Hl. Peter - Julian EYMARD

 Der Priester

  Ins Deutsche übersetzt von P. DDr. Walter Marzari SSS.

 

Teil III.

Priester-Exerzitien

 

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INHALT: Teil - 3D / Der Priester

   Die Betrachtung
  Notwendigkeit der Betrachtung
Vorzüglichkeit der Betrachtung
  Geforderte Eigenschaften
  Zu befolgende Regeln
  Für die Betrachtung
  Für das innere Gebet
   Abschluss:
 Die Eucharistie, das Zentrum des Priesters
  Das Zentrum unseres Herzens
  Das Zentrum unserer Frömmigkeit
  Zentrum unserer Tugenden

 

 

 

5. Betrachtung

 

Die Betrachtung

 

 

Die Betrachtung ist in der Sprache der Asketen eine religiöse Übung, die Anwendung der Fähigkeiten der Seele auf eine göttliche Wahrheit und von dieser Wahrheit auf unser Leben.

 

Ist die Betrachtung notwendig? Ja, wenn die Übung selbst gemeint ist; nein, wenn es um die dabei anzuwendende Methode geht. Die Betrachtungsmethoden sind vielfältig und alle lobenswert; keine ist jedoch absolut notwendig; für gewisse Gruppen von Seelen kann eine Methode jedoch in bedingter Hinsicht notwendig werden, z.B. für die Ordensleute hinsichtlich der von ihrem Gründer empfohlenen Methode.

 

Das innerliche Gebet ist mehr ein Zwiegespräch der Seele mit Gott und von Gott mit der Seele; praktisch kann es von der Betrachtung nicht getrennt werden, denn jede Betrachtung muss, um vollständig zu sein, im innerlichen Gebet münden; und die betrachtende Seele muss immer gewillt sein, die Stimme Gottes zu hören.

 

Bei der Betrachtung sind die Fähigkeiten der Seele aktiv: der Geist überlegt, das Herz verkostet und liebt, der Wille entschließt sich.

 

Überlegen wir, was man von der Notwendigkeit der Betrachtung, von ihrer Vorzüglichkeit, von den erforderlichen Eigenschaften zur fruchtbaren Übung der Fähigkeiten denken soll; schließlich wollen wir die Regeln für die Betrachtung festlegen.

 

 

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I. Notwendigkeit der Betrachtung.

 

 

Sie erstreckt sich auf alle Verfassungen der Seele im christlichen Leben.

 

a) Zur Bekehrung. "Der Sünder gibt entweder die Sünde oder die Betrachtung auf" 1.

 

Die hl. Theresia von Avila schrieb: "Ich halte es für sicher, dass derjenige, welcher ernsthaft trotz der Versuchungen, Sünden und anderer Hindernisse, die ihm der Dämon in den Weg legt, in der Betrachtung durchhält, durch die Gnade Gottes zum Hafen des Heiles gelangen wird"  2.

 

Die Begründung liegt darin, dass die Seele bei der Meditation wieder zu neuer Kraft erstarkt, indem sie sich ihrer Selbsttäuschungen und Gefahren bewusst wird, mit denen sie ihre Ewigkeit aufs Spiel setzt.

 

 

b) Zum Fortschritt in der Tugend. - "Das Gebet ist die Wurzel der fruchtbringenden Rebe" 3.  - Durch das Gebet wird die Versuchung in die Flucht geschlagen, die Traurigkeit weicht, die Kraft wird wieder hergestellt, der Eifer wird angetrieben und die Flamme der göttlichen Liebe erstarkt 4. - "Jeder geistliche Fortschritt entspringt aus der Betrachtung" 5. Ohne Übung der Betrachtung erreicht niemand den schnurgeraden Maßstab der christlichen Religion, es sei denn durch ein besonderes Wunder Gottes, imo vix se componit  6.

 

 

c) Zur Vollkommenheit. - Die Betrachtung ist deren Wurzel und deren Entfaltung durch die Überfülle der Gnaden, die sie verdient. Als Gott dem Ananias ein untrügliches Zeichen der gänzlichen Verwandlung geben wollte, die sich in der Seele des Paulus ereignet hatte, sagte er zu ihm: "Steh auf und geh zur sogenannten Geraden Straße... er betet gerade... Dieser Mann ist mein auserwähltes Werkzeug: er soll meinen Namen vor Völker und Könige und die Söhne Israels tragen. Ich werde ihm auch zeigen, wie viel er für meinen Namen leiden muss" 7.

 

Übrigens bestätigt die Erfahrung diese beglaubigten Zeugnisse. Alle jene, welche die Kirche heiliggesprochen hat, waren in einer hervorragenden Weise Menschen des Gebetes.

 

Die Betrachtung ist das erste Bedürfnis der Seele, die in besonderer Weise von der Gnade berührt wurde; sie ist ihr bester Trost, das göttliche Zeichen des Rufes zur Vollkommenheit und Heiligkeit.

 

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II. Vorzüglichkeit der Betrachtung.

Diese ergibt sich aus dem Wesen der Betrachtung selbst sowie aus ihrer praktischen Verwirklichung.

 

a) Die Betrachtung bietet die Gewähr für die Heiligkeit der Seele, weil sie die Übung aller Tugenden verlangt; sie nährt sogar den apostolischen Eifer, der aus einer Seele der Betrachtung entspringen muss, um aufrichtig und fruchtbar zu sein.

 

 

b) Die Betrachtung ist als inneres Gebet die Erziehung der Seele durch Gott. Der Hl. Geist ist der wahre innere Meister der Seelen, die er erleuchtet, leitet und antreibt. Auch sind Seelen, die betrachten, an ihrer Weisheit, Klugheit und übernatürlichen Erhebung erkennbar und von den anderen zu unterscheiden.

 

 

c) Die Betrachtung ist die vollkommenste und fruchtbarste Übung der Liebe: "Das Gebet ist familiäres Gespräch und die Verbindung des Menschen mit Gott" 8.

 

Gott spricht zum Geist durch sein Licht und zum Herzen durch seine Eingebungen, sobald es die Seele wünscht und Gott anruft, sobald sie sich dafür durch die Reinheit des Lebens würdig erweist und sich in der gesammelten Stille des inneren Gebetes darauf vorbereitet. Eine tröstliche Unterredung, eine unsagbare Verschmelzung.

 

 

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III. Geforderte Eigenschaften.  

Diese sind je nach der Fähigkeit, die in Tätigkeit tritt, verschieden.

 

 

a) Der Geist. Die Überlegung soll natürlich sein, d.h. dem Charakter des Betrachtenden, dem gerade vorhandenen Zustand seiner Seele entsprechen; sie soll sogar der Neigung des Geistes entsprechen, der instinktiv vom Bekannten zum Unbekannten fortschreitet; sie muss eine besondere Note erhalten, denn das Schöne ergreift nur, wenn es individuell ist, und eine Glaubenswahrheit erscheint nur dann bedeutungsvoll, wenn sie sehr genau dargestellt und konkretisiert wird, - dann folgt daraus die Schau der Bewunderung, des Wohlgefallens und der Sehnsucht; die Betrachtung muss eine persönliche Verarbeitung werden: das ist die ergreifendste, verbindlichste und bestimmendste Bedingung. "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?" 9 - "Er hat mich geliebt und sich für mich hingegeben" 10.

 

 

b) Das Herz. - Die Anmutungen sollen in natürlicher Weise aus dem betrachteten Gegenstand fließen wie die Flamme aus dem Feuerherd.

 

Um diesen Anmutungen einen spontanen Charakter zu verleihen, muss man in einer positiven Art vorgehen, also das Gute vor dem Übel sehen, die Güte und Liebe vor der Undankbarkeit; der negative Aspekt, das Bedauern und der Schmerz sollen erst nachher erwogen werden.

 

Auch Moses beginnt in seinem Gesang "Hört ihr Himmel, ich will reden" damit, dass er alle Wohltaten Jahwes in Erinnerung ruft, bevor er dem Volk seine Untreue vorwirft 11. Des-gleichen Nathan mit David 12.

 

Die Anmutungen sollen auch persönliche Züge tragen, d.h. dem Bedürfnis nach Antwort und Gegenseitigkeit zum Herrn entgegenkommen; sie sollen ein Beweis der persönlich empfundenen Liebe sein. "Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat" 13. - "Herr, du weißt, dass ich dich liebe" 14.

 

 

c) Der Wille. - Die Vorsätze müssen die natürliche Frucht der Überlegungen und Anmutungen sein; genau festgelegt und sogleich anwendbar kommen sie einem konkreten Bedürfnis der Seele entgegen; es soll sich um besondere, also wenig zahlreiche Vorsätze handeln und noch besser um einen einzigen, die mit einer Buße belegt sind, wenn man deren Nichterfüllung feststellt oder befürchtet.

 

 

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IV. Zu befolgende Regeln,

je nachdem, ob es sich um eine Betrachtung im strengen Sinn des Wortes oder um das innere Gebet handelt.

 

 

1. Für die Betrachtung.

 

 

a) Sich nie dem Wirken der Gnade und der Eingebung des Hl. Geistes widersetzen. Aus Respekt vor Gott muss man den Betrachtungsgegenstand nach den oben ausgeführten Eigenschaften vorbereiten, aber man darf sich nicht hartnäckig im eigenen Ideenkreis vergraben, wenn die Gnade uns vorübergehend in eine andere Richtung lenkt.

 

 

b) Von einem allgemeinen Gedanken zu einem besonderen Punkt fortschreiten; dazu soll man analysieren und Einzelheiten behandeln. Beispiel: Jesus wird in Bethlehem geboren. Aber: wann, in welcher Umgebung, unter welchen Umständen ist er dort geboren? Sich die Szene vorstellen. Diese Beschäftigung mit den Sinnen macht die Betrachtung interessant, verlebendigt sie und prägt sie ein. Hernach vereinigt man die betrachteten Einzelheiten und gelangt dadurch natürlicherweise zu einer Gesamtschau, die als Frucht daraus hervorgeht.

 

 

c) Von Besonderen zum Persönlichen fortschreiten, und von Persönlichen zum Aktuellen, das etwas Praktisches sein muss. Das ist der Zeitpunkt der Auseinandersetzung von Mann zu Mann, zwischen der betrachteten und geliebten Wahrheit und meinem egoistischen Ich: "er hat mich geliebt"... und ich, was tue ich für ihn? ... Dies ist nicht für ihn... was werde ich tun?

 

 

d) Alle Zerstreuungen und Ausschweifungen des Geistes einfach durch einen Akt der Sammlung, der Rückkehr zum Betrachtungsgegenstand, durch eine Erhebung zu Gott bekämpfen; den Zustand der Unfruchtbarkeit und Machtlosigkeit bekämpfen durch einen Akt der Annahme dieses Zustandes, weil ihn Gott zugelassen hat; diese Prüfung reißt sogar die Betrachtung heraus; es gibt keine bessere, niemals ist man sich des Willens Gottes sicherer.

 

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2. Für das innere Gebet.

 

a) Zuerst ausgehen von der Gesinnung der Dankbarkeit durch die Erinnerung an die Güte Gottes im allgemeinen und für unsere Belange, um das Herz zu öffnen und zu entfalten. So geht Gott uns gegenüber vor.

 

 

b) Sobald man dann bei einem bestimmten Punkt stehen bleiben will, muss man den Gegenstand zuerst von der positiven und nicht von der negativen Seite her angehen; überlegen, was der betreffende Punkt an Schönem aufweist, sei es auf seiten Gottes, sei es auf seiten von uns selber; zuerst das Licht betrachten, bevor man sich ins Dunkel begibt; das Gute bewundern und erst nachher über das Übel trauern.

 

Man soll nicht damit beginnen, dass man sich erhitzt und vor Gott in Verwirrung gerät.

 

Man soll stets einen ganz ruhigen und gelassenen Kopf bewahren und das Herz schenken. Der Kopf ermüdet und wird durch die Fülle der Gedanken und die Anstrengung des Studiums, während das Herz durch die Übung der Anmutungen lebt und erstarkt.

 

Ist es notwendig, die Notwendigkeit der Betrachtung und des inneren Gebetes im Leben des Priesters zu unterstreichen? Ist er nicht zur Übung der hohen Tugenden und zur Heiligkeit seines Standes verpflichtet?

 

Wo wird er Licht und Trost inmitten der Schwierigkeiten seines Dienstes finden, wenn nicht bei den regelmäßigen Betrachtungen und den herzlichen Gesprächen mit Jesus Christus, dem ewigen Hohenpriester?

 

Erbitten wir von ihm die Einsicht des Bedarfes und das Interesse für das innere Gebet. Er selbst möge uns beten lehren: "Herr, lehre uns beten!" Dann wird unser Leben heilig und unsere Ewigkeit gesichert sein.

 

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Abschluss

 

Die Eucharistie, das Zentrum des Priesters

 

Um in der guten Einstellung, die wir durch die Exerzitien erlangt oder wiedergewonnen haben, auszuharren und sie somit fruchtbar werden zu lassen, brauchen wir ein Lebenszentrum; dieses Zentrum wird das Leben unseres Herzens, unserer Frömmigkeit und unserer Tugenden bilden.

 

Um welches Zentrum geht es?

 

Weil die Eucharistie der Seinsgrund des Priesters, sein Zweck ist, ist es darum nicht mehr als angebracht, dass die Eucharistie auch sein Zentrum ist?

 

Für Jesus Christus hat uns Gott zum Priesterstand berufen; für ihn hat er uns natürliche und übernatürliche Gaben vorgesehen, die uns befähigen, unserer Berufung zu folgen. Wir sind vor allem deshalb Priester, um die Eucharistie zu konsekrieren und auszuteilen, wie der hl. Thomas von Aquin lehrt 1. Warum sollen wir also nicht Jesus Christus in der Eucharistie zum Zentrum unseres ganzen Lebens machen?

 

Betrachten wir, auf welche Weise wir dies verwirklichen können.

 

 

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I. Das Zentrum unseres Herzens.

 

Der Mensch kann ohne Liebe nicht leben. Zweimal brandmarkt der hl. Paulus die Heiden, indem er sie Menschen ohne Herz nennt: "sine affectione" 2. Nun prägt die Liebe das Leben mit ihrem Abdruck. Ist die Liebe edel und göttlich, macht sie das Leben würdig und heilig, ist sie irdisch und animalisch, so entsteht daraus ein materialistisches und lasterhaftes Dasein.

 

Der Priester hat Gott als Partner gewählt; wenn er auf die menschliche Zuneigung, auch die erlaubte, verzichtet hat, dann nur deshalb, um in Gott das Zentrum der Liebe zu finden, dessen sein Herz bedarf.

 

Aber wo anders wird er Gott suchen, wenn nicht in der Eucharistie, wo Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch, aus Liebe zu uns wirklich gegenwärtig ist?

 

Der Priester wird sich zuerst einmal eine tiefe und fromme Überzeugung bilden, dass die Eucharistie wirklich den glänzendsten Beweis für die Liebe Jesu Christi für ihn ganz persönlich darstellt, den ergreifendsten Vorschuss an Freundschaft, die Jesus Christus mit ihm unterhalten will. Dann wird er unwiderstehlich hingezogen sein - wenn die Sorgen des Alltags und die apostolischen Werke seine Kräfte schwächt, seine Seele ausgetrocknet und seine Frömmigkeit abgekühlt haben - zu Jesus in der Eucharistie zu gehen, um sich zu seinen Füßen zu erholen, seine freundliche Stimme zu hören, seinen Mut aufzufrischen und seinen Eifer wiederzubeleben für seine eigene Heiligung und das Heil der Seelen.

 

Er wird selbst in dieser geistlichen Kommunion die Wahrheit der Worte genießen, die in der Nachfolge Christi stehen: "In diesem Sakrament wird uns neue Geisteskraft mitgeteilt, der verlorene Tugendsinn erneuert, und die Schönheit der Seele, die durch die Sünde verunstaltet ward, wiederhergestellt.- Denn dieses Sakrament ist eine heilschaffende Arznei für die Gebrechen der Seele und des Leibes... es gießt neue größere Gnaden ins Herz, rüstet zu mutigerem Tugendkampf, befestigt den Glauben, stählt die Hoffnung, entzündet und erweitert die heilige Liebe" 3.

 

Tatsächlich besteht die besondere Gnade der Eucharistie darin, dass sie die göttliche Liebe in unserer Seele nährt und entwickelt. "Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm". Sie erzeugt also diese Lebensgemeinschaft, welche die vollkommenste Form der Liebe darstellt.

 

 

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II. Das Zentrum unserer Frömmigkeit.

 

Der Priester wird sich gerne daran erinnern, dass alle Geheimnisse im Leben Jesu Christi in der Eucharistie münden sollten. - Auch bei der hl. Messe feiert die Liturgie deren gegenwärtige Erneuerung, und aus der Eucharistie schöpfen die Priester die Gnaden für die Gläubigen unserer Zeit.

 

Wie gerne legten die Kirchenväter ihren Seelsorgekindern diese für die Frömmigkeit so nützlichen Zusammenhänge dar! Hier einige Beispiele 4.

 

Für Weihnachten:  "Dieser Altar nimmt die Stelle der Krippe ein, in der Christus geboren wurde; denn auch hier wird der Leib des Herrn hingelegt, nicht in Windeln gewickelt wie damals, sondern ringsum mit dem Hl. Geist bekleidet" 5.

 

Für Epiphanie: "Die Magier taten nichts anderes als anbeten; dir aber erlauben wir, wenn du mit reinem Gewissen herantrittst, dass du isst und nach dem Essen nach Hause gehst" 6  - "Es schmerzt mich, gewiss, es schmerzt mich, wenn ich lese, dass die Weisen die Wiege Christi mit Gold geschmückt haben, und wenn ich sehe, dass die Christen den Altar des Leibes Christi leer zurückgelassen haben"  7.

 

Für Ostern: "Was ist das Besondere jener, die das Brot essen und den Kelch des Herrn trinken? Das ewige Gedächtnis desjenigen zu bewahren, der für uns gestorben und auferstanden ist. Was ist das Besondere derjenigen, welche ein derartiges Gedächtnis bewahren? Dass sie nicht mehr sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben und auferstanden ist" 8.

 

Für Christi Himmelfahrt: "Der Adler ist Christus; die Jungen, welche das Blut lecken, sind die Seelen der Heiligen, welche vom Blut, das aus der Seite Christi fließt, genährt werden" 9.

 

Für Pfingsten: "Nach dem Empfang des Hl. Geistes begannen die Jünger in allen Sprachen zu reden. Durch dieses Wunder erschüttert, erbaten die Juden von den Aposteln einen Rat für ihr Leben. Darauf kündigte ihnen Petrus an, sie sollten denjenigen anbeten, den sie gekreuzigt hatten, damit sie gläubig sein Blut trinken, das sie wütend versprengt hatten"  10.

 

 

Somit münden in der Eucharistie alle Gnaden der anderen Geheimnisse wie in ihrem Ziel.

 

Die Eucharistie ist wie ein Ozean, der aus allen Flüssen von Bethlehem, Nazaret und Kalvaria gebildet wird, wohin die Seele mit stets neuer übernatürlicher Kraft und frischem Schwung hineintauchen kann.

 

Die Verehrung der Eucharistie ist also die königliche Frömmigkeit, der sich alle anderen unterordnen müssen wie unter ihrem natürlichen Zug und ihrer notwendigen Ergänzung. Selbst das Herz Mariens will uns nur deswegen an sich ziehen, um uns zum Herzen Jesu zu führen.

 

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III. Zentrum unserer Tugenden

 

Als Unser Herr sich anbot, unser Meister und unser Weg zu sein, hatte er nicht nur sein sterbliches Leben vor Augen; seine Worte, die in der Gegenwart gesprochen sind, gelten für immer. Wir können folglich Jesus in der Eucharistie zu unserem gegenwärtigen Vorbild machen, indem wir uns an den sakramentalen Wirklichkeiten inspirieren, auch wenn wir die Seinsweise seines verherrlichten Lebens berücksichtigen.

 

Wenige christliche Seelen, die wirklich gläubig sind, und sogar wenige Priesterseelen schenken diesem Gesichtspunkt gebührende Bedeutung.

 

Während unserer Exerzitien haben wir den Vorsatz gefasst, ein Leben der Buße zu führen, um unsere Sünden zu sühnen und vor allem, um den gekreuzigten Jesus nachzuahmen. Ist aber dieser göttliche Erlöser nicht immer unser Opferlamm auf dem hl. Altar? Was Anziehenderes und Hinreißenderes gibt es, als uns im Laufe des Tages mit demjenigen zu vereinen, welchen wir während des hl. Opfers dargebracht haben, um so durch unsere Bußakte seinen leidensfähigen Zustand zu vervollständigen?

 

Wir haben über die Notwendigkeit der Liebe zum Nächsten im priesterlichen Leben nachgedacht. Sehen wir Jesus Christus auch, wie er durch die Eucharistie allen alles wird. Er schenkt sich zur Gänze jedem einzelnen Kommunionempfänger; er begibt sich sogar zu den Kranken und Gebrechlichen oder anderswie Verhinderten, die sich nicht in die Kirche begeben können. Er wohnt immerfort dort und empfängt in Güte jeden, der ihn besucht, um Rat fragt oder um Licht und Trost bittet.

 

Wir haben begriffen, dass der Priester der Kirche seinen rechtmäßigen Obern Gehorsam schuldet, dass er von den Gütern dieser Welt losgelöst sein soll, dass er sein Selbst, insbesondere seine Sinne beherrschen soll. Diese Tugenden zu üben, schien uns ohne Demut nicht verwirklichbar.

 

Nun gut, ist Jesus Christus nicht dem Willen und Gutdünken jener ausgeliefert, die sich ihm nähern, "der mit dem Vater im Himmel thront, er gibt sich allen, die ihn in Liebe umarmen und empfangen wollen" 11, - erträgt er nicht die Gewalttätigkeit der Schänder - "so gibt er das Beispiel für Sanftmut und Demut" 12.

 

Ist Jesus Christus in der Eucharistie nicht losgelöst von allem Geschaffenen, von dem er nicht Gebrauch macht? Alles, was den Kult betrifft, wird ihm geschenkt. Er lässt nur jene Seelen zu seinem Tisch zu, die wenigstens frei von jeder Todsünde sind; seine Vertraulichkeit behält er den jungfräulichen und nach Vollkommenheit strebenden Seelen vor.

 

Was seine Demut betrifft, ist sie nicht wunderbar in seinem Opfer aller äußerlichen Ehre, aller menschlichen Gestalt, damit sich die Menschen seiner bedienen können? "Wenn er nicht demütig wäre, würde er sich nicht essen noch trinken lassen. Blicke auf seine Hoheit: im Anfang war das Wort und Gott war das Wort... Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Schau also auf seine Demut, weil der Mensch das Brot der Engel gegessen hat"  13.

 

Aber mehr noch als für diese besonderen Tugenden der Bildung, des Dienstes und der Hingabe gibt uns Jesus Christus ein leuchtendes Beispiel der Liebe zu Gott und zum Menschen. Die eucharistische Liebe muss folglich auch die königliche Tugend sein, welche alle anderen dirigiert und stützt. Ein Akt der Tugend, wie immer er auch sein mag, wird immer ein Akt der Liebe sein, der von der Eucharistie ausgeht und wieder zu ihr zurückfließt.

 

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O Priester, möge es dein Ideal sein, Jesus in der Eucharistie innig zu lieben. Dein Apostolat bestehe darin, die dir anvertrauten Seelen zu ihr hinzuführen. Dein Glück sei es, für sie zu leben und in der letzten Begegnung mit der hl. Wegzehrung zu sterben!

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Bemerkungen:


1 Alph. v. Lig. 

2  Vita, Kap. 8.  

3 Joh. Chrys.  

4 Laur. Just. De car., c. 22, nr. 4.  

5 Rufinus in Ps. 36.  

6 Gerson. De Medit. consid. VII.  

7 Apg 9,11.15.16. 

8 Joan. Clim. Scala Parad., Grad. 28. 

9 Joh 21, 16.  

10 Gal 2,  20.   

11 Deut 32, 1.  

12 2 Sam 12, 7 ff.   

13 1 Joh 4, 19. 

14 Joh 21,15.

 

1 Summ. theol. III, q. 83, a. x corp.  

2 Röm 1, 31; 2 Tim 3, 3.  

3 Nachf. Chr., 4. B., 1. Kap., Nr. 11; Kap. 4,Nr. 2.

4 Die hier zitierten Texte finden sich in den Manuskripten des Heiligen nur angedeutet oder verstreut. Durch deren Ergänzung  und Zusammenlegung sollen  seine Gedanken deutlicher  gemacht werden (Anm. des Herausgeb.).      

5 Joh. Chrys. De S. Philogonio.  

6 Joh. Chrys. Hom. 6 contra Anomaeos.  

7 Petr. Chrys. Serm. 130.  

8 Basilius Caes. Sent. moral. reg. 80.  

9 Ephräm, Explan. in Job, c. 39, v. 27.  

10 August. De paen., Serm. 352.

11 Joh. Chrys. De Sac., lib. III.  

12 Thom. v. Aquin, In IV Sent. dist. IX, art. II, quaest.1.   

13 August., In Ps. 33, enarrat.1.