Hl. Peter - Julian EYMARD

 Der Priester

  Ins Deutsche übersetzt von P. DDr. Walter Marzari SSS.

 

Teil III.

Priester-Exerzitien

 

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INHALT: Teil - 3B / Der Priester

   Der Tod in der natürlichen Ordnung
  Gewissheit und Geheimnis des Todes
  Konsequenzen des Todes in der natürlichen Ordnung
   Der Tod im Hinblick auf die übernatürliche Ordnung
  Abschluss der Buße
  Endpunkt der Barmherzigkeit Gottes
  Endpunkt der Verherrlichung Gottes
  Endpunkt für die Verdienste
  Endpunkt für die Heiligkeit
   Die  lässliche  Sünde
  Das größte Übel Gottes
  Schon in diesem Leben
  Im anderen Leben
  Das höchste Übel des Menschen
  Ihre Wirkungen
  Ihre Gefahren
   Die Todsünde
  In Beziehung zu Gott
  Mit Bezug zum Menschen

 

 

 

 

 

4. Betrachtung

 

Der Tod in der natürlichen Ordnung

 

Haltet euch bereit!

    Lk 12,40

 

 

Das Leben ist uns nur gegeben, damit wir unser Heil erwirken, die Schulden unserer Fehler durch Bußübungen zurückzahlen und die Krone der Gerechtigkeit erarbeiten, die uns in der Herrlichkeit einst erfreuen wird.

 

Jeder Augenblick des Lebens hat ein ewiges Ergebnis: entweder ein glückliches im Himmel oder ein unglückliches in der Hölle.

 

Jeder Augenblick unseres Lebens kann der letzte sein.

 

Der Herr verbirgt uns Tag und Stunde seines Kommens: "Ihr kennt weder den Tag noch die Stunde" 1. Er versichert, dass er uns überraschen wird: "Der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht" 2.

 

Wir stehen also ständig am Tor unserer Ewigkeit. Jesus Christus hat uns zu Recht gemahnt: "Estote parati - seid bereit!"

 

Welch ein nicht wiedergutzumachendes Unglück, wenn uns der Tod in einem sündigen Gewissenszustand antreffen würde! Betrachten wir: über die Sicherheit und über das Geheimnis des Todes; über seine Auswirkungen in der natürlichen Ordnung.

 

 

* * *

INHALT

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I. Gewissheit und Geheimnis des Todes.

 

1. Eines Tages werden wir sterben. Das ist ein göttlicher Beschluss, der sich auf alle Kinder Adams erstreckt.  "Statutum est hominibus semel mori - es ist dem Menschen bestimmt, einmal zu sterben" 3. Niemand kann dem Tod entkommen.

 

Der Tod kennt weder König noch Untergebene, weder Arme noch Reiche, weder Gerechte noch Sünder. Er folgt seinem Opfer auf dem Fuß, hält den Arm erhoben, um beim ersten Signal des höchsten Meisters unseres Lebens zuzuschlagen.

 

Wie viel Opfer hat der Tod schon niedergemäht! Wie viele Generationen sind bereits unter seinen Schlägen gefallen, wie viel Völker und Nationen sind von der Welt verschwunden und ruhen im Schlaf des Todes!

 

Jeden Tag gehen mehr als 80.000 Personen in die Ewigkeit ein 4.

 

Auch für uns wird einmal der letzte Tag kommen; hernach gibt es nur mehr den ewigen Tag, wenn wir in den Himmel kommen.

 

Auch für uns wird die letzte Nacht kommen; hernach wird es nur mehr eine ewige Nacht geben, wenn wir verdammt werden.

 

Leider! Wenn uns Gott einen Boten gesandt hätte, um uns an seiner Stelle zu sagen: du wirst mit zwanzig, mit dreißig Jahren sterben, wie würden wir dann die Jahre, die Monate, die Tage und Stunden zählen! Dies wäre ein ununterbrochener Todeskampf. Das Leben hätte überhaupt keinen Reiz mehr, die Zeit wäre zu kurz. Mit welchem Eifer würden wir diese gezählte Zeit verbringen!

 

Aber Gott hat es nicht getan. Wir haben keine Versicherung, noch jahrelang zu leben. Dies zu glauben wäre eine Anmaßung.

 

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2. Wir können bald sterben.

 

Der Tod wählt sich seine Opfer eher unter den Jugendlichen aus, am Beginn des Reife-Alters, als in der späteren Lebensphase. 50 Kinder sterben auf einen reifen Mann, 20 Burschen auf einen Greis.

 

Vielleicht tragen wir bereits den Keim unseres nahen Todes in uns. Vielleicht ist alles bereit, was zu unserer Bestattung notwendig ist; vielleicht wartet der Tod auf uns in dem Haus, das wir bewohnen, oder in der nächsten Kirche; vielleicht sind die Bretter für unseren Sarg schon geschnitten.

 

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3. Wir wissen nicht,  w i e  wir sterben werden.

 

Werden wir an einer Krankheit oder durch einen unvorhergesehenen Unfall sterben? Wir wissen es nicht. Werden wir allein sein oder werden unsere Freunde und ein Priester dabei sein? Wir wissen darüber nichts.

 

Werden wir bis zuletzt unsere geistigen Fähigkeiten behalten oder werden wir bewusstlos in den Todeskampf fallen? Auch darüber können wir nichts wissen.

 

Werden wir auf das Sterben eingestellt und gut darauf vorbereitet sein? Werden wir der Barmherzigkeit Gottes voll vertrauen oder wird uns die Furcht durcheinanderwirbeln?

 

Werden wir beim Sterben ein ungeordnetes Gewissen, verbunden mit Unruhe, Ängsten und Verwirrungszuständen haben? Das wäre schlimm.

 

Normalerweise ist der Tod das Echo des Lebens. Prüfen wir unser gegenwärtiges Leben, dann werden wir etwas über unsere ewige Zukunft wissen.

 

Man muss sich nicht auf den Tod vorbereiten, sondern vielmehr dafür bereit sein - estote parate! - Seid bereit! - aus Furcht, überrascht zu werden.

 

 

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II. Konsequenzen des Todes in der natürlichen Ordnung

 

 

1. Der Tod ist der endgültige Abschied von den Gütern dieser Welt. Der Luxus bei der Beerdigung ändert nichts daran. Arm oder reich, das vollständige Zurücklassen ist für alle gleich. Man ist nur mehr ein Leichnam.

 

Als der berühmte Saladin sein nahes Ende fühlte und sich von seinen siegreichen Truppen verabschieden wollte, hieß er sich mitten ins Kampffeld tragen, indem er ein Toten-Schweißtuch anstelle der Standarte voraustragen ließ. Bei diesem Anblick liefen alle entsetzt herbei. Was bedeutet ein solches Verhalten? Dann rief der Sultan, indem er das Schweißtuch herumzeigte: Soldaten, das ist alles, was man von seinen Siegen beim Tod mitnimmt.

 

Der Tod ist ein Beschluss! Wir haben bei unserer Geburt der Welt nichts mitgebracht, wir werden bei unserem Sterben auch nichts wegtragen 5.

 

Wie viel wird es demjenigen kosten, der aus Geiz die Güter dieser Welt zusammengerafft hat! "Siccine separat amara mors - So scheidet also der bittere Tod" 6.

 

Er wird sie Fremden hinterlassen müssen, die sie bald vergeuden werden. Ach! Wie teuer hat er sie bezahlt, wenn er zu ihrem Erwerb seine Seele verloren hat!

 

2. Der Tod ist ein endgültiger Abschied von der menschlichen Ehre. Alle irdischen Würdenträger enden mit dem Tod. Auf den Sarg der Großen dieser Welt legt man zu ihrer Ehre die Rangabzeichen ihrer ehrenvollen Auszeichnungen. Aber das, was sie waren, sind sie nicht mehr.

 

Mit dem letzten Atemzug einer Persönlichkeit ist alles zu Ende: die Höflinge ziehen sich zurück, die Schmeichler machen sich aus dem Staub: ihre Zeit ist vorbei. Die ganze Berühmtheit dieses Menschen wird mit ihm im Grab bestattet. Sehr bald vergisst man seinen Namen, seine Fähigkeiten, seine Werke. In der Welt liebt man es nicht, an die Toten zu denken. In bestimmten Fällen ist es ein Gebot des Anstandes, das Andenken an einen Toten in Erinnerung zu rufen. So also vergeht die menschliche Herrlichkeit: „periit memoria eorum cum sonitu - verschwunden ist ihr Andenken mit dem Schalle" 7. Glücklich, wer der menschlichen Herrlichkeit nicht seine Seele opfert! Unglückselig aber derjenige, welcher dafür seine Ewigkeit verliert; er würde zur Zahl jener Unglücklichen gehören, von denen gesagt wurde: laudantur ubi non sunt, cruciantur ubi sunt - sie werden geehrt, wo sie nicht sind, aber gepeinigt, wo sie sind.

 

3. Der Tod ist ein endgültiger Abschied von den Vergnügungen des Lebens. Beim Tod ist ein sinnlicher Mensch nicht weiter fortgeschritten als der gerechte Büßer. Er hatte kein längeres Leben; vielleicht ein kürzeres, denn die Vergnügen des Körpers haben seine Kräfte aufgezehrt und verschlungen, wie das Feuer das Holz verschlingt, wenn es das Feuer angreift.

 

Der Mensch der Vergnügen stirbt gewöhnlich mitten größerer Qualen und Ängste. Er beginnt an seinem sterbenden Leib die Exzesse seines sinnlichen Lebens zu büßen; und dies ist vielleicht nur eine Andeutung der ewigen Strafen, die er sich verdient hat. "Du hast schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten... nun musst du leiden" 8.

 

 

4. Der Tod ist der endgültige Abschied von den menschlichen Beziehungen. Man muss sich somit für immer von jenen trennen, die man geliebt hat, ja vielleicht zum Nachteil der Liebe Gottes geliebt hat; denen man vielleicht die Reinheit seines Körpers und seiner Seele, wenn nicht gar sein ewiges Heil geopfert hat. Welch traurige Trennung! Man spricht von Wiedersehen! Aber, mein Gott, wo wird diese Begegnung stattfinden? In der Hölle? Man hat von ewiger Liebe gesprochen! Aber sie wird notgedrungen zerbrechen. Gott allein ist ewig, und er allein ist auch ewig liebenswürdig.

 

 

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Wie jämmerlich ist also der Tod desjenigen, der sich an diese Welt hängt, an Gegenstände oder Personen, über die vom göttlichen Gesetz bestimmte Grenze hinaus! Es bleibt ihm nur die Zerreißung des Herzens und die Verzweiflung. Er hat vom anderen Leben nichts mehr zu erhoffen, er hat seine Belohnung erhalten: "Vanus vanam"  9.

 

Aber wie schön ist der Tod des Gerechten, wie trostreich und himmlisch ist er!

 

Ach! Es kostet ihn nichts, diese Welt zu verlassen; schon seit langem hat er sie durch Loslösung verlassen. Sein Herz lebte nur mehr im Himmel; auf ihm war seine ganze Zuneigung gerichtet.

 

Wie der hl. Paulus starb er jeden Tag an irgendetwas ab: quotidie morior. Somit hatte ihm der Tod bei seinem letzten Atemzuge nichts mehr wegzunehmen und abzubrechen außer diesen Faden des Lebens, der es an den Körper knüpfte.

 

O welch glückliche Nachricht muss für ihn die Ankündigung der baldigen Abreise in die Ewigkeit gewesen sein! Man braucht keine Rücksicht nehmen, um ihn von seinem baldigen Tod zu unterrichten. Dies ist sein schönster Tag. Hört ihn mit dem Propheten sagen: "Ich freute mich, als man mir sagte: Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern"  10.

 

Wenn dieser glückliche Augenblick, der ihn für immer mit seinem Gott vereinigen sollte, zu lange ausbleibt, so beklagt er sich sehnsuchtsvoll: "Wehe mir, dass meine Pilgerschaft so lange dauert und bei den Zelten von Kedar wohnen muss!" 11.

 

"Ich sehne mich danach aufzubrechen und bei Christus zu sein" 12.

 

Und nun hat die Stunde des Himmels geschlagen. Die Engel neigen sich der Erde zu, um diesen gerechten Mann im Todeskampf aufzunehmen; mit Vertrauen und Liebe wird er in den Armen Mariens und Jesu verscheiden. Seine Augen sind zum Himmel gerichtet, sein Gesicht ist friedlich, man könnte meinen, dass ihn bereits ein Strahl der göttlichen Herrlichkeit getroffen hat.

 

Fahre hin, christliche Seele! Freuet euch, seine Seele ist im Himmel!

 

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5. Betrachtung

 

Der Tod im Hinblick auf die übernatürliche Ordnung

 

 

Der Tod bringt für den Gerechten wie für den Sünder auch unvermeidbare und endgültige Folgen hinsichtlich der übernatürlichen Ordnung mit sich. Die Betrachtung über diese Folgen belehrt, dass wir noch mit Eifer am Heil der Seele arbeiten sollen.

 

Der Tod ist der Abschluss der Buße, der Barmherzigkeit Gottes, der Verherrlichung Gottes, der Verdienste und der Heiligkeit.

 

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1. Abschluss der Buße.

 

Glücklich der Sünder, der sich rechtzeitig bekehrt, um seine Buße zu vollenden, bevor er stirbt. Es bleibt ihm nur jenes trostreiche göttliche Wort zu vernehmen, das Jesus formuliert hat: "Beati qui lugent - selig die Trauernden" 1. Alles ist zu Ende: Abtötung, Fasten, Schweigen,  Zurückgezogenheit. Wie glücklich ist dann ein Mensch, ein Leben mit vielen Kreuzen geführt zu haben. Er braucht nur mehr auf die Herrlichkeit des Himmels warten: "wenn wir mit ihm leiden, werden wir mit ihm auch verherrlicht werden" 2.

 

Aber wehe jenem Menschen, der vor seinem Tod keine Buße getan hat; er wird sie lang und schrecklich im Fegfeuer üben müssen. In diesem Leben hätten dafür einige Tage, oder sagen wir einige Jahre genügt; im Fegfeuer braucht es dafür vielleicht Jahrhunderte. Dies setzt voraus, dass die Seele im Augenblick des Todes sich im Stand der Gnade befand. Wenn dies nicht zutrifft, wird die Buße oder besser gesagt, die Strafe ewig fortdauern, denn die Sünde muss entweder in diesem oder im anderen Leben gesühnt werden.

 

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2. Endpunkt der Barmherzigkeit Gottes.

 

Mehrere Häretiker haben die Ewigkeit der Höllenstrafen geleugnet und behauptet, dass wenigstens bestimmte Gruppen von Verdammten eines Tages davon erlöst würden. Die Tradition und die katholische Kirche haben den folgenden Worten Jesu immer eine absolute Bedeutung gegeben: "Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer.. und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten" 3. O unglückselige Lage einer Seele, die sich selbst mit Heftigkeit ihrer Verwegenheit anklagt und in einem untröstlichen tiefen Leid, in einer unabänderlichen Trauer, mitten in endlosen Leiden bleiben muss 4.

   

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3. Endpunkt der Verherrlichung Gottes.

 

Durch unsere übernatürlichen Taten tragen wir bei, dass in den Augen der Menschen die Verherrlichung Gottes vermehrt wird, wenigstens durch die Menschen. Jede dieser Taten macht nämlich Gott besser bekannt und trägt zu seiner Liebe bei; sie erlangen für die Seelen Gnaden der Bekehrung und Heiligung.

 

Diese Verherrlichung Gottes war auch das große Verlangen der Heiligen. Hat nicht der hl. Paulus geschrieben: "Ich möchte selber verflucht und von Christus getrennt sein um meiner Brüder willen, die der Abstammung nach mit mir verbunden sind" 5. Der hl. Ignatius von Loyola war seines Heiles sicher und dennoch nicht gewillt, mit der Ungewissheit seiner Ausdauer bis ans Ende auf Erden zu bleiben, um noch zur Rettung von Seelen zu arbeiten.

 

Hat nicht Jesus mit Vorliebe folgendes Zeugnis von sich gegeben: "Vater, ich habe deinen Namen den Menschen offenbart,... ich habe ihnen deinen Namen bekanntgemacht... damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist" 6.

 

Der Tod setzt dem irdischen Apostolat, das dem Priester unsägliche Mühen, aber auch unaussprechlichen Trost bereitete, ein Ende.

 

Große Diener Gottes haben trotz ihrer Unterwerfung an den hl. Willen Gottes tiefe Traurigkeit empfunden, als sie das Feld ihres priesterlichen Dienstes für immer räumen mussten.

 

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4. Endpunkt für die Verdienste.

 

Die Kirche hat stets jene Meinungen verurteilt, die unter dieser oder jener Form die Möglichkeit für Verdienste über den Tod hinaus verlängern wollten. Jesus Christus erklärt: "es kommt die Nacht, in der niemand etwas tun kann" 7. Und er hat diesen Gedanken im Gleichnis von den zehn Jungfrauen erklärt  8.

 

Wie hochschätzen muss man also den Wert der Zeit und sie ausnützen, um unsere Verdienste zu vermehren!

 

Steht nicht zu befürchten, dass Gott beim besonderen Gericht, wenn er den Wert unseres Lebens messen wird, gezwungen sein wird, uns zu erklären: "Gewogen wurdest du auf der Waage und zu leicht befunden"  9. Wozu dient dann der ganze Rest?

 

Was ist die Zeit? Sie ist wie eine heilige Lampe, in der das Blut Jesu Christi brennt, wenn wir sie mit unseren übernatürlichen Werken nähren. Es wird eine Zeit kommen, wo wir uns nicht mehr dieses göttlichen Blutes bedienen können, es uns nicht mehr beschaffen können, um unser Leben darin zu heiligen.

 

Der Gebrauch der Zeit wird vorbei sein. Werden wir dann zur Zahl jener klugen Jungfrauen gehören, die dieses Mittel benützt haben, ihr Leben übernatürlich zu gestalten oder werden wir - leider - zu den törichten Jungfrauen gehören, die mit leeren Gefäßen ohne verdienstvolle Werke dastehen?

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5. Endpunkt für die Heiligkeit.

 

Das Leben wurde uns nur geschenkt, um Jesus Christus ähnlich zu werden. Diese Ähnlichkeit ist die Bedingung für unsere Bestimmung, in die Herrlichkeit des Himmels zu gelangen. Der ewige Vater will diese Ähnlichkeit lebendig in uns wiederfinden, denn durch unsere Krönung will er seinen Sohn krönen; sie allein gewährt uns das Recht, mit dem Himmel belohnt zu werden, wie allein die Auferstehung Jesu uns die eigene Auferstehung garantiert.

 

Nun ist aber diese Arbeit des Ähnlichwerdens auf dieses Leben begrenzt. Was für eine Rolle spielt die Dauer dieses Lebens? "Früh vollendet, hat der Gerechte doch ein volles Leben gehabt... Der Gerechte, der entschlafen ist, verurteilt die Frevler, die noch leben, die früh vollendete Jugend das hohe Alter des Ungerechten" 10. Was es braucht, ist die Festigkeit des Willens, die Liebe Jesu Christi, die alle Hindernisse übertaucht und sich aus all den Opfern ernährt.

 

* * *

 

Hören und meditieren wir die folgende Empfehlung des Erlösers: „Nehmt euch in acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren, und dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht... Wachet und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschen hintreten könnt"  11.

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6. Betrachtung

 

Die  lässliche  Sünde

 

 

Wie jeder Mensch hat auch der Priester zwei schreckliche Feinde seiner Seele.

 

Der eine greift ihn mit all seinen Kräften von vorne an: dies ist die Todsünde. Bei diesem Feind gibt es keinen Kompromiss: entweder der Sieg oder der ewige Tod.

 

Der andere Feind bekämpft ihn mit einem verborgenen, langsamen Krieg: dies ist die lässliche Sünde. Auch hier gibt es keinen Kompromiss: entweder Sieg oder demütigende Sklaverei.

 

Auf diesen zweiten Feind müssen wir ganz besonders unsere Aufmerksamkeit richten. Denn wenn es leichter ist, über den erstgenannten siegreich zu sein, so gibt es Grund genug, dem anderen, der unmerklich zum selben Ergebnis führt, stark zu misstrauen.

 

Prüfen wir also seine Bossartigkeit und seine Wirkungen. Er wird uns erscheinen als das schlimmste Übel Gottes und nach der Todsünde das größte Übel des Menschen.

 

 

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I. Das größte Übel Gottes.

 

 

1. Die lässliche, freiwillige Sünde ist für das Leben der wohlwollenden Liebe und Zuneigung für Gott das, was die schwere Sünde für das einfache Leben der Gnade ist; denn die lässliche Sünde tötet alles, was es in der Liebe zu Jesus Christus an Feinfühligem gibt. Wenn ihr wissen wollt, bis zu welchem Grad Gott sie hasst, so überlegt, wie er sie bestraft.

 

 

a) Schon in diesem Leben.

 

Die Frau des Lot wird überrascht vom Schwefelregen, der von Gomorrha herkam, und sie verwandelte sich nach und nach in eine Salzsäule. Ihr Fehler war jedoch geringfügig, ein Ungehorsam, hervorgerufen durch die Neugierde.

 

Maria, die Schwester von Moses, erlaubt sich ein leises Murren: sie wird vom Aussatz befallen.

 

Moses schlägt durch ein vorschnelles Gefühl des Misstrauens zweimal an den Felsen, damit daraus Wasser hervorquoll; zur Strafe dafür durfte er, genauso wie Aaron, nicht in das Gelobte Land einziehen.

 

David sündigt an Eitelkeit durch das Abhalten einer Volkszählung, und 70.000 Mann werden von der Pest getötet.

 

Ezechias zeigt mit Wohlgefallen den Gesandten des Königs von Syrien alle Schätze seines Hauses; und Gott gibt ihm durch den Mund des Propheten Isaias zu wissen, dass all das eines Tages vom Winde verweht werden wird.

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b) Im anderen Leben.

 

Um die Abneigung Gottes gegen die lässliche Sünde richtig zu beurteilen, muss man an die Leiden und die Dauer des Fegfeuers denken.

 

Man erleidet dort eine Strafe der Sinne und das Entbehren der Anschauung Gottes ist umso schmerzlicher, als die Seele Gott in höchster Weise liebt und in ihm sein wahres Glück sieht.

 

Was für eine Pein, unsere begangenen Sünden so zu sehen, wie Gott sie sieht! Welche Gewissensbisse, sie begangen zu haben und welches Bedauern, der Gnade untreu gewesen zu sein! Wie qualvoll ist das Warten auf den Himmel in der Unwissenheit des Tages, wann er für uns aufgehen wird!

 

Oh, schieben wir nicht die Abbüßung unserer lässlichen Sünden auf das Fegfeuer hinaus!

 

2. Die lässliche Sünde hat nämlich ein besonders erschwerendes Gewicht, das die Heiligen stark unterstreichen.

 

Die lässliche Sünde wiegt auf der Waage der göttlichen Gerechtigkeit mehr als alle Verdienste der Heiligen, weil kein einziger von ihnen und auch alle zusammen nicht, imstande sind, die Beleidigung gutzumachen, welche diese Sünde Gott antut.

 

Der hl. Anselm sagt, dass alle Übel dieser Welt ein Gut darstellten, wenn sie eine einzige lässliche Sünde verhinderten.

 

Der hl. Alphons 1 versichert, man sollte eine lässliche Sünde nicht begehen, selbst wenn man durch diese Sünde die Welt vor den schlimmsten Katastrophen bewahren würde oder alle Seelen aus dem Fegfeuer erlösen würde, weil alle diese materiellen Übel und alle Sühnestrafen Gott nicht beleidigen. Haben wir hingegen eine einzige, ungesühnte, lässliche Sünde auf dem Gewissen, können wir nicht in den Himmel eintreten, wo nichts Unreines zugelassen wird. Wie groß ist folglich die göttliche Barmherzigkeit, welche es ermöglicht hat, die lässliche Sünde im Fegfeuer abzubüßen!

 

Hat in der Tat diese Sünde nicht ähnliche Züge wie die Todsünde? Wie diese stellt sie einen Ungehorsam dar, der im gewissen Sinn umso verwerflicher ist, je leichter deren Vermeidung gewesen wäre, weil es sich ja um eine leichte Angelegenheit handelte.

 

Sie stellt eine Undankbarkeit im Hinblick auf die Freundschaft Gottes dar; nun wird die Freundschaft durch Rücksichtslosigkeit und taktloses Vorgehen empfindlicher getroffen.

 

Die lässliche Sünde ist eine Missachtung der Gegenwart Gottes, eine Beleidigung der erhabensten Würde, und dies wegen ein paar Hände voll Gerste und für ein paar Bissen Brot  2.

 

Und vergessen wir nicht, dass diese Überlegungen bei der Sünde durch den Priester noch mehr hervortreten als durch den einfachen Christen: "Unter den Weltleuten sind Possen eben Possen, im Munde des Priesters aber sind es Gotteslästerungen"  3.

 

Oh, wenn wir doch verstünden, was es heißt, Gott zu beleidigen, selbst nur lässlich!

 

 

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II. Das höchste Übel des Menschen

 

 

Um sich davon zu überzeugen, muss man an die Wirkungen und Gefahren der lässlichen Sünde denken!

 

 

1. Ihre Wirkungen:

 

a) Sie beraubt die Seele zahlreicher beistehender Gnaden und Verdienste. Alle lässlichen Sünden hätten heilige und verdienstreiche Werke sein können; diese hätten der Seele reichhaltigere Gnadenhilfen und eine schönere Belohnung für die Ewigkeit eingebracht.

 

b) Sie kühlt die Liebe ab, vor allem, wenn sie häufig begangen wird, denn die Seele stumpft in der Feinfühligkeit ihres Gewissens mehr und mehr ab; diese Feinfühligkeit ist aber die Blume und der Wohlgeruch der übernatürlichen Liebe. Gott ist seinerseits durch die lässliche Sünde geneigt, die Seele mit besonderen Aufmerksamkeiten und privilegierten Gunsterweisen zu beschenken, durch die er sein Wohlwollen bezeugt, wenn man sorgfältig alles das vermeidet, was ihn beleidigen könnte.

 

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2. Ihre Gefahren:

 

a) Sie führt zur Lauheit. Es ist zu befürchten, dass die lässliche Sünde, wird sie nicht entschieden bekämpft, zur bewussten und willentlichen Gewohnheit wird. Dies wäre ein furchtbares Übel, das alle Heiligen als das gefährlichste für das Leben der Seele gebrandmarkt haben. Es ist ein sehr verbreitetes Übel, selbst unter den Seelen, die dem Dienst Gottes geweiht sind; es ist ganz und gar nicht zuviel, gegen diese Gewohnheit die über-natürlichen Mittel der Sakramente, der Betrachtung und des Gebetes einzusetzen.

 

 

b) Sie birgt die Gefahr, in die schwere Sünde hineinzurutschen: "Keine Sünde ist so klein, als dass sie nicht wächst, wenn sie vernachlässigt wird" 4. - "Keine Sünde ist so lässlich, als dass sie nicht nach Belieben eine schwere werden könnte" 5.

 

Beweist dies nicht die Erfahrung? Kain hat nur mit Gefühlen der Eifersucht gegen Abel angefangen; weil er sie nicht überwunden hat, kam er bis zum Brudermord, der ihm die Verfluchung durch Gott eingebracht hat.

 

David hat keine schlechte Gelegenheit gesucht, er hat Bethsabee nur durch Zufall gesehen; anstatt seines Weges zu gehen, lässt er die Leidenschaft in sich aufflammen, er wird zum Ehebrecher und Mörder.

 

Salomon überwacht nicht genug seine natürlichen Neigungen; er sinkt herab bis zum Götzendienst, bis zur Sklaverei der beschämendsten Leidenschaften.

 

Heli, der Hohepriester, wird durch seine zu große Milde zu seinen Kindern geblendet; er beachtet ihre Fehler und ihr Verhalten nicht; ganz Israel seufzt darunter, er allein sieht sie nicht.

 

Judas hat mit der Liebe zum Geld begonnen; er ist zum Dieb geworden; enttäuscht und verbittert über die Armut Jesu, hat er ihn wie einen Sklaven verkauft und durch einen Kuss verraten.

 

Petrus hegte eine übermütige Liebe; er verstand die Empfehlungen Jesu zur Klugheit nicht; sein Übermut erschien ihm als Tugend, er hat ihn zur dreifachen Verleugnung geführt.

 

Die hl. Theresia empfand für einen ihrer Verwandten eine zu natürliche Liebe, sie liebte die Lektüre von Ritterromanen; Gott zeigt ihr ihren Platz in der Hölle, wenn sie nicht ihr Verhalten ändere.

 

Die Ursache dieser Verkettung ist die Verbindung zwischen den Auswirkungen und den Gefahren der lässlichen Sünde. Die einen führen zum anderen. Die Seele, die weniger reich an Gnade und weniger stark in der Liebe Jesu Christi ist, gewöhnt sich an die Lauheit, und durch die Lauheit entsteht die Todsünde.

 

 

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Prüfen wir die lässlichen Fehler, welche wir aus überlegter Absicht begehen, obwohl wir ihre Schuldhaftigkeit kennen. Gerade diese sind gefährlich.

 

Erforschen wir uns, ob es unter ihnen nicht eine solche gibt, zu welcher wir eine Anhänglichkeit pflegen, die sie zur Häufigkeit führt und zur Gewohnheit macht. Wenn ja, zögern wir nicht, diesen Keim des geistigen Todes ohne Verzug auszureißen.

 

Jesus Christus hätte am Kreuze hängen wollen, im Todeskampf bis zum Ende der Welt, um in einer sichtbaren Weise die Sünden der Welt zu sühnen und den Menschen den Abscheu vor derselben beizubringen.

 

Die Erinnerung an seine göttliche Passion möge genügen, um in uns diese Einstellung wachzurufen und uns die Gnade erlangen, die Sünden, sogar die leichtesten, zu vermeiden.

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7. Betrachtung

 

Die Todsünde

 

Flieh vor der Sünde

wie vor der Schlange

 

                      Sir 21,2

 

Wenn ein Reisender bemerkt, dass er auf eine Viper mit tödlichem Biss tritt, so hat er willkürlich Angst, er ergreift eiligst die Flucht oder sucht das Reptil zu töten, ohne jede andere Überlegung, allein unter dem Antrieb der natürlichen Abscheu.

 

Dies muss unsere Seelenhaltung sein bezüglich der schweren Sünde, dieses Erzfeindes unseres übernatürlichen Lebens, unseres ewigen Glücks.

 

Er verfolgt uns ununterbrochen, er versteckt sich unter unseren Schritten und versucht, uns zu überraschen, um uns sein Gift einzuspritzen. Wir müssen ihn fliehen oder ihn sofort zermalmen, wenn wir die Gefahr entdecken.

 

Betrachten wir zu diesem Zweck aufmerksam die Glaubenslehre über die schwere Sünde in Beziehung zu Gott und in Beziehung zu uns.

 

 

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I. In Beziehung zu Gott.

 

Der Glaube zeigt uns Gott, wie er mit einem absoluten Abscheu vor der schweren Sünde diese in seinem Zorn und in seiner Macht verfolgt.

 

a) Gott verjagt die Engel aus dem Himmel und verurteilt sie zur ewigen Hölle aufgrund einer schweren Sünde des Stolzes, eine Sünde des Gedankens, eine Sünde, die nur einen Augenblick dauert. Er straft sie ohne Rücksicht auf ihre Würde oder ihre Fähigkeiten; ohne ihnen die Gelegenheit und Zeit zu geben, sich zu bekehren.

 

Dies geschah deswegen, weil sie mit vollem Wissen um die Bosheit ihrer Handlung gesündigt haben; sie wollten die Ehre Gottes in Frage stellen, die er eifersüchtig verteidigt: "Ich überlasse die Ehre, die mir gebührt, keinem andern" 1.

 

Die Apostel, welche der Erfolg ihrer Seelsorgearbeit durch ihre Vollmacht über die Dämonen zur Überheblichkeit führte, erinnerte Jesus an diese Strafe des Luzifer: "Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fahren" 2.

 

Diese Engelsünde des Stolzes haben alle großen Ketzerhäupter, Arius, Nestorius, Eutyches, Luther, Kalvin begangen. Auf welch furchtbare Weise hat Gott sie bestraft!

 

 

b) Gott hat unsere ersten Eltern aus dem irdischen Paradies vertrieben, sie aller Gaben beraubt, die sie am Anfang besessen hatten, sie zu den Leiden in diesem Leben verurteilt, zum Zwang des Todes und zur Gefahr der Hölle. Diese Strafe hat sich auf ihre gesamte Nachkommenschaft ausgedehnt; und dies wegen eines einzigen Fehlers, der nur wenige Augenblicke gedauert hat!

 

Welche Strafe! Gott sah alle Folgen voraus, er zählte die Schar der Seelen, die sich verdammen würde. Ach, die Sünde Adams bestand in einer wirklich einmaligen Bosheit; Adam war nämlich von Gnaden aller Art erfüllt, er führte vertraute Zwiegespräche mit Gott und war sich seiner Rolle als Urvater der Menschheit bewusst. Gott sollte ihn unerbittlich strafen; aber seine Barmherzigkeit ließ die Vergebung und die Wiederherstellung des Menschengeschlechtes durch das Kommen eines Erlösers ahnen.

 

 

c) Gott entfesselt die Flut über die Erde, weil "die Schlechtigkeit des Menschen auf der Erde zunahm, und alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war" 3.

 

Er säte Verwirrung unter die Völker, die in stolzer Verwegenheit sagten: "Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns damit einen Namen... Und Gott sagte: ... jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen... Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, so dass keiner mehr die Sprache des anderen versteht" 4.

 

 

d) Es ist Gott, der allmächtige Vater in Jesus Christus, seinem einzigen Sohn, es handelt sich nicht um eine persönliche Schuld, sondern um die frei übernommene Verantwortung über unsere Fehler, indem er sich selbst als Pfand für uns einsetzt: "Er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt" 5.

 

Gott, der Vater, hat seine Strenge über Jesus während des Todeskampfes im Ölgarten ausgeübt; er hat ihn den Leiden seiner Passion ausgeliefert; er hat ihn der Strafe einer geheimnisvollen Verlassenheit unterworfen; er hat von ihm den Tod am Kreuz gefordert: "Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben"  6.

 

Und Jesus sagt uns: "Wenn das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden?" 7.

 

 

e) Es ist der unendlich gute Gott, der den Menschen, den er in seiner Liebe erschaffen und in seiner Milde bewahrt hatte, mit der ewigen Hölle verurteilte, nachdem er selbst Mensch wurde, um den Menschen zu erlösen und mit seinem Blut loszukaufen!

 

Er verurteilt ihn ohne Einspruchsmöglichkeit, ohne Hoffnung auf Befreiung; er unterwirft ihn für immer furchtbaren Qualen.

 

"In meiner Nase ist Feuer entbrannt. Es lodert bis in die unterste Totenwelt" 8 - "Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer" 9.

 

Mein Gott, was bedeutet also die Todsünde! Sie bindet die Barmherzigkeit Gottes und liefert ihn seiner Gerechtigkeit aus.

 

Was ist doch der sündige Mensch! Sein verdrehter Wille blockiert die Macht Gottes und bleibt am Bösen haften; dieses fordert eine Bestrafung, die gleichfalls unabänderlich ist.

 

 

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II. Mit Bezug zum Menschen.

 

Der Glaube sagt uns:

 

a) wir sollen uns bezüglich unserer Sünden in der Vergangenheit nicht allzu sehr in Sicherheit wiegen. Die Hl. Schrift empfiehlt ausdrücklich, uns weder über die Vergebung noch über die Sühne unserer Sünden der Vergangenheit in Sicherheit zu wiegen, um dann Fehler über Fehler aufzuhäufen 10.

 

Der hl. Paulus schrieb über seine persönliche Situation: "Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst, doch bin ich dadurch noch nicht gerecht gesprochen" 11. Und er gibt allen die Empfehlung: "Müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil!" 12.

 

Aus diesem Grund haben alle Heiligen ihr Bußleben nach ihrer Bekehrung fortgesetzt, selbst nach göttlicher Versicherung ihrer Vergebung. So finden wir es beim hl. Petrus, beim hl. Paulus, bei der hl. Maria Magdalena.

 

Wie viele Büßer haben sich doch in die Wüste zurückgezogen! Warum belässt uns Gott in diesem Zweifel und in dieser Furcht? Weil diese Unsicherheit heiligend wirkt und uns in seiner Liebe fortschreiten lässt.

 

 

b) Wie müssen wir auf der Hut sein für die Zukunft!

 

Keine Würde, keine Heiligkeit und auch die größte Gnade stellen eine absolute Garantie gegen die gravierenden Schwächen in der Zukunft dar. Die Geschichte der Kirche gibt uns mehr als ein Beispiel.

 

Der hl. Augustinus hat geschrieben:

 

"Ich habe ausfindig gemacht, dass Zedern des Libanon große Prälaten der Kirche ins Verderben gestürzt haben; über ihre Geschichte hatte ich keine größere Vorstellung als über jene von Hieronymus und Ambrosius"  13.

 

Ein Glaubensbekenner erliegt im Kerker beim Anblick einer Frau, die gekommen war, ihm zu dienen; ein anderer 14 verliert die Märtyrerkrone, weil er sich weigert, sich mit seinem Nächsten auszusöhnen 15. Ja noch mehr: sind nicht die Engel im Himmel gefallen? Unsere Ureltern im irdischen Paradies? Petrus und Judas trotz ihrer Berufung zu Aposteln?

 

Diese Furcht vor der Möglichkeit, Gott mit einer Todsünde zu beleidigen, bewirkte, dass die Heiligen den Tod herbeisehnten; sie wurden durch sie zu noch größerer Wachsamkeit und zu strengster Buße angespornt: "Vielmehr züchtige und unterwerfe ich meinen Leib, damit ich nicht selbst verworfen werde" 16.

 

 

c) Die Todsünde verursacht in unserer Seele schreckliche Verwüstungen. Sie beraubt uns der heiligmachenden Gnade und versetzt uns in einen Zustand des Todes in der über-natürlichen Ordnung. Auch macht sie uns unfähig für irgendein verdienstvolles Werk und sie beraubt uns der geistlichen Güter, die wir bereits für den Himmel gesammelt haben. "Wenn jedoch ein Gerechter sein rechtschaffenes Leben aufgibt, wenn er Unrecht tut und all die Greueltaten begeht, sollte er dann etwa am Leben bleiben? Keine seiner gerechten Taten wird ihm angerechnet" 17 - "Wenn ein Boden den häufig herabströmenden Regen trinkt, und denen, für die er bebaut wird, nützliche Gewächse hervorbringt, empfängt er Segen von Gott; trägt er aber Dornen und Disteln, so ist er nutzlos und vom Fluch bedroht; sein Ende ist die Vernichtung durch Feuer" 18.

 

 

* * *

 

Wenn alle diese Wahrheiten sich auf alle Sünder beziehen, dann umsomehr auf den Priester, der sich herbeilässt, eine schwere Sünde zu begehen.

 

Von ihm wurde gesagt: "In clero quippe, tanquam in coelo gerens iniqua" 19.

 

Ist nicht der Priester der "angelus testamenti", der Bote des Bundes 20, der durch seine Würde über die Engel emporgehoben wurde? Besitzt er nicht auch mehr Gnaden, um den Versuchungen zuvorzukommen und sie zu besiegen?

 

Diese Wahrheiten sollten uns jedoch nicht niederschlagen und entmutigen.

 

Der Glaube lehrt uns auch, dass die Barmherzigkeit Gottes, welche uns bis jetzt verschont hat, noch immer auf uns wartet: "Darum wartet der Herr darauf, euch seine Gnade zu zeigen" 21.

 

Diese Betrachtung muss in uns eine dreifache Gesinnung entstehen lassen:

 

Die Gesinnung der Dankbarkeit.- "Es ist Barmherzigkeit des Herrn, dass wir noch nicht aufgelöst sind - misericordiae Domini quia non sumus consumpti" 22.

 

Die Gesinnung der Reue. - "Ich will vor dir alle meine Jahre überdenken in der Bitterkeit meiner Seele".

 

Die Gesinnung der Zuversicht. - "Um deines Namens willen, Herr, verzeih mir, denn meine Schuld ist groß" 24.

 

Deine Güte und die Zuversicht, die ich daraus schöpfe, ist eine Kraft in diesem Leben und mein Heil für die Ewigkeit: "Auf dich, o Herr, habe ich gehofft, lass mich in Ewigkeit nicht zu Schande werden" 25.

INHALT

EYMARD




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Tel. (0043) 1 597 81 17 ( + Klappe - P. Provinzial 42)

 


Bemerkungen:


 

1 Mt 25, 13. 

2 1 Thess 5, 2.  

3 Hebr 9, 27.

4  Heutzutage (1950) ca. 150.000 in Normalzeiten (Anm. des Herausgebers).

5 1 Tim 6, 7.  

6 1 Sam 15, 32.  

7 Vgl Ps 9, 7.

8 Lk 16, 25.  

9 August., Conc. XII, sup. Ps. 118.  

10 Ps 122, 1.   

11 Ps 120, 5.

12 Phil 1, 23.

 

1 Mt 5, 4. 

2 Röm 8, 17.  

3 Mt 25, 41. 46.  

4 Greg. v. Nyss., Adv. eos qui cast aegre ferunt.

5 Röm 9, 3. 

6 Joh 17, 6. 26.  

7 Joh 9, 4. 

8 Mt 25, 1-13.  

9  Dan 5, 27.

10 Weish 4, 13. 16.    

11 Lk 21, 34. 36.

 

1  Instruktion über die Gebote im Dekalog.

2  Ez 13, 19.

3  Bernh. De consid., lib. II, circ. Finem.

4  Unbek. Auto, De vera et falsa Poenit., c. 8.

5  Joh. Gerson. De vita spir., lect. 1, coroll. 41.

 

1 Is 42, 8. 

2 Lk 10, 18. 

3 Gen 6, 5.    

4 Gen 11, 4. 5. 7.  

5 Is 53, 5.  

6 Röm 8, 32.  

7 Lk 23, 31. 

8 Dt 32, 22.  

9 Mt 25, 41.  

10 Sir 5, 4 f.   

11 1 Kor,4, 4.   

12 Phil 2, 12.

13 Opusc. 63, parag. 22, De familiar. mul., Thom. Aq. attributum.  

14 St. Jure. De la connaissance et de l'amour de J.C., livre III, chap. 23, § 7.  

15 Conc. Trid. sess. VI.   

16 1 Kor 9, 27.   

17 Ezech 18,24.   

18 Hebr 6,7 f.   

19 Bern. Declam. 24.   

20 Mal 3,1.

21 Is 30, 18.    

22 Thren. 3, 22.   

24 Ps 25, 11.   

25 Ps 31, 2.