als ob jede einzelne Tat die letzte wäre: so werden alle vollkommen sein.
Selig ist, wer sich nur für
den gegenwärtigen Tag sorgt! Er wird freier sein und in einem sanften Frieden
leben. Das zu bringende Opfer wird im Verhältnis zur menschlichen Schwachheit
stehen; somit wird dieses Leben täglich sein Kreuz, seine Arbeiten und Versuchungen
bringen; jeder Tag wird wie ein neues Leben sein und einen neuerlichen Auftrag
stellen, den Himmel zu gewinnen und im Geist Jesu Christi zu leben.
Selig ist, wer eine Tat
vollbringt, als hätte er keine andere zu erledigen! Gott wird zufrieden sein,
er verlangt nur die Treue im gegenwärtigen Augenblick; er allein ist uns gewiss.
Warum soll man sich über eine ungewisse Zukunft und über eine nicht notwendige
oder sogar verbotene Vorausschau ängstigen?
Selig, wer den Herrn und seine
Gerechtigkeit fürchtet! Das ist der Anfang der Weisheit und Liebe. Der
Beweggrund der Furcht ist zum Heil und Fortschritt wankelmütiger, zerstreuter
und zu stark mit der Welt verbundener Seelen notwendig. Es braucht ein Feuer, um
das Feuer der Begierde zu löschen; es braucht Vorwürfe, um das Vergnügen
einzudämmen. Die göttliche Liebe kann auf Seelen, die noch in ihren Wünschen
und ihrem Verhalten irdisch und fleischlich gesinnt sind, wenig Einfluss nehmen.
Das Leben der Liebe belebt nur eine abgetötete Seele, die mit Jesus Christus
gestorben ist, um aus seinem auferstandenen Leben zu leben.
Selig ist, wer alles dem Leben
des Glaubens unterstellt, der alles unter dem Gesichtspunkt des Glaubens tut!
Auch für ihn gilt: "omnia
cooperantur in bonum - alles kann zum Guten führen"; er verwertet
alles, nichts geht verloren, und noch weniger ist etwas unnütz für den Himmel.
Das ist die praktische
Anwendung des folgenden Textes aus der Nachfolge Christi: "Sieh du überall darauf, wie du besser werden kannst. Siehst oder hörst
du etwas Gutes, so dass in dir das starke Verlangen aufkommt: ich will es auch so machen.
Siehst oder hörst du etwas, das Tadel verdient, so lass es dir zur Warnung dienen, es nie nachzumachen, oder, wenn du es getan
hast, nimm es zum Antrieb, den Fehler schnell wieder gutzumachen" 11.
Selig ist, wer seine Taten mit
dem Lobpreis und den Anbetungen der Heiligen im Himmel, mit jenen der Armen
Seelen im Fegfeuer und den Gerechten auf Erden vereinigt. Er verleiht seinem
Leben mehr Wert und Verdienst.
Selig ist vor allem, wer all
seine Werke im Geist der Vereinigung und Übereinstimmung mit den Werken unseres
Herrn verrichtet! Er ist ein zweiter Christus, dessen Leben in diesem Menschen
weitergeht, wie das Leben des Kopfes auf die Glieder, das Leben des Weinstockes
auf seine Zweige überströmt.
* * *
Selig jener Mensch, der ein
großes Verlangen hat, seine Seele zu retten und Jesus Christus zu dienen! Seine
Werke werden sich danach ausrichten, seine Großherzigkeit wird daraus genährt,
er wird auf dem Weg der Vollkommenheit rasch vorankommen.
Unser Herr hat gesagt: "wenn
du vollkommen sein willst..." 12
- "suchet", nicht "wartet
auf" "das Reich Gottes und
seine Gerechtigkeit" 13
- "Selig, die hungern und dürsten
nach der Gerechtigkeit: denn sie werden satt werden"
14
- "Wer Durst hat, komme zu
mir, und es trinke, wer an mich glaubt"
15.
Der hl. Bernhard erklärt
diesen Durst wie folgt: "Nie glaubt
ein Gerechter, sein Ziel erreicht zu haben. Niemals sagt er: es reicht; er hat
vielmehr ständig Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit, sodass
er - würde er immer leben - auch fortwährend meint, er müsse eine noch größere
Gerechtigkeit erreichen; er würde stets versuchen, mit allen Kräften vom Guten
zum Besseren fortzuschreiten" 16.
Gelten die Empfehlungen Jesu
Christi nicht in erster Linie dem Priester, mit dem er sich durch seine
Vollmachten und seine Sendung identifiziert?
Könnte ein Priester, der in
seinem Dienst Jesus Christus in Aktion darstellt, in seinem privaten Leben unter
einem anderen Antrieb oder für einen anderen Zweck handeln? Als Priester wäre
er Jesus Christus, aber als Christ würde er sich in seinem Verhalten und in
seinen Ansichten von den gewöhnlichen und weltlich denkenden Menschen nicht unterscheiden?
O Scheusal, das in die Unterwelt gehört!
Selig, wer in Jesus Christus
nur seinen Willen sucht: "was ihm gefällt,
was gut und vollkommen ist" 17.
Wer in Jesus Christus nur liebt, was dieser liebt; wer ihn nur um seinetwillen
liebt, der als Preis seiner Liebe nur die Ehre verlangt, ihm dienen und ihn
lieben zu dürfen, und das Glück, dafür einzutreten, dass er stets mehr
geliebt werde.
Selig ist eine solche Seele, für
die und in welcher Jesus Christus alles bedeutet! Sie ist nur aktiv, um ihm zu
gefallen und weil ihm das gefällt; sie ist nur darum um das Heil der Seelen bemüht,
um Jesus Christus zu ehren; sie will nur leben, leiden und sterben, um Jesus
Christus zu gefallen.
O Jesus, könnte ich doch mich
selber nach diesem Vorbild darstellen. Ich wünsche es mir jedenfalls sehr
lebhaft.
* * *
Dazu wählt der Priester vorzüglich
zwei Wohnstätten, wie sie der hl. Bonaventura und Bernhard empfehlen: die eine
sind die hl. Wunden Jesu Christi. Das ist der Aufenthalt während der Arbeit,
sie sind der Kalvarienberg der Unterwerfung, der Entspannung und der Kreuzigung
in der Erfüllung der Standespflichten.
Die andere ist die Wohnstätte
der Ruhe, nahe beim Heiligen der Heiligen, vor dem Tabernakel der Eucharistie.
Hier ist der Ort, die Arbeiten der vorher genannten Wohnstätte darzubringen;
der Platz, um neue Aufträge entgegenzunehmen und die Quelle neuer Kräfte.
Es ist gar nicht notwendig,
sich ständig zu Füßen des Tabernakels aufzuhalten. Die Kirche lässt Jesus
Christus durchscheinen, und unser Glaube findet ihn durch die Mauern des
geweihten Gebäudes hindurch; übrigens ist es dem Priester gar nicht möglich,
sich Tag und Nacht in der Kirche aufzuhalten. Aber:
tausendmal selig ist jener,
der sich im Gedanken und im Herzen mit dem Gefangenen des Tabernakels
zusammenkettet, mit Jesus Christus im Hl. Sakrament!
Ein solcher Priester wird in
Gemeinschaft mit dem göttlichen Erlöser sich für das Heil der Seelen
einsetzen und so mit Freude die Rolle des Mannes von Cyrene spielen; er wird
ohne Widerwillen den mit Myrrhe gemischten Wein trinken, den er in den
Entsagungen antrifft, die mit seinem Dienst unzertrennlich sind; und er wird
daraus gestärkt hervorgehen; wie Jesus Christus, der auf Kalvaria und auf dem
Altar geopfert wird, arbeitet der Priester bis zur Erschöpfung seiner Kräfte,
bis zum Opfer seines Lebens, weil er weiß, dass der Diener nicht höher steht
als der Meister, und dass eine so unter Beweis gestellte Liebe das Leben und die
Ehre eines Jüngers Jesu Christi ausmacht.
Wenn also ein Priester ständig
in der Gegenwart Jesu Christi in der Eucharistie, unter den Blicken und in
Bereitschaft eines solchen Meisters und Führers arbeitet, wird er die Welt und
ihre Güter, ihre Vergnügungen und ihre Ehren, kurz, alles hundertfach im Zönakel
der eucharistischen Liebe finden.
Er hält nur mehr an der Zeit
und am Leben fest, um sein Dasein für und mit Jesus Christus im Hl. Sakrament
zu verlängern. Er leidet, um eine bessere Opfergabe zu werden mit dem göttlichen
Opferlamm, das er auf dem Altar darbringt.
Er handelt unentwegt mit Rücksicht
auf Jesus in der Eucharistie, den er zur Verwirklichung bringen will. Darin
besteht sein höchstes Glück auf Erden.
II.
Das
innerliche Leben
des Priesters
Der hl. Gregor der Große,
welcher aus seiner monastischen Einsamkeit herausgezogen wurde, um im Schifflein
Petri das Licht der Kirche zu werden, beklagte sich darüber, dass sein Geist
trotz seines Verlangens nach einem innerlichen Leben von so vielen Sorgen
beansprucht werde, dass er aber in übernatürlicher Hinsicht an Wert verlieren
würde, wenn er wieder ins Kloster zurückkehrte. Ad has procul dubio minor
rediret 1.
Die Erfahrung zeigt es nur zu
häufig, dass äußerliche Beschäftigungen - wenn sie nicht gemäßigt und in
heiliger Absicht geschehen - nicht nur unserem Heil keinen Nutzen bringen,
sondern uns sehr schaden; sie zerstreuen unseren Geist, dadurch entfernen sie
unseren Geist von Gott und trocknen die Salbung der Frömmigkeit aus.
Wie beklagenswert sind also
jene, die sich nicht in Zeiten der Ruhe und der Gnadenfülle für den Sturm und
die Not eingedeckt haben!
Die Reue kommt reichlich spät,
wenn ein Priester, an die Spitze einer Pfarrei gestellt, stets in der Ausübung
seines Dienstes steht und nie Zeit findet, ein innerlicher Mensch zu werden, und
noch weniger die Gelegenheit und den Sinn findet, es zu erlernen; trotzdem muss
ein solcher Pfarrer aus seiner geistlichen Armut schöpfen, ohne sich jemals bereichern
zu können. Er kennt nämlich den Ort und die Mittel nicht, um sich jenen
Reichtum zu sichern, welchen besaßen: die hl. Katharina von Siena in ihrem Gefängnis,
der hl. Ignatius von Loyola trotz seiner Missionsarbeit in den zwei Welten; der
hl. Franz Xaver, welcher für Indien beauftragt war; der hl. Philipp Neri als
Verantwortlicher des Oratoriums; die hl. Theresia mit den Problemen ihrer
Reform; der hl. Athanasius, der überall so gesammelt arbeitete, dass der hl.
Gregor von Nazianz von ihm sagte, er habe es verstanden, eine ruhige Tat mit
einer tatkräftigen Ruhe zu verbinden 2.
Was wäre aus diesen Heiligen
inmitten so vieler Verantwortung und Unrast geworden, wenn sie nicht in ihrem
Herzen jenen Ruhepunkt gehabt hätten, wo Jesus Christus seine Wohnung
eingerichtet hatte?
Dies erklärte der hl.
Augustinus dem gelehrten Nebridius, der sich innig sehnte, seine Tage mit ihm zu
beschließen: "Du kannst auch in
deinem Geist im Frieden wohnen... es ist erlaubt, in der Ruhe sich zu vergöttlichen...
Hier sei auch jene beständige Freude, die mit keinen anderen Freuden auch nur
annähernd verglichen werden kann" 3.
Es kommt also wesentlich
darauf an, Gott zu betrachten, während man zu seiner Ehre arbeitet, ihn in
unseren Herzen zu schauen, daher: secum habitare - bei sich selbst verweilen,
wie ein gängiger Ausdruck bei den Heiligen lautet.
Es handelt sich um das
Gegenteil der inneren Zerstreuung, dieser furchtbare Feind und dieses radikale
Hindernis für jede Art von Vollkommenheit und sogar für jede Tugend.
* * *
Was ist eine zerstreute Seele?
Eine Seele, die selten bei sich selber verweilt und einem öffentlichen Platz,
einem Markt gleicht. Alles ist wirr durcheinander. Im Gegensatz dazu sieht eine
gesammelt Seele klar den zu gehenden Weg und spürt die Eindrücke der Gnade. In
diesem Zustand vernimmt sie die Stimme Gottes leichter, und ihr Gebet bleibt von
vielen Zerstreuungen verschont.
Aber ein zerstreuter Geist öffnet
alle Tore der Seele; dann gewinnen die Leidenschaften und bringen alles drunter
und drüber; dann vergisst man auf sich selbst, um sich mit Dingen zu beschäftigen,
welche die anderen betreffen; man ist taub für gute Eingebungen, man hat für
die Belange Gottes kein Verständnis, man verliert die Lust und den Mut zum
Gebet; dann häufen sich nichtige Gedanken, irdische Gesichtspunkte drängen
sich auf, man führt ein Leben, das ganz von den Sinnen beherrscht wird.
Von Zeit zu Zeit will man sich
bessern, sich wieder in den Griff bekommen; weil es aber eines mächtigen Großmutes
bedürfte, um mitten in der Finsternis und Trockenheit der Seele vorwärts zu
kommen, gibt man sich auf und fällt nach und nach in einen bedauernswerten
Zustand.
Eine zerstreute Seele ist eine
Seele, die sich fortwährend mit der Vergangenheit oder der Zukunft beschäftigt,
ohne eigentlich einmal ganz bei der Sache zu sein, die sie gerade tut. Daher
entsteht die Vergeudung der Zeit. Man fängt alles Mögliche an und vollendet
nichts, weil man sich nichts Festes und Bestimmtes vornimmt. Man vergeudet viele
Stunden bald mit wertlosen Gedanken in Träumereien, bald mit Nachdenken, was
man tun wird, oder aber man lässt sich von eitler Neugierde treiben; und
inzwischen geht die Zeit verloren.
Die Zeit! Wenn Gott über ein unnutzes
Wort Rechenschaft fordert, was wird erst dann sein, wenn eine Stunde pro Woche
oder Tag verloren geht?
Die Zeit! Gott schenkt sie
Tropfen für Tropfen, wie ein Vater, der einem verlorenen Sohn Geld in Form
einer kleinen Münze nach der anderen gibt.
Es ist die Zeit, welche vom
Heiland mit dem Preis seines Blutes erkauft wurde, und die mir dienen soll, um
die Flammen des Fegfeuers auszulöschen.
Es ist die Zeit, mit der die
Heiligen so geizten, und welche die Verstoßenen umsonst ersehnen.
Eine zerstreute Seele ist eine
Seele, deren Willen zu nichts entschlossen ist, und bei der die Einbildungskraft
ständig arbeitet. Mitgerissen von sinnenhaften Dingen, ist man bald traurig,
bald fröhlich und von tausend verschiedenen Gedanken geplagt. Dadurch verbraucht
ein Mensch sich selbst, er breitet sich aus in unbesonnenen Worten und regt sich
wegen jeder Kleinigkeit auf.
Ja,
die Zerstreuung ist der Ursprung von bitteren Fehlern und Bedauern.
Es gibt kein anderes Mittel,
dies zu vermeiden, als dass man sich einübt im Verzicht auf alle Dinge, die für
die äußeren Sinne nicht nötig sind; die Zügelung der Phantasie und
Leidenschaften, die Einschränkung unnutzer Gedanken und zu menschlicher Gefühle.
* * *
Das ist gut so, wird mancher
sagen. Aber wie kann man zu einer derartigen Selbstbeherrschung gelangen? Wie
kann man den Geist auf das konzentrieren, was man gerade tut und ihn auch mit
Gott vereint halten? Es gibt genug Dinge, um den Geist zu ermüden und
abzustumpfen.
O nein! Haben es nicht die größten
heiligen Kirchenlehrer geübt? Es besteht kein Grund, sich vor dem zu fürchten,
was unsere Vorbilder belehrte und veredelte. Man kann keinen Heiligen finden,
der nicht gesammelt und innerlich gewesen wäre. Und dann: consuetudo
consuetudine vincitur - die Gewohnheit wird durch die Gewohnheit besiegt.
Um dies zu erreichen, muss man
folgende Regeln beachten:
1. Sich eine geeignete Überzeugung
schaffen. Der Geist muss an etwas denken. Das verlangt sein Wesen. Ist es nun
aber nicht sinnvoller, dass der Gegenstand seines Gedankens das Ausgezeichnetste
und Nützlichste enthält? Es braucht dafür keine größere Anstrengung und
mehr geistigen Aufwand als für etwas weniger Wertvolles und Nützliches. Ich
weiß wohl, dass ein Geist, der an das Leben der Sinne gewohnt ist, das mag, was
er sieht. Wenn es ihm aber gelungen ist, für diese Belange einen eingewurzelten
Gedanken zu entwickeln, warum würde ihm das nicht mit dem Gedanken an unseren
Herrn gelingen? Er gehört einer anderen Ordnung, nicht aber einer anderen Natur
an.
Ja, was denn! Ein Mathematiker
denkt unentwegt an Probleme, die nur im abstrakten Denken liegen. Ein weltlicher
Liebhaber hat stets den Gegenstand seiner Leidenschaft vor Augen; ein Geizhals
ist besessen von der Idee seiner Schätze. Und ein Christ könnte nicht seine Fähigkeiten
mit einem edleren Gegenstand einüben, indem er den Inhalt seiner Gedanken
austauscht?
Man kann es; andere haben es
vermocht. Quod isti et istae... (Diese
Männer und jene Frauen brachten es zustande, warum nicht auch ich?, hl.
Augustinus).
Man soll es tun; man muss
Jesus Christus ähnlich werden. Eine Gesinnungsänderung dieser Art beginnt im
Geist und endet im Herzen.
O meine Seele, in dir befinden
sich alle Leidenschaften, welche Menschen zu Heiligen machten; wie sie tausche
auch du den Gegenstand ihres Verlangens aus, dann wirst auch du heilig!
2. Nichts tun oder
unternehmen, was die eigenen Kräfte übersteigt, denn es ist unmöglich, dass
man gar nie bei sich selber verweilt, wenn man ganz nach außenhin eingesetzt
ist. Die Schrift sagt: "Mein Sohn, warum willst du dir soviel Mühe bereiten? Es bleibt doch
keine ungestraft, der zu hastig vordrängt. Läufst du zu rasch, erreichst du
das Ziel nicht; fliehst du zu schnell, entkommst du nicht" 4
:
3. Nichts unternehmen um des
Erfolges willen. Finis praecepti non cadit sub praecepto - der Zweck des Gebotes
fällt nicht unter das Gebot. - Des Menschen Herz plant seinen Weg, doch der
Herr lenkt seinen Schritt 5
.
War Gott nicht zufrieden mit
dem guten Willen, den David hatte, um ihm einen herrlichen Tempel zu bauen? Er
ließ den hl. Franz Xaver auf einer Insel sterben, von der aus man China sehen
kann.
4. Sorgfältig Gott seine Tat
aufopfern: zu Beginn, während und nach derselben... wenn man Zeit hat, sie zu
vollenden. Aber all das geschehe mit Fröhlichkeit, in der Freiheit des Geistes
und Herzens, indem man sich zwar für die Tat verwendet, aber nicht ganz darin
aufgeht und, noch weniger, ein Sklave der Arbeit wird.
5. Unseren Herrn inständig
wie die hl. Gertrud um folgende Gnade bitten: "Herr,
erhalte huldvoll in mir den Geist der Frömmigkeit. Ich bitte dich darum mit
jenem ausgezeichneten Gebet, das du im Ölgarten in der Todesangst gebetet hast;
ich flehe dich an, mich durch das Verdienst, welches in diesem Gebet enthalten
ist, vollends mit deiner Liebe zu vereinigen und mich mit dem ganzen Verlangen
meines Herzens an dich zu ziehen, damit ich mich einsetze in äußerlichen Beschäftigungen
für das Heil meines Nächsten, ohne mich von dir zu entfernen; und wenn ich sie
zur Verherrlichung deiner Ehre vollendet habe, lass
mich wieder sofort zu dir in mein Inneres zurückkehren".
III.
Um der Zerstreuung und dem
Zeitverlust vorzubeugen, muss man sich einen Lebensplan zurechtlegen, der vor
allem die Stunden für die Frömmigkeitsübungen und das Studium festlegt. Er
soll auch eine Freizeit enthalten für den Fall, dass ein Punkt der Tagesordnung
umgestellt werden muss. Die Erfahrung wird dann zeigen, ob dieser Plan unserem
Leben angepasst ist; bei Bedarf wird man ihn für die Zukunft abändern.
Nach einer gewissen Probezeit
soll es jedoch eine absolute Regel sein, Punkt für Punkt zu seiner Stunde und während
der festgelegten Zeit durchzuführen.
Wenn eine etwas dringliche
Notwendigkeit dazwischenkommt, so kann die Zeit des Studiums oder einer Frömmigkeitsübung
an jenem Tag wegfallen. Eine Ausnahme soll für die Betrachtung gemacht werden,
die früher oder später ihren Platz neben der besonderen Gewissenserforschung
finden soll.
Dies ist das einzige Mittel,
sich in Frieden und Freiheit zu erhalten; ebenso ist es ein unfehlbares Mittel,
sich den Erfolg für das Studium und den Eifer in der Frömmigkeit zu sichern.
* * *
Welches sind die Beweggründe,
welche den Plan unterbrechen oder gar aufheben können?
1. Das Ausführen wesentlicher
Pflichten des hl. Dienstes, der unvorhergesehen geschehen muss, z. B. Beichten hören,
Krankenbesuch, Ratsuchenden helfen usw. Das sind Motive der Vorsehung.
Der hl. Wille unseres Herrn
zeigt sich durch den Willen unserer Schäflein und Gläubigen oder durch jenen
der zuvorkommenden Nächstenliebe, und diese Dringlichkeiten haben natürlich über
unsere private Ordnung und persönlichen Studien den Vorrang.
2. Die Erfüllung der
Anstands- und Höflichkeitspflichten, wie z. B. abzustattende oder zu
empfangende Besuche usw.
Aber diese Besuche müssen
notwendig oder für die Religion, für das Heil des Nächsten und unsere eigene
Heiligkeit nützlich sein. Ohne diese Einschränkung dürfen sie niemals die
Regel verdrängen. In solchen Fällen soll man es lieber in Kauf nehmen, als
ungesellig, unhöflich oder unwissend gehalten zu werden.
Wenn die abzustattenden
Besuche auf eine freiere Zeit, die sich für die Arbeit weniger eignet,
verschoben werden könne, soll dies ohne Bedenken geschehen, denn sie stellen im
Bezug zur Zeit, in der sie geschehen sollen, nur einen Rat dar.
3. Im Falle von Unpässlichkeit
oder wenn man seine Kräfte berücksichtigen müsste: teilweise oder bei
Notwendigkeit sogar gänzliche Unterlassung. Jedoch soll man darauf bedacht
sein, in Vereinigung mit unserem Herrn zu leiden. Um in geheiligter Form Herz
und Geist zu erholen, kann man einige Verse aus dem Evangelium, einen Abschnitt
des hl. Paulus oder eine Nummer der Nachfolge Christi lesen.
Wenn man so krank ist, dass
man das Bett hüten muss, kann man umsomehr den Buchstaben des Planes verlassen,
aber man soll dessen Geist, der das Leben des Planes ausmacht, treu bleiben.
Auf diese Weise übt man sich
in der milden Gegenwart Gottes, was nicht schwer ist, aber bestärkt; man wird
sein Möglichstes tun, um dem Rhythmus der Zeit zu folgen; wenn z.B. eine Stunde
abgelaufen ist und die Uhr schlägt, soll man im Geiste einen kurzen Besuch beim
Hlst. Sakrament machen. Es wird auch sehr nutzbringend sein, den Rosenkranz oder
Kreuzweg aufzuteilen in nicht zu weit auseinanderliegende Teile; ebenfalls könnte
man sich in nicht anstrengender Form mit einer Glaubenswahrheit befassen, welche
die christliche Hoffnung oder die Liebe zu unserem Herrn Jesus Christus
betrifft.
* * *
Was immer die Situation und
die Beschäftigung des Priesters sein mag, so ist die Überwachung des Herzens
der Zentralpunkt.
Die innere und äußere
Sammlung bedeutet für ihn eine Notwendigkeit des Mittels und des Gebotes.
Sie ist der Prüfstein, der
immer die Salbung, den Frieden und die Vereinigung mit Jesus Christus zur Folge
hat. Man kann an der mehr oder weniger vorhandenen Sammlung beurteilen, wie weit
man im Guten fortgeschritten oder noch im Bösen verweilt. Dies ist der
Mittelweg.
Die Zerstreuung bedeutet der
Angriff auf alles, was das innerliche Leben betrifft, und wenn sie fortdauert,
gelingt ihr der volle Sieg.
Solange für den Priester die
Sammlung nicht etwas Natürliches wird, bleibt er immer oberflächlich, aes
sonans - ein tönendes Erz.
Dazu muss ihm die Demut
beibringen, sich für nichts zu halten, wenn er nur seine eigene Fähigkeit berücksichtigt;
wenn dies nicht geschieht, wird ihn der Stolz dazu treiben, sich nach außenhin
Geltung zu verschaffen.
Es muss die Entsagung auf den
Plan treten, die seinen Körper zur Dienstbarkeit zurückführt, und den
Priester nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist Jesu Christi leben lässt.
Jede Maßnahme der Disziplin
erscheint zugegebenermaßen im ersten Augenblick als ein Auslöser von Trauer
und nicht von Freude; aber später gereicht sie denen, die sich darin geübt
haben, zur Frucht des Friedens und der Gerechtigkeit 1.
* * *
1. Aufstehen und Schlafengehen
sollten nach Möglichkeit zu einer fixen Zeit erfolgen. Dem Körper soll man nur
soviel Schlafzeit gönnen, als er braucht, um seine Kräfte zu er-neuern.
2. Ein Priester ohne
Gebetsgeist ist ein Leib ohne Seele. Also soll er jeden Tag nach dem Aufstehen
eine halbe Stunde für die Betrachtung verwenden. Der Ablauf des Tages soll
gleich am Morgen geregelt und alle Arbeiten Gott aufgeopfert werden.
3. Nicht zum Altar schreiten
mit einem beschwerten Gewissen! Man soll sich jedes Mal durch eine tiefe
Sammlung darauf vorbereiten und wenigstens eine Viertelstunde für die
Danksagung verwenden.
4. Seine Meinung vor dem
Rezitieren des göttlichen Offiziums erneuern; genau nach den vorgeschriebenen
Rubriken bezüglich Zeit und Form, das Brevier beten. Matutin und Laudes am frühen
Morgen beten.
5. Im Laufe jeder Woche soll während
einer von einem erleuchteten Seelenführer bestimmten Zeit das Studium der
Theologie betrieben werden. Jedes Jahr sollen die Rubriken von Missale und
Brevier nachgelesen werden.
6. Jeden Tag sollen mit
Aufmerksamkeit und in zusammenhängender Form wenigstens zwei Kapitel aus der
Hl. Schrift gelesen werden.
7. Im Laufe des Nachmittags
gewissenhaft eine Viertelstunde geistliche Lesung halten und dem Hlst. Sakrament
einen Besuch abstatten; dabei versuchen, zu sich selbst zurückzukehren.
Jeden
Tag den Rosenkranz beten.
8. Sich im Verlauf des Tages
oft an die Gegenwart Gottes erinnern und sich einige Augenblicke auf die Ausführung
der priesterlichen Funktionen vorbereiten. Jeden Abend treu die so nützliche
Gewissenserforschung üben.
9. Sich den erleuchtetsten und
am regelmäßigsten anzutreffenden Priester zum Beichtvater oder Seelenhirten
auswählen. Wenigstens alle vierzehn Tage zur Beichte gehen.
10. Von einem sehr großen
Eifer für die Reinlichkeit und Gefälligkeit alles dessen beseelt sein, was den
hl. Dienst betrifft.
11. Besondere Sorgfalt
aufwenden für die Unterweisung der Gläubigen und Kinder; während des Jahres pünktlich
die Standesunterweisungen und Katechismusstunden halten. Alle Mittel für die
Vorbereitung dieser Unterweisungen einsetzen. Wenigstens die Entwürfe dafür
aufschreiben und hinreichend zu Füßen des Kreuzes durchbetrachten.
12. Pünktlich und ohne Murren
in den Beichtstuhl gehen, wann immer man dafür gerufen wird; die Sünder stets
mit Sanftmut empfangen; die Beichtenden vorsichtig und zurück-haltend über
ihren Gewissenszustand befragen.
13. Oft die Kranken besuchen,
vor allem die armen und ungebildeten Leute; nicht bis zum letzten Augenblick
warten, um sie auf die Wegzehrung vorzubereiten und sie ihnen zu reichen.
14. Alles einrichten und begünstigen,
was beiträgt zur Erhaltung der Frömmigkeit unter den Gläubigen; sie anleiten,
vor allem eine große Verehrung zum Hl. Sakrament zu entwickeln und die hlst.
Jungfrau mit einem besonderen Kult zu ehren.
15. Den Seminaristen großes
Interesse zeigen und mit Sorgfalt die keimenden Berufe pflegen.
16. Sich getreulich an das
strenge Gebot der Residenz halten und sich niemals während geraumer Zeit ohne
die ausdrückliche Erlaubnis der Obern von seiner Pfarrei entfernen.
17. Der kirchlichen Autorität
eine kindliche Ergebenheit bezeugen; deren Entscheidungen und Anweisungen
respektieren; sich gläubig an die Disziplinregeln halten, die in der Diözese
gelten.
18. Sich genau an die
Vorschriften des Kirchenrechtes halten, welche das Alter und die Eigenschaften
der Personen betreffen, welche man in seinen Dienst nimmt.
19. Alle seine Mitbrüder
herzlich lieben; sich nicht erlauben, ihr Verhalten zu begutachten besonders vor
den Weltleuten; sich nur mit jenen Priestern in einer engeren und intimen Art
einlassen, die man als echt priesterlich gesinnt kennt.
20. Korrekt das priesterliche
Kleid tragen; den Luxus in seiner Kleidung und Einrichtung meiden; den Überfluss
aus den Einkünften durch den kirchlichen Rechtsanspruch nach den Vorschriften
des Kirchenrechts und deren Entscheidungen verwenden.
21. Nur selten Einladungen
annehmen, außerhalb des Pfarrhauses zu speisen; die Ausgaben für seine Küche
mit Bescheidenheit und Sparsamkeit regeln und dabei eine große Nüchternheit
bewahren.
22. Sorgfältig das Spiel, die
Jagd, die Gesellschaft mit Weltleuten und allgemein alles, was zur Zerstreuung führt,
vermeiden.
23. Jeden Monat die Vorsätze
nachlesen, die man bei den Exerzitien getroffen hat; diesen Plan zum
Betrachtungsstoff an jedem ersten Monatsfreitag machen.
24. Jedes Jahr seine persönlichen
Jahresexerzitien machen, wenn man nicht an den all-gemeinen Exerzitien
teilnimmt.
"Hoc
fac et vives - handle so und du wirst leben" 2
IV.
Non progredi, regredi est -
nicht fortschreiten bedeutet
Rückschritt
(August., epist. 17)
Ein Priester muss Jesus
Christus nachahmen; dazu muss er nach der Abtötung Jesu Christi leben.
1. Der Priester ist der Gefährte
Christi; folglich muss er in ihm sein Vorbild suchen. Nun hat sich die Kindheit
Jesu Christi in den Entbehrungen abgespielt. Sein verborgenes Leben war von den
gewöhnlichsten Arbeiten geprägt. Während seines öffentlichen Lebens gab es
fortwährend Mühen, seine Nahrung war jene von armen Leuten; er hatte keinen eigenen
Ort, wo er sein Haupt hinlegen konnte 1.
Wenn der Priester nicht abgetötet
lebt, wenn er kein anderer Jesus Christus ist, so kann er nicht mit dem hl.
Paulus sagen: "ich ergänze in meinem
irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt"
2.
Übrigens, wenn man liebt, möchte
man jener Person gleichen, die man liebt; von daher kommt das heiße Verlangen
der Heiligen für das Leiden.
2. Als Priester bin ich
gerufen, mich für das Heil der Seelen einzusetzen. Nun gibt es Laster, die man
nur durch Gebet und Fasten aus dem Herzen des Menschen vertreiben kann 3.
Jesus Christus hat die Welt
durch sein Blut erlöst; der Priester muss sie durch das gleiche Mittel
bekehren.
3. Der Priester muss allen
alles sein, das stimmt. Aber der hl. Paulus hat mit Sorgfalt seinen ganzen
Gedanken ausgedrückt, als er sagte: "Darum
laufe ich nicht wie einer, der ziellos läuft, und kämpfe mit der Faust nicht
wie einer, der in die Luft schlägt; vielmehr züchtige und unterwerfe ich
meinen leib, damit ich nicht anderen predige und selbst verworfen werde"
4.
4. Hand aufs Herz: haben wir
nicht mehr als eine Sünde begangen? Die Lossprechung erlässt die ewige Strafe
und einen Teil der zeitlichen Sündenstrafen. Was zurückbleibt, muss durch die
Abtötung abgezahlt werden, oder durch das Fegfeuer. Wir wissen das, wir
predigen es den anderen. Und was tun wir selbst?
5. Wir haben tagtäglich einen
gefährlichen Kampf des Fleisches gegen den Geist zu führen. Ein Heiliger
sagte, dass sich jeder Mensch wie jemand betrachten sollte, der an einen wütenden
Löwen gekettet ist: dieser Löwe ist unser Leib.
Unglückselig ist jener, der
ständig Angst um sein Leben und seine Gesundheit hat. Er wird nie etwas
Heldenhaftes leisten; ein solcher Mensch ist zu empfindsam, um zu jener Art von
Menschen zu zählen, denen der Auftrag gegeben wurde, das Volk Gottes zu retten 5.
6. Die Heiligen sind sich
einig zu erklären, dass unser Fortschritt von der Abtötung abhängt. Die
Meister der Spiritualität fassen alles in dem Wort zusammen: "vince te ipsum - besiege dich selbst!“ Der hl. Franz Borgia beurteilte die Heiligkeit nach dem Maß
der Abtötung; ohne diese gibt es keinen Gebetsgeist.
Die Abtötung und das Gebet
sind wie zwei unzertrennbare Schwestern; sie sind Stütze und Waffe für alle
Tugenden.
* * *
Letzten Endes beruht das
Christentum auf der Abtötung: "...der
verleugne sich selbst". Jesus Christus verlangt von den ersten
Priestern, sie sollen sein: Menschenfischer, Schafhirten, Bauern von Ackerfeld
und Weinberg, d.h. arbeitende Menschen. Er sendet sie aus, um sie für ihre
Sendung heranzubilden, "ohne
Geldbeutel und Reisetasche", er teilt mit ihnen "Gerstenbrote und wenige Fischlein". Seine Absicht dabei war
ganz klar: er wollte bei allen Priestern denselben Geist der Abtötung finden.
Man wende nicht ein: Ich kann
nicht den Bußgürtel tragen oder andere Kasteiungswerke benützen. Mag sein.
Aber man kann wenigstens ohne Vorwürfe die Bußen annehmen, die allen Christen
auferlegt werden.
Bezähmen wir unsere Sinne!
Bewahren wir die Bescheidenheit, nützen wir unsere Zeit gut aus, seien wir gemäßigt
beim Essen, beherrscht im Reden. Tragen wir geduldig die Widerwärtigkeiten und
Heimsuchungen.
Wer den Geist der Abtötung
besitzt, findet überall eine Möglichkeit zur Übung dieser Tugend, ein Opfer,
das unsere Großherzigkeit erstarken lässt.
V.
Der
Mensch wird ewig glücklich oder ewig unglücklich sein.
Aber der Himmel muss erkauft
werden. Der Preis, den Gott dafür verlangt, ist zum Teil gebildet aus den
Verdiensten durch die Heimsuchungen, die wir erleiden müssen.
Es möge genügen, sich an
drei Bewährungen zu erinnern, denen der Priester besondere Aufmerksamkeit
schenken wird, weil ihn diese mehr belasten.
1. Die
Machtlosigkeit
- Das ist eine Situation
offenkundiger Ohnmacht, in der sich eine Seele in jeder Beziehung befindet. Sie
fühlt sich innerlich unfähig, etwas zu tun, eine allgemeine Gefühllosigkeit,
die sich sogar auf das Vertrauen auf Gott ausdehnen kann, ein Zustand des Missbehagens,
der auch den körperlichen Bereich erfassen kann. Es ist ein Zustand der Schwere
und Finsternis, so schmerzhaft für einen Priester, der die dringenden Bedürfnisse
der Seelen vor Augen hat.
Diese Seelenverfassung kann ihm aber auch von großem Vorteil sein, wenn er sie auszunützen versteht. Er soll sich mit dem im Ölgarten leidenden Herrn vereinigen. Er soll an die göttlichen Beweggründe denken, welche diese Prüfung zulassen: die Loslösung vom Geschaffenen, eine Lektion zur Demut, eine heilsame Kreuzigung, eine nützliche Erfahrung zur Seelenführung.
2. Versuchungen - Sie sind unvermeidlich. Der
Priester wird sich über die Gründe der Versuchungenine sehr persönliche Überzeugung
bilden und wie er sich ihnen gegenüber zu verhalten hat.
Die für ihn schmerzlichsten
Versuchungen sind jene gegen den Glauben und die Keuschheit. Er muss sich darauf
gefasst machen und vorbereiten.
Sie können vorübergehend
oder aber mehr oder weniger andauernd vorhanden sein:
Im ersten Fall muss man sich
mit Ablenkungsmanövern begnügen; im zweiten Fall muss man mit Geduld leiden
und sich in gewissem Maße durch Demütigung kreuzigen lassen. Man handle wie
bei einer Fieberattacke: man könnte sich leicht schütteln, aber das Fieber würde
dadurch nur noch ärger; man muss vielmehr ruhig bleiben und von Zeit zu Zeit
einen Kräutertee oder lindernden Trank zu sich nehmen; die Attacke geht rasch
vorüber. So ist es auch bei der Versuchung: seine Ruhe bewahren; von Zeit zu
Zeit sein Herz zu Gott erheben; im Innern die Königin der Jungfrauen anrufen;
dann wird sich die Versuchung verflüchtigen.
3. Die
Verschiedenheit der Charaktere.
Der Priester hat es fortwährend
mit Mitarbeitern und Gläubigen mit verschiedenen Charakteren und sehr
ungleichen Lebenssituationen zu tun. Nun kann es passieren, dass man
gelegentlich ungute Gedanken von jenen empfindet, mit denen man zusammenleben muss;
dann kann alles zum schlechten Auslöser werden; die Vorstellungskraft befasst
sich mit allen ihren Handlungen, ihren Worten, sogar den harmlosesten; vorübergehend
spürt man sehr lebhafte Regungen von innerer Ungeduld; das geht soweit, dass
die Nerven angegriffen werden. Was tun? Nichts! Kein Wort sagen, leiden, den
Sturm vorübergehen lassen; leutselig und hilfsbereit bleiben. Alles wird sich
nach und nach wieder beruhigen.
Wenn
diese Prüfungen so geheiligt werden, führen sie mit großen Schritten zur
Tugend.
VI.
Das
Leben ist wie ein Traum, erfüllt mit Illusionen der Eigenliebe.
Die Illusion ist ein Irrtum,
stellt sich aber dar als Wahrheit, als Tugend unter dem Anschein von Wahrheit
und Tugend.
Die Illusion kann sich
einschleichen in den Geist oder das Herz; aber das Herz ist anfälliger für die
Illusion als der Geist.
Die Illusionen des Herzens
sind die hartnäckigsten, weil sie gefallen, und üblicherweise sind sie der
Ausgangspunkt für die Illusionen des Geistes.
Es bedeutet ein großes Unglück,
wenn der Mensch nur mit seinem Herzen urteilt. Er urteilt dann unter dem
Eindruck der Eigenliebe, die ihm nur das vor Augen hält, was ihm als gefällig
und charmant erscheint.
Diese Erblindung des Willens,
die weder der Vernunft noch dem Glauben weicht, ist ein unmöglich zu
behandelndes Übel, weil sich der Stolz das zueigen macht, was das Herz anbetet.
Die Illusion des Geistes
allein, ohne Bezug zu jener des Herzens, ist nicht so hartnäckig. Die Sonne der
Wahrheit kann diese Wolken verscheuchen. Aber nichts ist unbeugsamer als die
Eigenliebe.
Es kommt selten vor, dass ein
Geist, der von Natur aus zum Stolz neigt, seine Vorurteile zurücknimmt, wenn
eine beherrschende Leidenschaft diese entstehen ließe; vielmehr versteift man
sich hartnäckig gegen alle Gewissensbisse. Lediglich gewisse verdemütigende Misserfolge
können als letzte Mittel die Verwirrung einsichtig machen und zugestehen.
Je kürzer die Einsicht des
Geistes ist, umso lebendiger sind die Illusionen des Herzens. Sie betören
gleich nach ihrem Entstehen und gewähren dem beschränkten Geist weniger
Freiheit im Überlegen.
Solche
Illusionen können sogar in der Seele des Priesters entstehen.
Es gibt Illusionen, die für
den religiösen Stand typisch sind, z. B.: oft wird ein Priester aufgrund seiner
Würde und seiner Stellung in Gesellschaftsgruppen mitmischen wollen, in denen
er es als Laie nicht aufzutreten gewagt hätte.
Von daher kommt die übertriebene
Pflege seiner äußeren Haltung und der Gebrauch weltlicher Umgangsformen. Von
daher kommt auch die Neigung zum Luxus, zur Sinnlichkeit, zum weichlichen und müßigen
Leben.
Von
daher entsteht das Abrücken und der Widerwille gegen die Frömmigkeitsübungen.
Es ist keine Seltenheit,
selbst in Priesterkreisen, gewissen attraktiven Geistern - manchmal sind sie mit
höherer Begabung ausgerüstet und fähiger über die anderen einen gewissen Einfluss
auszuüben - zu begegnen, die sich das Recht anmaßen, ein Urteil abzugeben,
ohne sich auf die heiligen Übungen der christlichen Frömmigkeit zu berufen.
Es braucht wenig, dass eine
zarte und herzliche Frömmigkeit von solchen Leuten als beschränkter Geist oder
wenigstens als Schwäche der Seele gehalten wird. Da sie wenig Geschmack und
noch weniger Erfahrung für die Pläne Gottes haben, behandeln sie alles, was
zur Förderung der Frömmigkeit dient, als Kleinlichkeit und frommes Vergnügen.
Liebet Gott, wiederholt ohne Unterlass,
und tut, was euch beliebt! Das ist an sich gut. Es ist sicher, dass die Liebe
Gottes das Wesen der Frömmigkeit ist. Aber die Übungen der Frömmigkeit sind
gleichzeitig die Auswirkungen und die Mittel, um die theologische Tugend der Nächstenliebe
zu erwerben.
Eine wissensorientierte Frömmigkeit
ist gewöhnlich sehr trocken; sie spielt sich ganz im Verstand ab. Aber es wird
immer wahr bleiben, dass die Frömmigkeit - und vor allem die priesterliche Frömmigkeit
- ohne Abtötung, ohne Sammlung, ohne Betrachtung, ohne häufigen Empfang der
Hl. Eucharistie und des Bußsakramentes, ohne innige Liebe zu Maria und den
Heiligen nur ein Skelett von Frömmigkeit ist, um nicht zu sagen, ein Pharisäismus,
begründet auf der Illusion der Eigenliebe.

Bemerkungen:
1 Bernh. v. Siena.
2 1 Kor 13, 4-9.
3
Hebr 11, 13.
4 1 Petr 5, 8.
5 Lk 21, 36.
6 1 Petr 5, 8.
7 Phil 2, 12.
8 1 Petr 5, 6.
9 1 Kor 10, 13.
10
Weish 4, 13.
11 Nachf. Chr., I. Buch, 25. Kap. Nr. 5.
12 Mt 19, 21.
13 Mt 5, 6.
14 Mt 5, 6.
15 Joh 7, 37.
16
Epist. 254, 2.
17 Röm 12, 3.
1 Epist. 106.
2 Orat fun., circa med.
3 Epist. X, 2 passim.
4 Sir 11, 10.
5 Spr 16, 9.
1
Hebr 12,11.
2 Lk 10,28.
1 Mt 8, 20.
2 Kol 1, 24.
3 Mk 9, 28.
4
1 Kor 9, 26 f.
5 Vgl 1 Makk 5, 62.