Hl. Peter - Julian EYMARD

 Der Priester

  Ins Deutsche übersetzt von P. DDr. Walter Marzari SSS.

 

Teil III.

Priester-Exerzitien

 

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INHALT: Teil - 3C / Der Priester

    Die Liebe Gottes im Umgang mit den Geschöpfen
  Die Geschöpfe
  Die Übel der Welt
  Öffentliches Unheil
  Verschiedene Heimsuchungen
  Die Verfolgungen
  Die Versuchungen
  Die Misserfolge im Seelsorgedienst
  Geringe Begabung
   Die Vollkommenheit durch die Standespflichten
  Die Heiligkeit ist in jeder Berufung möglich
  Die Vollkommenheit ist außerhalb der Standespflichten unmöglich
    Die Nachfolge Jesu Christi
  Die Selbstbeherrschung
  In Beziehung zu Gott
  In Beziehung zum Nächsten
  In Beziehung zu sich selbst
  Demut und Barmherzigkeit
  Die Demut
  Die Auswahl der Mittel
  Die Einwände
  Die Erfolge
  Die Barmherzigkeit

 

 

 

Zweiter Teil der Exerzitien

 

 

Vereinigung mit Gott und Fortschritt

 

 

1. Betrachtung

 

Die Liebe Gottes im Umgang mit den Geschöpfen

 

 

Wir wissen, dass Gott bei denen,

die ihn lieben, alles zum

Guten führt

 

Röm 8,28

 

 

Wir kennen unser Ziel. Es ist Gott. Ihn kennen, um ihn zu lieben und ihm zu dienen mit unserem ganzen Verstand, aus ganzem Herzen, mit all unseren Kräften und mit unserer ganzen Seele: dies ist das Gesetz unseres Lebens, die Gewähr für unser Glück in dieser Welt und in der anderen.

 

Wir haben also dabei nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen: "suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und alles andere wird euch hinzugegeben werden" 1.

 

Es ist die Liebe Gottes, welche - in die Tat umgesetzt - uns aus allem Nutzen ziehen lässt: aus den Geschöpfen, aus den Übeln des Lebens und den verschiedenen Prüfungen.

 

Studieren wir aufmerksam diese trostreiche Wahrheit.

 

 

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INHALT

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1. Die Geschöpfe.  Der hl. Bernhard hat folgendes algemeinsames Prinzip aufgestellt: "alles wurde uns zu irgendeinem Nutzen geschenkt; aber einiges zu unserer Stütze, etwas anderes zu unserer Erziehung, schließlich nicht weniges zur Besserung".

 

Die Liebe Gottes lässt uns Gott überall finden, und in allen Dingen lässt sich Gottes Liebe preisen.

 

Unter den geschaffenen Wesen gibt es solche, die ich  s e h e. Ich bewundere diese herrlichen Sterne, welche das Firmament zieren, und sage mir: es ist Gott, der sie geschaffen hat; wie mächtig ist er! - Er lenkt deren Bahnen, wie weise ist er! Er hat sie für mich geschaffen, wie gütig ist er!

 

Dann rufe ich mit dem erleuchteten Sänger aus: "preiset den Herrn, Sonne und Mond, preiset den Herrn, ihr Sterne am Himmel!"  2.

 

Ich bewundere diese Berge, ihre Majestät, ihre Nützlichkeit, ihren Reichtum. Ich verfolge mit meinem Blick diesen vorüberströmenden Fluss, der sich in den Ozean ergießen wird. Darin erkenne ich das Bild meines Leibes; ich entferne mich jeden Tag mehr vom Ufer dieser Welt; mein Ozean ist Gott, der in der Ewigkeit wohnt: "Berge und Hügel,... Quellen.. Meere und Flüsse, lobet den Herrn!"

 

Wie schön ist die Natur zur Zeit des Frühlings, im satten Grün der Hoffnung, mit dieser Vielfalt von Blumen; sie sind Bilder der Schönheit Gottes; wie reich ist die Natur mit den vielfältigen Arten von köstlichen Früchten. Es ist die Hand Gottes, die sie zu meinem Gebrauch und zu meiner Freude befruchtet: preiset den Herrn alle Werke des Herrn! Es gibt kein Ding, welches nicht die Macht und Güte Gottes für mich kundtut.

 

Unter den geschaffenen Wesen gibt es solche, die ich  h ö r e. Es ist das wunderbare Vogelkonzert, das mein irdisches Exil erleichtert; das - zwischen Himmel und Erde gestellt - an die Konzerte der Engel und an meine himmlische Heimat denken lässt: preiset den Herrn, ihr Vögel des Himmels. Es ist die laute Stimme der Gewitter mit Blitzen und Donnern, des unterirdischen Dröhnens, das die Erde in ihren Grundfesten erzittern und die Bewohner erschauern lässt. Darin erscheint Gott in seiner Größe und er sagt mir, dass er der Herr des Lebens ist; und er lässt den Tod über meinem Kopf oder unter meinen Füßen hinwegziehen: Blitze und Wolken, lobet den Herrn! Lobet den Herrn, Feuer und Sturmwind, die sein Wort ausrichten! 3

 

Es gibt geschaffene Wesen, die mir dienen als Bekleidung, als Nahrung, als Wohnung, um mich zu tragen, mich zu verteidigen. Dies sind die treuen Begleiter meines Lebens, die Diener, welche mir Gott zu diesem Zweck gegeben hat. Ich soll dies benützen, um in Liebe Gott dafür zu danken. Ihre so geheiligte Verwendung wird mich nach der himmlischen Wohnung und das Kleid der Herrlichkeit lechzen lassen, nach dem geheiligten Festmahl, wo Gott selbst unsere Nahrung sein wird: "Am himmlischen Mahle lasse uns teilhaben der König der ewigen Herrlichkeit"  4.

 

Und was soll gesagt werden über die menschlichen Wesen, welche existieren, um uns sowohl der Seele als auch dem Leibe nach, in der Familie und in der Gesellschaft zu dienen?

 

Somit werden für denjenigen, der Gott liebt, alle seienden Wesen zu Stufen, um zu ihm zu gelangen. Das ist die mystische Leiter Jakobs. So versteht man die Worte der Schrift: "Gott sah alles an, was er gemacht hatte: es war sehr gut" 5. - "Denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Guten" 6.

 

Aber für denjenigen, der Gott nicht liebt, bleiben die geschaffenen Dinge ein Geheimnis, denn er begreift ihren wahren Seinsgrund nicht; sie stellen eine Gefahr dar, denn er läuft Gefahr, sich allzu sehr an sie zu hängen, aus ihnen ein Ziel zu machen - wie der Geizige, der Ehrgeizige, der Wollüstige - anstatt deren Nutznießer zu sein, wie es von Gott, ihren obersten Eigentümer, bestimmt ist, macht er sich zu den Sklaven oder Tyrannen.

 

Nun denn, liebe ich Gott in seinen Werken oder liebe ich mich in ihnen? Gelange ich durch die Dinge zu Gott oder zu meinen bösen Neigungen?

 

Welche Undankbarkeit und Gottlosigkeit wäre dies!

 

Gewissenserforschung und fester Vorsatz.

 

 

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2. Die Übel der Welt. Der Mensch lebt in einem Tal der Tränen, auf einer Welt der Sühne; das Leiden ist mit seiner Situation unzertrennlich.

 

Wer Gott liebt, weiß diese Gegebenheit des menschlichen Lebens auszunutzen.

 

Die Geschichte des hl. Mannes Job ist in dieser Hinsicht sehr lehrreich.

 

Job verliert seine Güter, preist aber Gott, der es so wollte; er liebt diesen göttlichen Willen über alles.

 

Er verliert seine Freunde und seine Kinder; er spürt diesen Schlag sehr lebhaft. Aber Gott hat ihn gewollt - "Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn"  7.

 

Er wird an seinem Leib hart getroffen, dieser ist nur mehr eine einzige Wunde; er muss sich auf einen Misthaufen zurückziehen und sich mit einer Scherbe den Bluteiter abkratzen, der aus seinen Geschwüren hervorquillt. Er murrt nicht: "Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?" 8.

 

Diese Heimsuchung kann sich in unserem Leben wiederholen, vielleicht ist dies schon eingetroffen, wenigstens teilweise. Wie werden wir uns dabei verhalten, wenn wir Gott lieben?

 

Gott prüft uns an Hab und Gut. Er sagt zu Satan: Gehe, suche ihn heim, aber rühre seine Seele nicht an!

 

Anstatt zu murren, das Vertrauen an Gott zu verlieren, preisen wir ihn. Ich hätte Gott beleidigt, vielleicht wäre ich dann verloren gegangen. Gott wollte mich auf die Probe stellen. Ihm sei dafür gedankt. Ich werde ihm bezeugen, dass ich ihn mehr liebe als seine Geschenke.

 

Gott sagt weiter zu Satan: geh, nimm ihm seine Freunde, seinen guten Ruf weg. Und jeder zieht sich von uns zurück; wir werden verleumdet, man kennt uns nicht mehr.

 

Aber wir verlieren nicht den Mut. Die Liebe zu Gott lässt uns sagen: dies ist eine Gnade. Ich war ein Sklave in diesen Beziehungen: der Name des Herrn sei gepriesen! Ich werde Gott mehr lieben als meine Freunde, mehr als meine Ehre. "Gott hat sie geprüft und fand sie seiner würdig"  9.

 

Schließlich hat Gott zu Satan gesagt: geh, prüfe ihn und triff ihn an seinem Leib. Und wir sind mit der Krankheit vertraut worden, die Gebrechlichkeit hat sich auf uns gestürzt. Wir aber haben sie in Glauben und Liebe angenommen. Wir haben gesagt: dies ist eine Gnade. Ich hatte es nötig, die unterlassene Abtötung meiner Sinnlichkeit zu sühnen; nun bin ich von mehr als einer gefährlichen Versuchung befreit: der Name des Herrn sei gepriesen! Ich will Gott mehr lieben als die Gesundheit und die freie Verfügung über meinen Leib.

 

Wer im Gegensatz dazu Gott nicht liebt, regt sich gegen ihn und gegen die Menschen auf; er geht nicht nur des Verdienstes seiner Leiden verlustig, sondern vermehrt sogar noch ihre Qual; er kommt soweit, dass er das Leben nicht mehr aushält, er verzweifelt und nimmt sich schließlich das Leben.

 

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3. Öffentliches Unheil.  Die Liebe Gottes zeigt, dass es von ihm kommt; sie lässt es uns annehmen mit einem Frieden, der eine Quelle von Verdiensten ist.

 

Warum dieses Unheil? Um die Verbrechen eines Volkes zu strafen oder eine öffentliche Sühne dafür zu erhalten. Dieses Unheil ist für die wahren Kinder Gottes auch die Gelegenheit zu großen Tugenden, von Nächstenliebe, Seeleneifer, Hingabe, Buße, Gebet. So stellt man in Zeiten der Hungersnot, der Seuchen, Erdbeben, Überschwemmungen auch fest, dass die Leute Geduld und heroische Hingabe üben, während die Volksmenge an den öffentlichen Gebeten teilnimmt.

 

 

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4. Verschiedene Heimsuchungen.

 

a) Die Verfolgungen. Die Liebe zu Gott ermöglicht uns, ihn in solchen Zeiten besonders zu verherrlichen. Niemals wurde Gott mehr verherrlicht als in Zeiten der Verfolgungen, wie sie in den ersten drei Jahrhunderten der Kirche geschahen.

 

Heutzutage verherrlicht ihn China in den Gefängnissen, unter den Schandpfählen und durch das Blut seiner Märtyrer.

 

Überall ist übrigens die Religion dem Hass und den Gewalttaten eingefleischter Feinde ausgesetzt.

 

Gott erlaubt es, um die Liebe seiner Diener zu prüfen; er will nur gute Diener um sich. Nun ist die Liebe im Krieg heroischer als im Frieden.

 

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b) Die Versuchungen. Der hl. Hieronymus hat zugegeben, dass er aus den Versuchungen, die ihn gequält haben, großen Nutzen gezogen hat. Der hl. Antonius hat darin die Gelegenheit zur Übung seiner höchsten Tugenden gefunden. Der hl. Paulus hat in ihnen den Beweggrund und die Quelle seines Vertrauens auf Gott gefunden.

 

Eine Seele, die Gott liebt, weiß, dass er die Versuchung nur für das geistliche Wohl des Betroffenen zulässt. "Und weil du angenehm vor Gott warst, musste die Versuchung dich prüfen"  10.

 

Die Versuchung deckt unsere schwachen Seiten auf, aber sie wird begleitet mit der Gnade für den Sieg. Sie zeigt uns hiermit den Willen Gottes, dass wir zur Erlangung der entgegengesetzten Tugend arbeiten sollen.

 

 

c) Die Misserfolge im Seelsorgedienst. Vielen gelingt nichts trotz Einsatz aller Mittel.

 

Die Heiligen beunruhigen sich jedoch darüber nicht. Sie verherrlichen Gott in ihrer Gebrechlichkeit und Armseligkeit mehr als bei ihren Erfolgen, und sie preisen ihn dafür.

 

Wie herrlich ist das Zeugnis des hl. Paulus! "Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark" 11.

 

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d) Geringe Begabung. Erinnern wir uns an das Gleichnis der Talente, die auf ungleiche Weise unter den Dienern verteilt worden waren. Die Liebe lässt uns den hl. Willen Gottes anbeten und mit unserem Anteil zufrieden sein. Ob es sich um 10, 5 oder 2 Talente handelt, wichtig ist, dass wir sie Früchte tragen lassen. Nun bewegt uns die Liebe, dass wir unseren bescheidenen Anteil so pflegen, als handelte es sich um einen großen Schatz, und dadurch wird unser erreichtes Verdienst mit der Verherrlichung Gottes verhundertfacht.

 

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Lesen wir das unvergleichliche Kapitel aus der Nachfolge Christi mit der Überschrift: "Die Gottesliebe in ihrer Macht und Herrlichkeit" 12:

 

"Lieblicher, mächtiger, erhabener, umfassender, seliger, vollkommener, edler als die Liebe ist nichts im Himmel und auf Erden, denn sie ist aus Gott geboren und kann darum, weil sie aus Gott geboren ist, über alle Geschöpfe sich schwingend nur in Gott ruhen.

 

Herr, mache mein Herz weit und fülle es aus mit Liebe... lieben möchte ich dich mehr als mich und mich nur um deinetwillen, und alle, die dich lieben, möchte ich in dir lieben können, wie es das Gesetz der Liebe gebietet, das du lichthell in unsere Seele geschrieben hast".

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2. Betrachtung

 

Die Vollkommenheit durch

die Standespflichten

 

 

Dass der Priester gerade aufgrund seiner Berufung verpflichtet ist zu einem vollkommenen Leben, bestätigt die ganze katholische Tradition klar, nachhaltig und ohne jeden Zweifel.

 

Dies ist die Folge einer ersten Wahrheit, die wir jetzt betrachten: die Vollkommenheit ist in jeder Berufung möglich. Ist nun aber der Priester nicht zur gewissenhaften Erfüllung der Pflichten seiner Berufung angehalten? Er befindet sich daher in der besten Situation, um zur Heiligkeit zu gelangen, die Gott von ihm erwartet.

 

 

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1. Die Heiligkeit ist in jeder Berufung möglich.

 

 

a) Die Begründung dieser Möglichkeit liegt im Wesen der Vollkommenheit selbst.

 

Das Wesen der Vollkommenheit liegt in der erhabenen Liebe Gottes; in der vollkommenen Erfüllung seines besonderen Willens über uns.

 

Nun ist dies in jeder Situation, in jeder Lebenslage möglich, denn Gott lässt sich darin über alles lieben, dadurch dass man das Böse, welches ihn beleidigt, vermeidet, und indem man getreu seinen hl. Willen erfüllt.

 

Die Liebe Gottes hat ihr Leben und ihre Vollkommenheit nicht in einem bestimmten Stand noch in bestimmten Taten, sondern in unserer Seele, in unserem Willen. Das äußere Leben ist also nur deren Anwendung und Ausübung. An sich haben die verschiedenen Lebensstände keine eigenständige Vollkommenheit; sie besitzen in der Tat nur jene Vollkommenheit, die wir ihnen geben.

 

Man kann über die verschiedenen Lebensstände das sagen, was der hl. Hieronymus von den heiligen Stätten gesagt hat: "Non Hierosolymis fuisse, sed Hierosolymis bene vixisse laudandum est - nicht in Jerusalem gewesen zu sein, sondern in Jerusalem ordentlich gelebt zu haben, ist lobenswert"  1.

 

Ebenso ist es auch nicht das Priestertum an sich, das vervollkommnet und heiligt. Nein. Man kann im Priestertum wie in jeder anderen Berufung verloren gehen; es ist vielmehr der Priester, der sich in seinem Stand heiligt; es ist die Treue zu seiner Berufsgnade, zu den Tugenden seines Standes, die ihn zum vollkommenen Menschen machen.

 

Vom Standspunkt der Vollkommenheit her sind alle Berufungen gleich. Alle haben ihre je eigenen Gnaden. Gott liebt sie alle, sie sind sein Werk. Er hat sie festgelegt, ausgewählt und für jeden von uns bestimmt.

 

Es ist der Herr, den jemand reich oder arm, groß oder klein, gesund oder krank macht 2.

 

 

b) Ist es nicht durch das Leben der Heiligen belegt, dass die Vollkommenheit in allen Lebensständen möglich ist? Alle sozialen Schichten, von den niedrigsten bis zu den höchsten, besitzen Helden der Heiligkeit.

 

Eigenartig! Jeder Heilige weist eine besondere Art, eben s e i n e  Art von Heiligkeit auf; er hat an Tugend und Verdiensten nicht seinesgleichen. "Er hat an Ruhm nicht seinesgleichen; er hielt das Gesetz des Allerhöchsten und stand im Bunde mit ihm"  3.

 

Dies will heißen, dass es ebenso viele Gnadenarten gibt als Auserwählte;

 

 

c) Somit ist auch die Vollkommenheit eine einzige, aber eine vielfältige. Sie ist einzig in ihrem Wesen, aber vielfältig in den äußerlichen Taten der christlichen Tugend.

 

Der hl. Paulus redet ausdrücklich von dieser wunderbaren Vielfältigkeit: "Wie wir an dem einen Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder denselben Dienst leisten... so haben wir unterschiedliche Gaben, je nach der uns verliehenen Gnade" 4.

 

An seinen Schüler Timotheus schrieb derselbe Apostel: "In einem großen Haus gibt es nicht nur Gefäße aus Gold und Silber, sondern auch aus Holz und Ton, die einen für Reines, die anderen für Unreines. Wer sich nun von all dem rein hält, gleicht einem Gefäß für Reines; er ist geheiligt, für den Herrn brauchbar, zu jedem guten Werk tauglich"  5.

 

Was immer also der Platz sein mag, den uns Gott in der Kirche zuweist, jeder kann, wenn er seiner besonderen Gnade treu ist, die höchsten Grade der Heiligkeit erlangen.

 

Der Priester, welcher kraft seiner Berufung mitten in der Welt tätig sein muss, soll sich darüber nicht beunruhigen, sondern vielmehr Gott dafür danken, dass er auf diese Weise zu einer hohen Heiligkeit gerufen wurde.

 

 

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2. Die Vollkommenheit ist außerhalb der Standespflichten unmöglich

 

 

Folgende Gründe seien genannt:

 

a) Das Fundament der Vollkommenheit - alle Meister des geistlichen Lebens lehren es - besteht darin, dass man das tut, was Gott von uns will, und wie er will, dass wir es tun. Nun zeigt sich dieser göttliche Wille in den Pflichten des Berufes und des Standes; und zu deren Erfüllung - nur dafür - gibt uns Gott die nötigen Gnaden; diese Pflichten stellen also keine bloßen allgemeinen Gesetze dar, sondern sind ihre Anwendung in unserer besonderen Berufung. Wie kann man dann von Heiligkeit sprechen und wie kann man behaupten, diese außerhalb unserer Pflichten und ohne die Gnade, die sie begleiten, zu erreichen?

 

 

b) Die Vollkommenheit setzt außer den gewöhnlichen Gnaden wenigstens unter bestimmten Verhältnissen besondere Gnaden voraus, denn in jedem Stand begegnet man Versuchungen, die schwer zu besiegen sind; Tugendakte, die schwieriger ausführbar sind, und Opfer, die mit mehr Großmut zu bringen sind. Wenn sich aber eine Seele durch eigene Schuld der gewöhnlichen Gnaden beraubt, wie kann da Gott bereit sein, ihr außer-ordentliche Gnaden zu geben?

 

Glücklich der Priester! Er wird begünstigt durch die Ausübung seines heiligen Amtes, das ihn immerfort in Beziehung zu Gott bringt und ihn daher die Werke seiner Gnade in den Seelen bewundern lässt und ihn einladet, von seiner Liebe zu leben. Notwendig ist aber noch das Wollen: "Wenn du vollkommen sein willst" 6. Für dieses Wollen muss man die Gnade erbitten: "Gib, was du forderst, und fordere, was du willst!"  7

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3. Betrachtung

 

Die Nachfolge Jesu Christi

 

 

A) Die Selbstbeherrschung

 

Die christliche Vollkommenheit ist nicht eine Aufgabe, die der Initiative jedes einzelnen überlassen bleibt, indem man einer persönlichen Vorstellung folgt, die man sich über die Vollkommenheit macht und dabei das allgemeine Gesetz der Nächstenliebe beachtet.

 

Jesus sagt: "Niemand kommt zum Vater außer durch mich" 1; und dies ist in dem Sinne zu verstehen, dass Jesus gleichzeitig der Meister, das Vorbild und die Quelle der Heiligkeit ist: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben"  2.

 

Nun ersieht man beim Studium des Evangeliums, dass Jesus eine immerwährende Einstellung besaß, eine allgemeine Tugend, die für den Priester äußerst wichtig ist und die man Selbstbeherrschung nennt, welche die Meister der Askese aber einst als Milde bezeichneten.

 

Der hl. Johannes Climachus hat sie so definiert: "ein unveränderlicher Geisteszustand, der sich in allen Schicksalen gleichmütig verhält"; er vergleicht sie mit einem Felsen, der sich am Ufer des Meeres befindet und alle gegen ihn anstürmenden Wogen zerbrechen lässt  3.

 

Es handelt sich dabei mit anderen Worten um die Lehre Jesu Christi selbst: "Lernet von mir, denn ich bin sanft und demütig von Herzen"  4.

 

Die Selbstbeherrschung oder mansuetudo zeigt sich in drei Formen, je nachdem, ob sie unter dem Gesichtspunkt zu Gott, zum Nächsten oder zu sich selbst gesehen wird.

 

 

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I. In Beziehung zu Gott. Sie besteht in der Selbstverleugnung und vollständigen Unterwerfung unter den Willen Gottes.

 

Jesus sagte: "Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat" 5.

 

 

a) Prompt.  Ohne sich aufzuhalten bei Überlegungen über Bequemlichkeit oder Ärger, über persönliche Ehre oder Demütigung; es genügt, dass die Weisung oder der Wunsch bekannt ist, um ausgeführt zu werden. "Darum spricht Christus bei seinem Eintritt in die Welt 'ja, ich komme, um deinen Willen zu tun, o Gott' " 6 - "Steht auf, wir wollen weggehen von hier" 7 - "die Stunde ist gekommen, jetzt wird der Menschensohn den Sündern ausgeliefert... steht auf, wir wollen gehen" 8.

 

b) Großherzig. Diese Promptheit setzt einen großherzigen Willen voraus, alles zu opfern, sogar das Leben, um Gott zu gehorchen. Dies hat auch Jesus von seinen ersten Jüngern verlangt: "Er rief sie, und sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten Jesus"  9 - "folge mir nach, lass die Toten ihre Toten begraben!"  10.

 

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c) Rein von jeder Beimischung. Dies ist die Bedingung für eine großzügige Hingabe und prompte Ausführung. Eine solche Reinheit gab es in der hervorragendsten Form bei Jesus. Nicht nur, dass er frei war von jeder eitlen Ehre, von jeder rein natürlichen Zuneigung und aller Eigenliebe, er war als menschgewordenes Wort sogar dazu unfähig. Der hl. Paulus sagt: "Ein solcher Hohepriester war für uns in der Tat notwendig: einer, der heilig ist, unschuldig, makellos, abgesondert von den Sündern und erhöht über die Himmel"  11.

 

 

d) Allumfassend. "Ihr werdet erkennen, dass ich nichts im eigenen Namen tue" 12 - "Der Sohn kann nichts von sich aus tun" 13. Das ist ganz sicher die tiefste Unterwerfung, die man sich vorstellen kann. So versteht man die bewundernswerte Bedeutung dieses Wortes Jesu am Kreuz: "Consumatum est - es ist vollbracht".

 

Der Priester hat es nötig, diese Beispiele Jesu Christi eindringlich zu betrachten, denn sein Beruf bringt ihn mit den verschiedensten und unerwartetsten Willenskundgebungen Gottes in Berührung. Ohne eine übernatürliche Selbstbeherrschung wird er zögern und knausern vor der Pflicht, die sich in einer dringlichen Form, in einem vollen Verzicht auf seine Ruhe und vielleicht seine Gesundheit erweist. Sich beherrschen, um sich Gott, seiner Sache und seinen Belangen hinzugeben: welche Aufgabe!

 

 

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II. In Beziehung zum Nächsten.

 

Der hl. Johannes Climachus sagt: "Die Sanftmut bedeutet: anderen, die dich kränken, nicht mit Gegenkränkung zu begegnen oder ihnen gram zu sein".

 

Sie ist somit das Tor und sogar die Quelle der Nächstenliebe: "caritatis ianua, immo vero parens - das Tor zur Nächstenliebe, ja sogar deren Mutter" 14.

 

Wie schön und rührend steht hier das Beispiel Jesu Christi! Welch volle Selbstbeherrschung seiner selbst bei den Auseinandersetzungen der Pharisäer, beim Unverständnis der Menge, bei den selbstsüchtigen Ansichten seiner Apostel, die Beschimpfungen seiner Henker! Seine Richter werden durch die Ruhe und Schlagfertigkeit seiner Antworten aus der Fassung gebracht. Der hl. Ambrosius nennt sein Schweigen vor Pilatus und Herodes einen Triumph 15. Der gute Schächer wird durch die Haltung des gekreuzigten Jesus erobert. Der Hauptmann erklärt ihn zum Sohn Gottes.

 

Der Priester sieht bei zahlreichen Gelegenheiten seine Selbstbeherrschung auf dem Prüfstand. Die geduldige Stützung des schwierigen Charakters derjenigen, mit denen er verhandeln muss; ihre Reizbarkeit, ihre Taktlosigkeit und Undankbarkeit; die stille oder offene Feindseligkeit gewisser Gruppen; die mehr oder weniger wohlwollende Kritik selbst von seiten einiger Mitbrüder.

 

Er hätte gelegentlich die Einsamkeit lieber, um sich persönlich mit Lektüre, Studium und Gebet zu befassen. Er wird aber ganz unvorhergesehen zu einem Kranken gerufen, er erhält einen Besuch, um einen guten Rat zu hören, in einer materiellen Angelegenheit, die bedeutungslos ist, aber nicht aufgeschoben werden kann.

 

Es braucht eine große Tugend, um diese tägliche Entsagung zu üben; sie bedeutet ein wohlduftendes Ganzopfer, der aufbegehrenden Selbstliebe und des gekränkten Stolzes.

 

Wer Jesus Christus liebt, liebt auch den Nächsten, wer immer er sei, ohne Unterschied der Person, wie Gott selbst 16, und nach dem Beispiel Jesu, das seine Feinde beeindruckt 17. Jesus Christus ist sein einziges Ziel, alles und alle sind ihm Mittel dafür. Er lebt in einer Haltung gänzlicher Hingabe: "Herr, was willst du, dass ich tun soll?" 18 - "Herr, sprich, dein Diener hört!" 19 - "Hier bin ich, du hast mich gerufen" 20.

 

Das angestrebte Gut wandelt sich durch die Liebe in ein besseres Gut, auch wenn äußerlich das Gegenteil einzutreffen scheint. In dieser Anpassung am Wohlgefallen und an den Bedürfnissen des anderen findet sich die Vollkommenheit der Liebe, weil sie das ununterbrochene Opfer der Eigenliebe darstellt.

 

 

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III. In Beziehung zu sich selbst.

 

 

Jesus Christus hat ohne zu klagen, aber mit Liebe alles angenommen, was sein himmlischer Vater für seine persönliche Lage entschieden hat. Er ist in einem Stall geboren, er hat 30 Jahre lang in Nazaret gelebt, er wirkte 3 Jahre als Wanderprediger, ohne ein Daheim zu haben - "Der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann" 21. - Er hat die Erfahrung mit Gethsemani gemacht, er ist gestorben, angenagelt an einem Kreuz, nachdem er die Schrecken der Passion erduldet hatte.

 

Der Priester wird aus Liebe zu Jesus Christus dem Weg des Gehorsams zur kirchlichen Autorität bezüglich seines Postens, seiner Ämter und Beschäftigungen, die sie ihm festlegt, folgen. Die Selbstbeherrschung besteht für ihn im Vergessen seiner selbst. "Alle suchen ihren Vorteil, nicht die Sache Jesu Christi" 22. Er wird stets eine Aufgabe wählen, die den Interessen Jesu Christi am meisten dient. Sein Losungswort wird dasjenige des hl. Paulus sein: "Ich will mit keinem Wort mein Leben wichtig nehmen, wenn ich nur meinen Lauf vollende und den Dienst erfülle, der mir von Jesus, dem Herrn, übertragen wurde: das Evangelium von der Gnade Gottes zu bezeugen" 23.

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4. Betrachtung

 

Die Nachfolge Jesu Christi

 

 

B)  Demut und Barmherzigkeit

 

 

Als Jesus alle seine Zuhörer einlud, sich zu seinen Jüngern zu machen - "lernet von mir" - weil er im Gegensatz zu den Gesetzlehrern ein sanfter und im Herzen demütiger Meister war - "denn ich bin sanft und demütig von Herzen" -, lehrte er alle Priester, seine Diener, die unterscheidenden Merkmale ihres Apostolates: Die Demut und Barmherzigkeit.

 

Betrachten wir einige für unseren priesterlichen Dienst nützlichere Gesichtspunkte.

 

 

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I. Die Demut. In Jesus zeigt sich die Demut in einer dreifachen Form: in der Auswahl der evangelischen Mittel, im Ausstehen von Widerwärtigkeiten und im Zuschreiben der Erfolge an Gott.

 

 

1. Die Auswahl der Mittel. Abgesehen von vielleicht Nathanael und dem hl. Paulus waren die Apostel keine studierte Leute, sondern Handwerker mit einem gewissen Wohlstand; Matthäus gibt seine ertragreiche aber ziemlich verdächtige Funktion auf. Sie besitzen eine mittelmäßige Intelligenz und fordern von Jesus geduldige Wiederholungen und ganz genaue Erklärungen. Im dritten Jahr der evangelischen Arbeit und Vertrautheit ist Jesus gezwungen, ihnen zu erklären: "seid auch ihr noch immer ohne Einsicht?" 1; dann lässt er sich herab, seine Worte wirklich anschaulich zu erklären.

 

Aber dies sind die Hilfskräfte, die der himmlische Vater für ihn ausgewählt hat. Jesus nimmt sie an, er liebt sie, formt sie, obwohl er weiß, dass ihn Judas verraten wird, dass ihn Petrus verleugnen wird, und dass alle, sogar Johannes, ihn für einige Zeit verlassen werden.

 

Dies ist eine wichtige und nützliche Lektion für den Priester! Wie beschaffen sind die Mitarbeiter, welche die Diözesanautorität ihm zur Seite stellen wird? Was wird er in der Pfarre, für die er bestimmt ist, vorfinden? Die Geduld, die Gewandtheit, aber vor allem die hingebungsvolle Liebe, verbunden mit einer aufrichtigen Demut werden ihn lehren, den größten Vorteil aus denen zu ziehen, mit denen er zusammenarbeiten muss; er wird sie heranbilden, um ihm für das Wohl der Seelen den größten Nutzen zu bringen. Und wie es bei Jesus Christus der Fall war, werden auch seine Arbeitsmittel einfach und übernatürlich sein; wie das Wort des göttlichen Meisters wird auch das seine allen Gläubigen, besonders jenen mit nicht übermäßigem Verstand angepasst sein - "Den Armen wird das Evangelium verkündet" 2; - er wird das gottlose Geschwätz und die falschen Lehren der sogenannten "Erkenntnis" 3 vermeiden, die niemanden erbauen.

 

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2. Die Einwände. Jesus sagt: "Dem Himmelreich wird Gewalt angetan, die Gewalttätigen reißen es an sich" 4.

 

Jesus war selbst dem heftigsten Widerspruchsgeist ausgesetzt. Gleich nach seiner Geburt muss er nach Ägypten fliehen; später musste er sich außerhalb Judäas in Sicherheit bringen; sogar in Galiläa entgeht er nur durch ein Wunder dem Mordanschlag durch die Einwohner von Nazaret. Sein Tod auf Kalvaria ist das Endergebnis des unerbittlichen Hasses seiner Feinde.

 

Im Laufe seiner Seelsorgearbeit wird der Priester unzählige Male unbeugsamen Vorurteilen begegnen; selbst Gläubige mit guter Absicht glauben sich berechtigt, nicht ihrem Hirten zu folgen. Was soll man tun? Wie Jesus Christus diese Demütigungen annehmen und sein Vertrauen auf das Gebet und Gutsein setzen.

 

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3. Die Erfolge. Jesus ist begeisterten Bewunderern begegnet: "noch nie hat ein Mensch so gesprochen" 5 - "Alle Leute staunten" 6. - "Selig, der Leib, der dich getragen hat" 7. Er hat Augenblicke des Triumphes erlebt, wie jene im Tempel inmitten der Schriftgelehrten oder am Eingang zur Stadt Jerusalem.

 

Aber bei solchen Anlässen entzog er sich, wenn es ihm möglich war, den Ehrungen, wie damals, als er sich allein auf einen Berg flüchtete, um den Juden zu entgehen, die ihn zum König ausrufen wollten; oder aber er verwies die ganze Ehre auf seinen Vater und pries ihn dafür, dass er sich seiner bediente, um sich zu verherrlichen.

 

Wie schwer ist es doch, nicht mit Genugtuung den Weihrauch des Lobes und den Rauch eitler Ehre einzuatmen!

 

Der Priester wird sich aus Rücksicht auf Jesus Christus, seinem Meister, und auch um die Freiheit seines Amtdienstes zu bewahren, davor hüten.

 

Die Demut, welche die ganze Ehre Gott überlässt, wird ihm sein wirksames Wohlwollen einbringen: "Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade"  8.

 

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II. Die Barmherzigkeit.

 

Gott, der unendlich Barmherzige, wollte durch Jesus Christus, seinen menschgewordenen Sohn, diese Barmherzigkeit offenbaren und ausüben: "Darum musste er in allem seinen Brüdern gleich sein, um ein barmherziger und treuer Hohepriester vor Gott zu sein" 9.

 

Jesus Christus seinerseits übt seine Barmherzigkeit in der katholischen Kirche durch den Dienst der Kirche aus.

 

Am Eingang des christlichen Gotteshauses steht der Taufbrunnen, wo die erste Berührung der Seele mit dem Übernatürlichen als Frucht der Erlösung stattfindet; wenn man im Gotteshaus weiter nach vorne schreitet, erblickt man die Kanzel, auf der der Priester die geoffenbarte Wahrheit lehrt und die Gläubigen zur Buße und Umkehr von ihren Sünden aufruft, deren Vergebung sie durch ihr Bekenntnis vom Priester, dem Diener der göttlichen Barmherzigkeit, erlangen; ganz vorne im Gotteshaus steht der Altar, über dem das Kreuz emporragt und davor die Kommunionbank steht; dort vollendet sich durch die hl. Messe und Kommunion das Werk der barmherzigen Liebe zum sündigen Menschen.

 

Besonders bei der Spendung des Bußsakramentes muss der Priester in einer mehr persönlichen Weise den Plänen Jesu Christi Antwort geben.

 

Betrachten wir daher etwas eingehender sein Verhalten in diesem Punkt.

 

a) Jesus Christus erklärt ausdrücklich, dass er nicht in diese Welt gekommen ist, um die Gerechten, sondern die Sünder zu berufen 10. Und zu den Pharisäern, die sich über seine wohlwollenden Beziehungen zu den Zöllnern und den Leuten mit lockerem Lebenswandel ärgerten, sagte er: "Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer" 11. Er versichert auch, dass im Himmel mehr Freude herrscht über einen Sünder, der umkehrt, als über 99 Gerechte, die der Umkehr nicht bedürfen 12.

 

 

b) Jesus Christus ruft alle Sünder, ohne jemanden auszuschließen, zu sich: "kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt; ich werde euch Ruhe verschaffen"  13. Wie rührend fleht er in ganz zurückhaltender Form Judas vom Tag der Verheißung der Eucharistie an bis zur Warnung im Abendmahlssaal und zum Vorwurf in Gethesemani.

 

 

c) Jesus Christus macht sich auf die Suche der Sünder, er kommt ihnen zuvor. Er unternimmt eine lange und gefährliche Reise, um der Samariterin zu begegnen; seine Ermüdung gibt ihm Gelegenheit, am Jakobsbrunen auf diese Sünderin zu warten. Er trifft Petrus, der ihn eben verleugnet hatte, mit einem barmherzigen Blick. Mit den Zügen des Vaters des verlorenen Sohnes hat er sich selbst gemalt.

 

Er nannte sich der gute Hirte, der seine Herde stehen lässt, um sich auf die Suche nach dem verlorenen Schaf zu machen; sobald er es gefunden hat, legt er es voll Freude auf seine Schultern; als er damit zu Hause angekommen ist, versammelt er seine Freunde und Nachbarn mit den Worten: "freut euch mit mir, denn ich habe mein verlorenes Schaf wiedergefunden" 14.

 

Alle heiligmäßigen Priester haben dieses Beispiel Jesu Christi nachgeahmt. Anstatt sich zu beschränken, eine Elite von Gläubigen aufzubauen, die sich leicht und in angenehmer Weise führen lassen, haben sie ihr Herz bevorzugt den Sündern, den Widerspenstigen und unangenehmsten Leuten zugewandt. Wie viel heiligen Erfindergeist haben sie entwickelt, um diese Menschen zu erreichen! Wie viel heroische Buße haben sie getan, um von Gott siegreiche Gnaden zu erlangen! Welche Freude herrschte, als eine dieser verlorenen Seelen zu Gott zurückgefunden hatte!

 

Glücklich jener Priester, der sich in Dankbarkeit für die göttliche Barmherzigkeit, die er selber erfahren hat, und aus Liebe zu Jesus Christus, allzeit geduldig und liebenswürdig, zu allen Gläubigen im Beichtstuhl zeigt! Noch glücklicher aber ist jener, der sich einsetzt für die Bekehrung der Seelen, die es am notwendigsten haben!

INHALT

EYMARD



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Bemerkungen:


1 Mt 6, 33.  

2 Dan 3 passim. 

3 Vgl. Ps. 148,  8.  

4 Kurzer Tischsegen.  

5 Gen 1, 31.  

6 Röm 8, 28.  

7 Hiob 1, 21.  

8 Hiob, 2, 10.  

9 Weish 3, 5.  

10 Tob 12, 13 (alte Übersetzung). 

11 2 Kor 12, 9 f.   

12 Nachf. Chr., 3. Buch, 5. Kap., passim.

 

1 Epist. 13, ad Paulin.  

2 Vgl 1 Sam 2, 6. 7.  

3 Sir 44, 20 (alte Übers.)  

4 Röm 12,  4. 6.  

5 2 Tim 20, 21.   

6 Mt 19, 21.  

7 August., Bekenntn., Buch 10, Kap. 27, Nr. 38.

 

1 Joh 14, 6.  

2 Joh 14, 6.  

3 Scala Parad. grad. 24.  

4 Mt 11, 29.  

5 Joh 4, 34.  

6 Hebr 10, 5.  

7 Joh 14, 31.  

8 Mt 26, 45 f.  

9  Mt 4, 22.  

10 Mt 8, 22.

11 Hebr 7, 26.   

12 Joh 8, 28.   

13 Joh 5, 19.   

14 Scala Parad. grad. 24.   

15 Expos. Evang. sec. Luc. 10, 97.      

16 Röm 2, 11.   

17 Mt 22, 16.   

18 Apg 9, 6.   

19 1 Sam 3, 10.   

20 1 Sam 3, 9.   

21 Mt 8, 20.   

22 Phil 2, 21.    

23 Apg 20, 24.

 

1 Mt 15, 16. 

2 Mt 11, 5.  

3 1 Tim 6, 20.  

4 Mt 11, 12.  

5 Joh 7, 46.       

6 Lk 11, 14.

7 Lk 11, 27.

8 Jak 4, 6.  

9 Hebr 2, 17.  

10 Mt 9, 13.   

11 Mt 9, 13.   

12 Vgl Lk 15, 7.   

13 Mt 11, 28. 

14 Vgl Lk 15, 4-6.