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Hl.
Peter - Julian EYMARD Der
Priester
Teil III. Priester-Exerzitien
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4. Betrachtung
Der Tod in der natürlichen
Ordnung
Haltet euch bereit!
Lk
12,40
Das Leben ist uns nur gegeben,
damit wir unser Heil erwirken, die Schulden unserer Fehler durch Bußübungen
zurückzahlen und die Krone der Gerechtigkeit erarbeiten, die uns in der
Herrlichkeit einst erfreuen wird.
Jeder Augenblick des Lebens
hat ein ewiges Ergebnis: entweder ein glückliches im Himmel oder ein unglückliches
in der Hölle.
Jeder
Augenblick unseres Lebens kann der letzte sein.
Der Herr verbirgt uns Tag und
Stunde seines Kommens: "Ihr kennt
weder den Tag noch die Stunde" 1.
Er versichert, dass er uns überraschen wird: "Der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht" 2.
Wir stehen also ständig am
Tor unserer Ewigkeit. Jesus Christus hat uns zu Recht gemahnt: "Estote parati - seid bereit!"
Welch ein nicht
wiedergutzumachendes Unglück, wenn uns der Tod in einem sündigen
Gewissenszustand antreffen würde! Betrachten wir: über die Sicherheit und über
das Geheimnis des Todes; über seine Auswirkungen in der natürlichen Ordnung.
* * *
I. Gewissheit
und Geheimnis des Todes.
1. Eines Tages werden wir
sterben. Das ist ein göttlicher Beschluss, der sich auf alle Kinder Adams
erstreckt. "Statutum
est hominibus semel mori - es ist dem Menschen bestimmt, einmal zu
sterben" 3.
Niemand kann dem Tod entkommen.
Der Tod kennt weder König
noch Untergebene, weder Arme noch Reiche, weder Gerechte noch Sünder. Er folgt
seinem Opfer auf dem Fuß, hält den Arm erhoben, um beim ersten Signal des höchsten
Meisters unseres Lebens zuzuschlagen.
Wie viel Opfer hat der Tod
schon niedergemäht! Wie viele Generationen sind bereits unter seinen Schlägen
gefallen, wie viel Völker und Nationen sind von der Welt verschwunden und ruhen
im Schlaf des Todes!
Jeden
Tag gehen mehr als 80.000 Personen in die Ewigkeit ein 4.
Auch für uns wird einmal der
letzte Tag kommen; hernach gibt es nur mehr den ewigen Tag, wenn wir in den
Himmel kommen.
Auch für uns wird die letzte
Nacht kommen; hernach wird es nur mehr eine ewige Nacht geben, wenn wir verdammt
werden.
Leider! Wenn uns Gott einen
Boten gesandt hätte, um uns an seiner Stelle zu sagen: du wirst mit zwanzig,
mit dreißig Jahren sterben, wie würden wir dann die Jahre, die Monate, die
Tage und Stunden zählen! Dies wäre ein ununterbrochener Todeskampf. Das Leben
hätte überhaupt keinen Reiz mehr, die Zeit wäre zu kurz. Mit welchem Eifer würden
wir diese gezählte Zeit verbringen!
Aber Gott hat es nicht getan.
Wir haben keine Versicherung, noch jahrelang zu leben. Dies zu glauben wäre
eine Anmaßung.
2. Wir können bald sterben.
Der Tod wählt sich seine
Opfer eher unter den Jugendlichen aus, am Beginn des Reife-Alters, als in der späteren
Lebensphase. 50 Kinder sterben auf einen reifen Mann, 20 Burschen auf einen
Greis.
Vielleicht tragen wir bereits
den Keim unseres nahen Todes in uns. Vielleicht ist alles bereit, was zu unserer
Bestattung notwendig ist; vielleicht wartet der Tod auf uns in dem Haus, das wir
bewohnen, oder in der nächsten Kirche; vielleicht sind die Bretter für unseren
Sarg schon geschnitten.
3. Wir wissen nicht,
w i e wir sterben werden.
Werden wir an einer Krankheit
oder durch einen unvorhergesehenen Unfall sterben? Wir wissen es nicht. Werden
wir allein sein oder werden unsere Freunde und ein Priester dabei sein? Wir
wissen darüber nichts.
Werden wir bis zuletzt unsere
geistigen Fähigkeiten behalten oder werden wir bewusstlos in den Todeskampf
fallen? Auch darüber können wir nichts wissen.
Werden wir auf das Sterben
eingestellt und gut darauf vorbereitet sein? Werden wir der Barmherzigkeit
Gottes voll vertrauen oder wird uns die Furcht durcheinanderwirbeln?
Werden wir beim Sterben ein
ungeordnetes Gewissen, verbunden mit Unruhe, Ängsten und Verwirrungszuständen
haben? Das wäre schlimm.
Normalerweise ist der Tod das
Echo des Lebens. Prüfen wir unser gegenwärtiges Leben, dann werden wir etwas
über unsere ewige Zukunft wissen.
Man muss sich nicht auf den
Tod vorbereiten, sondern vielmehr dafür bereit sein - estote parate! - Seid bereit! - aus Furcht, überrascht zu werden.
* * *
II. Konsequenzen des Todes in
der natürlichen Ordnung
1. Der Tod ist der endgültige
Abschied von den Gütern dieser Welt. Der Luxus bei der Beerdigung ändert
nichts daran. Arm oder reich, das vollständige Zurücklassen ist für alle
gleich. Man ist nur mehr ein Leichnam.
Als der berühmte Saladin sein
nahes Ende fühlte und sich von seinen siegreichen Truppen verabschieden
wollte, hieß er sich mitten ins Kampffeld tragen, indem er ein Toten-Schweißtuch
anstelle der Standarte voraustragen ließ. Bei diesem Anblick liefen alle
entsetzt herbei. Was bedeutet ein solches Verhalten? Dann rief der Sultan, indem
er das Schweißtuch herumzeigte: Soldaten, das ist alles, was man von seinen
Siegen beim Tod mitnimmt.
Der Tod ist ein Beschluss! Wir
haben bei unserer Geburt der Welt nichts mitgebracht, wir werden bei unserem
Sterben auch nichts wegtragen 5.
Wie viel wird es demjenigen
kosten, der aus Geiz die Güter dieser Welt zusammengerafft hat! "Siccine separat amara mors - So scheidet also der bittere Tod" 6.
Er wird sie Fremden
hinterlassen müssen, die sie bald vergeuden werden. Ach! Wie teuer hat er sie
bezahlt, wenn er zu ihrem Erwerb seine Seele verloren hat!
2. Der Tod ist ein endgültiger
Abschied von der menschlichen Ehre. Alle irdischen Würdenträger enden mit dem
Tod. Auf den Sarg der Großen dieser Welt legt man zu ihrer Ehre die
Rangabzeichen ihrer ehrenvollen Auszeichnungen. Aber das, was sie waren, sind
sie nicht mehr.
Mit dem letzten Atemzug einer
Persönlichkeit ist alles zu Ende: die Höflinge ziehen sich zurück, die
Schmeichler machen sich aus dem Staub: ihre Zeit ist vorbei. Die ganze Berühmtheit
dieses Menschen wird mit ihm im Grab bestattet. Sehr bald vergisst man seinen
Namen, seine Fähigkeiten, seine Werke. In der Welt liebt man es nicht, an die
Toten zu denken. In bestimmten Fällen ist es ein Gebot des Anstandes, das
Andenken an einen Toten in Erinnerung zu rufen. So also vergeht die menschliche
Herrlichkeit: „periit memoria eorum cum
sonitu - verschwunden ist ihr Andenken mit dem Schalle" 7.
Glücklich, wer der menschlichen Herrlichkeit nicht seine Seele opfert! Unglückselig
aber derjenige, welcher dafür seine Ewigkeit verliert; er würde zur Zahl jener
Unglücklichen gehören, von denen gesagt wurde: laudantur ubi non sunt,
cruciantur ubi sunt - sie werden geehrt, wo sie nicht sind, aber gepeinigt, wo
sie sind.
3. Der Tod ist ein endgültiger
Abschied von den Vergnügungen des Lebens. Beim Tod ist ein sinnlicher Mensch
nicht weiter fortgeschritten als der gerechte Büßer. Er hatte kein längeres
Leben; vielleicht ein kürzeres, denn die Vergnügen des Körpers haben seine Kräfte
aufgezehrt und verschlungen, wie das Feuer das Holz verschlingt, wenn es das
Feuer angreift.
Der Mensch der Vergnügen
stirbt gewöhnlich mitten größerer Qualen und Ängste. Er beginnt an seinem
sterbenden Leib die Exzesse seines sinnlichen Lebens zu büßen; und dies ist
vielleicht nur eine Andeutung der ewigen Strafen, die er sich verdient hat.
"Du hast schon zu Lebzeiten deinen
Anteil am Guten erhalten... nun musst
du leiden" 8.
4. Der Tod ist der endgültige
Abschied von den menschlichen Beziehungen. Man muss sich somit für immer von
jenen trennen, die man geliebt hat, ja vielleicht zum Nachteil der Liebe Gottes
geliebt hat; denen man vielleicht die Reinheit seines Körpers und seiner Seele,
wenn nicht gar sein ewiges Heil geopfert hat. Welch traurige Trennung! Man
spricht von Wiedersehen! Aber, mein Gott, wo wird diese Begegnung stattfinden?
In der Hölle? Man hat von ewiger Liebe gesprochen! Aber sie wird notgedrungen
zerbrechen. Gott allein ist ewig, und er allein ist auch ewig liebenswürdig.
* * *
Wie jämmerlich ist also der
Tod desjenigen, der sich an diese Welt hängt, an Gegenstände oder Personen,
über die vom göttlichen Gesetz bestimmte Grenze hinaus! Es bleibt ihm nur die
Zerreißung des Herzens und die Verzweiflung. Er hat vom anderen Leben nichts
mehr zu erhoffen, er hat seine Belohnung erhalten: "Vanus vanam" 9.
Aber
wie schön ist der Tod des Gerechten, wie trostreich und himmlisch ist er!
Ach! Es kostet ihn nichts,
diese Welt zu verlassen; schon seit langem hat er sie durch Loslösung
verlassen. Sein Herz lebte nur mehr im Himmel; auf ihm war seine ganze Zuneigung
gerichtet.
Wie der hl. Paulus starb er
jeden Tag an irgendetwas ab: quotidie morior. Somit hatte ihm der Tod bei seinem
letzten Atemzuge nichts mehr wegzunehmen und abzubrechen außer diesen Faden des
Lebens, der es an den Körper knüpfte.
O welch glückliche Nachricht muss
für ihn die Ankündigung der baldigen Abreise in die Ewigkeit gewesen
sein! Man braucht keine Rücksicht nehmen, um ihn von seinem baldigen Tod zu
unterrichten. Dies ist sein schönster Tag. Hört ihn mit dem Propheten sagen:
"Ich freute mich, als man mir sagte:
Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern" 10.
Wenn dieser glückliche
Augenblick, der ihn für immer mit seinem Gott vereinigen sollte, zu lange
ausbleibt, so beklagt er sich sehnsuchtsvoll: "Wehe
mir, dass
meine Pilgerschaft so lange dauert und bei den Zelten von Kedar wohnen muss!" 11.
"Ich
sehne mich danach aufzubrechen und bei Christus zu sein" 12.
Und nun hat die Stunde des
Himmels geschlagen. Die Engel neigen sich der Erde zu, um diesen gerechten Mann
im Todeskampf aufzunehmen; mit Vertrauen und Liebe wird er in den Armen Mariens
und Jesu verscheiden. Seine Augen sind zum Himmel gerichtet, sein Gesicht ist
friedlich, man könnte meinen, dass ihn bereits ein Strahl der göttlichen Herrlichkeit
getroffen hat.
Fahre
hin, christliche Seele! Freuet euch, seine Seele ist im Himmel!
5. Betrachtung
Der Tod im Hinblick auf die übernatürliche
Ordnung
Der Tod bringt für den
Gerechten wie für den Sünder auch unvermeidbare und endgültige Folgen
hinsichtlich der übernatürlichen Ordnung mit sich. Die Betrachtung über diese
Folgen belehrt, dass wir noch mit Eifer am Heil der Seele arbeiten
sollen.
Der Tod ist der Abschluss der
Buße, der Barmherzigkeit Gottes, der Verherrlichung Gottes, der Verdienste und
der Heiligkeit.
* * *
Glücklich der Sünder, der
sich rechtzeitig bekehrt, um seine Buße zu vollenden, bevor er stirbt. Es
bleibt ihm nur jenes trostreiche göttliche Wort zu vernehmen, das Jesus formuliert
hat: "Beati qui lugent -
selig die Trauernden" 1.
Alles ist zu Ende: Abtötung, Fasten, Schweigen,
Zurückgezogenheit. Wie glücklich ist dann ein Mensch, ein Leben mit
vielen Kreuzen geführt zu haben. Er braucht nur mehr auf die Herrlichkeit des
Himmels warten: "wenn wir mit ihm
leiden, werden wir mit ihm auch verherrlicht werden" 2.
Aber wehe jenem Menschen, der
vor seinem Tod keine Buße getan hat; er wird sie lang und schrecklich im
Fegfeuer üben müssen. In diesem Leben hätten dafür einige Tage, oder sagen
wir einige Jahre genügt; im Fegfeuer braucht es dafür vielleicht Jahrhunderte.
Dies setzt voraus, dass die Seele im Augenblick des Todes sich im Stand der
Gnade befand. Wenn dies nicht zutrifft, wird die Buße oder besser gesagt, die
Strafe ewig fortdauern, denn die Sünde muss entweder in diesem oder im anderen
Leben gesühnt werden.
2. Endpunkt der Barmherzigkeit Gottes.
Mehrere Häretiker haben die
Ewigkeit der Höllenstrafen geleugnet und behauptet, dass wenigstens bestimmte
Gruppen von Verdammten eines Tages davon erlöst würden. Die Tradition und die
katholische Kirche haben den folgenden Worten Jesu immer eine absolute Bedeutung gegeben: "Weg von mir, ihr
Verfluchten, in das ewige Feuer.. und sie werden weggehen und die ewige Strafe
erhalten" 3.
O unglückselige Lage einer Seele, die sich selbst mit Heftigkeit ihrer
Verwegenheit anklagt und in einem untröstlichen tiefen Leid, in einer unabänderlichen
Trauer, mitten in endlosen Leiden bleiben muss 4.
3. Endpunkt der Verherrlichung
Gottes.
Durch unsere übernatürlichen
Taten tragen wir bei, dass in den Augen der Menschen die Verherrlichung Gottes
vermehrt wird, wenigstens durch die Menschen. Jede dieser Taten macht nämlich
Gott besser bekannt und trägt zu seiner Liebe bei; sie erlangen für die Seelen
Gnaden der Bekehrung und Heiligung.
Diese Verherrlichung Gottes
war auch das große Verlangen der Heiligen. Hat nicht der hl. Paulus
geschrieben: "Ich möchte selber
verflucht und von Christus getrennt sein um meiner Brüder willen, die der
Abstammung nach mit mir verbunden sind" 5.
Der hl. Ignatius von Loyola war seines Heiles sicher und dennoch nicht gewillt,
mit der Ungewissheit seiner Ausdauer bis ans Ende auf Erden zu bleiben, um noch
zur Rettung von Seelen zu arbeiten.
Hat nicht Jesus mit Vorliebe
folgendes Zeugnis von sich gegeben: "Vater,
ich habe deinen Namen den Menschen offenbart,... ich habe ihnen deinen Namen
bekanntgemacht... damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen
ist" 6.
Der Tod setzt dem irdischen
Apostolat, das dem Priester unsägliche Mühen, aber auch unaussprechlichen
Trost bereitete, ein Ende.
Große Diener Gottes haben
trotz ihrer Unterwerfung an den hl. Willen Gottes tiefe Traurigkeit empfunden,
als sie das Feld ihres priesterlichen Dienstes für immer räumen mussten.
4. Endpunkt für die Verdienste.
Die Kirche hat stets jene
Meinungen verurteilt, die unter dieser oder jener Form die Möglichkeit für
Verdienste über den Tod hinaus verlängern wollten. Jesus Christus erklärt: "es
kommt die Nacht, in der niemand etwas tun kann" 7.
Und er hat diesen Gedanken im Gleichnis von den zehn Jungfrauen erklärt
8.
Wie hochschätzen muss man
also den Wert der Zeit und sie ausnützen, um unsere Verdienste zu vermehren!
Steht nicht zu befürchten, dass
Gott beim besonderen Gericht, wenn er den Wert unseres Lebens messen wird,
gezwungen sein wird, uns zu erklären: "Gewogen
wurdest du auf der Waage und zu leicht befunden"
9.
Wozu dient dann der ganze Rest?
Was ist die Zeit? Sie ist wie
eine heilige Lampe, in der das Blut Jesu Christi brennt, wenn wir sie mit
unseren übernatürlichen Werken nähren. Es wird eine Zeit kommen, wo wir uns
nicht mehr dieses göttlichen Blutes bedienen können, es uns nicht mehr
beschaffen können, um unser Leben darin zu heiligen.
Der Gebrauch der Zeit wird
vorbei sein. Werden wir dann zur Zahl jener klugen Jungfrauen gehören, die
dieses Mittel benützt haben, ihr Leben übernatürlich zu gestalten oder werden
wir - leider - zu den törichten Jungfrauen gehören, die mit leeren Gefäßen
ohne verdienstvolle Werke dastehen?
5. Endpunkt für die Heiligkeit.
Das Leben wurde uns nur
geschenkt, um Jesus Christus ähnlich zu werden. Diese Ähnlichkeit ist die
Bedingung für unsere Bestimmung, in die Herrlichkeit des Himmels zu gelangen.
Der ewige Vater will diese Ähnlichkeit lebendig in uns wiederfinden, denn durch
unsere Krönung will er seinen Sohn krönen; sie allein gewährt uns das Recht,
mit dem Himmel belohnt zu werden, wie allein die Auferstehung Jesu uns die
eigene Auferstehung garantiert.
Nun ist aber diese Arbeit des
Ähnlichwerdens auf dieses Leben begrenzt. Was für eine Rolle spielt die Dauer
dieses Lebens? "Früh vollendet, hat
der Gerechte doch ein volles Leben gehabt... Der Gerechte, der entschlafen ist,
verurteilt die Frevler, die noch leben, die früh vollendete Jugend das hohe
Alter des Ungerechten" 10.
Was es braucht, ist die Festigkeit des Willens, die Liebe Jesu Christi, die alle
Hindernisse übertaucht und sich aus all den Opfern ernährt.
* * *
Hören und meditieren wir die
folgende Empfehlung des Erlösers: „Nehmt
euch in acht, dass
Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht
verwirren, und dass
jener Tag euch nicht plötzlich überrascht... Wachet und
betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den
Menschen hintreten könnt" 11.
6. Betrachtung
Wie
jeder Mensch hat auch der Priester zwei schreckliche Feinde seiner Seele.
Der eine greift ihn mit all
seinen Kräften von vorne an: dies ist die Todsünde. Bei diesem Feind gibt es
keinen Kompromiss: entweder der Sieg oder der ewige Tod.
Der andere Feind bekämpft ihn
mit einem verborgenen, langsamen Krieg: dies ist die lässliche Sünde. Auch
hier gibt es keinen Kompromiss: entweder Sieg oder demütigende Sklaverei.
Auf diesen zweiten Feind müssen
wir ganz besonders unsere Aufmerksamkeit richten. Denn wenn es leichter ist, über
den erstgenannten siegreich zu sein, so gibt es Grund genug, dem anderen, der
unmerklich zum selben Ergebnis führt, stark zu misstrauen.
Prüfen wir also seine Bossartigkeit
und seine Wirkungen. Er wird uns erscheinen als das schlimmste Übel
Gottes und nach der Todsünde das größte Übel des Menschen.
* * *
1. Die lässliche, freiwillige
Sünde ist für das Leben der wohlwollenden Liebe und Zuneigung für Gott das,
was die schwere Sünde für das einfache Leben der Gnade ist; denn die lässliche
Sünde tötet alles, was es in der Liebe zu Jesus Christus an Feinfühligem
gibt. Wenn ihr wissen wollt, bis zu welchem Grad Gott sie hasst, so überlegt,
wie er sie bestraft.
Die Frau des Lot wird überrascht
vom Schwefelregen, der von Gomorrha herkam, und sie verwandelte sich nach und
nach in eine Salzsäule. Ihr Fehler war jedoch geringfügig, ein Ungehorsam,
hervorgerufen durch die Neugierde.
Maria, die Schwester von
Moses, erlaubt sich ein leises Murren: sie wird vom Aussatz befallen.
Moses schlägt durch ein
vorschnelles Gefühl des Misstrauens zweimal an den Felsen, damit daraus Wasser
hervorquoll; zur Strafe dafür durfte er, genauso wie Aaron, nicht in das
Gelobte Land einziehen.
David sündigt an Eitelkeit
durch das Abhalten einer Volkszählung, und 70.000 Mann werden von der Pest getötet.
Ezechias zeigt mit
Wohlgefallen den Gesandten des Königs von Syrien alle Schätze seines Hauses;
und Gott gibt ihm durch den Mund des Propheten Isaias zu wissen, dass all das
eines Tages vom Winde verweht werden wird.
b) Im anderen Leben.
Um die Abneigung Gottes gegen
die lässliche Sünde richtig zu beurteilen, muss man an die Leiden und die
Dauer des Fegfeuers denken.
Man erleidet dort eine Strafe
der Sinne und das Entbehren der Anschauung Gottes ist umso schmerzlicher, als
die Seele Gott in höchster Weise liebt und in ihm sein wahres Glück sieht.
Was für eine Pein, unsere
begangenen Sünden so zu sehen, wie Gott sie sieht! Welche Gewissensbisse, sie
begangen zu haben und welches Bedauern, der Gnade untreu gewesen zu sein! Wie
qualvoll ist das Warten auf den Himmel in der Unwissenheit des Tages, wann er für
uns aufgehen wird!
Oh,
schieben wir nicht die Abbüßung unserer lässlichen Sünden auf das Fegfeuer
hinaus!
2. Die lässliche Sünde hat nämlich
ein besonders erschwerendes Gewicht, das die Heiligen stark unterstreichen.
Die lässliche Sünde wiegt
auf der Waage der göttlichen Gerechtigkeit mehr als alle Verdienste der
Heiligen, weil kein einziger von ihnen und auch alle zusammen nicht, imstande
sind, die Beleidigung gutzumachen, welche diese Sünde Gott antut.
Der hl. Anselm sagt, dass alle
Übel dieser Welt ein Gut darstellten, wenn sie eine einzige lässliche Sünde
verhinderten.
Der hl. Alphons 1
versichert, man sollte eine lässliche Sünde nicht begehen, selbst wenn man
durch diese Sünde die Welt vor den schlimmsten Katastrophen bewahren würde
oder alle Seelen aus dem Fegfeuer erlösen würde, weil alle diese materiellen
Übel und alle Sühnestrafen Gott nicht beleidigen. Haben wir hingegen eine
einzige, ungesühnte, lässliche Sünde auf dem Gewissen, können wir nicht in
den Himmel eintreten, wo nichts Unreines zugelassen wird. Wie groß ist folglich
die göttliche Barmherzigkeit, welche es ermöglicht hat, die lässliche Sünde
im Fegfeuer abzubüßen!
Hat in der Tat diese Sünde
nicht ähnliche Züge wie die Todsünde? Wie diese stellt sie einen Ungehorsam
dar, der im gewissen Sinn umso verwerflicher ist, je leichter deren Vermeidung gewesen wäre, weil es sich ja um eine leichte Angelegenheit handelte.
Sie stellt eine Undankbarkeit
im Hinblick auf die Freundschaft Gottes dar; nun wird die Freundschaft durch Rücksichtslosigkeit
und taktloses Vorgehen empfindlicher getroffen.
Die lässliche Sünde ist eine
Missachtung der Gegenwart Gottes, eine Beleidigung der erhabensten Würde, und
dies wegen ein paar Hände voll Gerste und für ein paar Bissen Brot
2.
Und vergessen wir nicht, dass diese Überlegungen bei der Sünde durch den Priester noch mehr hervortreten als
durch den einfachen Christen: "Unter
den Weltleuten sind Possen eben Possen, im Munde des Priesters aber sind es
Gotteslästerungen" 3.
Oh,
wenn wir doch verstünden, was es heißt, Gott zu beleidigen, selbst nur lässlich!
* * *
II. Das höchste Übel des
Menschen
Um sich davon zu überzeugen, muss
man an die Wirkungen und Gefahren der lässlichen Sünde denken!
1. Ihre Wirkungen:
a) Sie beraubt die Seele
zahlreicher beistehender Gnaden und Verdienste. Alle lässlichen Sünden hätten
heilige und verdienstreiche Werke sein können; diese hätten der Seele
reichhaltigere Gnadenhilfen und eine schönere Belohnung für die Ewigkeit
eingebracht.
b) Sie kühlt die Liebe ab,
vor allem, wenn sie häufig begangen wird, denn die Seele stumpft in der Feinfühligkeit
ihres Gewissens mehr und mehr ab; diese Feinfühligkeit ist aber die Blume und
der Wohlgeruch der übernatürlichen Liebe. Gott ist seinerseits durch die lässliche
Sünde geneigt, die Seele mit besonderen Aufmerksamkeiten und privilegierten Gunsterweisen zu beschenken, durch die er sein Wohlwollen bezeugt, wenn man
sorgfältig alles das vermeidet, was ihn beleidigen könnte.
2. Ihre Gefahren:
a) Sie führt zur Lauheit. Es
ist zu befürchten, dass die lässliche Sünde, wird sie nicht entschieden bekämpft,
zur bewussten und willentlichen Gewohnheit wird. Dies wäre ein furchtbares Übel,
das alle Heiligen als das gefährlichste für das Leben der Seele gebrandmarkt haben. Es ist ein sehr verbreitetes Übel, selbst unter den Seelen, die dem
Dienst Gottes geweiht sind; es ist ganz und gar nicht zuviel, gegen diese
Gewohnheit die über-natürlichen Mittel der Sakramente, der Betrachtung und des
Gebetes einzusetzen.
b) Sie birgt die Gefahr, in
die schwere Sünde hineinzurutschen: "Keine
Sünde ist so klein, als dass
sie nicht wächst, wenn sie vernachlässigt wird"
4.
- "Keine Sünde ist so lässlich, als dass sie nicht nach Belieben eine schwere werden könnte" 5.
Beweist dies nicht die
Erfahrung? Kain hat nur mit Gefühlen der Eifersucht gegen Abel angefangen; weil
er sie nicht überwunden hat, kam er bis zum Brudermord, der ihm die Verfluchung
durch Gott eingebracht hat.
David hat keine schlechte
Gelegenheit gesucht, er hat Bethsabee nur durch Zufall gesehen; anstatt seines
Weges zu gehen, lässt er die Leidenschaft in sich aufflammen, er wird zum
Ehebrecher und Mörder.
Salomon überwacht nicht genug
seine natürlichen Neigungen; er sinkt herab bis zum Götzendienst, bis zur
Sklaverei der beschämendsten Leidenschaften.
Heli, der Hohepriester, wird
durch seine zu große Milde zu seinen Kindern geblendet; er beachtet ihre Fehler
und ihr Verhalten nicht; ganz Israel seufzt darunter, er allein sieht sie nicht.
Judas hat mit der Liebe zum
Geld begonnen; er ist zum Dieb geworden; enttäuscht und verbittert über die
Armut Jesu, hat er ihn wie einen Sklaven verkauft und durch einen Kuss verraten.
Petrus hegte eine übermütige
Liebe; er verstand die Empfehlungen Jesu zur Klugheit nicht; sein Übermut
erschien ihm als Tugend, er hat ihn zur dreifachen Verleugnung geführt.
Die hl. Theresia empfand für
einen ihrer Verwandten eine zu natürliche Liebe, sie liebte die Lektüre von
Ritterromanen; Gott zeigt ihr ihren Platz in der Hölle, wenn sie nicht ihr
Verhalten ändere.
Die Ursache dieser Verkettung
ist die Verbindung zwischen den Auswirkungen und den Gefahren der lässlichen Sünde.
Die einen führen zum anderen. Die Seele, die weniger reich an Gnade und weniger
stark in der Liebe Jesu Christi ist, gewöhnt sich an die Lauheit, und durch
die Lauheit entsteht die Todsünde.
* * *
Prüfen wir die lässlichen Fehler, welche wir aus überlegter Absicht begehen, obwohl wir ihre
Schuldhaftigkeit kennen. Gerade diese sind gefährlich.
Erforschen wir uns, ob es
unter ihnen nicht eine solche gibt, zu welcher wir eine Anhänglichkeit pflegen, die sie zur Häufigkeit führt und zur Gewohnheit macht. Wenn ja, zögern
wir nicht, diesen Keim des geistigen Todes ohne Verzug auszureißen.
Jesus Christus hätte am
Kreuze hängen wollen, im Todeskampf bis zum Ende der Welt, um in einer
sichtbaren Weise die Sünden der Welt zu sühnen und den Menschen den Abscheu
vor derselben beizubringen.
Die Erinnerung an seine göttliche
Passion möge genügen, um in uns diese Einstellung wachzurufen und uns die
Gnade erlangen, die Sünden, sogar die leichtesten, zu vermeiden.
7. Betrachtung
Flieh vor der Sünde
wie vor der Schlange
Sir 21,2
Wenn ein Reisender bemerkt, dass
er auf eine Viper mit tödlichem Biss tritt, so hat er willkürlich Angst, er
ergreift eiligst die Flucht oder sucht das Reptil zu töten, ohne jede andere Überlegung,
allein unter dem Antrieb der natürlichen Abscheu.
Dies muss unsere Seelenhaltung
sein bezüglich der schweren Sünde, dieses Erzfeindes unseres übernatürlichen
Lebens, unseres ewigen Glücks.
Er verfolgt uns
ununterbrochen, er versteckt sich unter unseren Schritten und versucht, uns zu
überraschen, um uns sein Gift einzuspritzen. Wir müssen ihn fliehen oder ihn sofort
zermalmen, wenn wir die Gefahr entdecken.
Betrachten wir zu diesem Zweck
aufmerksam die Glaubenslehre über die schwere Sünde in Beziehung zu Gott und
in Beziehung zu uns.
* * *
Der Glaube zeigt uns Gott, wie
er mit einem absoluten Abscheu vor der schweren Sünde diese in seinem Zorn und
in seiner Macht verfolgt.
a) Gott verjagt die Engel aus
dem Himmel und verurteilt sie zur ewigen Hölle aufgrund einer schweren Sünde
des Stolzes, eine Sünde des Gedankens, eine Sünde, die nur einen Augenblick
dauert. Er straft sie ohne Rücksicht auf ihre Würde oder ihre Fähigkeiten;
ohne ihnen die Gelegenheit und Zeit zu geben, sich zu bekehren.
Dies geschah deswegen, weil
sie mit vollem Wissen um die Bosheit ihrer Handlung gesündigt haben; sie
wollten die Ehre Gottes in Frage stellen, die er eifersüchtig verteidigt:
"Ich überlasse die Ehre, die mir gebührt,
keinem andern" 1.
Die Apostel, welche der Erfolg
ihrer Seelsorgearbeit durch ihre Vollmacht über die Dämonen zur Überheblichkeit
führte, erinnerte Jesus an diese Strafe des Luzifer: "Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fahren" 2.
Diese Engelsünde des Stolzes
haben alle großen Ketzerhäupter, Arius, Nestorius, Eutyches, Luther, Kalvin
begangen. Auf welch furchtbare Weise hat Gott sie bestraft!
b) Gott hat unsere ersten
Eltern aus dem irdischen Paradies vertrieben, sie aller Gaben beraubt, die sie
am Anfang besessen hatten, sie zu den Leiden in diesem Leben verurteilt, zum
Zwang des Todes und zur Gefahr der Hölle. Diese Strafe hat sich auf ihre
gesamte Nachkommenschaft ausgedehnt; und dies wegen eines einzigen Fehlers, der
nur wenige Augenblicke gedauert hat!
Welche Strafe! Gott sah alle
Folgen voraus, er zählte die Schar der Seelen, die sich verdammen würde. Ach,
die Sünde Adams bestand in einer wirklich einmaligen Bosheit; Adam war nämlich
von Gnaden aller Art erfüllt, er führte vertraute Zwiegespräche mit Gott und
war sich seiner Rolle als Urvater der Menschheit bewusst. Gott sollte ihn
unerbittlich strafen; aber seine Barmherzigkeit ließ die Vergebung und die
Wiederherstellung des Menschengeschlechtes durch das Kommen eines Erlösers
ahnen.
c) Gott entfesselt die Flut über
die Erde, weil "die Schlechtigkeit
des Menschen auf der Erde zunahm, und alles Sinnen und Trachten seines Herzens
immer nur böse war" 3.
Er säte Verwirrung unter die
Völker, die in stolzer Verwegenheit sagten: "Auf,
bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und
machen wir uns damit einen Namen... Und Gott sagte: ... jetzt wird ihnen nichts
mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen... Auf, steigen wir hinab
und verwirren wir dort ihre Sprache, so dass
keiner mehr die Sprache des anderen
versteht" 4.
d) Es ist Gott, der allmächtige
Vater in Jesus Christus, seinem einzigen Sohn, es handelt sich nicht um eine
persönliche Schuld, sondern um die frei übernommene Verantwortung über unsere
Fehler, indem er sich selbst als Pfand für uns einsetzt: "Er
wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt" 5.
Gott, der Vater, hat seine
Strenge über Jesus während des Todeskampfes im Ölgarten ausgeübt; er hat ihn
den Leiden seiner Passion ausgeliefert; er hat ihn der Strafe einer
geheimnisvollen Verlassenheit unterworfen; er hat von ihm den Tod am Kreuz
gefordert: "Er hat seinen eigenen
Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben"
6.
Und Jesus sagt uns: "Wenn
das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren
werden?" 7.
e) Es ist der unendlich gute
Gott, der den Menschen, den er in seiner Liebe erschaffen und in seiner Milde
bewahrt hatte, mit der ewigen Hölle verurteilte, nachdem er selbst Mensch
wurde, um den Menschen zu erlösen und mit seinem Blut loszukaufen!
Er verurteilt ihn ohne
Einspruchsmöglichkeit, ohne Hoffnung auf Befreiung; er unterwirft ihn für
immer furchtbaren Qualen.
"In meiner Nase ist Feuer entbrannt. Es lodert bis in die unterste
Totenwelt" 8
- "Weg von mir, ihr Verfluchten, in
das ewige Feuer" 9.
Mein Gott, was bedeutet also
die Todsünde! Sie bindet die Barmherzigkeit Gottes und liefert ihn seiner
Gerechtigkeit aus.
Was ist doch der sündige
Mensch! Sein verdrehter Wille blockiert die Macht Gottes und bleibt am Bösen
haften; dieses fordert eine Bestrafung, die gleichfalls unabänderlich ist.
* * *
Der Glaube sagt uns:
a) wir sollen uns bezüglich
unserer Sünden in der Vergangenheit nicht allzu sehr in Sicherheit wiegen. Die
Hl. Schrift empfiehlt ausdrücklich, uns weder über die Vergebung noch über
die Sühne unserer Sünden der Vergangenheit in Sicherheit zu wiegen, um dann
Fehler über Fehler aufzuhäufen 10.
Der hl. Paulus schrieb über
seine persönliche Situation: "Ich
bin mir zwar keiner Schuld bewusst, doch bin ich dadurch noch nicht gerecht
gesprochen" 11.
Und er gibt allen die Empfehlung: "Müht
euch mit Furcht und Zittern um euer Heil!" 12.
Aus diesem Grund haben alle
Heiligen ihr Bußleben nach ihrer Bekehrung fortgesetzt, selbst nach göttlicher
Versicherung ihrer Vergebung. So finden wir es beim hl. Petrus, beim hl. Paulus,
bei der hl. Maria Magdalena.
Wie viele Büßer haben sich
doch in die Wüste zurückgezogen! Warum belässt uns Gott in diesem Zweifel und
in dieser Furcht? Weil diese Unsicherheit heiligend wirkt und uns in seiner
Liebe fortschreiten lässt.
b) Wie müssen wir auf der Hut
sein für die Zukunft!
Keine Würde, keine Heiligkeit
und auch die größte Gnade stellen eine absolute Garantie gegen die
gravierenden Schwächen in der Zukunft dar. Die Geschichte der Kirche gibt uns
mehr als ein Beispiel.
Der hl. Augustinus hat
geschrieben:
"Ich habe ausfindig gemacht, dass Zedern des Libanon große Prälaten der
Kirche ins Verderben gestürzt haben; über ihre Geschichte hatte ich keine größere
Vorstellung als über jene von Hieronymus und Ambrosius"
13.
Ein Glaubensbekenner erliegt
im Kerker beim Anblick einer Frau, die gekommen war, ihm zu dienen; ein anderer 14
verliert die Märtyrerkrone, weil er sich weigert, sich mit seinem Nächsten
auszusöhnen 15.
Ja noch mehr: sind nicht die Engel im Himmel gefallen? Unsere Ureltern im
irdischen Paradies? Petrus und Judas trotz ihrer Berufung zu Aposteln?
Diese Furcht vor der Möglichkeit,
Gott mit einer Todsünde zu beleidigen, bewirkte, dass die Heiligen den Tod
herbeisehnten; sie wurden durch sie zu noch größerer Wachsamkeit und zu
strengster Buße angespornt: "Vielmehr
züchtige und unterwerfe ich meinen Leib, damit ich nicht selbst verworfen werde"
16.
c) Die Todsünde verursacht in
unserer Seele schreckliche Verwüstungen. Sie beraubt uns der heiligmachenden
Gnade und versetzt uns in einen Zustand des Todes in der über-natürlichen
Ordnung. Auch macht sie uns unfähig für irgendein verdienstvolles Werk und sie
beraubt uns der geistlichen Güter, die wir bereits für den Himmel gesammelt
haben. "Wenn jedoch ein Gerechter
sein rechtschaffenes Leben aufgibt, wenn er Unrecht tut und all die Greueltaten
begeht, sollte er dann etwa am Leben bleiben? Keine seiner gerechten Taten wird
ihm angerechnet" 17
- "Wenn ein Boden den häufig
herabströmenden Regen trinkt, und denen, für die er bebaut wird, nützliche
Gewächse hervorbringt, empfängt er Segen von Gott; trägt er aber Dornen und
Disteln, so ist er nutzlos und vom Fluch bedroht; sein Ende ist die Vernichtung
durch Feuer" 18.
* * *
Wenn alle diese Wahrheiten
sich auf alle Sünder beziehen, dann umsomehr auf den Priester, der sich herbeilässt,
eine schwere Sünde zu begehen.
Von
ihm wurde gesagt: "In clero quippe,
tanquam in coelo gerens iniqua" 19.
Ist nicht der Priester der
"angelus testamenti", der
Bote des Bundes 20,
der durch seine Würde über die Engel emporgehoben wurde? Besitzt er nicht auch
mehr Gnaden, um den Versuchungen zuvorzukommen und sie zu besiegen?
Diese
Wahrheiten sollten uns jedoch nicht niederschlagen und entmutigen.
Der Glaube lehrt uns auch, dass
die Barmherzigkeit Gottes, welche uns bis jetzt verschont hat, noch immer auf
uns wartet: "Darum wartet der Herr
darauf, euch seine Gnade zu zeigen" 21.
Diese Betrachtung muss in uns
eine dreifache Gesinnung entstehen lassen:
Die Gesinnung der
Dankbarkeit.- "Es ist Barmherzigkeit
des Herrn, dass
wir noch nicht aufgelöst sind - misericordiae Domini quia non
sumus consumpti" 22.
Die Gesinnung der Reue. -
"Ich will vor dir alle meine Jahre überdenken
in der Bitterkeit meiner Seele".
Die Gesinnung der Zuversicht.
-
"Um deines Namens willen, Herr,
verzeih mir, denn meine Schuld ist groß" 24.
Deine Güte und die
Zuversicht, die ich daraus schöpfe, ist eine Kraft in diesem Leben und mein
Heil für die Ewigkeit: "Auf dich, o
Herr, habe ich gehofft, lass
mich in Ewigkeit nicht zu Schande
werden"
25.

Bemerkungen:
1 Mt 25, 13.
2 1 Thess 5, 2.
3
Hebr 9, 27.
6 1 Sam 15, 32.
7
Vgl Ps 9, 7.
8 Lk 16, 25.
9 August., Conc. XII, sup. Ps. 118.
10 Ps 122, 1.
1 Mt 5, 4.
2 Röm 8, 17.
3 Mt 25, 41. 46.
4
Greg. v. Nyss., Adv. eos qui cast aegre ferunt.
5 Röm 9, 3.
6 Joh 17, 6. 26.
7 Joh 9, 4.
8 Mt 25, 1-13.
9
Dan 5, 27.
3 Bernh. De consid., lib. II, circ. Finem.
4 Unbek. Auto, De vera et falsa Poenit., c. 8.
5 Joh. Gerson. De vita spir., lect. 1, coroll. 41.
1 Is 42, 8.
2 Lk 10, 18.
3 Gen 6, 5.
4 Gen 11, 4. 5. 7.
5 Is 53, 5.
6 Röm 8, 32.
7 Lk 23, 31.
8 Dt 32, 22.
9 Mt 25, 41.
10 Sir 5, 4 f.
11 1 Kor,4, 4.
12
Phil 2, 12.
13 Opusc. 63, parag. 22, De familiar. mul., Thom. Aq. attributum.
14 St. Jure. De la connaissance et de l'amour de J.C., livre III, chap. 23, § 7.
15 Conc. Trid. sess. VI.
16 1 Kor 9, 27.
17 Ezech 18,24.
18 Hebr 6,7 f.
19 Bern. Declam. 24.
20
Mal 3,1.
21 Is 30, 18.
22 Thren. 3, 22.