Hl. Peter - Julian EYMARD

 Der Priester

  Ins Deutsche übersetzt von P. DDr. Walter Marzari SSS.

 

Teil III.

Priester-Exerzitien

 

Teil A | Teil B | Teil C | Teil D

 

INHALT: Teil - 3A / Der Priester

   Eröffnung
   Wiedergutmachung und Reinigung
   Über das Ziel des Menschen
  Der Verstand
  Sie sind es nicht
  Sie können es nicht sein
  Der Glaube
  Überlegungen
   Über  das  Ziel  des  Christen  und  des  Priesters
  Als Christ
  Als Priester
   Die Frucht im Wirken des Heiles

   

 

 

Eröffnung

 

 

 

"Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade,

jetzt ist er da, der Tag der Rettung"

 

(2 Kor 6,2)

 

Im Laufe des Lebens gibt es schöne Tage, Tage der Glorie und der Glücksfälle; sie sind spärlich und kostbar, man vergisst sie nie.

 

Es gibt auch feierliche Tage, die das Los eines Menschen entscheiden. Man bereitet sich sorgfältig darauf vor, man opfert dafür alles.

 

Auch im Priesterleben gibt es schöne Tage, feierliche Tage, an denen uns die göttlichen Schatzkammern offen stehen und die für unsere Ewigkeit entscheidend sind.

 

Dies sind die Tage der Exerzitien. Es sind Tage der Gnade und Barmherzigkeit, an denen uns Gott die absolute Vergebung anbietet.

 

Es sind Tage der Liebe und des Glücks, an denen sich Gott der Seele in einer unaussprechlichen Weise zeigt.

 

Es sind wertvolle Tage, denn sie allein reichen aus, dass wir uns entschieden auf den Weg der Heiligkeit begeben.

 

Wir sollen sie also ordentlich nützen, denn sie sind kurz.

 

Ecce nunc... Möge uns Maria, die Königin des Klerus, die die Exerzitien der Apostel im Abendmahlssaal anführte, begleiten und uns während dieser hl. Exerzitien beistehen.

 

 

* * *

 

 

Was sind Exerzitien?

 

Jesus wird es uns lehren. Er spricht zu uns wie zu den Aposteln: venite seorsum et requiescite pusillum 1.

 

Betrachten wir diese Worte.

 

1. venite - kommt! Es ist Jesus Christus, der euch ruft. Wohlgemerkt, er selbst ist es, der euch einladet, denn es geht um etwas Wichtiges.

 

Ihr fürchtet euch vielleicht vor einem solchen Ruf? Macht euch euer Gewissen Vorwürfe wegen Untreue? Ihr fürchtet den Ruf eines Meisters, den Spruch eines Richters?

 

Seid beruhigt. Es ist ein Vater, der in seiner Liebe ruft und zu euch sagt: "Kommt, ihr Kinder, hört mir zu, ich will euch in der Furcht des Herrn unterweisen"  2.

 

Es ist Jesus, der euch mit seiner Liebe ruft und so vielen anderen vorzieht, die vielleicht viel treuer, aber weniger glücklich sind als ihr.

 

Kommt mit Freude und werft euch in seine Arme! Es ist vielleicht schon lange her, dass ihr seine so milde Stimme nicht mehr vernommen habt.

 

Kommt mit einem großmütigen Herzen. Verlasst alles, wie die Apostel.

 

Kommt eilends. Oft ruft er nur einmal.

 

 

2. Venite seorsum in desertum locum.-

 

Aber wohin möchte er euch führen? Weg vom Lärm und der Hektik der Welt. Seine Stimme, sagt der Prophet, ist wie ein leises Säuseln 3.

 

Es bedarf einer großen Ruhe, um ihn zu vernehmen; und daher ruft er euch ins Schweigen, in die Einsamkeit der Wüste. Nur hier wird er zu eurem Herzen sprechen: "Ich will sie in die Wüste hinausführen und sie umwerben" 4.

 

Dies ist eine unverzichtbare Bedingung: er will euch allein; er will mit euch allein die Be-lange eurer Seele und eurer Ewigkeit besprechen.

 

Verlasst also ohne Bedauern für einige Tage eure Amtdienste, eure Beziehungen mit Familie und Gesellschaft.

 

Intrate toti - begebt euch voll hinein 5. Lasst nichts von euch in der Welt zurück. Bekümmertheit, Projekte usw...., die euch von eurer einzigen Beschäftigung abhalten würden: überlasst das alles den Händen Gottes zu Füßen des hl. Berges, den ihr in Freiheit mit allen euren Fähigkeiten erklimmen müsst.

 

Manete soli - bleibt allein 6, wenn ihr wie neue Mensche aus den Exerzitien hervorgehen wollt.

 

Denn Jesus Christus ruft euch nur zu den Exerzitien, um euch mehr zu heiligen, um den inneren Menschen in Euch zu erneuern und euch damit zu würdigen Dienern und zu Aposteln seiner erhabensten Liebe für die Seelen zu machen.

 

Das ist der Zweck seines Rufes, das Ziel eurer Exerzitien.

 

3. Aber wie wird euch Jesus heiligen? Mit welchem Mittel wird er euch im Geist eurer erhabenen priesterlichen Berufung erneuern? Was wird er von euch verlangen, um euch die wertvollsten Gnaden mitzuteilen? Bewundert an dieser Stelle seine freigebige Güte!

 

"venite seorsum - et requiescite pusillum - kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus!" Es ist, als hätte er zu euch gesagt:

 

 

a) Ihr habt hart gearbeitet; ich bin mit euch zufrieden und als Beweis meiner Liebe erlaube ich euch, zu mir, eurem König und eurem Gott, zu kommen. Komm, du guter und treuer Knecht. Ich stehe euch ganz zu Verfügung, um euch anzuhören, wie ihr mir eure Freuden und Leiden, eure Erfolge und Misserfolge erzählt; mit euch werde ich meinen himmlischen Vater preisen, dem alle Ehre, Verherrlichung und Danksagung gebührt.

 

b) Aber vielleicht hat euch die Arbeit ermüdet, eure Kräfte bedürfen der Erneuerung, um wieder den jugendlichen Schwung zu bekommen, gleich der Wucht des Adlers 7; eure Seele verschmachtet vor Ermattung, sie bedarf einer reichhaltigeren, geistlichen Nahrung; um sie mit mehr Gebet, mehr göttlicher Wahrheit zu nähren, um sie zu einem Leben voller Gesundheit und mit gutem Willen zurückzubringen, sage ich euch: venite, requiescite pusillum.

 

Es ist nicht verwunderlich, dass ihr einen Zustand großer Schwäche erleidet. Ihr habt mehr gearbeitet, als es eure Kräfte erlaubten. Der Seeleneifer nach außen hat euch zu sehr beansprucht; ihr habt ständig aus euch verschenkt und so nach und nach in euch die Salbung und den Geist des Gebetes verbraucht. Ihr wart der Meinung, dass ihr eure Seele rettet, indem ihr von Gott redet, erbaut, den Nächsten rettet; das stimmt; aber mein Sohn, der Priester muss von Zeit zu Zeit eine Verschnaufpause einlegen, sich neu stärken im Gebet, in der Betrachtung über die ewigen Wahrheiten, so wie es die Apostel getan haben: "Wir aber wollen beim Gebet und beim Dienst am Wort bleiben" 8.

 

Das habe ich selber getan, um euch als Beispiel zu dienen, indem ich mich heimlich von der Volksmenge zurückgezogen habe, um allein auf den Berg zu gehen, und dort die Nacht im Gebet mit Gott zu verbringen. Fugit in montem ipse solus... et erat pernoctans in oratione Dei  9.

 

Kommt also und stellt eure erschöpften Kräfte wieder her; kommt und füllt den ausgetrockneten Behälter eurer Seele neu auf, damit ihr aus eurer Überfülle wieder austeilen könnt.

 

Kommt zu den Exerzitien zur Erneuerung der Einsatzfreudigkeit und Hingebung eures Seeleneifers. Ihr werdet zurückkehren wie aus einem Abendmahlssaal, erfüllt mit dem Hl. Geist, mit den Gnaden und Tugenden eures Standes.

 

Wenn dir aber, o mein Priester, in meinem Dienst ein Missgeschick getroffen hat, wenn dir mein Feind Fallen gestellt hat, wenn deine Seele krank war, wo du doch die Wunden anderer heilst, die mit Glauben und Vertrauen zu dir kommen, ach, dann verheimliche mir, deinem göttlichen Arzt, deine Wunden nicht.

 

Fliehe nicht vor mir aus Scham oder Furcht, ich bin ja dein Vater. Schiebe es nicht länger hinaus, du leidest schon lange genug, warte nicht mehr zu; deine Krankheit könnte fatal werden. Wenn du es auf später, auf das Sterben verschiebst, könntest du mich vielleicht nicht mehr finden.

 

Komm jetzt, komme und sage mir deine Leiden, und ich werde sie lindern; ich werde dich heilen. Venite ad me...

 

Ihr sollt daher mit Vertrauen in diese Exerzitien eintreten. Hier weichen die verborgensten Fehler, die verwurzeltsten Laster, die tyrannisierendsten Leidenschaften, alles weicht hier unter der Wirkung dieser außergewöhnlichen und beinahe wunderbaren Gnade der Exerzitien. Sie ist wirklich der Triumph der Gnade Jesu Christi.

 

 

* * *

 

 

Mehr noch: die Exerzitien haben den Zweck, die Seele zu einem höheren Tugendgrad zu heben, um ihr größere Gnaden zu vermitteln und sie inniger mit Jesus Christus zu vereinigen.

 

Als Gott Abraham zum "Vater der Glaubenden" machen will, sagt er zu ihm: "Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde"  10.

 

Als er Moses zum Befreier Israels bestellen will, führt er ihn in die Wüste und spricht zu ihm im brennenden Dornbusch; später lässt er ihn den Sinai besteigen; dort hüllt er ihn in eine Wolke und bereitet ihn vor, das Gesetz des Alten Bundes zu empfangen.

 

Wenn die Propheten eine besondere Aufgabe vor sich hatten, zogen sie sich, wie Elias und Jeremias, in die Einsamkeit, "in die Höhlen und Schluchten des Landes" zurück, um sich zu stärken.

 

Ist der Priester nicht der Vater der Seelen, der Gläubigen, ihr Führer und Befreier in der Heilsordnung; derjenige, der sie unterrichtet und ihnen im Namen des Herrn befiehlt? Muss sich nicht auch er in Exerzitien ständig für seine Sendung weiterbilden, die Stimme Gottes hören, seine Anweisungen vor dem brennenden Dornbusch der Eucharistie in Empfang nehmen?

 

Wenn wir zum Neuen Testament übergehen, sind die Beispiele nicht weniger überzeugend:

 

Der hl. Johannes der Täufer hält sich lange Jahre in der Wüste auf als Vorbereitung für einen sehr kurzen Auftrag, dessen alleiniger Zweck die Ankündigung des Messias war; ecce Agnus Dei - Seht das Lamm Gottes!

 

Jesus Christus selbst führt während dreißig Jahren in Nazaret ein verborgenes Leben. Damit nicht zufrieden, zieht er sich während 40 Tagen in die Wüste zurück, bevor er seine evangelische Mission begann. Und was für Exerzitien waren doch die drei Stunden des Todeskampfes in Gethsemani vor seiner Hinopferung am Kreuze!

 

Auf Anweisung ihres Meisters schließen sich die Apostel im Abendmahlssaal ein, wo sie den Hl. Geist empfangen und sich auf die Gründung der Kirche vorbereiten werden.

 

Ist es nicht die Verborgenheit der Privatwohnungen oder der Katakomben, in der sich die Bischöfe und Priester der ersten Jahrhunderte versammelten, um die Hl. Eucharistie zu feiern und sich für das Martyrium vorzubereiten?

 

Der Priester hat eine größere Sendung als jene von Johannes dem Täufer; er ist beauftragt, Jesus Christus der Welt zu schenken. Wird von ihm zuviel verlangt, sich einige Tage zu erneuern und in seiner Berufung zu vervollkommnen? Und sind nicht die gegenwärtigen Zeiten für die Kirche ungünstig? Die Verfolgung droht in dieser oder jener Form überall. Der Priester bedarf einer größeren Kraft, einer großmütigeren Tugend, die zum Heldentum befähigt. Wo sollen diese Kräfte geschöpft werden außer in den Exerzitien? Hier formen sich die großen Seelen.

 

 

* * *

 

 

Im Hinblick auf die so große Güte unseres Herrn, der uns zum größeren Wohl unserer Seele zu sich ruft, was wird hier unsere Antwort sein? Es wird eine zweifache Antwort sein: Herr, ich sehe ein, dass ich die Exerzitien notwendig habe, somit will ich sie halten, u. zw. gut halten.

 

a) Sie halten wollen - also dafür einen entschlossenen und standhaften Willen aufbringen.

 

b) Sie gut halten - dazu ist wichtig: Einheit des Zweckes und der Mittel; den Goliath, unseren Hauptfehler, herausfinden; die für unsere Seele notwendigste Tugend suchen; eine große Treue zeigen in allen Übungen und in jeder einzelnen; denn sich nachlässig erweisen, würde die Gefahr bedeuten, das Ziel zu verfehlen; oft hängt der Sieg gerade von einer nochmaligen Willensanstrengung ab; sich die Gefühle tiefen Vertrauens zu erhalten suchen: der Priester braucht diese mehr als andere, sei es, um aus einer weniger guten Vergangenheit zurückzukehren, sei es, um in eine vollkommenere Zukunft fortzuschreiten.

 

Euge, serve bone et fidelis. Intra in gaudium Domini tui - du guter und getreuer Knecht, geh ein in die Freude deines Herrn!

 

Glücklich zu preisen seid ihr, wenn ihr als neues Geschöpf in Christus 11  hervorgehen, wie die Apostel, als sie den Abendmahlssaal verließen, um die Welt für Jesus Christus zu erobern.

 

 

INHALT

EYMARD

 

   

Erster Teil der Exerzitien

 

Wiedergutmachung und Reinigung

 

 

1. Betrachtung

 

Über das Ziel des Menschen

 

 

Dies ist eine wichtige und grundlegende Wahrheit, welche man vielleicht am Beginn der hl. Exerzitien zu wenig Beachtung schenkt.

 

Tatsächlich besteht die große Wissenschaft des Menschen darin, dass er sein Ziel erkennt; hier liegt seine Vollkommenheit und sein Glück.

 

Mit allen Kräften und allen zur Verfügung stehenden Mitteln  seinem Ziel zustreben, das ist für den Menschen eine unabdingbare und gebieterische Pflicht. Verstand und Glauben bestätigen uns diese Wahrheit.

 

 

* * *

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A) Der Verstand

 

 

1.- Was den Geist des Menschen besonders trifft, ist die Feststellung, dass die Güter dieser Welt nicht sein Ziel sind und es nicht sein können.

 

a) Sie sind es nicht.  Haben sie jemals einen Menschen glücklich gemacht? Also dann?... Salomo besaß alles: "Was immer meine Augen sich wünschten, verwehrte ich ihnen nicht. Ich musste meinem Herzen keine einzige Freude versagen. Denn mein Herz konnte immer durch meinen ganzen Besitz Freude gewinnen. Und das war mein Anteil, den ich durch meinen ganzen Besitz gewinnen konnte. Dann dachte ich nach über alle meine Taten... Das Ergebnis: Das ist alles Windhauch und Luftgespinst. Es gibt keinen Vorteil unter der Sonne"  1.

 

O wie die Menschen blind sind! Sie laufen dem Windhauch nach.

 

 

b) Sie können es nicht sein.  Der Mensch ist vollkommener und ist daher mehr wert als alles Gold der Welt, das letzten Endes nur ein wenig Staub ist, dem der Ehrgeiz einen Wert verleiht.

 

Die menschliche Ehre ist launisch und ungerecht; sie ehrt oft nur geglückte und kühne Verbrechen.

 

Die fleischlichen Freuden unterwerfen den Geist unter die Sinne; sie verderben und degradieren den Menschen.

 

Und dennoch: "Alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und das Prahlen mit dem Besitz ... ist von der Welt" 2. Nun, die Welt geht vorüber und auch ihre Begierde 3.

 

2) Die vernunftbegabten Geschöpfe sind ebenso nicht unser Ziel. - Der Mensch kann das Wesen seiner Art nicht vollkommener und selig machen. "Um die Liebe zu den Geschöpfen ist es ein trüglichtes, unstetes Ding... Wer sich an ein Geschöpf hängt, fällt mit dem Hinfälligen... Traue nicht und stütze dich nicht auf ein Schilfrohr, das der Wind hin und her bewegt. Denn alles Fleisch ist Heu, und alle Herrlichkeit des Fleisches fällt ab wie eine Heublume" 4.

 

Darin aber liegt das Verbrechen der Welt. "Sie beteten das Geschöpf an und verehrten es anstelle des Schöpfers, gepriesen ist er in Ewigkeit" 5.

 

3. Der Mensch kann nicht Selbstzweck sein. - Er kommt nicht aus sich selbst, ist also nicht seine Erstursache; er kommt auch nicht aus eigener Kraft; sein Leben liegt nicht in seiner Hand; er kann nicht immerfort in sich selbst leben, ständig nur sich selber zugewandt, denn der Egoismus ist der grausamste Henker des Menschen; zudem erschrickt der Mensch vor sich selbst, wenn er seine Armseligkeit und Nichtigkeit betrachtet.

 

 

* * *

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B) Der Glaube

 

 

Er zeigt uns, dass Gott allein das Ziel des Menschen sein kann. Ihm allein ist es nämlich möglich, den Menschen auf eine höhere Stufe zu heben, als es seiner Natur entspricht, und ihn auf vollkommene Weise zu beseligen, nämlich durch den unabänderlichen Besitz des erhabensten Gutes.

 

Er vervollkommnet ihn in diesem Leben; er macht ihn selig in der Ewigkeit.

 

Der Mensch ist erschaffen, damit er Gott erkenne, ihn liebe und ihm diene. "Für dich, o Gott, hast du uns geschaffen und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir" 6. Daher lautet das göttliche Gebot: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen" 7.

 

Der hl. Augustinus zieht daraus den Schluss: Der Weise 8 spricht: "Fürchte Gott und achte auf seine Gebote! Denn darin liegt der Sinn jedes Menschen. - Was könnte kürzer, wahrer und heilsamer gesagt werden? ... Wer nämlich das nicht beachtet, ist nichts" 9.

 

Der hl. Johannes sagte: "Wer nicht liebt, bleibt im Tod" 10.

 

Und um wie viel wahrer ist dies in der übernatürlichen Ordnung! ein anderes Zitat: "Erkenne deine Würde, o Christ; als Teilhaber an der göttlichen Natur geschaffen, kehre nicht mehr zurück zur alten Wertlosigkeit durch entarteten Verkehr" 11.

 

Gott erkennen bedeutet die Vollkommenheit unseres Geistes: "Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen, wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast" 12.

 

Gott lieben bedeutet die Vollkommenheit unseres Herzens; sie erfüllt, erweitert und veredelt unser Herz. Gott dienen bedeutet die Vollkommenheit unseres Lebens: "Ihm dienen bedeutet herrschen" 13.

 

Aus dieser allgemeinen Wahrheit soll man mehrere Überlegungen anstellen und Schlüsse ziehen.

 

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1. Überlegungen.

 

a) Ich komme von Gott. Er ist mein Schöpfer, d.h. er hat mich so gemacht, wie ich bin, ohne jegliches Verdienst von meiner Seite, sondern durch den reinen Beweggrund seiner Liebe zu mir - eine ewige Liebe. Wie gut ist Gott!

 

Er hat mich als Menschen geschaffen, d.h. als oberstes aller irdischen Wesen: "paulo minus ab angelis" 14. Welches Glück! Durch die menschliche Natur ein Bruder Jesu Christi: "Das Wort ist Fleisch geworden"  15. Welche Ehre!

 

Durch meine Erschaffung hat er mich so vielen anderen vorgezogen, welche hätten da-sein können; mit allen meinen Sinnen, allen meinen Fähigkeiten, wo es doch so viele unvollkommene, kranke Menschen gibt. Welch privilegierendes Wohlwollen!

 

Er hat mich nach seinem Abbild geschaffen, ja noch viel mehr: er erschafft mich ohne Unterlass, indem er mir das Leben erhält, sonst würde ich in das Nichts zurückfallen. Welch väterliche Obhut!

 

b) Somit gehöre ich Gott, ich bin einer von ihm; ihm verdanke ich jeden Augenblick alles, was ich bin. Ich bin sein Werk, sein Eigentum; er besitzt über mich alle Rechte wie ein Handwerker über das Werk seiner Arbeit, wie ein Vater über sein Kind, das aus seinem Fleisch geboren wurde.

 

Ich gehöre ihm allein und für immer; niemand kann ihm jemals diese Rechte nehmen, er wird sie in Ewigkeit behalten.

 

Infolgedessen muss ich mich in allem seinem Willen unterwerfen; gleich bei dessen Kundwerden ihn annehmen, u. zw. so wie er ist, und ihn erfüllen mit gleichbleibender Treue.

 

Habe ich aber nicht das Joch Gottes murrend getragen wie die Juden, zitternd vor Furcht wie ein Sklave? Glaube ich tatsächlich an das Wort: "Ihm dienen bedeutet Herrschen"?

 

c) Ich bin da für Gott. Er wollte für mich ein Ziel, das seiner und meiner würdig ist. Dieses Ziel ist er selbst. Auch all mein Tun muss so geschehen, dass es zu seiner Ehre geschieht: "ob ihr also esst oder trinkt oder etwas anderes tut: tut alles zur Verherrlichung Gottes!" 16

 

Jede Sünde ist eine Verletzung dieses Gesetzes; sie macht ein Werk unfruchtbar und unfähig, Gott zu gefallen.

 

Alles, was nicht Gott zum Ziel hat, ist verloren. Selbst wenn diese Taten an sich die heiligsten und heldenhaftesten wären, er erkennt sie nicht an: "nescio vos - ich kenne euch nicht" 17. Ohne geradlinige Absicht und umsomehr ohne den Stand der Gnade bleibt nichts davon für den Himmel: magni passus, sed extra viam - große Schritte, aber auf dem falschen Weg.

 

Wie steht es diesbezüglich in meinem Leben? In welchem Ausmaß ist es im Buch des Lebens verzeichnet?

 

 

2. Schlussfolgerungen. - Ich muss also eifrigst darauf hinarbeiten, mein Ziel zu erreichen, das Heil meiner Seele sicherzustellen.

 

Jesus Christus will:

 

a) dass ich vor allem darauf hinarbeite: "suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit" 18. Es ist nichts einsichtiger, als den Himmel der Erde, die ewigen Güter den verderblichen Gütern vorzuziehen. Nichts ist würdiger, als die Seele dem Leib, den Schöpfer dem Geschöpf vorzuziehen.

 

Vor einer Entscheidung mit größerer Bedeutung sich immerfort fragen: quid hoc ad salutem? - dient mir dies zum Heil?

 

 

b) Ich soll in allem darauf hinarbeiten. Was mir von ihm gegeben wurde, muss zu seinem Nutzen eingesetzt werden: "redde rationem villicationis tuae - gib Rechenschaft über deine Verwaltung" 19, ich muss unter seinem wohlwollenden Blick arbeiten: "Pater, qui videt in abscondito, reddet tibi - dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten" 20.

 

c) Ich soll darauf hinarbeiten, auch wenn ich alles andere opfern muss. Wenn sich die zeitlichen Güter nur mit dem Preis der ewigen Güter erhalten lassen: "Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber seine Seele Schaden leidet?" 21. Ich soll mit Ausdauer arbeiten: "Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes"22 .

 

Wenn sich die Freundschaft, das menschliche Wohlwollen nur durch Aufgabe der Freundschaft mit Gott aufrechterhalten lassen: "nemo potest duobus dominis servire - niemand kann zwei Herren dienen"  23.

 

Wenn die Anhänglichkeit an einen Menschen oder einen Gegenstand ein Hindernis darstellt auf unserem Weg zu Gott: "Si manus tua, vel pes tuus scandalizat te, abscinde eum et projice abste - wenn dich deine Hand oder dein Fuß zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg!"  24.

 

Wenn sich das Leben des Leibes nur um den Preis des Lebens der Seele erkaufen lässt:

Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können" 25 - "... wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es retten" 26.

 

 

* * *

 

Herr, wie schwerwiegend und leuchtend sind diese Wahrheiten! Bewahre meine Seele in der Sammlung, damit ich ihre Bedeutung und die Notwendigkeit ihrer Anwendung immer tiefer erfasse!

 

Die Sammlung brauche ich so unbedingt, dass ohne dieselbe die Gnade der Exerzitien unfruchtbar bliebe.

 

Hätte am Pfingsttag ein Apostel aus Langweile oder Zerstreutheit den Abendmahlssaal verlassen, so hätte er am Kommen des Hl. Geistes keinen Anteil gehabt. Welch ein Unglück wäre dies für ihn und für die Seelen gewesen!

 

Während der Exerzitien will der Hl. Geist meine Seele besuchen. Herr, möge er sie gesammelt antreffen; dann werde ich sein Wort vernehmen und seiner Wirkung folgen.

 

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2. Betrachtung

 

Über  das  Ziel  des  Christen  und  des  Priesters

 

 

Nachdem wir über das Ziel des Menschen allgemein betrachtet haben, überlegen wir uns jene andere Glaubenswahrheit, welche die erste ergänzt: wir sind Christen und Priester, um für unser Heil in vollkommenerer Weise zu wirken als andere.

 

 

* * *

 

 

A) Als Christ.  Im folgenden seien einige Gründe genannt.

 

1. Wir besitzen mehr Gnaden als andere Menschen, die noch in der Finsternis des Götzendienstes versunken sind oder sich in den Irrtümern des Protestantismus und des Schismas verirrt oder aber in einer gottlosen Umgebung aufgewachsen sind.

 

Wir besitzen die Gnaden des wahren Glaubens mit allen göttlichen Wahrheiten; Gnaden der Sakramente mit allen ihren heiligmachenden Wirkungen; Gnaden der Eingliederung in die Kirche mit allen Vorteilen der Gemeinschaft der Heiligen.

 

Nun fordert Gott einen Tugendgrad, der den von ihm geschenkten Gnaden entspricht: "wenn sich die Geschenke mehren, wachsen auch die Beweggründe der Geschenke!" 1

 

Unser Herr hat selber erklärt, dass "viel gefordert wird von dem, der viel erhalten hat" 2.

 

Haben wir tatsächlich die Gnaden Gottes Früchte tragen lassen, wie jener Knecht fünf oder zwei Talente erhalten hatte? Haben wir nicht vielmehr jenen Knecht nachgeahmt, von dem es heißt: "er ging, grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn" 3.

 

Was werden wir den Schmähungen der Häretiker und Heiden antworten, die sich mit weniger Gnaden verdammt haben? Was soll dem obersten Richter auf seine Vorwürfe geantwortet werden, wenn er uns die Auserwählten des Naturgesetzes und des Judentums zeigt?

 

2. Wir haben das Glück, Jesus Christus zu kennen, ihm anzugehören und seinem Dienst geweiht zu sein.

 

1. Nun ist das Wissen um Jesus Christus die größte Gnade, die uns der himmlische Vater erweisen kann. Denn Jesus Christus ist "der Weg"  4, der zum Vater führt, und "niemand gelangt zum Vater außer durch mich" 5. Ein sicherer Weg: "Wer mir nachfolgt, wird nicht in  der Finsternis umhergehen"  6; es ist ein leichter Weg: "mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht" 7.

 

Jesus Christus ist auch die Wahrheit: "Ich bin die Wahrheit" 8. Er ist das Leben: "ego sum vita" 9. Die Wahrheit, welche er allen geoffenbart hat, brachte er in vertraulicherer Weise jenen näher, die ihn lieben und seine Gebote beobachten: "ich werde mich ihm offenbaren" 10. Das Leben, das er der Welt gebracht hat, gab er in Überfülle jenem, der in ihm bleibt: "dieser bringt reiche Frucht" 11.

 

b) Wir gehören zu Jesus Christus wie zu einem Erlöser, der uns zu Miterben aller Wohltaten des himmlischen Vaters gemacht hat; wir gehören zu ihm wie die Glieder, die in einem lebenden Körper mit dem Kopf verbunden sind: "Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm" 12; also Glieder, die von ihm leben müssen, so wie der Körper von der Seele lebt.

 

c) Wir sind geweiht für den Dienst an Jesus Christus. Also: "non estis vestri - ihr gehört nicht euch selbst" 13.

 

Wir haben diese Verpflichtung durch die Taufe auf uns genommen; wir haben sie unzählige Male in Freiheit bestätigt. Unser Wort wurde angenommen. Wir nehmen es nicht zurück; und wir werden über unsere Versprechen gerichtet werden.

 

Wir haben uns verpflichtet, Jesus Christus wie seine treuen Jünger zu folgen: "Meister, ich will dir folgen, wohin du auch gehst" 14. Unter dieser Bedingung hat er uns in seiner Nachfolge angenommen.

 

Leben aus seinem Leben, ein zweiter Jesus Christus werden. Es gibt keinen anderen Weg zum Heil für uns als das Ähnlichwerden mit ihm. "Denn alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben" 15.

 

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B) Als Priester.

 

Der Priester muss ein Leben führen, das zu seiner Würde im Einklang steht.

 

1. Nun ist die priesterliche Würde die höchste Würde der Welt 16. Das Priestertum ist umso erhabener als jedes Reich, als es der Unterschied zwischen Geist und Fleisch andeuten kann 17. Worin liegt der Grund? Die Könige herrschen über die Körper, die Priester über die Seelen 18.

 

Der hl. Thomas v. Aquin lehrt, dass die Würde des Priesters jene der Engel übersteigt  19. Sie ist für die Engel Gegenstand der Bewunderung: "Über ein so feierliches Privileg eurer Würde staunt der Himmel, ist die Erde verwundert, erzittert der Mensch und gerät die Schar der Engel in höchste Hochachtung"  20.

 

Die priesterliche Würde überragt im gewissen Sinn jene der seligsten Jungfrau aufgrund der Vollmacht zu konsekrieren und loszusprechen, die dem Priester übertragen wurde. Gewiss, nichts ist mit der göttlichen Mutterschaft vergleichbar, durch welche Maria mit ihrer eigenen Substanz ihren Sohn geformt hat, aber dies fand nur einmal statt und an einem Ort, während der Priester jeden Tag die Substanz des Brotes in jene des Leibes Jesu Christi verwandeln kann, und zwar wo immer er sich befindet 21.

 

Die priesterliche Würde macht aus dem Priester einen zweiten Jesus Christus durch die Übergabe der Amtvollmachten und durch die Identität der apostolischen Sendung.

 

Nun verlangt eine hohe Würde auch eine große Heiligkeit: "In allem erweisen wir uns als Gottes Diener" 22, denn schließlich pflegt nicht die Würde, sondern das Werk der Würde die Priester zu retten 23.

 

Er soll so heilig sein, dass sie, in den Himmel versetzt, unter den himmlischen Mächten, in der Mitte zu stehen kommt 24.

 

2. Der Priester übt geheiligte Funktionen aus, die zum würdigen Vollzug von ihm eine überragende Heiligkeit verlangen.

 

 

a) Er ist Mittler zwischen Gott und den sündigen Menschen. Er muss heiliger sein als sie: "Diejenigen, die Mittler zwischen Gott und dem Volk sind, müssen mit einem guten Gewissen hinsichtlich Gott und mit einem guten Ruf hinsichtlich der Menschen hervorleuchten" 25. - "Mit welcher Gesinnung eignet sich jemand die Stelle des Fürbitters für das Volk bei Gott an, der es nicht versteht, durch die Verdienste des Lebens mit seiner Gnade vertraut zu sein?“ 26

 

 

b) Er ist der Amtsdiener Jesu Christi; er weiht ihm seine Seele mit all ihren Fähigkeiten, seinen Leib mit all seinen Sinnen, damit durch ihn Jesus Christus noch immer sein ewiges Priestertum auf der Erde ausüben kann. Wenn der Priester in Aktion ist, dann bildet er mit Jesus Christus eine moralische Person, Gott übt durch den Priester in sichtlicher Weise seine göttliche Vollmacht aus.

 

Muss aber dann nicht jene Hand, welche dieses Fleisch zerteilt, glänzender als der Sonnenstrahl sein,... und ist es nicht nötig, dass der Empfänger eines solchen Opfers reiner sei? 27

 

 

c) Der Priester ist der „Verwalter der Gnadengaben Gottes" 28. Alles geht durch seine Hände.

 

Der Glaube mit seinen göttlichen Wahrheiten; wie Jesus Christus ist er "Licht der Welt". Und der Meister hat sein Wort erklärt: "So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen" 29. Und der hl. Johannes Chrysostomus fügt den folgenden Kommentar an: Der Priester muss ein so makelloses Leben führen, damit alle in ihm ein hervorragendes Beispiel erblicken 30.

 

Alle Gnaden der Erlösung. Er ist deren Schatzmeister. Sie selbst sind die Sachwalter des königlichen Hauses, durch deren Bescheid im Saal des ewigen Königs die Titel und Ämter der einzelnen verteilt werden 31.

 

Sein Schiedsspruch soll dem Urteil Gottes vorangehen. "Es geht das Urteil des Petrus dem Urteil des Erlösers voraus" 32. - "Der Herr folgt dem Diener" 33.

 

Er segnet und Gott segnet; er vergibt, und Gott vergibt; er betet, und Gott erhört.

 

Das ist der Priester! Ohne ihn kann man sich nicht retten.

 

Durch ihn ist Jesus Christus der Erlöser. Durch ihn ist der Hl. Geist Heiligmacher der Seelen.

 

Mit welcher Heiligkeit soll der Priester in der Welt leuchten? "Vom Glanz des Lebens, wie das Licht, das den ganzen Erdkreis erleuchtet, muss der Geist des Priesters strahlen"  34.

 

 

3.  Der Priester empfängt mehr Gnaden als die Gläubigen.

 

Gott schuldet ihm Gnaden, die seiner Würde und seinen Pflichten entsprechen. "Wer mir Ehre erweist, der wird mir auch Helfer der Verwaltungsaufgaben sein; wenn er mir die Würde verliehen hat, wird er mir auch die Kraft geben" 35.

 

"Wer immer durch göttliche Fügung eine Vollmacht erhält, dem wird auch alles zuteil, was die Ausübung dieser Vollmacht in entsprechender Weise ermöglicht" 36.

 

Dies ist ein Grundsatz, der bereits vom hl. Paulus aufgestellt wurde: "Unsere Befähigung stammt vielmehr von Gott; er hat uns fähig gemacht, Diener des Neuen Bundes zu sein" 37.

 

Der Priester besitzt also als Priester ein besonderes Anrecht auf die Gnaden, die durch seine Hände gehen; diese göttlichen Gnadenschätze, welche er an die anderen verteilen muss, stehen in erster Linie ihm zur Verfügung. Wenn er selber daraus Nutzen zieht, wird ihre Wirksamkeit noch größer, ebenso wie die Bereitschaft in den Seelen der Gläubigen.

 

Welch ein Unterschied besteht also im Amtdienst des Priesters, auch was seine persönliche Heiligung betrifft, zwischen dem eifrigen Priester und demjenigen, der nach-lässig und erschlafft ist!

 

Arbeiten wir also an unserem Heil, indem wir Heilige werden!

 

Die allen gemeinsame Heiligkeit genügt nicht: "bei den Priestern ist nichts von den Sitten der Allgemeinheit passend" 38.

 

"Das Leben des Priesters muss herausragen, wie seine Gnade herausragt" 39.

 

Seien wir Heilige, um unter den Seelen wahre Apostel zu sein. "Ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind" 40.

 

Werden wir andere Jesus Christus, um die Werke Jesu Christi zu wirken und eines Tages seine Herrlichkeit zu teilen!

 

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EYMARD

    

 

3. Betrachtung

 

Die Frucht im Wirken des Heiles

 

"Müht euch mit Furcht und

Zittern um euer Heil!"

Phil 2,12

 

 

Man begreift diese Empfehlung des hl. Paulus. Nicht zum eigenen Heil arbeiten, seine Seele verlieren, bedeutet ein umgehender, ewiger Verlust: man verliert den Himmel und verdient die Hölle.

 

Diese Furcht ist auch notwendig, um uns stets in der Wachsamkeit und Großherzigkeit zu erhalten; die menschliche Natur strebt unablässig zur Schlaffheit und Ruhe.

 

Der hl. Paulus bangte um sich selbst. Wir müssen ihn nachahmen.

 

 

* * *

 

 

Es gibt zwei Gründe, welche die Furcht rechtfertigen und gebieten.

 

1. Der Priester kann sich verdammen. - Keine Berufung und kein Lebensstand schützen vor dieser Möglichkeit. Kein erreichter Grad von Heiligkeit sichert uns vor dieser Gefahr. Wir sehen in der Geschichte dafür traurige Beispiele.

 

Gewiss, wenn es eine Würde gäbe, die diese Heilssicherheit böte, dann wäre es jene der Apostel. Trotzdem sagt ihnen unser Herr: "Fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann" 1.

 

Hat nicht der hl. Paulus, als er in den dritten Himmel entrückt wurde, erklärt: "Vielmehr züchtige ich meinen Leib..., damit ich nicht anderen predige und selbst verworfen werde" 2.

 

2. Wahrscheinlich ist eine gewisse Anzahl von Priestern verdammt oder werden es sein. Man kann dies so beurteilen, wenn man an das denkt, was sich im Apostelkollegium ereignet hat. Jesus Christus hat sie alle auserwählt und bei ihrem Namen gerufen; er hat sie gut unterwiesen, gut behandelt, kein Heilsmittel hat ihnen gefehlt. Aber hat sich nicht einer von diesen zwölf Bevorzugten selber verdammt? Dies scheinen die Worte des hl. Petrus zu bedeuten bezüglich des Judas: "Abiit in locum suum" 3.

 

Wie verhält es sich dann mit der Fülle von Priestern, die seit der Gründung der Kirche gelebt haben? Der hl. Johannes Chrysostomus geht soweit, dass er schreibt: "Ich glaube, dass nicht viele Priester gerettet werden, sondern weit mehr verloren gehen; und zwar aus keinem anderen Grund, als die Sache einen großen Geist erfordert" 4.

 

 

* * *

 

 

Sicher ist es, dass es einen Weg gibt, der zur Verdammnis führt, so wie es einen Weg zum Himmel gibt.

 

Dieser Weg des Verderbnisses hat sicherlich verschiedene Abstufungen. Wenn sich aber einmal eine Seele auf den fatalen Abhang begeben hat, rutscht sie sehr rasch nach unten. Wo wird sie stehen bleiben?

 

Hören wir den folgenden Leitspruch, der leicht einsichtig ist und von Gregor dem Großen formuliert wurde: "Nulla maior securitas, ubi periclitatur aeternitas - Keine größere Sicherheit gibt es, wo die Ewigkeit gefährdet ist.“

 

Blicken wir auf unser Leben zurück. Ist nicht unser Glaubensgeist erstarrt, unsere Frömmigkeit verkümmert, die Armut des Herzens zu schwach?

 

Eine hl. Furcht möge uns für die Gegenwart warnen oder wenigstens für die Zukunft bewahren.

 

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EYMARD

 

 



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Bemerkungen:

1 Mk 6, 31.

2 Ps 34, 12. 

3 Vgl. 1 Kön 19, 12.  

4 Hos 2, 16.  

5 Hl. Bernh. 

6 Ebda.  

7 Vgl Ps 103, 5.  

8 Apg 6, 4.   

9 Joh 6, 15.

10 Gen 12, 1.

11 2 Kor 5, 17

 

1 Koh 2, 10 f.

2 1 Joh 2, 16. 

3 Joh 12, 17. So steht es im Original. Das Zitat ist aber eindeutig falsch (der Übers.).  

4 Nachf. Chr., 2. B., 7. Kap., Nr. 1, 2.  

5 Röm 1, 25.      

6 August., Bekenntnisse, 1. Buch, K. 1.    

7 Deut 6, 5.

8 Koh 12, 13.  

9 De Civit. Dei, 20. Buch, 3. Kap.  

10 1 Joh 3, 14.   

11 Leo d. Gr., Serm. I, de nativit. Dom.   

12 Joh 17, 3.   

13 Postcom. Miss. pro pace.  

14 Ps 8, 6.   

15 Joh 1, 14.

16 1Kor 10, 31.   

17 Lk 13, 25.   

18 Mt 6,  33.   

19 Lk 16, 2.   

20 Mt 6, 2.   

21 Mt 16, 26.   

22 Lk 9, 62.   

23 Mt 6, 24.   

24 Mt 18, 8.     

25 Mt 10, 28.   

26 Mk 8, 35.

 

1 Greg. d. Gr., Hom. IX in Math. XXV. 

2 Vgl Lk 12, 48.   

3 Mt 25, 18.

4 Joh 14, 6.      

5 Joh 14, 6.  

6 Joh 8, 12.  

7 Mt 11, 30.  

8 Joh 14, 6. 

9 Joh 14, 6.  

10 Joh 14, 21.   

11 Joh 15, 5.   

12 1 Kor 12, 27.   

13 1 Kor 6, 19.   

14 Mt 18, 19.   

15 Röm 8, 29.

16 Bernh., Sermo ad Praes. in Syn.   

17 Joh. Chrys., De Sacerd., lib. III, tit. 5.   

18 Joh. Chrys., Hom. 5.   

19 Cf. Summ. theol. p. III, qu. 21, a. I, ad 1mum.   

20 Bernh., Sermo in Coena Dom.   

21 Bonavent., In IV Sent., dist. X, art. 2, quaest. 2.   

22 2 Kor 6, 4.   

23 Hieron., Sup. Sophon., 3.   

24 Joh. Chrys., De sacerd., lib. III, t.5.   

25 Thom. v. Aq., Supplem., qu. 36, a.1, ad 2um.  

26 Greg. d. Gr., Reg. Past., p. I, c. X.

27 Joh Chrys., Hom. 60 ad pop. antioch.

28 1 Kor 4,1.    

29 Mt 5,14.16.    

30 Johann. Chrys., Hom. X.   

31 Prosper. De vita contempl., lib. II, c.3.  

32 Petr. Dam., Sermo 26.   

33 Joh. Chrys., De verbis Is. hom. V.   

34 Joh. Chrys., De sacerd., lib. VI, c. III.

35 Leo d. Gr., Sermo I, in die Assumpt.   

36 Thom. v. Aq., Supp. q. 33, a.1.   

37 2 Kor 3, 5.   

38 Ambros. Epist. 6.   

39 Ambros. Epist. 82.   

40 Joh 17,19.

1 Mt 10, 28. 

2 1 Kor 9, 27. 

3 Diese Meinung wird von einer gewissen Anzahl von Vätern und Exegeten vertreten (Anm. des Herausgeb.).

4 Hom. III sup. Act. Apost.